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Sparsames Linux: Minimal-System im Eigenbau

10.10.2017 | 15:00 Uhr |

Geht Linux noch sparsamer als mit Lubuntu, Bunsenlabs oder Bodhi Linux? Gewiss und deutlich – allerdings nicht von der Stange und nicht ganz anstrengungslos, wie die nachfolgende Bauanleitung zeigt.

Dieser Beitrag ist keine Distributionsvorstellung oder Empfehlung eines existierenden Linux-Desktops, sondern eine Beispielanleitung für einen besonders schlanken Desktop. Ziel und Ergebnis ist ein alltagstaugliches System für schwache Hardware, das unter 100 MB RAM Eigenbedarf hat und auch hinsichtlich Grafik und CPU keine Ansprüche stellt. Als geeignete Hardware kommen alle zehn bis 15 Jahre alten Rechner mit 512 bis 1024 MB in Betracht, die eine CPU mit PAE mitbringen. Soll das Gerät mit einem Browser ins Internet, ist eine Dualcore-CPU zu empfehlen. Unser Versuchsgerät ist ein Asus-Netbook von 2002 mit einem GB RAM und Intel Atom Dual Core.

Minimaler Ubuntu Server als Basis

Ausgangsbasis ist eine Serverinstallation ohne grafischen Desktop. Dafür eignet sich etwa der Webinstaller des Ubuntu Server (Download des „ mini.iso "). Für die angesprochene Zielhardware ist die schlankere 32-Bit-Ausführung zu empfehlen. Der Installer ist textbasiert, entspricht aber inhaltlich genau dem grafischen Ubuntu-Installer. Kabelnetz und entsprechende Auswahl der Netzwerkschnittstelle beim Setup sind dringend zu empfehlen, weil das Setup viel aus dem Internet nachlädt. Eine instabile Internetverbindung verzögert das Setup nicht nur, sondern kann auch zu dessen Scheitern führen.

Die Webinstallation bietet gegen Ende den Dialog „Softwareauswahl“. Unter anderem gibt es hier diverse Desktops in unterschiedlicher Ausführung – etwa auch ein „Lubuntu minimal“. Dies reduziert aber nur die Softwareausstattung, sehr viel Speicherersparnis ist damit gegenüber einem Lubuntu nicht zu erreichen.

Die harte Variante: Sie verzichten im Dialog „Softwareauswahl“ zunächst auf alle grafischen Komponenten und installieren den Ubuntu Server fast nackt. Lediglich die Auswahl der „Standard-Systemwerkzeuge“ und des SSH-Servers können nie schaden. Der installierte Ubuntu Server ohne Auswahl aller Zusatzpakete fordert dann gerade mal 45 MB RAM, bootet aber erst mal nur auf die Konsole. Über Strg-Alt-F1 können Sie sich mit den Kontodaten anmelden, die Sie bei der Installation für den Erstbenutzer definiert haben.

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Dosierte grafische Komponenten

Danach rüsten Sie einen minimalen Desktop manuell auf der Textkonsole nach. Die Zutaten können unterschiedlich ausfallen, aber folgende Kombination mit dem Openbox-Fenstermanager ist eine der sparsamsten Möglichkeiten (eine Zeile):

sudo apt install openbox obconf obmenu lxterminal tint2 tint 2conf nitrogen lxappearance

Absolut notwendig sind nur openbox, obconf und obmenu. Lxterminal (oder auch xfce4-terminal) ist als grafisches Terminal meist unverzichtbar, nicht zuletzt, um später die gewünschte Software über „apt install“ zu beziehen. Tint2 ist eine Systemleiste, die als Favoritenstarter, Taskliste und Arbeitsflächenanzeige dienen kann. Das Tool Nitrogen sorgt für die Anzeige eines Hintergrundbilds. Für die grundlegende Fensteroptik sorgt das Tool obconf (Openbox Konfiguration Manager), während lxappearance Feineinstellungen für grafische Fenster, Icon-Themen und Schriftgrößen anbietet.

