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Linux: Tipps und Tools für Fotografen

31.07.2018 | 14:06 Uhr |

Nach jahrelanger Aufholjagd bietet Linux inzwischen eine stattliche Anzahl großer und kleiner Tools rund um Digitalfotografie und Retusche. Es sind gerade die speziellen Aufgaben, für die es vorzeigbare Open-Source-Werkzeuge gibt.

Zum Thema Bildbearbeitung und Retusche präsentierte sich Linux bisher nicht als Vorzeigeplattform, zumal Photoshop als Maß aller Dinge weiterhin nur auf Mac-OS und Windows läuft und Adobe keine Anstalten macht, eine Linux-Version zu erstellen. Genauso lassen Kamerahersteller Linux links liegen und bieten keine Konvertierungsprogramme für modellspezifische Rohdatenbilder. Diese Formate sind meist undokumentiert und patentrechtlich geschützt. Das quelloffene DNG-Format wird von wenigen Kameramodellen unterstützt.

Aus der Not wurde Tugend: Wegen mangelnder Unterstützung von Linux durch Kamerahersteller begann der Programmierer Dave Coffin vor 20 Jahren mit der Entwicklung von Dcraw, einer freien Programmbibliothek für Rohdatenbilder, die heute Hunderte von Formaten kennt. Viele davon sind mühsam durch Reverse Engineering entschlüsselt. Mittlerweile ist Dcraw als universelle Bibliothek so ausgereift, dass sie von zahlreichen anderen Programmen genutzt wird, auch unter Windows und Mac-OS. Womit Linux ebenfalls glänzen kann, sind ergänzende Tools und clevere Programme zur Bildnachbearbeitung.

RAW-Entwicklung: Format für Anspruchsvolle

Lichtquellen haben unterschiedliche Farbtemperaturen und ein sorgfältiger Weißabgleich anhand der Kameraeinstellungen ist für natürlich wirkende Farben unentbehrlich. Unter besonderen Lichtverhältnissen wie warmem Abendlicht und bei einem Mix inhomogener Lichtquellen bleibt der automatische Weißabgleich meist auf der Strecke. Es empfiehlt sich bei guten Motiven deshalb stets die (zusätzliche) Aufnahme im RAW-Format. Dieses unkomprimierte Format, das Systemkameras, DSLRs und bessere Kompaktkameras optional speichern, nimmt für jeden Pixel die Daten des Bildsensors unverändert auf.

Zur Ausgabe eines fertigen Bilds zur Weitergabe oder Weiterverarbeitung ist ein Konvertierungsprogramm nötig, das die zahllosen Optimierungsmöglichkeiten ausschöpft, die auch nach dem Auslösen zur Bildoptimierung zur Verfügung stehen. Dazu gehören Belichtung und Nachbelichtung, Entrauschen, Weißabgleich, Farbsättigung, Kontrast und Histogramm. Die Auswahl solcher RAW-Entwickler unter Linux kann sich inzwischen sehen lassen.

Darktable: Darktable hat sich als Open-Source-Alternative zu Adobe Lightroom einen Namen gemacht. Das Programm bildet den kompletten Workflow von der Auswahl der RAW-Bilder bis zum druckreifen Abzug ab. Frische Pakete für nahezu alle Linux-Systeme finden sich unter www.darktable.org/install . Unter den RAW-Entwicklern ist Darktable das anspruchsvollste Linux-Programm und erfordert Einarbeitungszeit. Für die nicht-destruktive Bildbearbeitung kann Darktable die Änderungen zu Bildern in XMP-Dateien schreiben.

Ufraw: Eines der ersten Linux-Programme zum Decodieren und Konvertieren von RAW-Fotos.
Vergrößern Ufraw: Eines der ersten Linux-Programme zum Decodieren und Konvertieren von RAW-Fotos.

Ufraw: Deutlich weniger Einarbeitung setzt das einfach gehaltene Tool Ufraw voraus, das Einzelbilder im RWA-Format in Form bringt. Die gesetzten Parameter kann Ufraw in den Standardeinstellungen speichern und erlaubt damit auch die Organisation eines sehr einfachen Workflows. Ufraw liegt mit gleichnamigem Paketnamen in den Standardquellen aller großen Linux-Distributionen vor.

