2583249

Airtags: Warum Sie Apples Tracker nicht brauchen

30.04.2021 | 15:00 Uhr |

Apples neues Ortungsgerät, die Airtags, wurden von Fans lange herbeigesehnt und haben nach ihrer Vorstellung einen regelrechten Hype ausgelöst. Unser Autor bleibt trotzdem skeptisch. Er findet, dass Apple die Lösung für ein Problem anbietet, dass eigentlich nie bestand und dass wir Privatsspähre gegen Bequemlichkeit eintauschen. Ein Kommentar.

Es ist endlich soweit! Die lang ersehnten AirTags, der Tracking-Chip für die Hosen- oder Brieftasche, sind da. Hurra! Apple-Fans, die schon seit einer gefühlten Ewigkeit auf den Airtag warten und befürchteten, ihn könnte dasselbe Schicksal wie die Ladematte Airpower ereilen, sind erleichtert. Mit Airtags "kannst du das Verlieren vergessen" – so Apple. Und während in meinem Umfeld, das berufsbedingt aus Technikenthusiasten und Apple-Dauerkunden besteht, die Euphorie ausbricht, kann ich mich dem Hype nicht so richtig hingeben. Denn es gibt zu viele Dinge, die mich an diesem Produkt stören. Manche davon sind eher grundsätzlicher Natur, andere hängen mit Apples Entscheidungen über die Funktionsweise der Airtags zusammen. Im Folgenden möchte ich Ihnen meine Einwände ein wenig näher bringen. Vielleicht sehen Sie es aber auch ganz anders, so wie meine Kollegin Halyna Kubiv. Dann lesen Sie auch Ihren Kommentar "Warum fast jeder Airtags braucht".

Ein synthetischer Bedarf

Es ist das Kredo, auf dem Apple (und viele andere Unternehmen) ihren Erfolg aufgebaut haben: Die Kunden wissen gar nicht, was sie wirklich brauchen, bis wir es ihnen zeigen. Und das ist gar nicht mal so falsch. Denn gerade im Bereich der Technik kann der normale Verbraucher sich nicht vorstellen, was technisch alles möglich ist, bis ihm ein Produkt vor die Nase gesetzt wird, das ihm genau das demonstriert. Meine Großeltern wussten nicht, dass sie ein Telefon nicht nur für Zuhause, sondern auch für die Hosentasche brauchen, mit dem sie immer und jederzeit telefonieren können. Sie führten deshalb kein schlechteres Leben, haben sich nie darüber beschwert und waren sicher zufrieden damit, den abendlichen Plausch mit weit entfernten Freunden auf dem Sessel neben dem kabelgebundenen Festnetzanschluss zu führen. Inzwischen hat meine Großmutter, Jahrgang 1940, ihren Telefonanschluss gekündigt, ruft mich von ihrem Handy an und fragt regelmäßig nach Tipps zum Surfen auf ihrem Tablet.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte nicht andeuten, dass die Zeiten ohne Smartphone besser (oder schlechter) waren. Ich möchte lediglich verdeutlichen, dass unser Verlangen nach Produkten oft durch unsere eigene Vorstellungskraft limitiert ist. Und da kommen die Unternehmen ins Spiel, die uns etwas vor die Nase setzen und sagen: "Guck mal, so etwas ist möglich. Das kann unser Produkt, und auch wenn du es noch nicht weißt – du brauchst es". 

Lassen Sie mich ein Gegenbeispiel aus einem anderen Bereich darlegen: Mineralwasser. Jeder Haushalt verfügt über einen Anschluss für Leitungswasser und wohnen Sie nicht gerade in einem unsaniertem Haus aus dem 19. Jahrhundert, stehen die Chancen gut, dass dieses Wasser von ausgezeichneter Qualität ist. Auf der anderen Seite haben wir abgefülltes Mineralwasser aus unterirdischen Quellen, von denen laut Öko-Test jede fünfte verunreinigt ist. Die Tester fanden unter anderem Spuren von Nitrat, Uran und Bor. Unser Leitungswasser ist auch nicht perfekt, qualitativ aber kaum schlechter als abgefülltes Mineralwasser aus dem Supermarkt. Dennoch zahlen Millionen Deutsche lieber zwischen 19 und 50 Cent/Liter für Mineralwasser, als 0,2 Cent für die gleiche Menge Leitungswasser. Weil die Werbung uns suggeriert, dass Mineralwasser das bessere, gesündere Wasser sei. Die Unternehmen machen indes zwischen 50 und 200 Prozent Gewinn mit dem Verkauf von Wasser in Flaschen.

