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Peertube: Videoportal mit Peer-to-Peer-Technik

14.12.2018 | 15:03 Uhr | David Wolski

Erst machte die zensierende „Adpocalypse“ Youtubern das Leben schwer, bald folgen Uploadfilter gegen Urheberrechtsverletzungen. Das Projekt Peertube tritt als dezentrale Alternative zu Youtube an und arbeitet nach dem Peer-to-Peer-Prinzip.

Die Videoplattform Youtube scheint eine anhaltende, beispiellose Erfolgsgeschichte. Jede Minute laden User 400 Stunden Videomaterial auf die Youtube-Server. 1,8 Milliarden User melden sich jeden Monat mit ihrem Google-Konto auf der Videoplattform an. Trotz der offensichtlichen Popularität hängt zwischen Youtube und den Schöpfern der Inhalte der Haussegen schief. Youtube macht es durch striktere, aber oft intransparente Inhaltsrichtlinien den Channelbetreibern immer schwerer, mit Werbung Geld zu verdienen. Gleichzeitig muss Youtube gegen Urheberrechtsverletzungen vorgehen und löscht Videos schon auf Verdacht, auch wenn der Clip unbegründet beanstandet wurde. Mit dem neuen europäischen Urheberrecht werden sich zudem automatisierte Uploadfilter verschärfen, die Urheberrechtsverletzungen rigoros verhindern sollen.

Verteilter Traffic, geteiltes Leid

Auf populären Channels wird bereits diskutiert, von Youtube abzuwandern. Doch wohin? Etlichen Youtubern wird schmerzhaft bewusst, dass sie von einer einzigen Plattform abhängig sind, für die es keine gleichwertige Alternative gibt. Die Betriebskosten einer Videoplattform in dieser Größenordnung und der Aufbau der nötigen Netzwerk- und Storage-Infrastruktur sind unbezwingbare Hürden und kaum wirtschaftlich zu meisten.

Das Open-Source-Projekt Peertube ( https://joinpeertube.org ) eröffnet einen anderen Weg. Es wird vom renommierten Verein Framasoft in Frankreich als dezentrales Video-Publishing-System entwickelt. Peertube selbst ist keine Plattform, sondern eine Software zum Aufbau einer Onlinevideothek im Stil von Youtube, die aber nach dem Peer-to-Peer-Prinzip funktioniert. Besucher streamen hier nicht nur einfach ein Video auf das eigene Gerät, sondern laden dabei die Inhalte gleichzeitig wieder an andere Peers hoch, die soeben denselben Inhalt angefordert haben. So verteilt sich der Netzwerkverkehr zwischen den Betreibern der Peertube-Instanzen und Besuchern.

Möglich machen das die recht neuen, aber bereits breit unterstützten Webstandards „Webtorrent“ und „Activity Pub“. Dies sind Javascript-Technologien, die in Firefox, Chrome/Chromium, Opera Safari und Microsoft Edge funktionieren, auch in den Mobilvarianten dieser Browser. Auch das dezentrale soziale Netzwerk Mastodon ( https://mastodon.social ) nutzt diese Technologien schon.

Peertube wird seit 2015 entwickelt und bekam kürzlich mehr Aufmerksamkeit, als die Blender Foundation nach einem Streit mit Youtube über unerwünschte Werbung eine eigene Peertube-Präsenz für Demovideos aufbaute.

Zusammen ist man stark

Als interessierter Anwender braucht man wenig mehr als einen modernen Browser auf dem Desktop oder Smartphone, um einen Peertube-Server zu besuchen. Die Videos der Blender Foundation sind beispielsweise auf https://video.blender.org zu sehen. Auf https://framatube.org zeigen die Peertube-Entwickler ihre Clips. Der gesamte Podcast-Katalog zu Linux und Open Source von Jupiter Broadcasting ist auf https://getjupiter.com zu finden.

Die Peertube-Präsenzen unterscheiden sich teils erheblich in den Inhalten und Inhaltsrichtlinien. Das föderale System bringt es mit sich, dass es keine zentrale Videosuche wie in Youtube geben kann. Mehrere gleichgesinnte Peertube-Präsenzen können ihre Server aber zu einem Verband zusammenschließen und so ihre Inhalte synchronisieren. Die Idee und Hoffnung der Peertube-Entwickler ist der Zusammenschluss Tausender Instanzen. Denn erst durch die Masse an Servern wird eine ernsthafte Alternative zu Youtube entstehen. Gleichzeitig erlaubt Peertube aber auch völlig isolierte oder private Videoserver. Die offizielle Liste auf https://instances.joinpeertube.org/instances umfasst immerhin schon fast 300 große und kleine Peertube-Instanzen und Zusammenschlüsse.