Rawtherapee: Der RAW-Konverter ging als kommerzielles Programm an den Start, ist seit seiner Version 3 aber Open-Source-Software (GPL). Der Funktionsumfang ist mit jenem von Darktable vergleichbar, allerdings macht Rawtherapee Einsteigern die ersten Schritte bei der RAW-Bearbeitung ein Stück einfacher. Auch Rawtherapee ist mit gleichnamigem Paketnamen in den Standard-Paketquellen der verbreiteten Linux-Distributionen vertreten.

Rawtherapee: Nicht ganz so anspruchsvoll wie Darktable ist dieser RAW-Entwickler.
Vergrößern Rawtherapee: Nicht ganz so anspruchsvoll wie Darktable ist dieser RAW-Entwickler.

Gimp: Intelligentes Verkleinern

Es ist immer eine verlustreiche Angelegenheit, ein Bild zu verkleinern: Entweder man skaliert das ganze Bild auf eine geringere Größe, was insgesamt die Auflösung verringert oder das Motiv verzerrt. Die andere Prozedur ist das Zuschneiden des Motivs, wobei aber ganze Bildbereiche verlorengehen. Für viele Bilder eignet sich aber weder die eine noch die andere Methode.

Ein anderer Weg der Verkleinerung ohne deutlichen Informationsverlust ist der Algorithmus „Liquid Rescaling“. Es handelt sich um eine Mischung aus Skalieren und Zuschneiden, wobei der Algorithmus ein Motiv zuvor analysiert, um optisch wichtige Elemente unverändert zu behalten. Unbetonte Zwischenräume zwischen markanten Bildteilen lassen sich verkleinern und ein Motiv rückt zusammen.

PC-WELT Download Bildbearbeitungssoftware GIMP

So wird das Plug-in installiert: Liquid Rescaling liegt als Plug-in für die Bildbearbeitung Gimp ab Version 2.8 vor. In Debian und Ubuntu hat es der Algorithmus bereits in die Plug-in-Sammlung gimp-plugin-registry geschafft und ist zusammen mit anderen Gimp-Erweiterungen über

sudo apt-get install gimp-pluginregistry

installiert. Um das Plug-in einzusetzen, laden Sie das gewünschte Bild in Gimp und gehen in der Menüleiste des Bilderrahmens auf „Ebenen –› Liquid Rescale“. Der Menüpunkt öffnet einen neuen Dialog zum Plugin. Im automatischen Modus erledigt der Algorithmus viel selbst und es genügt, in den Feldern „Width“ und „Height“ die neuen Dimensionen einzugeben. Je nach Motiv erkennt das Plug-in Nahtstellen zwischen den wichtigen Bildteilen.

Liquid Rescale: Der Algorithmus zum Verkleinern von Bildern skaliert auf Wunsch nur unwichtige Bildbereiche.
Vergrößern Liquid Rescale: Der Algorithmus zum Verkleinern von Bildern skaliert auf Wunsch nur unwichtige Bildbereiche.

Optimal arbeitet die Skalierung aber erst, wenn Bereiche mittels Ebenen manuell markiert wurden. Dazu gehen Sie im Dialog des Plug-ins auf „Elementmasken –› Elemente erhalten –› New“ und markieren alle wichtigen Bildteile auf dieser neuen Ebene dem Pinselwerkzeug. Danach klicken Sie auf „OK“, um die Skalierung auf die angegebene Breite und Höhe zu starten. Analog dazu lässt sich auch eine Maske erstellen, deren markierte Bereiche bei der Skalierung verschwinden sollen. Dazu dient die Funktion „Feature discard selection“. Wer mit großen Bilddateien experimentiert, sollte Geduld mitbringen, da der Algorithmus ordentlich Rechenpower braucht.

Der Dialog des Plug-ins legt fest, in welchem Umfang der Resynthesizer umliegende Pixel analysieren soll.
Vergrößern Der Dialog des Plug-ins legt fest, in welchem Umfang der Resynthesizer umliegende Pixel analysieren soll.

Gimp: Bildelemente überzeichnen

Es ist kein Problem, Objekte zu bestehenden Bildern so hinzuzufügen, dass hinterher alles weiterhin realistisch aussieht. Aber der umgekehrte Weg erweist sich als mühsam: Wie lässt sich etwas ausschneiden und wegzaubern, ohne das Bild zu zerstören? Dazu muss das unerwünschte Objekt mit dem Bildhintergrund übermalt werden, was meist nur erfahrenen Grafikern gut gelingt.

