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Maru OS: Android wird zum PC-Desktop

18.08.2017 | 09:10 Uhr |

Ein ungewöhnliches Custom-ROM ist Maru OS: Es erweitert Android auf einem Nexus 5 und 7 bei Bedarf zu einem voll ausgestatteten Desktop. „Konvergenz“ nennt sich das Konzept, das Maru OS mit einfachen Mitteln umsetzt.

Es bleibt eine vielversprechende Idee, Smartphones zu Multitalenten zu machen, die sowohl Mobilgerät als auch PCs sein können. Motorola stellte vor einigen Jahren ein Dock und einen Laptop für das Atrix-Smartphone vor. Auch Microsoft erkundet das Konzept seit 2015 mit der Technik „ Continuum “, die erstmals in Windows 10 Mobile zu sehen war. Ausgestattet mit Bluetooth-Maus, Tastatur und einem Monitor mit HDMI-Eingang präsentiert Continuum eine größere Arbeitsfläche, die an Windows 10 erinnert und Apps in Fenstern darstellt. Mangels Apps und bescheidener Performance hatte die Technik bisher allerdings nur experimentellen Charakter.

Es gibt inzwischen auch ausgereifte Umsetzungen des Konzepts: Das Custom-ROM Maru OS zeigt, dass eine Fusion von Mobilgerät und PC-Desktop auch mit vergleichsweise einfachen Mitteln gelingt – und das sogar auf den gut abgehangenen Smartphones Nexus 5 und Nexus 7.

Maru OS vervollständigen: Google-Apps

Aus Lizenzgründen darf Maru OS keine Google-Apps mit ausliefern. Das hat das Custom-ROM mit den anderen Vertretern seiner Art gemein. Es ist aber für Android-Bastler kein Problem, die Google-Apps auf eigene Faust nachzurüsten. Voraussetzung dafür ist die Installation des Custom- Recovery-ROMs TWRP . Ein Image der Google-Apps für Maru OS gibt es hier zum Download . Über die Oberfläche von TWRP lässt sich das zuvor übertragene Google-Apps-Image nachträglich aufspielen. Der genaue Vorgang ist in der (englischsprachigen) Dokumentation zu Maru OS beschrieben.

Linux im Gepäck

Maru OS kombiniert dazu Android mit einem Linux-System, das eine Arbeitsfläche mit vorinstallierten Linux-Programmen auf einen externen Bildschirm zaubert. Die Verbindung von Tastatur und Maus erfolgt per Bluetooth. Im Gegensatz zur Lösung von Microsoft versucht Maru OS erst gar nicht, eine vorhandene Smartphone-Oberfläche und ihre Apps auf Monitorgröße zu skalieren, sondern arbeitet mit einem völlig separaten Linux-Desktop. Dieser springt automatisch an, sobald nach Bluetooth-Maus und Tastatur per HDMI ein Bildschirm angeschlossen wird. Das Smartphone selbst bleibt dabei voll funktionsfähig und zeigt während des Desktop-Betriebs auf seinem eigenen Bildschirm die Android-Oberfläche an. Sogar Telefonate lassen sich noch führen.

Intern arbeitet Maru OS mit Android 6 „Marshmallow“, das einen modifizierten Kernel erhalten hat. Dieser Kernel kann bei Bedarf ein Linux-Gastsystem in einem Container starten, der den Desktop enthält. Dieses Linux-System wirkt zwar als eigenständiges Zweitsystem, es nutzt aber Komponenten des Android-Systems wie Treiber, WLAN-Chip und Mobilfunkverbindung. Zum Datenaustausch zwischen Gastsystem und Hostsystem ist nur der Zugriff auf den Ordner „SD-Card“ erlaubt, das eigentliche Android-Dateisystem ist aber abgeschottet.

Maru OS begann als Hobby eines Linux-Entwicklers, wurde aber schnell ein eigenständiges Projekt, als etliche Anwender Interesse an einem portablen Desktop für Android-Smartphones angemeldet hatten. Mittlerweile steckt über ein Jahr Entwicklungszeit in Maru OS, und das Custom- ROM gilt in der aktuellen Version 0.4.1 trotz der noch niedrigen Versionsnummer als ausgereift.

Tipp: Vier Custom-ROMs mit Android 7 im Überblick

Die Installation per Script

Der Desktop von Maru OS: Ist ein Bildschirm per HDMI anschlossen, dann startet dort erstaunlich schnell ein Linux-Desktop. Hier läuft sogar Firefox in annehmbarer Geschwindigkeit.
Vergrößern Der Desktop von Maru OS: Ist ein Bildschirm per HDMI anschlossen, dann startet dort erstaunlich schnell ein Linux-Desktop. Hier läuft sogar Firefox in annehmbarer Geschwindigkeit.

Bei Maru OS handelt es sich um ein typisches Custom-ROM, und die Installation wird jene Android-Anwender, die schon einmal ein ROM auf ein Smartphone aufgespielt haben, nicht vor neue Aufgaben stellen. Netterweise liefert der Download zu Maru OS noch ein Installationsscript mit, das den ganzen Vorgang vergleichsweise einfach macht.

