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6 Gründe: Darum sind Grafikkarten so teuer

29.03.2021 | 14:31 Uhr | Panagiotis Kolokythas

Nvidias und AMDs neue Grafikkarten bieten viel Leistung und sind damit für Gamer äußerst interessant. Allerdings sind sie kaum erhältlich und wenn, dann zu horrend hohen Preisen. Warum eigentlich? Hier die Antwort.

Warum sind Grafikkarten so teuer? Dass Grafikkarten aktuell fast unbezahlbar sind, weiß man inzwischen. Aber warum das ist (und wohl noch lange so bleiben wird), wissen viele nicht. Oft werden vorschnell Miner und Scalper zu den alleinigen Schuldigen erklärt - dabei sind die Gründe deutlich komplexer. Wir haben uns das Problem genauer angeschaut.

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www.pcwelt.de/2577338

► Gebrauchte Grafikkarten: Diese Modelle lohnen sich:
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Inhaltsverzeichnis:


Die GPU-Krise wird immer schlimmer - eine Bestandsaufnahme

Nvidias neue Geforce-RTX-30-Serie und AMDs neue Radeon-RX-6000-Serie-Grafikkarten sind von der Leistung äußerst attraktiv für Gamer, auch im Vergleich zu den enttäuschenden Angeboten der letzten Generation - aber die meisten Spieler haben keine Chance, eine von beiden in die Finger zu bekommen, schon gar nicht zu einem vernünftigen Preis. Neue Grafikkarten verschwinden innerhalb von Minuten, wenn nicht sogar Sekunden, bei Online-Händlern, oft zu irrsinnig hohen Preisen. Viele dieser Karten tauchen kurz darauf auf Wiederverkaufsseiten wie Ebay für das Doppelte des empfohlenen Preises oder mehr wieder auf.

Hier ist ein sehr aktuelles Beispiel. AMDs Radeon RX 6700 XT wurde Mitte März für 480 Euro (unverbindliche Preisempfehlung) auf den Markt gebracht. Wir sagten, dass der Preis in einem vernünftigen GPU-Markt etwa 100 Euro zu hoch für die gebotene Leistung sei. Sapphire kündigte an, für seine speziell entwickelte Nitro+-Variante um die 100 Euro mehr als den UVP für die Standard-RX-6700-XT-Karte verlangen zu wollen. Als die Nitro+ 6700 XT tatsächlich auf den Markt kam, kostete sie deutlich mehr und war trotzdem in kürzester Zeit ausverkauft. Auf Ebay wird die Karte derzeit für über 800 Euro und teils sogar über 1.000 Euro gehandelt. Wie knapp und teuer dieses Grafikkarten-Modell ist, zeigt auch ein Blick hier in den PC-WELT-Preisvergleich.

Warum also kosten Grafikkarten im Moment so viel? Es sind nicht nur die Scalper und Kryptowährung-Fans, denen jeder gerne die Schuld gibt. Das gesamte Problem ist etwas komplexer. Schauen wir uns die Gründe genauer an.


Grund 1: Die Nachfrage ist im Moment riesig

Die Nachfrage nach Gaming-Hardware explodierte während der Pandemie, als alle gelangweilt zu Hause festsaßen. In den ersten Tagen des Lockdowns war etwa Nintendos Switch-Konsole heiß begehrt. Sogar Ersatz-Controller und einige Spiele waren schwer zu finden.

Das Angebot für die Nintendo Switch wurde mit der Zeit immer besser, aber als die neuen Grafikkarten und die Next-Gen-Konsolen Playstation 5 und Xbox Series X im letzten Herbst veröffentlicht wurden, litten auch sie unter der überwältigenden Nachfrage (und tun es immer noch). Das PC-Gaming boomte während der Pandemie, wobei Steam scheinbar jede zweite Woche einen neuen Meilenstein bei den gleichzeitigen Nutzern setzte. Im Jahr 2020, so meldete Steam, wurden 25,2 Exabyte Daten ausgeliefert. Ein Riesensprung im Vergleich zu den knapp 16 Exabyte Daten, die noch im Jahr 2019 übertragen wurden.

Unterm Strich lässt sich feststellen: Während der weltweiten Coronapandemie wollten und wollen die Leute einfach nur spielen. Viele Leute - auch solche, die vorher keine Gamer waren.


Grund 2: Versorgungsschwierigkeiten

Obwohl sowohl Nvidia als auch AMD gesagt haben, dass sie genauso viele oder mehr Grafikkarten ausliefern als bei früheren Markteinführungen, war es immer noch nicht genug, um mit der überwältigenden Nachfrage Schritt zu halten, und das aus verschiedenen Gründen.

