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Multiboot mit Linux einrichten - so geht's

23.06.2019 | 10:09 Uhr |

Mehrere Betriebssysteme auf dem gleichen Rechner oder einem USB-Datenträger? Das geht. Dabei können Sie es sich je nach Anspruch sehr einfach oder technisch komplizierter machen. Wir zeigen Ihnen, worauf Sie achten müssen.

Häufigstes Szenario für Dual- oder Multiboot-Umgebungen sind Parallelinstallationen von Linux und Windows. Wer auf sein Windows-System nicht verzichten will oder kann, aber hauptsächlich mit Linux arbeiten will, wird mit einer parallelen Installation beider Systeme keine Schwierigkeiten haben. Entscheidend ist, dass Windows zuerst installiert ist: Nachfolgend installierte Linux-Varianten erkennen das bestehende Windows und bieten automatisch eine parallele Einrichtung an.

Dualboot von Linux und Windows ist aber nicht das einzige Multiboot-Motiv: Auch der Start mehrerer Linux-Systeme von einem Datenträger ist häufig erwünscht – insbesondere auf mobilen USB-Datenträgern, die einen ganzen Linux-Werkzeugkasten mitbringen sollen.

Multiboot-Stick mit mehreren Livesystemen

Unetbootin , Etcher , Win 32 Disk Imager sind Tools, die genau ein Systemabbild bootfähig auf USB kopieren. Wer auf größeren USB-Sticks oder auf USB-Festplatten mehrere Reparatur- und Zweitsysteme für jeden Einsatzzweck unterbringen will, kann ebenfalls auf einschlägige Werkzeuge zurückgreifen:

Multisystem bringt mehrere Livesysteme auf einem USB-Stick unter.
Vergrößern Multisystem bringt mehrere Livesysteme auf einem USB-Stick unter.

1. Unter Linux geht das am einfachsten über das Tool Multisystem, für das Sie einen FAT32-formatierten USB-Stick benötigen. Installieren Sie das Tool in einem Terminalfenster über die folgenden vier Zeilen:

echo deb http://liveusb.info/multisystem/depot all main | sudo tee /etc/apt/sources.list.d/multisystem.list  wget -q http://liveusb.info/multisystem/depot/multisystem.asc -O- | sudo apt-key add -  sudo apt update  sudo apt install multisystem  

Starten Sie dann Multisystem, wählen Sie den USB-Stick in der Liste aus und klicken Sie auf „Überprüfen“. Bestätigen Sie die Installation des Grub2-Bootloaders mit „OK“. Dann ziehen Sie die ISO-Datei des gewünschten Systems vom Dateimanager auf den Bereich unter „Drag and Drop ISO/ img“ im Fenster von Multisystem und bestätigen die Kopieraktion mit Ihrem root-Passwort. Diese Aktion wiederholen Sie für jedes System, das Sie von USB-Stick starten möchten.

Per Klick auf das Augen-Symbol blenden Sie ein erweitertes Menü ein. Bei Ubuntu-Systemen können Sie über die Schaltfläche mit dem Disksymbol einen persistenten Speicher einrichten: Das bedeutet, dass das an sich unveränderliche Livesystem nachträgliche Installationen und Konfigurationsänderungen erlaubt. Klicken Sie auf die Schaltfläche mit den Reglern und dann auf „grub.cfg“, um beispielsweise die Beschriftung der Grub-Menüeinträge zu bearbeiten.

Tipp: Der optimale Reparatur-Stick für PC-Notfälle

Multisystem unterstützt mehr als 200 populäre Systeme. Einige Systeme entpackt das Tool auf den USB-Stick, andere startet es direkt aus der ISO-Datei. Für jedes System ist die Konfiguration des Bootloaders in der Datei „/usr/local/share/multisystem/ os_support.sh“ hinterlegt. Bei Bedarf können Sie diese Datei bearbeiten und auch nicht unterstützte Systeme einbauen.

Yumi kopiert Schritt für Schritt mehrere Linux-Livesysteme auf USB-Datenträger.
Vergrößern Yumi kopiert Schritt für Schritt mehrere Linux-Livesysteme auf USB-Datenträger.