Aber zurück zu den Airtags. Sie mögen mir an dieser Stelle vielleicht widersprechen, aber ich bin der Meinung, dass diese in die zweite Kategorie fallen. Die Airtags lösen ein Problem, das nie wirklich eins war, bis uns die Unternehmen nahegelegt haben, dass es doch eines ist. Sicher, ich habe auch schon meine Schlüssel zu Hause verlegt und gedacht, wie praktisch es doch wäre, sie irgendwie "anpingen" zu können. Aber zwei Minuten später ist dieser Wunsch auch schon wieder verflogen, weil sich die Schlüssel doch nur in der anderen Hose oder unter einer Zeitung versteckt haben. 35 Euro (plus X Euro für einen passenden Anhänger) für ein Gerät auszugeben und dabei noch mehr Elektroschrott zu produzieren, um dieses "Problem" zu beseitigen, könnte man zynisch als "First-World-Problemlösung" bezeichnen. Natürlich haben die Airtags noch mehr Anwendungsbereiche, aber dazu komme ich in meinem nächsten Punkt.

Die Airtags können Ihre Schlüssel finden, ihre Augen aber auch.
Vergrößern Die Airtags können Ihre Schlüssel finden, ihre Augen aber auch.
© Apple

Ein Airtag schützt nicht vor Diebstahl

Die Hauptaufgabe der Airtags ist es, verloren gegangene Gegenstände wiederzufinden. Dafür nutzt Apple das gigantische Netzwerk eigener Geräte, mehr zur Funktionsweise können Sie hier nachlesen . Das System ist wirklich clever, es hat aber einen Haken: den Faktor Mensch. Ich habe in meinem Leben zwei Dinge verloren, für die sich ein Airtag heute anbieten würde. Vor einigen Jahren ließ ich versehentlich meinen Rucksack unter einem Tisch im Biergarten stehen. Der Verlust fiel mir nur wenige Minuten später auf, doch obwohl ich direkt zurückeilte, war der Rucksack bereits verschwunden. Ein "freundlicher" Mitmensch hatte den Rucksack wohl bereits mitgenommen, inklusive Tablet und Arbeitsunterlagen. Das andere Mal ließ ich meinen Geldbeutel in einem Zug zurück. Rasch informiert suchten die Zugbegleiter meinen Platz ab, doch vom Geldbeutel war keine Spur mehr zu sehen.

In beiden Fällen hätte ein Airtag wohl recht wenig gebracht. Haben sich solche Tracking-Geräte erst verbreitet, werden Menschen mit krimineller Energie auch wissen, was mit ihnen zu machen ist. Und zwar die Entsorgung im nächsten Mülleimer. Sie wiederum verlieren nicht nur Ihren Wertgegenstand, sondern auch mindestens 35 Euro für Ihren Airtag.

Wird ihr Rucksack gestohlen, ist nicht nur der Rucksack, sondern auch der Airtag weg.
Vergrößern Wird ihr Rucksack gestohlen, ist nicht nur der Rucksack, sondern auch der Airtag weg.
© Apple

Das ist natürlich eine recht pessimistische Einstellung, die aus meinen eigenen Erlebnissen resultiert. Sie sehen das vielleicht anders, weil Sie bessere Erfahrungen in solchen Situationen gemacht haben. Grundsätzlich besteht aber das Risiko, und das sollte Ihnen beim Kauf eines Airtags bewusst sein, dass Ihr Ortungsgerät nicht vor Diebstahl schützt und in diesem Fall nur ein weiterer verlorener Wertgegenstand ist.