Viele öffentliche Instanzen erlauben die Registrierung mit Mailadresse und den Upload eigener Videos. Die Richtlinien zu maximaler Größe und Inhalt legen dabei die Betreiber des Peertube-Servers fest. Andere Nutzer können Videos melden, die gegen diese Richtlinien verstoßen. Auf diese Weise soll en das unvermeidliche Treibgut des Internets, dessen schlimmere Elemente sowie Urheberrechtsverletzungen ferngehalten werden. Jeder Besucher wird selbst zum Peer, deshalb wird es wie bei Bittorrent ein Risiko, urheberrechtlich geschütztes Material per Peertube zu verbreiten.

Podcasts und Präsentationen: Die Open-Source-Szene hat Peertube bereits für sich entdeckt.
Vergrößern Podcasts und Präsentationen: Die Open-Source-Szene hat Peertube bereits für sich entdeckt.

Langer Weg zur eigenen Instanz

Wer selbst auf seinem Server eine Peertube-Instanz für eigene Videos aufbauen oder einem bestehenden Verband beitreten will, muss die passende Hardware bei einem Hoster mieten. Denn Peertube verlangt ordentlich Rechenleistung für die Bereitstellung von Videos in mehreren Auflösungen, was ein Recodieren des Quellmaterials per ffmpeg erfordert. Die Anbindung eines heimischen Servers an einem DSL-Anschluss ist nicht ausreichend und würde die Peertube-Instanz oder auch einen ganzen Peertube-Verband ausbremsen.

Dennoch ist es nicht so, dass Peertube auf einem Server im Internet die gesamte Systemleistung beansprucht. Auf einem durchschnittlichen Serversystem mit einer Zweikern-CPU und zwei GB RAM fällt eine laufende Peertube-Instanz in der Systemauslastung kaum ins Gewicht. Peertube ist im Wesentlichen in Node.js programmiert, bevorzugt den Webserver Nginx und verlangt eine Postgresql-Datenbank sowie die RAM-basierende Datenbank Redis. Diese Serverkomponenten bieten im Vergleich zu den herkömmlichen Lösungen mit Apache und My SQL eine höhere Effizienz und bessere Skalierbarkeit.

Für eine öffentliche Peertube-Instanz ist ein valides SSL-Zertifikat Pflicht, etwa ein kostenloses Zertifikat von Let’s Encrypt ( https://letsencrypt.org ). Generell ist der Aufbau einer Peertube-Instanz eine Aufgabe für fortgeschrittene Admins, die unter https://git.io/fx6GP dokumentiert ist. Seit Version 1.0 entschärfen immerhin fertige Pakete von Peertube für viele Linux-Distributionen die Installation. Auf https://purr.rigelk.eu/lang/en/docs/install gibt es eine Auswahl verschiedener Pakete sowie die dazugehörigen Anleitungen. Auch der Betrieb unter Docker ist in den englischsprachigen Anleitungen beschrieben.

Videos als Benutzer hochladen: Peertube akzeptiert Videoauflösungen bis 4 K und erledigt die Recodierung in andere Auflösungen.
Vergrößern Videos als Benutzer hochladen: Peertube akzeptiert Videoauflösungen bis 4 K und erledigt die Recodierung in andere Auflösungen.

Fazit: Ein zartes Pflänzchen

Peertube zeigt, was mit den modernen Webtechnologien Webtorrent und Activity Pub möglich ist, und weist den Weg zu einem dezentraleren Internet, in welchem Browser und Endgeräte der Besucher eine größere Rolle spielen. Ob es der Peertube-Gemeinde wirklich gelingt, eine Konkurrenz zu Youtube zu werden, wird von der Zahl der neuen Instanzen in den nächsten Monaten abhängig sein. Die bisherigen wenigen Hundert Instanzen reichen dafür noch nicht aus, es gibt schlicht zu wenig Inhalte über die Open-Source-Szene hinaus. Bevor es Wachstum geben kann, müsste die Installation auf den verschiedenen Linux-Distributionen einfacher werden: Die erfordert noch zu viel Handarbeit, um mal eben nebenbei eingerichtet zu sein.

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