2. Unter Windows ist Yumi („Your Universal Multiboot Installer“) das derzeit beste Tool, um mehrere Linux-Systeme auf USB-Datenträger zu kopieren. Wer die Wahl hat, sollte dem unkomplizierteren Yumi unter Windows gegenüber Multisystem unter Linux den Vorzug geben. Die Linux-Variante von Yumi ist inzwischen leider eingestellt. Yumi gibt es unter www.pendrivelinux.com/yumi-multiboot-usb-creator/ zum Download. Es ist unter Windows ohne Installation sofort ausführbar, befördert mehrere Linux-Distributionen bootfähig auf USB und bietet beim Boot sein Auswahlmenü sowie den Boot über Festplatte. Die wenigen Arbeitsschritte sind einfach: Sie wählen in „Step 1“ das gewünschte Ziellaufwerk, in „Step 2“ die Distribution und im letzten Schritt das ISO-Image. Nach absolvierter Kopie fragt Yumi jedes Mal automatisch nach: „Would you like to add more ISOs…“. Mit „Yes“ können Sie dann nach demselben Strickmuster weitere Systeme aufnehmen, solange der Platz des Datenträgers reicht. Beim Booten des Datenträgers erscheint der Yumi-Bootloader und bietet unter „Linux Distributions“ die eingerichteten Systeme an. Standardmäßig lädt Yumi nach 30 Sekunden Wartezeit das festinstallierte System der ersten Festplatte.

Multiboot von installierten Linux-Systemen

Technisch völlig verschieden vom Start mehrerer Livesysteme ist ein Multiboot von ordentlich installierten Linux-Systemen. Und auch hier sind noch einmal zwei verschiedene Situationen zu unterscheiden:

Linux-Multiboot auf Festplatte: Soll auf einem PC mit Linux-Betriebssystem ein weiteres Linux installiert werden, hängt die richtige Vorgehensweise vom Installer des neuen Systems ab. Während sich alle Installer inzwischen sorgsam hüten, ein vorhandenes Windows zu shreddern, ist Linux-Rücksicht untereinander ungewiss. Der Ubuntu-Installer erkennt nach unserer Erfahrung die meisten bereits vorhandenen Linux-Systeme und bietet dann unter „Installationsart“ die Parallelinstallation genauso an wie nachfolgend unter „Linux und Windows“ (Schritt 3) beschrieben. Die Partitionierung, im Bedarfsfall die Verkleinerung der bestehenden Partition, erfolgt dann weitgehend automatisch. Bei jedem Installer, der das bestehende Linux nicht erkennt, hilft nur die manuelle Partitionierung wie bei der USB-Installation.

Linux-Multiboot auf USB: Linux läuft uneingeschränkt auf USB-Medien, jedoch ist das Setup auf eine Einrichtung auf die interne Festplatte ausgelegt. Wenn Sie mehrere Linux-Distributionen ordentlich (nicht bloß als Livesystem) auf USB einrichten möchten, ist manuelle Partitionierung zwingend. Im Falle des Ubuntu-Installers heißt das, dass Sie im entscheidenden Dialog „Installationsart“ den Punkt „Etwas Anderes“ wählen müssen. Für das erste System muss das Laufwerk neu partitioniert und formatiert werden. Klicken Sie auf die „-“-Schaltfläche, um vorhandene Partitionen zu entfernen. Erstellen Sie dann über die „+“-Schaltfläche so viele Partitionen, wie Sie vorhaben, Systeme einzurichten. Eine zusätzliche Swappartition ist nicht notwendig. Für das aktuelle installierte System wählen Sie hinter „Einbindungspunkt“ den Eintrag „/“ aus der Liste.

Unter „Gerät für die Bootloader-Installation“ wählen Sie unbedingt das USB-Medium aus, auf dem Sie installieren – beispielsweise „/dev/sdb“. Klicken Sie zum Abschluss auf „Jetzt installieren“.

Die Einrichtung der nachfolgenden Linux-Systeme verläuft analog. Sie müssen nur darauf achten, in die noch ungenutzten Partitionen zu installieren.

Damit die Installation von Linux nicht schiefgeht, schalten Sie vorher den „Schnellstart“ aus.
Vergrößern Damit die Installation von Linux nicht schiefgeht, schalten Sie vorher den „Schnellstart“ aus.

Linux und Windows parallel

Wer Windows nur benötigt, um einmal im Monat seine Überweisungen per Homebankingsoftware zu senden, spart sich Zeit und potenzielle Fehlerquellen, wenn er Windows unter einem Virtualisierungsprogramm installiert (siehe die Artikel zu Vmware und Virtualbox in diesem Heft, Seite 40 und 46 ff.). Geht es um häufigen Einsatz und optimale Leistung, kommt man aber um ein Multiboot-System nicht herum:

Schritt 1: Windows sollte zuerst installiert werden, da Windows bei der Installation standardmäßig die Grub-Bootumgebung von Linux überschreibt. Dies ist keine Katastrophe, zieht aber lästige Hilfsmaßnahmen mit der Super Grub Disk und der Grub-Reparatur nach sich (siehe unten).

