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Ubuntu Budgie setzt auf Klarheit

10.07.2017 | 10:40 Uhr |

Der junge Desktop Budgie hat in den letzten Monaten enorme Popularität gewonnen: Budgie wurde für diverse Distributionen fit gemacht und steht als inoffizieller Ubuntu-Remix zur Verfügung. Demnächst wird Ubuntu Budgie sogar offizielle Ubuntu-Variante.

Ursprünglich wurde Budgie als exklusiver Desktop für die relativ junge Linux-Distribution Solus entwickelt ( https://solus-project.com ). Es handelt sich bei Budgie um eine weitere Neuinterpretation des Gnome-3-Desktops mit einem traditionelleren Ansatz, nämlich mit Anwendungsmenü und einer aus-und einblendbaren Seitenleiste. Der zusätzliche Starter Plank-Dock ist eine Beigabe in Budgie, die im Prinzip jedem Linux-Desktop zur Verfügung steht. Das Motto lautet, alle wichtigen Komponenten für effektives Arbeiten ästhetisch, übersichtlich und ohne Schnickschnack anzubieten. Für Einsteiger, Ästheten und Notebooknutzer lohnt sich der Blick auf den Budgie-Desktop allemal.

In der derzeit noch inoffiziellen Ubuntu-Variante Budgie Remix ( https://budgie-remix.org/ ) wurden zusätzliche Komponenten integriert, die besonders Einsteigern bei der Desktopkonfiguration helfen sollen.

Wir halten uns in diesem Beitrag an die Distribution Budgie Remix, für welche der Desktop eigens angepasst wurde. Wenn Budgie demnächst in den offiziellen Ubuntu-Kreis aufgenommen wird (ab Ubuntu 17.04), hat der neue Desktop beste Voraussetzungen, zu einem Mainstreamdesktop zu avancieren.

Aussehen, Iconthema, Schriftbild, Hintergrund und Dockposition sind im Handumdrehen geändert.
Vergrößern Aussehen, Iconthema, Schriftbild, Hintergrund und Dockposition sind im Handumdrehen geändert.

Motive und Hardware für Budgie

Budgie ist ein klassischer und aufgeräumter Desktop mit modernem Unterbau und Design. Der Desktop nutzt die Basiskomponenten eines aktuellen Gnome 3, die Budgie ein modernes Aussehen verleihen. Andererseits verzichtet Budgie auf das ungewohnte Desktopkonzept von Gnome 3 oder auch Unity und setzt auf ein klassisches Startmenü und eine herkömmliche Systemleiste. Als besonderes Merkmal kommt eine recht opulente Seitenleiste am rechten Bildschirmrand hinzu, die sich allerdings standardmäßig automatisch ausblendet.

Diese Desktopaufteilung trägt modernen 16:9-Bildschirmen Rechnung und kommt auch kleineren Notebookdisplays entgegen. Einsteiger sollten sich auf dieser Oberfläche problemlos zurechtfinden. Budgie zielt so wie die Distribution Solus, woraus er ursprünglich stammt, auf eine einigermaßen aktuelle PC-oder Notebookhardware. Auf der 64-Bit-Variante von Budgie Remix nimmt sich das System ab Start gerne 700 MB RAM und mehr. Das liegt etwa im Rahmen eines Gnome 3 oder Unity.

Zwei, besser vier GB RAM sollten also vorhanden sein. Damit die 3D-Effekte flüssig laufen, sollten Grafikkarte und Treiber Hardwarebeschleunigung unterstützen. Für die Installation auf dem Datenträger empfehlen die Entwickler mindestens 12 GB Speicherplatz. Für flüssiges Arbeiten sind mindestens zwei Prozessorkerne nötig.

Lesetipp: Die richtige Linux-Distribution für Einsteiger

Die Installation von Budgie (Remix)

Budgie-Remix gibt es in vier Varianten – einmal basierend auf dem jüngsten Ubuntu 16.10, ferner auf Basis der Langzeitversion Ubuntu 16.04 LTS. Beide Versionen sind in der 32-Bit-oder 64-Bit-Ausführung verfügbar. Budgie Remix 16.04.2 in der 64-Bit-Variante steht zum Download zur Verfügung. Die Installation erfolgt über den von Ubuntu gewohnten Installer, der aus dem Livesystem über den Desktoplink gestartet wird. Nach der Installation fehlen eventuell noch die deutschen Sprachpakete. Dies können Sie mit einem Besuch im Menü mit „System Tools -> Settings -> Region & Language“ nachholen. Danach ist ein Neustart erforderlich.