Was AMD angeht: Das Unternehmen hatte im letzten Herbst nicht nur die Radeon RX 6000-Serie auf den Markt gebracht, sondern auch die klassenbesten Ryzen-5000-Desktop- und Laptop-Prozessoren sowie die Next-Gen-Konsolen Playstation 5 und Xbox Series X/S, die beide mit AMD-Chips ausgestattet sind, die Ryzen und Radeon auf einem einzigen Chip vereinen. Das Unternehmen plant auch, bald mobile Radeon-GPUs der RX-6000-Serie für Laptops auf den Markt zu bringen.

Jedes dieser Produkte wird von der TSMC Foundry in Taiwan im identischen 7-Nanometer-Prozess gefertigt. Sie kämpfen alle um die gleichen 7-Nanometer-Chip-Wafer. AMD musste wahrscheinlich die Wafer für die Next-Gen-Konsolen während der kritischen Weihnachtsverkaufszeit als Teil der Vereinbarungen mit Microsoft und Sony priorisieren.

Ryzen-CPUs - die ebenfalls knapp waren - übertreffen nicht nur Intels Champions zum ersten Mal seit langer Zeit, sondern verwenden auch viel kleinere Chips als die großen Radeon-Chips, so dass sie wahrscheinlich höher in der Priorisierung stehen als Grafikkarten, bis sich die 7-nm-Krise ein wenig gelegt hat.

Die Einführung von Radeon-GPUs mit kleineren Chips (wie die bereits erwähnte Radeon RX 6700 XT) könnte es für AMD auch wirtschaftlicher machen, sich auf die Produktion von Grafikkarten zu konzentrieren. Je kleiner das Die, desto mehr Chips können aus einem einzigen Wafer herausgeholt werden.

Neben dem AMD-spezifischen TSMC-Problem leidet die Chipindustrie im Allgemeinen unter Lieferengpässen. Sogar Autohersteller und Samsung haben gewarnt, dass sie Probleme haben, mit der Nachfrage Schritt zu halten. Wir haben gehört, dass die Komponenten, die für die Herstellung von Chips verwendet werden - vom GDDR6-Speicher, der in modernen GPUs verwendet wird, bis hin zum Substratmaterial, das grundsätzlich für die Herstellung von Chips verwendet wird - ebenfalls knapp geworden sind. Es scheint, dass jede Branche im Moment eine enorme Nachfrage nach Chips aller Art hat.

Und es wird aktuell immer schlimmer. Asus, einer der größten PC-Komponentenhersteller der Welt, teilte den Investoren gerade mit, dass "das drängendste Problem für GPUs im Moment die Knappheit der GPUs von Nvidia ist. Es gab einen Rückgang der Auslieferungen von Quartal zu Quartal. Aufgrund dieser Knappheit sehen wir eine Preiserhöhungen."

Auch kulturelle Ereignisse spielen eine  Rolle. "Die meisten Leute wissen nicht, dass das chinesische Neujahrsfest im Februar stattfindet", sagte AMDs Radeon-Chef Herkelman kürzlich. Die Arbeiter in den Fabriken in Übersee neigen dazu, sich eine Woche oder mehr Urlaub zu nehmen, was zwar gut für sie ist, aber das Angebotsproblem verschlimmert.


Grund 3: Internationale Lieferungen verlangsamen sich

Angebot und Nachfrage sind nicht die einzigen Faktoren, die von der Pandemie betroffen sind. Der internationale Versand zwischen Asien und den Rest der Welt, insbesondere nach Nordamerika, ist ein absolutes Chaos. Es kostet jetzt deutlich mehr, Produkte in die Vereinigten Staaten zu bringen.

Wir haben mit mehreren Systemintegratoren über ihre eigenen Schwierigkeiten bei der Beschaffung von PC-Teilen gesprochen, und sie haben uns Folgendes über die Probleme beim Versand erzählt:

"Da sich die Handelsbeziehungen zwischen China und den USA verschlechtert haben, kommen die Containerschiffe, die früher tonnenweise Waren in beide Richtungen transportiert haben, jetzt meist voll und bleiben dann leer, da die Exporte versiegen, so die Verkäufer. Da die Reedereien nur ungern leere Container zurückschicken, wenn nicht jemand dafür bezahlt, müssen die Verkäufer mit mehr Zuschlägen und Verzögerungen rechnen."

Außerdem ist von Systemintegratoren zu hören:

"Selbst die Luftfracht ist zu einem Problem geworden. Während Frachtflugzeuge für den Transport von Fracht bestimmt sind, füllen die meisten kommerziellen Passagierflüge schätzungsweise 5 bis 10 Prozent ihrer Kapazität unterhalb des Passagierraums mit Fracht. Da der kommerzielle Luftverkehr weltweit um fast 50 Prozent zurückgegangen ist, ist es schwierig, Luftfrachtkapazitäten rechtzeitig zu erhalten. Obwohl die Luftfrachtgebühren seit ihrem Höchststand im Mai gesunken sind, zeigen sie seit zwei Monaten einen Aufwärtstrend."