Lesetipp GIMP 2.10: Gratis-Bildbearbeitung mit neuer Engine

Es ist aber nicht völlig unmöglich, störende Bildelemente automatisch zu entfernen. Die Lösung heißt Textursynthese. Bei dieser Technik wird der umliegende Bildhintergrund eines markierten Bildbereichs analysiert und eine passende, realistische Textur aus diesen Anhaltspunkten erzeugt, Das Gimp-Plug-in Resynthesizer bringt manuell markierte Objekte eines Bildes zum Verschwinden, indem es den Hintergrund auf diese Weise nachbildet. Das Plug-in spart langwieriges Klonen einzelner Bildausschnitte und liefert zunächst passable Ergebnisse, die nach etwas Nachbearbeitung dann erstaunlich gut aussehen. Das Plug-in ist so populär, dass es in die Paketquellen von Ubuntu und Debian aufgenommen wurde und sich bei diesen Distributionen einfach über den Paketmanager installieren lässt:

sudo apt-get install gimp-resynthesizer

Und so arbeitet dieses Plug-in: Auf dem Bild markieren Sie den gewünschten Bereich mit der Freihand-Funktion (F-Taste) als Auswahl. Die Auswahl muss dabei nicht pixelgenau den Bereich umfassen, der verschwinden soll, sondern darf etwas größer sein. Anschließend geht es im Menü nach „Filter –› Verbessern –› Heal selection“. Im darauffolgenden Dialog kann man nun noch eingeben, in welchem Umfang der Resynthesizer die umliegenden Pixel analysieren soll, um eine Textur als Füllung für die Markierung zu berechnen. Der Standardwert ist hier 100 Pixel.

Falls das markierte Element vor einem sehr unruhigen, abwechslungsreichen Hintergrund steht, sollten Sie diesen Wert um die Hälfte reduzieren, um ein gutes Ergebnis zu erhalten. Wenn es sich um einen redundanten, gleichmäßigen Hintergrund handelt, dann darf der Bereich auch größer ausfallen. Falls das Ergebnis zunächst nicht gefällt, können Sie sowohl mit diesem Parameter als auch mit der Auswahl des Objekts experimentieren.

Der Resynthesizer braucht eine Menge Speicher und CPU-Zeit, was natürlich abhängig von der Bildauflösung ausfällt. Bei einem 12-Megapixel-Foto sollte ein GB RAM frei sein, andernfalls wird Gimp möglicherweise instabil. In den meisten Fällen ist das Ergebnis des Resynthesizers passabel, braucht im Detail aber eine Nachbearbeitung. Dazu eignet sich im Anschluss das Klontool (C-Taste), mit dem man mit der Tastenkombination Strg-T einen Bildbereich als Stempel markiert, der sich dann auf andere Bereiche anwenden lässt.

Android: Raw-Bilder von Smartphones

Die populärsten Kameras sind inzwischen Smartphones, zumal heute fast jeder immer eines dabei hat. Aber die Bildqualität auch guter Smartphone-Kameras kann natürlich nicht mit der einer digitalen Spiegelreflexkamera mithalten. Zudem komprimieren Smartphones die Aufnahmen sehr stark, da der interne Speicher meistens nicht genug Platz für viele unkomprimierte Aufnahmen bietet. Wer die optimale Aufnahmequalität von einem Android-Smartphone erwartet und etliche Gigabyte Platz hat, etwa auf einer externen Micro-SD-Karte, bekommt mit der App Open Camera ein alternatives Aufnahmeprogramm, das in seinen Einstellungen die Option anbietet, Fotos im DNG-Format zu speichern. Dazu muss in der App die „Camera2-API“ aktiviert werden, was einen Neustart des Smartphones erforderlich macht. Open Camera ist Open Source und im Quellcode sowie im App Store von Google Play verfügbar ( https://opencamera.sourceforge.io ).

Ufraw: Eines der ersten Linux-Programme zum Decodieren und Konvertieren von RAW-Fotos.
Vergrößern Ufraw: Eines der ersten Linux-Programme zum Decodieren und Konvertieren von RAW-Fotos.

Lesetipp Es muss nicht immer Photoshop sein

Hugin: Panoramafotos selbst gemacht

Panoramen sind besonders in der Landschaftsfotografie reizvoll, um dramatische Stimmungen einzufangen. Für Android-Smartphones gibt es die Fotoapp Photosphere von Google für Panoramafotos schon einige Jahre. Auch Kamerahersteller wie Canon haben Panoramaprogramme in die Firmware vieler Modelle integriert, um die Bilder dann am PC mit einer Zubehörsoftware wie Canon Photostitch zusammenzufügen.

