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Smart Hospital: Im Mittelpunkt steht der Mensch

22.11.2017 | 15:45 Uhr |

Künstliche Intelligenz in der Medizin, Roboter in der Pflege, Wearables als potenzielle Lebensretter: Die Liste der aktuell diskutierten und auch bereits eingesetzten digitalen Technologien, die die Zukunft der Gesund-heitsversorgung bestimmen werden, lässt sich beliebig verlängern. Aber spielen diese digitalen Initiativen auch zusammen? Ein Blick auf das entstehende Smart Hospital zeigt, wie die digitale Zukunft im Klinikumfeld aussieht.

Die Medizin durchläuft den größten Veränderungsprozess aller Zeiten. Sie muss sich einem doppelten Paradigmenwechsel unterziehen, dem Übertritt in die molekulare Medizin und der Digitalisierung an sich.

Der letzte vergleichbare, aber vergleichsweise langsamer ablaufende Paradigmenwechsel geht auf Mitte des 17. Jahrhunderts zurück, als Antoni von Leeuwenhoek (1632-1723) mit seinem Mikroskop das Kapillarsystem, rote Blutkörperchen, Spermien und Bakterien visualisierte. Die Nutzung digitaler Technologien für molekularmedizinische Befunde oder Verfahren birgt ein darüber hinausgehendes Potenzial.

Vor einer Diskussion spezieller inkrementeller Anwendungen oder Vorteile digitaler Entwicklungen und Innovationen in der Medizin gilt es, den Blick von oben auf größere, in Umsetzung befindliche Digitalisierungsprojekte zu richten.

Die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung ist in vollem Gange. Von herausragender Zielsetzung ist die erfolgreiche digitale Interaktion von Krankenhäusern, Praxen, Institutionen der Anschlussheilbehandlung, Apotheken, Kostenträgern und einer Reihe weiterer Einrichtungen. Zur Unterstützung dieses Vorhabens wurde das „Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen“ - kurz E-Health-Gesetz genannt - verabschiedet. Damit soll die elektronische Gesundheitskarte (eGK) endlich mit Anwendungen bestückt werden.

Die digitale Plattform dafür - die Telematik-Infrastruktur - soll die unterschiedlichen Bereiche des Gesundheitswesens über sogenannte Sektorengrenzen hinweg miteinander vernetzen. Die Anbindung aller Arzt- und Psychotherapiepraxen und Krankenhäuser an die Telematik-Infrastruktur muss zum 31. Dezember 2018 abgeschlossen sein.

Dieser unzweifelhaft wichtige Schritt im Kontext der digitalen Unterstützung des Gesundheitswesens entbindet natürlich nicht deren einzelne Institutionen davon, sich mit eigenen Digitalisierungsinitiativen auseinanderzusetzen. Dass bereits heute kein Krankenhaus mehr ohne digitale Hightech auskommt, weiß jeder, der in jüngerer Vergangenheit Gelegenheit hatte, an der einen oder anderen Stelle den Klinikalltag zu erleben. Besonders relevante Impulsgeber für die Digitalisierung sind Universitätskliniken.

Nicht zuletzt auch aufgrund ihrer speziellen Struktur hat sich die Universitätsmedizin Essen auf den Weg gemacht, sich zu einem Smart Hospital weiterzuentwickeln. Das Universitätsklinikum, eine große Lungenfachklinik, ein Herzzentrum, ein Krankenhaus der Grundversorgung, das Westdeutsche Protonentherapiezentrum Essen und mehrere Enkelunternehmen bilden die Basis für eine komplexe digitale Vernetzung innerhalb eines Konzerns mit einer darüber hinausgehenden Anbindung an externe Partner.

Digitalisierung nimmt Fahrt auf

Digitalisierung im Krankenhaus ist keineswegs etwas Neues, sondern vielmehr ein evolutionärer Prozess. Dieser nimmt aktuell unglaublich an Fahrt auf, auch weil verschiedene Technologien wie Künstliche Intelligenz , Blockchain-Technologie oder Robotik in verschiedene Bereiche eines Klinikbetriebs parallel Einzug halten.

