Channel Header
2415910

Apple zahlt 15 Mrd. USD für Forschung - Wofür eigentlich?

15.03.2019 | 14:36 Uhr | Stephan Wiesend

Kaum ein Unternehmen gibt mehr für Forschung und Entwicklung aus, trotzdem fehlt bei Apples neuesten Produkten ein wenig der Wow-Effekt.

Die Frage ist berechtigt: Das iPhone XS ist kein großer  Fortschritt zum iPhone X und coole innovative Produkte wie Samsung Fold oder Hololens 2 hätten wir gerne als Apple-Produkte bei einer Keynote gesehen. Dabei gab Tim Cook im letzten Jahr 15 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung aus – ungefähr das Bruttoinlandsprodukt von Staaten wie Island und Togo! Nicht nur der Business Insider fragt sich da, wo eigentlich die Früchte dieser auch R&D genannten Investitionen bleiben? So fürchtet der Journalist Troy Wolverton , dass Apple sieben Jahre nach dem Tod von Steve Jobs den Fokus verloren habe und selbst nicht wisse, in welche Richtung man sich in Zukunft entwickeln solle. Apple wäre schließlich nicht der erste Konzern, der sich bei Entwicklungsprojekten maßlos verzettelt, unter John Sculley hatte sich sogar Apple selbst schon einmal mit Projekten wie Newton komplett ins Produkt-Chaos verirrt.

Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind rasant gestiegen.
Vergrößern Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind rasant gestiegen.

Man könnte die Frage aber auch anders stellen: Warum ist Apple noch 2007 mit einem Entwicklungsbudget von 780 Millionen Dollar ausgekommen? Offensichtlich war das ausreichend, um geniale Produkte wie das erste iPhone, die Vorentwicklung des ersten iPad und die Weiterentwicklung von iOS, macOS und diverser Macbooks und iMacs zu finanzieren? Hohe Ausgaben bedeuten ja keineswegs hohe Innovationskraft.

Das Problem ist der grundlegende Wandel der Ziele, die sich Apple gesetzt hat. Ein Controller würde im Bereich Forschung und Entwicklung zwischen den Bereichen Grundlagenforschung, Technologieforschung, Vorentwicklung und Produktentwicklung unterscheiden. Nur vom letzten Schritt, der Produktentwicklung bekommt aber der Kunde etwas mit – also dem finalen Airpod oder Homepod. Grundlagenforschung ist teuer und unsichtbar, die Produktentwicklung kann dagegen sehr günstig sein.

Teure Grundlagenforschung

Für das erste iPhone musste Apple vergleichsweise begrenzte Summen investieren: Das erste iPhone war als Produkt eine geniale Neuerung, setzte sich aber aus bereits vorliegenden Komponenten zusammen: Modem, Display und CPU, die Apple von Firmen wie Samsung (CPU), Imagination Technologies (GPU) und Qualcomm einkaufte. Dabei sollte man berücksichtigen, dass diese Firmen Millionen oder Milliarden in die Entwicklung investiert hatten. Die Kombination dieser Komponenten ist dann „nur noch“ Produktentwicklung und deutlich günstiger. Nach einer Schätzung von Toni Sacconaghi waren beim ersten iPhone gerade einmal 200 Ingenieure beteiligt, heute arbeiten 800 Leute allein an der Phone-Kamera. Das steigert auch die Kosten: Bei Apple verdient laut Glasdoor schon ein einfacher Software-Entwickler 103 883 US-Dollar, ein Ingenieur eine ähnliche Summe.

Für die Entwicklung der ersten iPhone-Modelle waren noch keine Milliarden an Forschungsgeldern nötig.
Vergrößern Für die Entwicklung der ersten iPhone-Modelle waren noch keine Milliarden an Forschungsgeldern nötig.

Mit der preiswerten Android-Konkurrenz kam ein Problem: Auch diese setzen auf Komponenten verschiedener Hersteller, wie Displays von Samsung, CPUs von Qualcomm und Speicher von Toshiba. Apple lässt zwar viele Komponenten nach eigenen Vorgaben fertigen, so sind auch die teuren OLED-Displays in den iPhones Maßanfertigungen von Samsung. Einen Vorsprung zur Konkurrenz bekommt man so aber nicht. Für die Zukunft setzte Apple deshalb für das iPhone auf eine Art „Tiefenrüstung“, die eigene Herstellung dieser Komponenten – nebenbei geschützt durch eigene Patente. Langfristig störten Apple offenbar auch anfallende Lizenzgebühren und Patente, wie  Auseinandersetzungen mit Qualcomm und vielen anderen Herstellern zeigen. In den folgenden Jahren wurden deshalb die Gewinne der iPhone-Verkäufe in steigendem Umfang in die Entwicklung von eigene CPUs, Schaltkreisen und auch Produktions- und Recycling-Methoden investiert.