Ab sofort können Sie die grafische Oberfläche nach der Anmeldung auf der Textkonsole mittels

startx 

laden. Ein Rechtsklick auf eine freie Desktopstelle zeigt das einfache Openbox-Menü, das Sie mit dem grafischen Tool obmenu ausbauen können. Die Systemleiste Tint2 lässt sich mit dem grafischen tint2conf recht ansehnlich einrichten, Nitrogen baut ein Hintergrundbild ein und mit obconf und lxappearance optimieren Sie die Oberfläche.

Nur 94 MB für System, Desktop plus Terminal: Andere davon abweichende Speicherangaben ergeben sich durch den Cache, der großzügig zuschlägt (665 MB), wenn viel RAM frei ist.
Vergrößern Nur 94 MB für System, Desktop plus Terminal: Andere davon abweichende Speicherangaben ergeben sich durch den Cache, der großzügig zuschlägt (665 MB), wenn viel RAM frei ist.

Etwas Zeit und Erfahrung bei der Desktopbastelei sind aber in jedem Fall Voraussetzung. Lohn der Investition ist ein ansehnliches und phänomenal schlankes grafisches System: Der Befehl free -m meldet lediglich 60 bis 70 MB RAM-Verbrauch. Nach optischem Ausbau der Leiste, des Hintergrunds und des Menü kann sich der RAM-Verbrauch auf 90 bis 100 MB steigern. Das ist aber immer noch rekordverdächtig sparsam.

Um den Startkomfort zu erhöhen, sollte die Openbox-Oberfläche nach der Anmeldung in der Textkonsole automatisch geladen werden. Hierfür genügt etwa folgender Abschnitt am Ende der Datei „~/.bashrc“:

x=$(ps -e | grep openbox)  if [ ${#x} -eq 0 ]  then  startx  fi  

Openbox wird dann bei der Anmeldung in der virtuellen Konsole über die „~/.bashrc“ automatisch mit „startx“ aufgerufen. Beim Start des Terminals an der grafischen Oberfläche erkennt das Script den laufenden Prozess und überspringt den Aufruf.

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Weiterer Komfort ist über die Konfigurationsdatei „~/.config/openbox/ autostart“ zu erreichen. Ist diese leer, startet Openbox nackt auf schwarzen Bildschirm und bietet nur das Standardmenü. Die Datei „autostart“ definiert Zeile für Zeile (in der angegebenen Reihenfolge), was beim Openbox-Start geschehen soll. Mindestens diese beiden Befehle sind zu empfehlen:

nitrogen --restore & tint2 &  

Damit lädt Openbox automatisch Nitrogen und dieses Tool mit dem angegebenen Schalter wiederum das zuletzt genutzte Hintergrundbild. Außerdem wird die Systemleiste gestartet.

Die Systemleiste konfigurieren Sie relativ bequem über das grafische Tool tint2conf („Edit theme“). Das auf dem oben beschriebenen Weg über die Ubuntu-Paketquellen nachgeladene tint2conf funktioniert fehlerlos. Die Ausrichtung finden Sie im Punkt „panel“, die Farben der Leiste unter „Backgrounds“. Die Einträge für die Programmfavoriten der Leiste sind unter „Launcher“ komfortabel per Mausklicks einzurichten.

Das puristische Openbox-Menü, das nach Rechtsklick am Desktop oder auf der Systemleiste erscheint, können Sie mit dem grafischen Tool obmenu ausbauen. Über „New item“ entsteht ein neuer Einzeleintrag, über „New menu“ eine neue Menükategorie, die dann Einzeleinträge aufnehmen kann. Für neue Einzelstarter ist nicht mehr notwendig als die Eingabe des Namens, der im Menü erscheinen soll, und des maßgeblichen Programmaufrufs.

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