Damit verändert sich nicht nur die Verarbeitungsgeschwindigkeit bei einzelnen Aufgabenstellungen. Es werden auch große Mengen an Daten und Informationen generiert. Was vielfach fehlt, ist die geeignete Infrastruktur, um die verschiedenen digitalen Initiativen miteinander zu vernetzen. Darüber müssen die an unterschiedlichen Stellen generierten Daten und Informationen zusammengeführt und im Sinne der Patienten zu einer substanziellen Qualitätssteigerung in der Gesundheitsversorgung genutzt werden. Denn Ziel der Digitalisierung im Gesundheitswesen muss es immer sein, dem Patienten einen größeren Nutzen zu bereiten.

Den Krankenhäusern kommt bei all den vorgenannten Überlegungen eine ganz besondere Bedeutung zu. Dabei braucht es Vordenker und Vorreiter, die die notwendigen Veränderungen vorantreiben und etablieren. Diese Herausforderung hat die Universitätsmedizin Essen angenommen. Sie spielt eine zentrale Rolle in der regionalen Gesundheitsversorgung der Metropolregion Ruhr und soll in aller Konsequenz als eine der ersten Kliniken in Deutschland zu einem Smart Hospital weiterentwickelt werden.

Unter Smart Hospital versteht die Universitätsmedizin Essen die Neustrukturierung des Universitätsklinikums und seiner Töchterkliniken mit dem klaren Ziel, die Versorgung der Patientinnen und Patienten über eine digitale Transformation deutlich zu verbessern und das patientennah arbeitende Personal von zahlreichen fachfremden Tätigkeiten durch den Einsatz moderner IT-Systeme zu entlasten.

Neben diesen Zielsetzungen richtet sich ein vorrangiges Anliegen auf die Erhebung und Validierung zahlreicher Datengruppen, die intelligent verknüpft und mit den medizinischen Fachdaten zusammengeführt werden. Mit diesem Ansatz werden ohne jeden Zweifel Diagnostik und Therapieentscheidungen beschleunigt und optimiert.

Bei der Weiterentwicklung zum Smart Hospital geht es also nicht nur um Prozessoptimierungen oder um datenbasierte Behandlungen mit oder ohne Systemen wie IBM-Watson. Es geht vielmehr um einen Digitalisierungsprozess in zahlreichen Schritten, der mit Patienten und Mitarbeitern gemeinsam zu gehen ist. Es ist weniger die Informationstechnologie als vielmehr der Mensch, der einer raschen Weiterentwicklung entgegensteht.

Aus diesem Grunde erfordert die Digitalisierung eines Krankenhauses einen umfangreichen internen Veränderungsprozess, der Schritt für Schritt erfolgen muss und nicht verordnet werden kann. Dabei müssen die mit der Digitalisierung einhergehenden Probleme identifiziert, offen angesprochen und Lösungen erarbeitet werden. Hierzu gehört ganz besonders auch die Kommunikation von zu erwartenden Ergebnissen und Auswirkungen, die alle Beteiligten zur Unterstützung des Veränderungsprozesses motivieren muss.

Der Digitalisierungsprozess verfolgt das Ziel, die durch eine breite Vernetzung der vom medizinischen Personal und von digitalisierten medizinischen Geräten generierten Daten in eine elektronische Patientenakte zu überführen. Die elektronische Patientenakte ist die Basis für das Smart Hospital, zu dem in Essen verschiedene weitere Unterstützungs- und Spezialisierungssysteme gehören werden wie

• ein digital unterstütztes Call Center

• die Anbindung eines sektorenübergreifenden Telemedizinnetzes

• eine sektorenübergreifende Kommunikationsplattform

• die Verfügbarkeit eines App-Stores für die optimierte Patientenbetreuung sowie für die Nachversorgung in allen medizinischen Bereichen

• ein Zentrum für Künstliche Intelligenz in der Medizin

• ein Robotik-Center

• eine Abteilung für 3D-Druck

• ein Datenvalidierungszentrum

All diese und weitere Komponenten werden im Kontext des Masterplans Smart Hospital in einer definierten Reihenfolge implementiert. Manches geht langsamer, manches schneller, anderes ist ein kontinuierlicher Digitalisierungsprozess, stets ausgerichtet auf die beiden wesentlichen Zielgruppen für eine erfolgreiche Krankenhausdigitalisierung, die Patienten und die Mitarbeiter.