Apples Forschungsausgaben sind streng geheim, man kann sie allenfalls schätzen. Es ist aber doch aufschlussreich, wenn man sich die bekannten Bereiche einmal näher ansieht und Kosten der Konkurrenten vergleicht.

Eigene CPUs

Will man maßgefertigte oder komplett eigene Komponenten, wird es schnell teuer. Hier hat Apple aber immer wieder kräftig investiert: Allein die Glasoberfläche des iPhone 6 zu entwickeln, soll 300 Millionen Dollar gekostet haben, die Entwicklung der FaceID-Kamera war sicher bedeutend teuer. Was wird dann erst die Entwicklung einer komplett eigenen CPU wie dem A4-Chip gekostet haben? Hier haben sich die Entwicklungskosten bereits gelohnt: Konnte doch Apple mit dem neuen iPad 1 und iPhone 4 gleich den ersten eigenen Prozessor vorweisen. Der Kauf einer CPU von Qualcomm oder Samsung wäre einfacher, technisch hat Apple aber dadurch einen Vorsprung, da die CPUs perfekt auf Hardware und Software abgestimmt sind. Ein Vorteil, den Apple sicher auch gerne bei seinen Macs hätte .

Schon mit dem A4, der ab 2008 unter Johny Srouji entwickelt wurde, stiegen die Entwicklungskosten Apples schon auf über eine Milliarde. Die Kosten sind allerdings schwer einschätzbar. Apple produziert ja Prozessoren nicht selbst, sondern lässt sie von Herstellern wie TSMC bauen – die durch eigene hohe Entwicklungsausgaben Apple entlasten. Nebenbei garantieren hohe Ausgaben nicht immer erstklassige Ergebnisse: So konnte beispielsweise AMD zuletzt gut mit Intel mithalten, investiert aber 2018 vergleichsweise niedrige 1,4 Mrd. US-Dollar in die Weiterentwicklung von CPUs und Grafikkarten - gerade ein Zehntel von Intels Ausgaben. Apples Ausgaben für sein A-Klasse liegen wohl eher im Bereich von AMD als von Intel.

Eigene GPUs

2016 plante Apple anfangs, den Hersteller der Grafikkarten seiner iPhones Imagination Technologies aufzukaufen. Lange Jahre waren Lizenzgebühren aus Cupertino die Haupteinnahmequelle des kleinen britischen Unternehmens. Dann entschied Apple sich aber doch, eine komplett eigene GPU zu entwickeln – nicht zuletzt mit Entwicklern von Imagination Technologies, die Apple abwarb. Nebenbei ein Beispiel, dass Apple noch immer kein Freund unnötiger Ausgaben ist. Strategisch gibt es für eigene Grafikkarten gute Gründe: Schon bei den letzten Modellen von iPhone und iPad hatte Apple stets auf eine Verbesserung der Grafikleistung gesetzt, mit eigenen Lösungen dürfte Apple diese Entwicklung weiter vorantreiben. Die GPU dient zudem als Hilfsprozessor für allerlei Berechnungen der künstlichen Intelligenz, wie Bild- und Spracherkennung oder andere. Wenn Apple die GPU etwa enger mit seiner eigenen Grafikengine Metal verknüpfen könnte, wäre sie auch besser an Siri anpassbar. Zudem ließen sich auch andere Anwendungen mit der Unterstützung der schnellen GPU beschleunigen. Apple beschränkt sich aber nicht nur auf Kernkompetenzen wie CPU und Grafikkarte. Auch ein eigener Bluetooth-Chip wird im AirPod verbaut, der T2-Chip ist eine Eigenentwicklung und an AR-Technologie sollen für Apple laut UBS tausend Entwickler in Israel forschen. Hat doch Apple allein in Israel drei Entwicklungszentren, die auch an Apples CPU-Entwicklung beteiligt sind.