Schritt 2: Wer nach installiertem Windows mit dem Aufspielen des ersten Linux-Systems beginnt, muss unter Windows zwei Optionen kontrollieren, die regelmäßig zu Problemen führen. Zum einen sollte der Schnellstart in den Systemeinstellungen unter den „Energieoptionen“ ausgeschaltet werden. Dort gibt es einen Eintrag, der bestimmt, was beim Drücken des Netzschalters passieren soll. Wenn Sie hier mit dem Link die Einstellungen freischalten, die „momentan nicht verfügbar“ sind, findet sich unter „Einstellungen für das Herunterfahren“ die Option „Schnellstart“. Diese Option müssen Sie deaktivieren.

Kontrollieren Sie in den „Eigenschaften“ der Festplatte zusätzlich, ob sich um einen „dynamischen Datenträger“ handelt. Mit dieser Art der Partitionierung kann keine Installationsroutine von Linux umgehen. Schließlich booten Sie den Rechner, unterbrechen den normalen Start (F2, F8, Esc und andere Varianten) und gehen in das Bios. Suchen Sie dort die Option „fastboot“, um sie auf „disabled“ zu setzen.

Die Partitionierung können Sie auch vorab erledigen.
Vergrößern Die Partitionierung können Sie auch vorab erledigen.

Schritt 3: Jetzt kann es mit der eigentlichen Installation des ersten Linux losgehen. Das Setup sollte das vorhandene Windows erkennen und eine friedliche Koexistenz vorschlagen. So markiert der Ubuntu-Installer im Dialog „Installationsart“ dann standardmäßig die Option „Ubuntu neben Windows installieren“ und bietet nach „Weiter“ sogar eine per Schieberegler skalierbare Verkleinerung der Windows-Partition an, um für Linux eine neue Partition zu schaffen. Wenn Sie der Installationsroutine eines weiteren zu installierenden Linux-Systems nicht trauen, können Sie an dieser Stelle bereits weitere Partitionen anlegen. Um sich Arbeit zu ersparen, wären dies eine logische Partition mit dem Mountpoint „/“, die als Rootpartition für die dritte Distribution dient, eine Partition, die als zweiter Auslagerungsspeicher genutzt wird, sowie eine dritte, die Sie unter „/home“ einhängen wollen.

Exkurs: Alle wesentlichen Partitionierungsaufgaben kann ein Installer wie Ubuntus Ubiquity im Zuge des Setups erledigen. Wenn Sie Partitionen und Größen genau planen, geht das aber auch vorab mit Gparted unter Linux oder mit der Datenträgerverwaltung unter Windows (diskmgmt.msc). Unter Windows gibt es zudem das kostenlose Minitool Partition Wizard (www.minitool.com/partition-manager/partition-wizard- home.html), das besonders einfach zu handhaben ist.

Linux-Top-20: So finden Sie Ihr Lieblings-Linux

Schritt 4: Notieren Sie sich die Bezeichnungen der Partitionen, damit Sie bei der Installation auch später noch wissen, welche Rolle beispielsweise „/dev/sda7“ übernehmen sollte. Nach der Installation der ersten Linux-Distribution und dem Neustart des Systems sollten Sie die Wahl haben, zwischen Linux und Windows zu wechseln. Booten Sie nacheinander beide Betriebssysteme, um zu überprüfen, dass die Installation problemlos verlaufen ist. Konnten Sie Linux und Windows erfolgreich starten, starten Sie Ihren Rechner mit dem bootfähigen Startmedium eines eventuell dritten Betriebssystems. Es sollte das vorhandene Linux erkennen, aber feststellen, dass dafür kein Platz ist. Nutzen Sie jetzt entweder die bereits schon angelegten Partitionen oder verkleinern Sie die erste Partition des bereits installierten Linux.

Schritt 5: Der Wunsch, unter jedem gestarteten System auf den gleichen Bestand an Dokumenten zugreifen zu können, ist am einfachsten durch eine separate Festplatte oder Partition zu erreichen, die ausschließlich für Dokumente genutzt wird. Diese Datenpartition wird dann unter einem zweiten oder dritten System eingebunden und so konfiguriert, dass sie beim Systemstart zur Verfügung steht.

Diese Extrapartition oder Festplatte empfehlen wir auch beim Multiboot Linux–Linux, weil diese Konstruktion nach allen Erfahrungen weniger fehleranfällig ist, als systemübergreifende Home-Verzeichnisse zu benutzen. Für den unkomplizierten Austausch zwischen Windows und Linux empfiehlt sich das Dateisystem NTFS, eventuell auch rechteloses exFAT, was unter Linux nur die Nachinstallation der Pakete „exfatfuse“ und „exfat-utils“ erfordert.

Die (gelegentliche) Grub-Malaise

Ist die Bootumgebung defekt, sucht und startet Super Grub Disk vorhandene Linux-Systeme.
Vergrößern Ist die Bootumgebung defekt, sucht und startet Super Grub Disk vorhandene Linux-Systeme.