Im Mittelpunkt der Mensch

Digitalisierung im Krankenhaus ist also kein Selbstzweck, sondern dient der Qualitätsverbesserung und der Optimierung von Prozessen. Dabei ist die übergeordnete Zielsetzung in einem Smart Hospital, dass Patientinnen und Patienten dieses als Ort persönlicher und warmherziger Zuwendung mit spitzenmedizinischer Behandlung erleben werden.

Der erfolgsentscheidende Faktor zum Erreichen dieses Ziels ist der Mensch selbst. Denn sowohl die im Gesundheitswesen Beschäftigten als auch die Patienten müssen mit auf den Weg genommen werden. Sie müssen den Nutzen erkennen, den bereits heute die Digitalisierung für jeden einzelnen in seinem Bereich bringen kann. Das gilt sowohl für die digital aufgeschlossenen Menschen als auch für jene, die Sorgen oder gar Ängste vor dem Ungewissen haben. Wichtig ist es, dass der Nutzen der Digitalisierung für Menschen nicht abstrakt bleibt, sondern erlebbar wird.

Ein gutes Beispiel für einen erkennbaren Nutzen ist die klinische Anwendung Künstlicher Intelligenz (KI, Artificial Intelligence, AI). Schon heute werden in der Universitätsmedizin Essen kognitive Computersysteme in der Klinik für Radiologische Diagnostik (Direktor: Prof. Dr. M. Forsting) eingesetzt, um Krankheitsbilder schneller und genauer zu diagnostizieren. Durch die Vernetzung mit internationalen Datenbanken wird dabei ein immens breites Wissen genutzt, aber auch zur Verfügung gestellt, um passgenaue Therapiekonzepte für jeden Patienten zu erstellen und umzusetzen.

Die Universitätsmedizin Essen bezieht auf ihrem Weg zum Smart Hospital die Kompetenzen der Patienten umfänglich ein. Auch dafür wurde das Institut für Patienten-Erleben gegründet, das eng in die digitalen Umstrukturierungsprozesse eingebunden wird. Damit ist die Digitalisierung der zentrale Schlüssel, den Patienten wieder verstärkt in den Fokus der Behandlung im Krankenhaus zu stellen.

Neben Prozessoptimierungen und Entlastungen des Personals von fachfremden Arbeiten wird die standardisierte Medizin hin zur personalisierten Medizin - oder treffender ausgedrückt: zur Präzisionsmedizin geöffnet.

Auch wenn beide Begriffe für ein ähnliches Ansinnen eingesetzt werden, gibt es wesentliche Unterschiede: Personalisiert bedeutet ja im Grunde eine streng auf diese eine Person ausgerichtete Therapie, also beispielsweise eine für diese eine Person ausgerichtete Antikörpertherapie.

Dies ist aber nicht wirklich zutreffend. Es geht vielmehr um eine ganz präzise Patientenauswahl für das nach aktuellen Behandlungskriterien am besten erscheinende Behandlungskonzept. Diese Auswahl wird immer stärker digital und KI-basiert festgelegt.

Ein weiterer gängiger Begriff ist die individualisierte Therapie. Nicht die Begrifflichkeit ist das Innovative, sondern die intelligente Datenauswertung, basierend auf individuellen Daten aus Radiologie, Pathologie, Molekulargenetik, Mikrobiologie, Virologie, Serologie und weiteren diagnostischen Verfahren, die mit dem Wissen der Medizinliteratur in Verbindung gebracht werden.