Die aktuellen Kosten für den internationalen Versand erhöhen die Kosten für die meiste PC-Hardware im Moment erheblich, wie mehrere Grafikkartenhersteller und Systemintegratoren erklärten.


Grund 4: Scalpers

Hohe Nachfrage und knappes Angebot sind das perfekte Rezept für Leute, die Grafikkarten verkaufen und schnelles Geld verdienen wollen. Sobald sie auf den Markt kamen, wurde die aktuelle GPU-Generation von "Unternehmern" abgegriffen, die Bots nutzen, um die Bestände schneller aufzukaufen, als Menschen es können, und dann ihre unrechtmäßig erworbenen Waren für einen massiven Aufschlag auf Websites wie Ebay und StockX zu verkaufen.

Das ist keine Kleinigkeit. Bis Ende Januar wurden über 50.000 Grafikkarten der RTX 30-Serie auf Ebay und StockX verkauft. Die meisten modernen GPUs werden auf diesen Seiten für das Doppelte des empfohlenen Verkaufspreises (oder mehr) angeboten. Bei seriösen Händlern findet man fast nie frische Ware, es sei denn, man nutzt selbst Bots oder Discord-Chats, um nach Hardware zu suchen, sobald sie online erscheint.


Grund 5: Zölle verteuern PC-Teile

Alles, worüber wir bisher gesprochen haben, würde bereits ausreichen, um die Preise für Grafikkarten in die Höhe zu treiben, aber die Dinge wurden noch viel schlimmer, als der Kalender ins Jahr 2021 wechselte. Im Januar traten in den USA erhebliche neue Zölle auf chinesische Produkte für viele PC-Teile in Kraft, was die Krise noch verschärfte.

Asus diente als Kanarienvogel in der Kohlenmine und informierte seine Fans Anfang Januar über bevorstehende Preiserhöhungen. "Unser neuer UVP spiegelt die Kostensteigerungen für Komponenten, Betriebskosten und logistische Aktivitäten sowie eine Fortsetzung der Importzölle wider", sagte Asus Technical Marketing Manager Juan Jose Guerrero III. Die Preise der Asus-Grafikkarten sprangen sofort um 150 bis 200 US-Dollar pro GPU.

Andere GPU-Hersteller haben kurz nach Asus deutliche Preiserhöhungen vorgenommen. Die meisten EVGA-Grafikkarten stiegen um etwa 70 Dollar. Zotac erhöhte still und leise die Preise um 100 bis 300 Dollar, je nach Modell. Die neue US-Regierungspolitik wirkt sich bis heute verheerend auf die GPU-Kosten aus.

Erst kürzlich wurde bekannt, dass auch MSI die Grafikkartenpreise erhöhen will - und mit Lieferengpässen das ganze Jahr 2021 rechnet.


Grund 6: Diese verdammten Kryptocoins

Die Situation war bereits unhaltbar für PC-Spieler, nachdem in den USA entsprechende Zölle eingeführt wurden. Aber dann Kryptowährungs-Spekulanten auch noch Benzin ins Feuer.

Immer wenn die Preise für Kryptowährungen boomen werden Grafikkarten knapp, wie wir bereits 2013 und 2017 gesehen haben. Sie können keine Endverbraucher-Grafikkarten verwenden, um Bitcoin, die bekannteste Kryptowährung, zu minen. Aber Sie können  Standard-GPUs verwenden, um Ethereum zu minen.

Sie können dann Ihr Ethereum für Bitcoins oder Bargeld an Kryptowährungsbörsen handeln. Der Preis von Bitcoin explodierte ab Oktober 2020, und im Januar folgte der Preis von Ethereum. Im April 2020 wurde ein Ethereum laut Coindesk mit um die 140 Euro bewertet; im Oktober, als der Anstieg von Bitcoin begann, erreichte Ethereum einen Wert von 350 Euro pro Münze. Dieser Wert verdreifachte sich bis Anfang Januar 2021 auf über 1.000 Euro, erreichte Mitte Februar mit 1.730,78 Euro einen bisherigen Höchststand (Stand: 29. März 2021). Aktuell (Ende März 2021) wird Ethereum mit um die 1.500 Euro gehandelt.

Wenn die Ethereum-Preise so stark ansteigen,  kann so ziemlich jede Grafikkarte mit mehr als 4 GB Speicher profitabel sein. Infolgedessen wurde die bereits große GPU-Knappheit noch schlimmer, wobei sogar gebrauchte zwei oder drei Generationen alte Grafikkarten für mehr verkauft werden, als sie vor Jahren neu kosteten. Die Situation ist so schlimm, dass Nvidia die RTX 2060 und die vier Jahre alte GTX 1050 Ti wiederbelebt hat, um bei der Versorgung zu helfen. Krass.

