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China: Vollständige Überwachung ab der Schule

14.10.2019 | 15:22 Uhr | Jérémie Kaiser

In China überwachen Lehrer nicht nur die Standorte ihrer Schüler, sondern auch ihre Gehirnwellen. Spock lässt grüßen.

Sieht so das Klassenzimmer der Zukunft aus? Entwickeln sich die Chinesen etwa zu den Vulkaniern aus der Star-Trek-Reihe, die im Laufe ihrer Evolution gelernt haben, ihre Emotionen zu begraben, rein rational zu denken und ihre Handlungsweise nur auf Logik aufzubauen? Denn der Grundstein hierfür wurde bereits gelegt.

The Wall Street Journal hat Einblick in eine Grundschule in Zhejiang im Süden von Shanghai erhalten. Die US-Zeitung berichtet , dass in China immer mehr Klassenräume mit Künstlicher Intelligenz und die Kinder mit Gehirnwellen-Messgeräten ausgestattet werden. Damit sollen Eltern und auch Lehrer immer über das Verhalten des Kindes im Unterricht informiert werden. Durch die Technologie wissen sie, ob das Kind aufpasst oder nicht.

Rot: Konzentriert, Weiß: "Offline"

Es klingt nach Science-Fiction und doch ist es wahr: Die Kinder setzen sich ein Elektroenzephalografie-Messgerät (Kurz: EEG) mit drei Elektroden wie ein Stirnband auf den Kopf, das auf der Vorderseite einen roten Farbbalken anzeigt, wenn das Kind hochkonzentriert ist, einen blauen, wenn es mit den Gedanken abschweift und einen weißen Balken, wenn es "offline" ist. Die gesammelten Daten landen dann direkt auf den Rechnern des Lehrers oder der Lehrerin und der Eltern.

Weiter berichtet The Wall Street Journal von Schulen, an denen Schüler Uniformen mit GPS-Trackern tragen, um ihren aktuellen Standort bestimmen zu können, und von Kameras innerhalb der Klassenzimmer, die die Schüler überwachen und zählen, wie oft sie gähnen oder auf ihre Smartphones blicken.

Es soll ein Experiment sein, das den Schülern hilft ihre Noten zu verbessern. Dahinter stecken Tech-Giganten, Startups und Schulen. Viele Eltern sind alarmiert. „Das ist schlimmer, als ein Gefangener zu sein“, wird im Video ein englisches Zitat angezeigt. Eine weitere Mutter argumentiert: „Wenn es für die Forschung und Entwicklung unseres Landes ist, glaube ich nicht, dass es ein Problem darstellen sollte.“

EEG-Geräte nicht ganz funktionstüchtig?

Es ist jedoch nicht ganz klar, wie und ob diese Geräte funktionieren. Die Messgeräte seien eine neue Technologie, hinter der wenig Forschung steckt, meint der Neurowissenschaftler Theodore Zanto von der San-Fransisco-Universität in Kaliforniern. Je nach Situation können die Daten durch geringe Einflüsse stark beeinflusst werden, zum Beispiel wenn die Elektroden nicht gut an der Haut anliegen oder der Benutzer einen Juckreiz hat.

Die Schüler sind zwiegespalten. Manche sind enthusiastisch und melden eine Verbesserung in ihren Noten, andere fühlen sich von dem Gerät kontrolliert und unterdrückt. Manche werden von ihren Eltern für schlechte ‚Aufmerksamkeits-Wertungen sogar bestraft.

China will die Speerspitze in Künstlicher Intelligenz werden.

Nicht nur im Klassenzimmer spielt sich die Sucht nach Künstlicher Intelligenz ab, sondern auch im Alltagsleben. In manchen Städten können die Chinesen im Supermarkt oder das U-Bahn-Ticket per Gesichtserkennung bezahlen, wie in der Metro von Shenzhen . Es gibt etliche Berichte, wie z.B. vom Spiegel , über Tests mit Kameras mit KI in Städten zur Gesichtserkennung an jeder Straßenecken und von Punktesystemen, durch die den Einwohnern bei einem positiven Stand ein besseres Leben ermöglicht werden soll, oder - bei einem negativen - eben kein besseres Leben ermöglicht wird. „Die chinesische Regierung baut derzeit ein System auf,  das das Verhalten seiner Bewohner in allen Lebensbereichen bewertet […]“ mit „[d]rastischen Konsequenzen nach Fehlverhalten“, berichtet die ARD .

Ob dieses Schulsystem etwas zur Besserung der Leistung des Kindes beiträgt? Wo bleibt dabei die Menschlichkeit?

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