Die Einstellungen im Gnome Control Center.
Vergrößern Die Einstellungen im Gnome Control Center.

Budgie verträgt sich gut mit bereits vorhandenen Desktops und kann daher auch auf einem bereits laufenden Ubuntu 16.04 oder 16.10 nachgerüstet werden. Dazu müssen Sie zunächst die offizielle externe Softwarequelle des Budgie-Remix-Projekts mit

sudo add-apt-repository ppa:budgie-remix/ppa

einrichten. Nach einer Aktualisierung der Softwareliste mit sudo apt update wird der gesamte Desktop samt allem Zubehör mit dem Befehl

sudo apt install budgie-desktop-environment budgie-screenshot-applet budgie-plank

eingerichtet. Achtung: Dabei werden auch Startbildschirm und der Hintergrund des Anmeldefensters ersetzt.

In Ubuntu 16.10 ist Budgie bereits in den offiziellen Softwarequellen aufgenommen und kann noch einfacher mit dem Befehl

sudo apt install budgie-desktop

nachgerüstet werden. Allerdings fehlen dann einige Komponenten, darunter das Budgie-Dock, in dem Anwendungsstarter abgelegt werden können. Deshalb empfehlen wir auch hier die oben beschriebene Installation aus dem PPA-Repository.

Das Tool kann auch manuell mit budgie-welcome geladen werden.
Vergrößern Das Tool kann auch manuell mit budgie-welcome geladen werden.

Der Desktop und Welcome-Optionen

Auf den ersten Blick zeigt sich der Desktop aufgeräumt bis minimalistisch. Auf dem Desktop gibt es zunächst keinerlei Icons, jedoch kann die Arbeitsfläche unter Budgie als klassische Dateiablage genutzt werden. Links ist das Plank-Dock angeordnet mit einigen wenigen Programmstartern, oben die Systemleiste mit vertrauten Elementen: Ganz links liegt die Schaltfläche für das Startmenü und rechts die gewohnten Indikatoren für die Netzwerkverbindungen, Klang, Akkuanzeige und Bluetooth-Einstellungen.

Das Icon in Form einer Glocke zeigt Benachrichtigungen des Systems oder einzelner Anwendungen an und dient auch als Sprungbrett zum Raven Control Center, einer Kernkomponente des Budgie-Desktops. Dazu später mehr. Nach der Installation erscheint beim ersten Start ein in englischer Sprache gehaltener Willkommensbildschirm, den Sie nach einer Einrichtung aus dem PPA-Repository auch manuell mit dem Befehlbudgie-welcome aufrufen können. Dort werden unter „Introduction“ und „Features“ zunächst die Vorzüge und ein Überblick über die vorinstallierte Software beschrieben. Hier zeigt sich die enge Verwandtschaft von Budgie und Gnome 3, denn die Programme inklusive dem Gnome Software Center entsprechen der einer Gnome-Umgebung: Firefox ist der Browser, Thunderbird das Mailprogramm und als Mediaplayer kommt der VLC zum Einsatz.

Im Welcome-Dialog finden Sie neben der Verknüpfung zum Software Center eine Schaltfläche „Default Settings“. Diese bietet die nützliche Funktion, den Budgie-Desktop im Falle des Falles wieder zu den Standardeinstellungen zurückzusetzen.

Für Einsteiger interessant sind die Konfigurationsmöglichkeiten, die sich hinter der Schaltfläche „Getting Started“ verbergen. Hier sind wesentliche Einstellungen für das frisch installierte Linux-System zusammengetragen. Unter „Updates & Extras“ können Sie das System aktualisieren und fehlende Codecs nachinstallieren. Unter „Drivers“ können Sie fehlende Treiber für WLAN-Geräte oder Grafikkarten und unter „Language Support“ deutsche Sprachdateien nachrüsten.

Budgie sammelt Benachrichtigungen von System und Anwendungen in seiner Seitenleiste.
Vergrößern Budgie sammelt Benachrichtigungen von System und Anwendungen in seiner Seitenleiste.