Und da Ethereum boomt, hat sich das GPU-Desaster zu dem entwickelt, was wir heute sehen.


Fazit und Ausblick: So überstehen Sie die GPU-Krise

Niemand weiß, wann dieser Wahnsinn enden wird. Keine der zugrunde liegenden Bedingungen, die die heutige GPU-Knappheit antreiben, zeigt Anzeichen dafür, dass sie nachlässt, und wir hören sogar noch mehr Warnungen über Halbleiterknappheit außerhalb von PC-Komponenten. Erwarten Sie keine Besserung in den nächsten Monaten.

Der Wert liegt im Auge des Betrachters, aber wir können nicht empfehlen, die heutigen lächerlich überhöhten Preise für eine Grafikkarte zu zahlen oder Scalper zu bezahlen. Wenn Sie eine funktionierende GPU haben, versuchen Sie, sie zu übertakten oder die Grafikeinstellungen in Spielen zu optimieren, um mehr Leben aus Ihrer vorhandenen Hardware herauszuholen.

Wenn Sie keine anständige Grafikkarte haben und etwas brauchen, um Ihre Spiele in einer Zeit zu spielen, in der jeder mehr Zeit zu Hause verbringt, gibt es ein paar Möglichkeiten. Vielleicht haben Sie mehr Glück bei der Suche nach einer Grafikkarte in einem Ladengeschäft, wenn es Ihnen nichts ausmacht, einen Besuch in einem physischen Geschäft zu riskieren. Vorausgesetzt die Läden sind überhaupt geöffnet während des Lockdowns. In Deutschland bieten immer mehr Händler auch den "Click & Collect"-Service an. Rufen Sie bei einem Händler vor Ort an und fragen Sie, ob und welche Grafikkarten er auf Lager hat und vereinbaren Sie einen Abholtermin. Auch der Händler freut sich auf ein Wiedersehen mit Ihnen!

Die Entscheidung für eine Next-Generation-Konsole ist eine praktikable Alternative, wenn es Ihnen nichts ausmacht, neue Spiele zu kaufen (oder den Xbox Game Pass Ultimate zu abonnieren). Leider sind aber auch die Xbox Series X und die Playstation 5 seit ihrer Markteinführung Ende 2020 schwer zu kaufen. Sie sind allerdings leichter zu erwerben als PC-Teile. Auch auf PC-WELT informieren wir Sie laufend darüber, wenn die Spielekonsolen der neuen Generation mal wieder erhältlich sind.


Alternative zum Grafikkarten-Kauf: Streaming-Dienste nutzen

Wenn Sie eine schnelle und solide Internetverbindung haben, können Sie Ihre PC-Spiele auch von einem Cloud-Server streamen, um ein solides 1080p-Spielerlebnis zu erhalten. Wir empfehlen Nvidias sehr guten Geforce-Now-Service, mit dem Sie viele der Spiele spielen können, die Sie bereits in Ihren bestehenden PC-Bibliotheken besitzen. Die Grundversion von Geforce Now ist gratis, hat aber einige Einschränkungen. Für neue Geforce-Priority-Abonnenten hat Nvidia gerade erst den Preis auf 9,99 Euro pro Monat bzw. 99,99 Euro / Jahr verdoppelt.

Bis die Krise sich gelegt hat und die Grafikkarten-Preise wieder auf ein erträgliches Maß gesunken ist, kann Geforce Now Ihnen dabei helfen, die Zeit zu überbrücken. Immerhin sparen Sie ja dann auch Geld, wenn Sie nicht jetzt eine Grafikkarte für 800 Euro oder mehr kaufen, sondern warten, bis diese wieder zum deutlich niedrigeren Normalpreis erhältlich ist...

Google Stadia vs. Geforce Now vs. Shadow: Gaming-Streaming im Vergleich

Googles Stadia ist auch eine Streaming-Option für PC-Spiele. Stadia funktioniert aber eher wie eine Konsole in der Cloud, mit Spielen, die Sie extra für Stadia kaufen müssen. Wenn Sie Resident Evil Village für Stadia (erscheint im Mai 2021) vorbestellen, schickt Google Ihnen ein kostenloses 100 Euro teures Stadia-Premiere-Kit mit einem weißen Stadia-Controller, einen Chromecast Ultra, der das Spiel auf Ihren Fernseher streamen kann, und eine zusätzliche einmonatige Testversion von Stadia Pro für neue Abonnenten.

Viel Glück mit dem, was auch immer Sie wählen. Sie werden es brauchen.

Dieser Artikel erschien zunächst hier auf unserer US-Schwesterwebsite PC-WORLD.

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