Airtags verhindern Stalking – solange Sie ein iPhone besitzen

Eine der größten Sorgen rund um Ortungsgeräte wie Airtags ist, dass Sie zweckentfremdet werden könnten, um Menschen statt Gegenstände zu tracken. Apple ist sich dieses Problems bewusst und hat einige Mechanismen eingebaut, um das zu verhindern. Nur leider sind diese – im Gegensatz zum Gerät selbst – alles andere als wasserdicht.

Die gute Nachricht: Sie sind sicher, solange Sie ein iPhone besitzen. Wenn ein Airtags sich über einen längeren Zeitraum vom Besitzer entfernt und gleichzeitig einem anderen iPhone nahe ist, informiert es besagtes iPhone über seine Anwesenheit. Sie kriegen eine Mitteilung, dass Ihnen möglicherweise ein Airtag zugesteckt wurde, und können eventuell diesen, sobald Sie ihn gefunden haben, sogar einscannen und damit möglicherweise den Besitzer identifizieren. Gut durchdacht, schade nur, wenn Sie eben kein iPhone-, sondern ein Android-Nutzer sind. Android-Smartphones registrieren den Airtag nämlich nicht automatisch und geben deshalb auch keinen Warnhinweis ab.

Ihr iPhone warnt Sie vor einem zugesteckten Airtag - Android-Smartphones aber nicht.
Vergrößern Ihr iPhone warnt Sie vor einem zugesteckten Airtag - Android-Smartphones aber nicht.
© Apple

Für dieses Szenario hat Apple ebenfalls eine Lösung, die meiner Meinung nach aber nicht zufriedenstellend ist. Und zwar geben Airtags, wenn Sie längere Zeit vom Smartphone des Besitzers getrennt sind, einen Warnton ab. Das soll Android-Nutzer und Menschen ohne Smartphone (Ja, die gibt es noch) vor unerlaubtem Tracking schützen. Nun zu meinen Bedenken. Laut Apples Angaben beträgt der Zeitraum, ab dem der Airtag anfängt zu piepen, drei Tage nach dem letzten Kontakt mit dem Smartphone des Besitzers. Dass die Zeitspanne so lang ist, macht für den Alltag Sinn, schließlich möchten Sie nicht, dass Ihre Airtags den ganzen Tag piepen, nur weil Sie mal ohne Geldbeutel und Rucksack aus dem Haus gegangen sind. Zur Stalking-Prävention eignet sich diese Maßnahme dadurch aber nur bedingt. Unklar ist auch, was passiert, wenn der Airtag für kurze Zeit wieder in Kontakt mit dem iPhone des Besitzers kommt. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Ein aufdringlicher Arbeitskollege möchte Sie tracken. Dafür schmuggelt er einen Airtag in Ihren Rucksack. Sie, als Android-Nutzer, sind auf das Piepen des Airtags angewiesen, um das Tracking zu bemerken. Ihren Rucksack nehmen Sie täglich mit in die Arbeit und einmal am Tag kommt der besagte Kollege, inklusive seines iPhones, in Ihr Büro zu einem Plausch. Sein iPhone verbindet sich also einmal am Tag mit dem Airtag. Wird der Timer, nach dessen Ablauf der Airtag sich bemerkbar macht, dadurch jedes Mal zurückgesetzt? Ich kann Ihnen die Frage derzeit auch nicht beantworten, weil wir die Airtags noch nicht testen konnten, für mich bleiben jedoch viele Fragezeichen bezüglich der Narrensicherheit dieser Schutzmaßnahme.

Und ich gehe noch einen Schritt weiter. Wie schwer ist es eigentlich, den Lautsprecher der Airtags auszubauen oder einfach zu trennen? Ein findiger Bastler dürfte damit wahrscheinlich keine allzu großen Probleme haben. Hat Apple einen Sicherheitsmechanismus eingebaut, um zu erkennen, wenn der Lautsprecher nicht mehr funktioniert? Die Informationen über die genauen Schutzmaßnahmen sind spärlich und werden wohl erst durch ausgiebige Tests offenbart. Werden Mängel aufgedeckt, wird Apple sicher auch weiter daran arbeiten und versuchen, diese in künftigen Generationen auszubessern. Aber klar ist, kein System ist unknackbar, kein Mechanismus unumgehbar. Und somit kein Mensch vor ungewolltem Tracking sicher.

PC-WELT Marktplatz

2583249