Unter „Optional Tasks“ gibt es die Möglichkeit, die Datensicherung Deja Dup und das grafische Front-End für die Ubuntu-eigene Firewall ufw einzurichten, die beide im Ur-Ubuntu bereits vorinstalliert sind. Ganz unten erscheint eine Verknüpfung zu der Benutzerverwaltung. Beim „Performance Tuning“ können Desktopanimationen ausgeschaltet werden, um die Leistung auf Rechnern mit schwächeren Grafikkarten zu verbessern.

Zu „Raven“, einer Kernkomponente des Budgie-Desktops, gibt es in der Rubrik „Customization“ ebenso eine Verknüpfung wie zu den Einstellungen im Gnome-Control-Center, das sich nur unwesentlich von den „Systemeinstellungen“ im normalen Ubuntu unterscheidet. Wer einen anderen Browser als das vorinstallierte Firefox bevorzugt, findet unter „Browser Ballot“ die komfortable Einrichtung von Alternativen: Zur Auswahl stehen neben Chrome und dessen freier Variante Chromium auch Vivaldi. Einen Überblick möglicher Tastenkürzel gibt es unter „Keyboard Shortcuts“ und schließlich eine Zusammenfassung des Systems unter „System Specifications“.

Budgie sammelt Benachrichtigungen von System und Anwendungen in seiner Seitenleiste.

Startmenü und Plank-Dock

Zurück auf dem Desktop ist die erste Anlaufstelle das Startmenü links oben, das angenehm schlicht gehalten ist. Links gibt es eine Liste der Kategorien, rechts die jeweils zugeordneten Anwendungen. Die Sortierung ist teilweise unglücklich, da wir eine zentrale Software wie den Dateimanager (Nautilus wie unter Ubuntu) nicht unter „Zubehör“ suchen würden. Bereits aufgerufene Programme landen in dieser Liste stets oben, mehrfach aufgerufene Programme behalten ihre obersten Plätze. Die Sortierung im Suchfeld oben erfolgt nicht rein alphabetisch, sondern beispielsweise auch nach der Rubrik, etwa bei der Eingabe des Stichworts „Spiele“. Ähnlich funktioniert die Sortierung im Dialogfeld „Ausführen“, das mit der Tastenkombination Alt+F2 aufgerufen wird.

Einstellungen für das beigelegte Favoritendock Plank.
Vergrößern Einstellungen für das beigelegte Favoritendock Plank.

Dem Budgie-Desktop haben die Entwickler das schicke, aber einfache Favoritendock „Plank“ hinzugefügt, das auf der linken Seite des Desktops platziert ist. Standardmäßig gibt es dort zunächst nur wenige Anwendungen, darunter der Musikplayer Rhythmbox, der Gnome-Bildbetrachter, die Kalenderanwendung, der Videoplayer sowie der Browser. Ähnlich wie beim Ubuntu-Desktop Unity erscheinen dort auch die Symbole der gestarteten Anwendungen. Über Rechtsklick und „Im Dock behalten“ heften Sie ein Anwendungssymbol dauerhaft ins Dock. Die Einstellungen von Plank sind im Prinzip durch einen Rechtsklick auf eine freie Stelle im Dock und die Option „Einstellungen“ zu erreichen. Da es meist schwierig, bei transparenter Optik unmöglich ist, tatsächlich eine freie Stelle im Dock zu treffen, kann auch der Terminalbefehl

plank --preferences

aushelfen. Hier finden Sie alle Optionen zur Position, Optik und zum Verhalten des Favoritendocks. Wer den Starter lieber unten oder rechts am Bildschirm, mittig oder an den Rändern platzieren will, findet hier die dafür benötigten Schalter. Es gibt auch eine Einstellung für die Größe der Icons. Plank lässt sich automatisch ein-und ausblenden oder so einstellen, dass es verschwindet, wenn ein Programmfenster seinen Platz einnehmen will. Wer mit Plank alle Fenster minimieren will oder einen schnellen Zugriff auf den Papierkorb benötigt, findet auf der Registerkarte „Docklets“ die passenden Module. Darunter befindet sich auch Clippy, das Einträge aus der Zwischenablage sammelt. Der automatische Start von Plank wird über die Anwendung „Startprogramme“ gesteuert.

Auch interessant: Diese Ubuntu-Linux-Varianten gibt es: Server, Desktop, IoT

Seitenleiste und Konfigurationszentrum „Raven“

In der Systemleiste ganz rechts erscheint ein Pfeilsymbol, über das Sie das „Raven Configuration Center“ ebenso ein-und ausblenden können wie über das Glockensymbol. Unter der Rubrik „Applets“ wird der Kalender angezeigt. Darunter wird die Lautstärke gesteuert oder Ein-und Ausgabegeräte für den Klang geschaltet. Über das Zahnradsymbol rechts werden das Erscheinungsbild des Desktops, die Symbole oder die Schriftart individualisiert. Auch nachträglich installierte Themes tauchen dort in den jeweiligen Drop-down-Menüs auf.