Panorama-Stiching mit Hugin: Das Open-Source-Programm ist anspruchsvoll in der Bedienung.
Vergrößern Panorama-Stiching mit Hugin: Das Open-Source-Programm ist anspruchsvoll in der Bedienung.

Unter Linux funktioniert das mit der Open-Source-Software Hugin. Das Programm kann Panoramen aus überlappenden Serien von Einzelbildern erstellen. Die Installation ist nicht weiter kompliziert, denn das Programm wartet mit gleichnamigem Paketnamen in den Paketquellen der populären Linux-Distributionen auf die Installation. Hugin ist ein Werkzeug für Fortgeschrittene und man darf längere Experimente nicht scheuen, bis alle Funktionen des Programms ergründet sind. Empfehlenswert ist es, erst mal mit kleinen Panoramen aus zwei Einzelbildern zu beginnen.

Wichtig: Für gute Ergebnisse sollte immer die Brennweite aus den Metadaten der Einzelaufnahmen eingetragen werden. Manuell hinzugefügte Kontrollpunkte zwischen überlappenden Bildern verbessern das Ergebnis ganz erheblich. Eine detaillierte deutschsprachige Anleitung zu Hugin findet sich unter http://rofrisch.wordpress.com/2012/05/19/hugin-tutorial01 .

Entangle: Kamera per USB steuern

Kabelgebundenes Fotografieren funktioniert mit den meisten digitalen Spiegelreflex- und Systemkameras und der per USB-Kabel verbundene PC dient dabei zur Steuerung der Aufnahmeeinstellungen. Nützlich ist dieser Aufbau für Studiofotografie und automatisierte Zeitrafferaufnahmen. Das Open-Source-Programm Entangle bietet solches kabelgebundenes Fotografieren. Der verbundene PC zeigt eine Vorschau der Aufnahmen an und speichert die Bilder direkt, ohne Umweg über die Speicherkarte.

Kamera am Kabel: Entangle kann viele Kameras von Nikon und Canon über USB ansteuern.
Vergrößern Kamera am Kabel: Entangle kann viele Kameras von Nikon und Canon über USB ansteuern.

Entangle unterstützt Digitalkameras vieler Hersteller, die per USB angeschlossen werden. Es bietet eine Livevorschau, Fernauslöser und programmierbaren Timer, um Studioarbeiten auf den Linux-Desktop zu bringen. Entangle erfindet das Rad nicht neu, sondern baut auf der Bibliothek libgphoto2 auf, um mit Kameras zu kommunizieren. Damit das klappt, muss diese von der Bibliothek unterstützt werden. Eine Liste der Kameramodelle, vornehmlich von Nikon und Canon, findet sich auf der Projektwebseite unter www.gphoto.org/doc/remote . Ist das eigene Modell in der Auflistung vorhanden, dann richten diese Schritte eine Verbindung von Kamera und Linux-System ein:

1. Die Installation von Entangle klappt bei den verbreiteten Distributionen Debian, Ubuntu, Fedora und Open Suse über den Paketmanager.

In Debian und Ubuntu beispielsweise mit diesem Terminalkommando:

sudo apt-get install entangle

Auch die anderen Linux-Distributionen kennen das Programmpaket unter dem Namen „entangle“.

2. Die meisten Kameras arbeiten zunächst bei einem Anschluss über USB an den PC im MSC-Modus (Mass Storage Class) und verhalten sich wie ein Massenspeicher. Im Kameramenü müssen die Geräte erst nach MTP (Media Transfer Protocol) beziehungsweise PTP (Picture Transfer Protocol) umgeschaltet werden, damit sie von Entangle erkannt werden.

3. Nach der Verbindung der Kamera mit dem PC und dem Start von Entangle gehen Sie im Menü auf „Kamera“ und „Connect“. Dort wählen Sie das erkannte Gerät aus und gehen auf „Verbinden“.

Im gleichen Menü gibt es noch eine optionale „Vorschau“, die allerdings nicht bei allen Kameras funktioniert. Für automatisierte Zeitrafferaufnahmen dient der Menüpunkt „Bearbeiten –› Einstellungen –› Plugins“ und dort die Erweiterung „Repeat Shooter“. Danach zeigt das Programmfenster links unter „Automation“ die Einstellungen für das Plug-in an, um Intervall und Bilderzahl vorzugeben.

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