Bevor es losgeht: Das Nexus 5 oder 7 muss in den Entwicklermodus versetzt sein, was in der Android-Oberfläche über „Einstellungen –> Über das Telefon“ und ein siebenmaliges Antippen der Buildnummer gelingt. Anschließend gibt es den neuen Menüpunkt „Einstellungen –> Entwickleroptionen“, unter dem man das „USB-Debugging“ aktiviert. Unter Windows ist, falls noch nicht geschehen, die Installation der Android-USB-Treiber von Google nötig, sonst funktioniert der Zugriff über USB-Debugging nicht. Die Installation der Treiber erfolgt in Windows über den Gerätemanager nach einem Rechtsklick auf den Eintrag für das angeschlossene Smartphone.

1. Auf der Projektwebseite https://maruos.com/#/downloads liegen Installationspakete (460 bis 650 MB) von Maru OS als Zipdateien passend zum Nexus-Modell vor. Der erste Schritt nach dem Download ist das Entpacken des Ziparchivs in einen beliebigen Ordner.

2. Im Ordner des entpackten Installationsarchivs liegt neben dem eigentlichen System das Installationsscript. Unter Windows setzt ein Doppelklick auf „install.cmd“ den Installationsprozess in Gang, der zuerst noch auf eine Bestätigung mit „Yes“ wartet, da das Nexus dabei komplett überschrieben wird. Beim ersten Aufruf ist es erforderlich, auf dem Nexus die Verbindung per USB-Debugging zuzulassen. Dann ist ein abermaliger Aufruf von „install.cmd“ nötig.

3. Je nachdem, ob der Bootloader des Nexus schon entsperrt ist, wird sich das Script erst mal um dessen Entsperrung kümmern. Aller guten Dinge sind drei: Nach dem Neustart des Nexus und einem weiteren Aufruf des Installationsscripts beginnt dann die Einrichtung des Custom-ROMs.

Im Notfall: Custom-ROMs wieder entfernen - so geht's

Wechsel zum Desktop

Smartphone: Bisher unterstützt Maru OS nur das LG Nexus 5 und Nexus 7. Die Unterstützung für weitere Modelle ist aber in Arbeit.
Vergrößern Smartphone: Bisher unterstützt Maru OS nur das LG Nexus 5 und Nexus 7. Die Unterstützung für weitere Modelle ist aber in Arbeit.

Nach der Installation bootet Maru OS zunächst wie ein reguläres Android, überspringt aber die ersten Einrichtungsschritte und liefert den Anwender gleich am zunächst englischsprachigen Homescreen ab. Die Einrichtung und eine Umstellung auf Deutsch erfolgt in den „Settings“. So weit ist Maru OS noch ein ganz gewöhnliches Android-System. Die Magie zeigt sich, wenn über ein Slimport- HDMI-Kabel ein externer Monitor angeschlossen ist. Innerhalb weniger Sekunden startet ein ansehnlicher, englischsprachiger XFCE-Desktop. Vorinstalliert sind hier schon Libre Office sowie Firefox als Browser.

Die Desktop-Umgebung liefert weitere Standardtools wie Dateimanager, Texteditor und ein Linux-Terminal für fortgeschrittene Anwender. Klar, die Zielgruppe ist im Linux-Umkreis zu finden. Die Anwendungen laufen auf dem Nexus 5 in passabler Geschwindigkeit; Libre Office verlangt aber etwas mehr Geduld bei großen Dateien und funktioniert derzeit nur mit der vorgegebenen Fenstergröße.

Fazit

Maru OS ist eines der interessantesten Custom- ROMs der letzten Jahre und zeigt, dass ein Google Nexus 5 trotz seines Alters immer noch ein ansehnliches Kraftpaket ist. An seine Leistungsgrenzen kommt das Linux-System bei großen Dokumenten in Libre Office und der Grafikbearbeitung im Gimp. Davon abgesehen ist Maru OS tatsächlich ein ausbaufähiges Linux-System mit Debian für die Hosentasche – sofern die Hose geräumig genug für Maus und Tastatur ist.

Voraussetzungen: Hardware für Maru OS

Maru OS ist ein besonderes Custom-ROM und hat deshalb auch einige ungewöhnliche Voraussetzungen. Es ist mit dem Google Nexus 5 in beiden Ausführungen zu 16 GB und 32 GB kompatibel, zudem mit dem Google Nexus 7 von 2013. Der Desktop-Modus verlangt natürlich einen HDMI-Monitor. Eine Bluetooth-Maus und eine Bluetooth-Tastatur sind in diesem Modus zur Eingabe nötig. Der Anschluss an den externen Bildschirm erfolgt über ein Slimport-HDMI-Kabel für das Smartphone. Diese Adapterkabel sind Y-Kabel und haben neben einem HDMI- und einem Micro-USB-Stecker für das Smartphone noch einen zusätzlichen Eingang für das Smartphone-Netzteil. Das Smartphone lädt sich auf, wenn das reguläre Netzteil daran angeschlossen ist.

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