Die Systemleiste oben kann erweitert und angepasst werden, wie bei anderen Desktops gewohnt.
Vergrößern Die Systemleiste oben kann erweitert und angepasst werden, wie bei anderen Desktops gewohnt.

Ganz unten findet sich die etwas kryptische Option „Disable unredirect“. Mit dieser Einstellung werden Videos von der Grafikkarte direkt auf dem Bildschirm wiedergegeben. Inzwischen ist diese Option bei den meisten Desktops standardmäßig aktiviert, kann aber auf Systemen mit älteren Grafikkarten zu erheblichen Leistungseinbußen führen. Wer keine Probleme mit der Grafik hat, kann diese Einstellung getrost ignorieren.

Systemleiste anpassen: Besonders interessant ist die Möglichkeit, die Systemleiste nach den individuellen Bedürfnissen zu bestücken. Sie können die Leiste von oben nach unten verlegen oder deren Größe anpassen, je nachdem, wie viel Platz ihr Bildschirm bietet. Unter „Applets“ gibt es zusätzliche inhaltliche Erweiterungsmöglichkeiten: Beispielsweise fehlt der Systemleiste zunächst die Anzeige laufender Anwendungen (Taskliste), wohl weil das Plank-Dock vergleichbare Dienste leistet. Mit einem Klick auf das Plus-Zeichen neben dem Eintrag „Applets“ erscheint eine Liste aller Leisten-Applets, darunter auch die „Task Liste“. Wird dieser Eintrag markiert, wechselt die Farbe des Plus-Zeichens oben von grau zu weiß. Ein Klick auf das Plus verfrachtet das Applet in die Taskleiste. Über die Pfeiltasten unten verschieben Sie markierte Leistenapplets an die gewünschte Stelle. Die Leiste bietet gute Kontrolle über diese Aktion, insofern sie die Verschiebeaktion direkt anzeigt.

Startmenü konfigurieren: Sofern ein Leisten-Applet individuelle Einstellungsmöglichkeiten besitzt, aktiviert das Raven Configuration Center das Zahnradsymbol unten rechts. Beim Platzhalter kann etwa der Abstand zwischen weiteren Applets verkleinert oder vergrößert werden. Interessanter sind die Optionen für das Startmenü, das hier „Budgie Menü“ heißt. Es kann etwa um eine eigene Bezeichnung erweitert werden. Wer im Startmenü auf die Rubriken verzichten will, schaltet sie hier aus, indem er die Option „Show Headers“ deaktiviert. Eine inhaltliche Anpassung des Menü ist an dieser Stelle nicht möglich.

Zweite Systemleiste unten: Es gibt auch die Möglichkeit, neben dem Eintrag „Leisten verwalten“ eine zweite Systemleiste mit einem Klick auf das Plus-Zeichen anzulegen. Als Position ist nur der Bildschirmrand unten möglich. Eine vertikale Ausrichtung scheidet aus. Fügen Sie dort etwa das Leisten-Applet „App-Leiste“ hinzu, können Sie sich selbst einen Favoritenstarter einrichten, der das Plank-Dock komplett ersetzt. In der App-Liste erscheinen auch alle laufenden Anwendungen, die mit einem Klick mit der rechten Maustaste auf das jeweilige Symbol und über den Eintrag „Zur Leiste hinzufügen“ permanent angeheftet werden. Wenn Sie in der Standardsystemleiste ausreichend Platz finden, ist diese Lösung natürlich auch dort möglich.

Ubuntu Budgie Remix

Ubuntu Budgie Remix basiert auf Ubuntu 16.04 LTS oder Ubuntu 16.10. Als Paketverwaltung dient hier wie beim Basissystem das Software Center von Gnome oder wahlweise Synaptic und apt im Terminal.

Projektseite: https://budgie-remix.org/

Download: https://budgie-remix.org/downloads/

Infos und Hilfe: www.reddit.com/r/BudgieRemix/
https://gitter.im/budgie-remix/community
https://plus.google.com/communities/106822666079268690759
https://facebook.com/budgie-remix

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