Dialog Semiconductor

Im iPhone 7 und vielen anderen Geräten verbaut Apple einen Stromsteuerungs-Chip von Dialog Semiconductor. Der Firma geht es aber nun ähnlich wir vor kurzem Imagination Technologies: Apple will eigene so genannte PMIC entwickeln und wirbt laut Reuters in großer Zahl Entwickler von Dialog ab. Schon ab 2019 könnte Apple vermutlich die neuen Chips verwenden und der wichtigste Kunde von Dialog fällt weg. Bereits 80 Ingenieure würden in Zentren in München und Kalifornien an PMIC arbeiten, was Stellenanzeigen von Apple bestätigten. Für Dialog-Entwickler ist nicht einmal ein Umzug nötig, so hat ein Entwicklungszentrum von Dialog seinen Standort in Germering bei München. Was kostet aber Apple diese Unabhängigkeit? Sind doch diese Chips unscheinbar aber äußerst komplex: Allein 2017 gab Dialog Semiconductor knapp 279  Millionen Dollar für R&D aus - und für Apple fallen noch dazu Kosten für Patente in diesem Bereich an. Ingenieure und Labore sind teuer, aber auch in diesen Bereichen scheinen sich keine hohen Milliardenbeträge zu verstecken.

Eigene Dienste

Die Kosten für Hardwareentwicklung sind bereits hoch, die Kosten Software sollte man aber keinesfalls unterschätzen: Viele Milliarden des R&D-Budgets landen wohl in den Kosten für kostenlose und längst selbstverständliche Dienste wie Karten, iCloud und Siri. Apples Google-Maps-Alternative ist zwar für viele Nutzer eher nebensächlich, für Apple aber sicher eine immense Ausgabe. Apples Kartendienst kann zwar nach unserer Meinung noch nicht ganz mit Google Maps mithalten, die laufenden und steigenden Kosten für Datencenter und eigene Fahrzeugflotten sollten immens sein. Aber auch die Kosten für Forschungen im Bereich Künstliche Intelligenz sind bestimmte sehr hoch. Die Rechenzentren für Siri, iCloud, App Store und Music selbst werden zwar als Investitionen verbucht, sie müssen aber von Entwicklern gepflegt und weiterentwickelt werden. Datencenter und ihr Personal sind teuer – so machte Amazon 2018 mit seinem Cloud-Dienst AWS zwar 1,4 Milliarden US-Dollar Gewinn, hatte aber auch Ausgaben von 4 Milliarden US-Dollar. Allein für den Kartendienst Here mussten ja die drei Automobilhersteller Audi, BMW und Daimler 2018 immerhin 2,8 Milliarden Euro bezahlen.

Milliardengrab Titan?

Die Idee ein Auto zu entwickeln, lag 2008 bei Apple noch in weiter Ferne, wie Tony Fadell behauptet . Ende 2014 soll sich aber Apple entschlossen haben, in die Entwicklung eines Autos bzw. den Bereich Automotive zu investieren. Mit bis zu 5000 Entwicklern wurde anfangs offenbar ein komplett eigenes Elektroauto entwickelt. Allein für die Gehälter der gut bezahlten Entwickler sollte somit bereits allein an Personalkosten eine dreiviertel Milliarde pro Jahr anfallen. Zuletzt soll Apple die Aktivitäten zurück geschraubt, Ingenieure sogar entlassen haben. Nach Berichten will sich Apple in Zukunft vor allem auf den Bereich Software konzentrieren. 

Apple rollt weit hinterher, Waymo fährt voran
Vergrößern Apple rollt weit hinterher, Waymo fährt voran
© Statista

Die gesamten Kosten für das Projekt sind aber völlig unklar. So soll die komplette Entwicklungsarbeit der Top-Firma Waymo zwischen 2009 und 2015 den Besitzer Google gerade einmal eine Milliarde gekostet haben. In diesem Bereich scheinen aktuell aber die Kosten geradezu zu explodieren: Hat doch Intel allein für die kleine israelische Firma Mobileye irrwitzige 15,3 Milliarden Dollar hingeblättert. Und allein Volkswagen will in den nächsten fünf Jahren 44 Milliarden Euro in mobile Zukunftstechnologien investieren. Wir vermuten, Apple ist zumindest aus dem Bereich Elektroauto ausgestiegen, als die Einsätze irrwitzig hoch wurden – und konzentriert sich deshalb auf Felder wie Autonomes Fahren und Software, von denen vielleicht auch andere Produkte wie iPhone und Mac profitieren.

Was sind heute schon 15 Milliarden?