Bei all diesen Überlegungen darf man den Datenschutz natürlich nicht aus den Augen verlieren. Universitätsklinika genießen dabei als Anstalten öffentlichen Rechts ein besonderes Vertrauen. Schließlich zählt Gewinnmaximierung nicht zu den Prinzipien dieser Häuser, sondern Forschung, Lehre und die Weiterentwicklung der Spitzenmedizin. Letztere wird künftig allerdings nicht mehr ohne eine über kognitive Computersysteme ablaufende, datenbasierte Forschung weiterentwickelt werden können.

Die durch den Datenschutz aufgestellten Regularien behindern allerdings auch an verschiedenen Stellen eine für die Patienten orientierte Vorgehensweise. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass die digitale Transformation deutlich langsamer abläuft als sie könnte. Hier bleibt abzuwarten, welchen Effekt die ab dem 25. Mai 2018 zu beachtende Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) , eine Verordnung der Europäischen Union, haben wird, mit der die Regeln für die Verarbeitung von personenbezogenen Daten durch private Unternehmen und öffentliche Stellen EU-weit vereinheitlicht werden.

Beim Thema Datenschutz ist natürlich nicht nur an die spezielle Situation eines Krankenhauses zu denken. Ganz besonders außerhalb von Kliniken und Praxen nehmen die Datenmengen zu. So drängen mehr und mehr Patienten oder auch Gesunde, vor allem die Digital Natives, auf Integration der eigenen Daten, die sie über Selbstvermessungen generiert haben, in deren medizinische Betreuung. Hierzu gehören auch die über Wearables erhobenen Vitaldaten, die sie gerne vertrauenswürdigen Instanzen zur Verfügung stellen möchten, wenn es ihrer Gesundheit dient.

Diese Akzeptanz wird in breiten Bevölkerungsschichten wachsen, wenn das Spektrum der über digitale Devices erfassten Vitalparameter wächst. Denn auch für viele ältere Menschen steigt die Lebensqualität, wenn etwa nach einer Operation oder im Zuge einer Behandlung ganz bequem Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Blutzucker und andere Werte regelmäßig gemessen, analysiert und auf diese Weise behandlungswürdige Ereignisse identifiziert werden, obwohl die Menschen zum Zeitpunkt der Datenerhebung noch überhaupt keine Beschwerden haben.

Pionierarbeit leisten

Der Einsatz digitaler Technologien im Gesundheitswesen wächst rasant. Heutzutage ist aus technologischer Sicht auch in Krankenhäusern Unglaubliches möglich. Vielfach steht der raschen Einführung die Finanzierung, aber auch der Mensch, vor allem die Mitarbeiter eines Unternehmens, entgegen. Zurückhaltung gegenüber Veränderungen und/oder Sorgen um die Entwicklung des eigenen Arbeitsplatzes, der sich ebenfalls durch die Digitalisierung verändern wird, sind Erklärungen hierfür.

So bedeutet der Weg zum Smart Hospital zu allererst einmal, Pionierarbeit zu leisten. Erste Kliniken wie die Universitätsmedizin Essen sehen in der digitalen Transformation eine große Chance. Diese zu nutzen erfordert nicht nur Mut, sondern auch eine große Anstrengung, alle Menschen mit auf den Weg der Digitalisierung zu nehmen.

Daher ist es wahrscheinlich nicht einmal eine Technologie oder eine besondere Innovation, die den Weg erfolgreich macht. Es ist wahrscheinlich die im Institut für Patienten-Erleben organisierte Begleitung aller Beteiligten, die dazu notwendig ist, um ein Smart Hospital zu schaffen, das die Patienten als Ort persönlicher und warmherziger Zuwendung mit spitzenmedizinischer Behandlung erleben werden.

Damit dies gelingt, sind alle Beteiligten, insbesondere aber auch die Klinikdirektoren, weitere Führungskräfte und die Gremienvertretungen eng in den Wandlungsprozess einzubinden.

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