Hat alles funktioniert, sollten Sie die Wahl zwischen mehreren Systemen haben. Soweit die Theorie. In der Praxis funktioniert das wahrscheinlich in über 90 Prozent aller Fälle. Zeigt Ihnen der Bootmanager das dritte System nicht an, dürfte in den allermeisten Fällen nur der Menüeintrag nicht angelegt worden sein. Öffnen Sie im erfolgreich installierten Linux-System ein Terminal und geben Sie dort

sudo update-grub  

ein. Damit werden alle Scripts von Grub ausgeführt und auch die Systemsuche läuft durch. Starten Sie danach das System komplett neu. Hat das zu keinem Ergebnis geführt, liegt das Problem wahrscheinlich tiefer. Mit Rescatux (www.supergrubdisk.org/rescatux/) gibt es ein bootfähiges Minisystem mit einigen Scripts, mit deren Hilfe sich ein lahmender Bootmanager reparieren lässt. Es unterstützt den Anwender, das Bootmenü von Grub zu bearbeiten und manuell Systeme hinzuzufügen. Vom gleichen Entwicklerteam stammt die bootfähige Super Grub Disk (auf Heft-DVD, „Extras und Tools“). Damit den PC gebootet, wählen Sie die Option „Detect and show boot methods“ und wählen danach das gewünschte System aus, das Sie starten wollen. Dort öffnen Sie ein Terminal und stellen mittles des Befehls

sudo grub-install –recheck /dev/sda  sudo update-grub 

die Bootumgebung wieder her.

Die Alternative refind

Rescatux ist keine Desktopschönheit, beherrscht aber umfangreiche Rettungsarbeiten.
Vergrößern Rescatux ist keine Desktopschönheit, beherrscht aber umfangreiche Rettungsarbeiten.

Streng genommen ist Grub aus Sicht der Rechnerarchitektur bei einem Uefi-System überflüssig. Es ist aber aus historischen Gründen und mit Rücksicht auf ältere Bios-Hardware immer noch dabei. Eine Alternative zu Grub ist das von einem unabhängigen Entwickler programmierte refind („rEFInd“). Es steht in verschiedenen Versionen zur Verfügung und kann unter Linux, Windows und sogar auf dem Mac installiert werden.

Wenn also Windows aktuell das einzige System auf dem Rechner ist, nutzen Sie die passende Variante des Bootloaders. Nach erfolgreicher Einrichtung meldet sich stets zunächst refind, auch für den Fall, dass Sie lediglich Windows auf dem Rechner haben. Sie können danach dann mit dem Setup eines weiteren Systems beginnen, wie exemplarisch gezeigt, also Platz für das zweite System per Partitionierer schaffen. Dann legen Sie das Bootmedium des zweiten Betriebssystems ein und starten den Rechner neu.

Das Werkzeug wird Ihnen dann den Start vom eingelegten Datenträger anbieten, so dass Sie mit der Installation des zweiten Betriebssystems beginnen können.

Was macht Grub eigentlich?

Damit Sie beim Einschalten des Systems zwischen den verschiedenen Betriebssystemen wählen können, benötigen Sie einen Bootloader.

Im Falle der bekannten und aktuellen Linux-Distributionen ist das Grub 2. Sind nur Linux-Systeme installiert, lädt Grub 2 den gewünschten Kernel, der dann das Betriebssystem initialisiert. Bei einer Multiboot-Konfiguration leitet Grub bei Bedarf die Anforderung an den Windows-Bootloader weiter.

Grub 2 muss allerdings mit einer Vielzahl unterschiedlicher Konfigurationen zurechtkommen. Aktuelle PCs booten standardmäßig von einer Partition im GPT-Format und verwenden Uefi-Firmware. Ältere PCs nutzen dagegen Bios und MBR-Partitionen (Master Boot Record). Bei herkömmlichem Bios werden bei der Linux-Installation 512 Bytes des Grub-2-Bootloaders („boot.img“) in den MBR der ersten Festplatte geschrieben. Damit findet der Bootloader den ersten Sektor der Datei „/boot/grub/core.img“ und führt den enthaltenen Code aus. Er lädt die Module, die für den Zugriff auf das Dateisystem nötig sind, und zeigt sein Bootmenü an.

Ist Linux dagegen im Uefi-Modus installiert, liegt der Bootloader in der EFI-Partition, die in das Dateisystem unter „/boot/ efi“ eingebunden ist. Für jedes System gibt es ein eigenes Verzeichnis – zum Beispiel „/boot/efi/EFI/ubuntu“. Die Konfiguration von Grub 2 erfolgt automatisch über die Scripts unter „/etc/grub.d“. Das wichtigste Script sucht unter „/boot“ nach Linux-Kerneln („vmlinuz-“) und Ramdisk-Dateien („initrd.img“) und erstellt die Einträge für das Bootmenü.

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