Ein Softwareentwickler würde argumentieren, sein Gehalt sei eigentlich keine Ausgabe, sondern eine Investition, trotzdem sind Personalausgaben sicher eine der größten Aufwendungen von Apple und in den USA in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gestiegen. Die Anzahl der Entwickler ist nicht bekannt, ein Gleichstellungsbericht weist aber allein für Cupertino allein 27 000 „Professionals“ und 14 989 „Technicians“ aus. Personalausgaben werden oft unterschätzt, in den USA kostet aber ein „Senior Software Engineer“ laut Glasdoor 126 325 US-Dollar im Jahr, Kosten für Krankenversicherung, Büro und weitere Ausgaben sind dabei noch nicht enthalten. Damit ist Apple nicht allein, auch bei konkurrierenden Unternehmen werden Entwickler offensichtlich in vierstelligen Stückzahlen eingestellt und sind die Ausgaben für R&D in den letzten Jahren stark gestiegen. Positiv: US-Unternehmen investieren offensichtlich langfristiger als man landläufig von ihnen erwartet und nutzen ihre hohen Einnahmen wohl doch nicht nur für Aktienrückkäufe.

Kurzfristige Anleger sehen zwar Ausgaben für Forschung und Entwicklung sehr kritisch, Beispiele wie General Electric und Boeing zeigen aber wie falsche Sparsamkeit schnell gefährlich werden kann.

So ist auch der Analyst Toni Sacconaghi der Meinung: Im Vergleich zu ähnlichen Unternehmen würde Apple sogar zu wenig für „R&D“ ausgeben – wenn man diese Ausgaben in das Verhältnis zum Umsatz setzt. Während Apple 2017 relativ niedrige 5,1 Prozent seines Umsatzes investierte, waren es bei anderen Firmen etwa zehn Prozent. Amazon gab 2017 nach eigenen Angaben 22,2 Mrd. US-Dollar für Forschung und Entwicklung aus, Alphabet 16,6 und Samsung 15. Das Vorurteil, chinesische Unternehmen könnten nur kopieren, ist ebenfalls nicht ganz richtig: Mitte 2018 kündigte Huawei an, seine Entwicklungsausgaben auf 15 bis 20 Milliarden im Jahr anzuheben - schon 2017 investierte Huawei 15 Prozent seines Umsatzes für Forschung. Bis sich diese Investitionen auszahlen kann dauern: So hat Samsung an klappbaren Displays seit 2011 gearbeitet, erst acht Jahre später wurde das Fold vorgestellt.

Fehlt da noch was?

Völlig unklar ist allerdings, was in den letzten Jahren zu dem sprunghaften Anstieg der Entwicklungskosten geführt hat. Hier kann man nur spekulieren, wohin diese Gelder fließen: Eine Weiterentwicklung der Macs oder iOS-Plattform wird es wohl nicht sein, hier stöhnen die Entwickler seit Jahren über Personalmangel. Die Kosten für Apples Auto-Projekt wurden offensichtlich reduziert, ein neues iCar wird es wohl nicht so schnell nicht geben. Auch die Entwicklung einer AR-Brille wird kaum mehrere Milliarden pro Jahr kosten. Vielleicht handelt es sich um den Bereich Gesundheit und Wearables, über die Tim Cook zuletzt Andeutungen gemacht hat ?  Dieser bietet mehr Potential und Forschungen sind hier äußerst kostspielig. Vermutlich sind es steigende Ausgaben für Grundlagenforschung und Technische Forschungen, die hohe Investitionen notwendig machen. Es gibt immer neue Forschungsbereiche und die Kosten für die bestehenden Bereiche steigen ebenfalls ständig.

Fazit

Angesichts der vielen Gebiete, in denen Apple aktiv ist, sind die aktuellen Ausgaben  branchenüblich, eher sogar knickrig. Forschung wird immer teurer, ein Trend, dem sich Apple nicht entziehen kann und der eher von der Konkurrenz ausgeht. Apple hat noch immer die Fähigkeit mit neuen Produkten zu überraschen, die Konkurrenz ist aber einfach besser und innovativer geworden als zu Zeiten von Compaq, Blaupunkt und Nokia.

Im Vergleich zur Übernahmen von Firmen sind Apples Ausgaben ebenfalls niedrig: Eine oft empfohlene Übernahme von Tesla würde mindestens 49 Milliarden US-Dollar kosten, von Netflix sogar 155 Mrd USD  – und dann würden wir uns doch etwas Sorgen um Apple machen.

PC-WELT Marktplatz

0 Kommentare zu diesem Artikel
2415910