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Kommentar zum Frauentag: Heimatland und Frauen in der IT

08.03.2018 | 09:36 Uhr |

Zum internationalen Frauentag macht sich unser Chef von Dienst Peter Müller ein paar schlaue Gedanken über Gleichberechtigung (nicht nur) in der IT-Branche.

Die Gleichstellungsbeauftragte der Bundesregierung, Kristin Rose-Möhring, hat diese Woche mit einem diskutablen Vorschlag aufhorchen lassen. Man möge doch bitte den Text der deutschen Nationalhymne so weit abändern, dass nicht nur Männer angesprochen sind. "Heimatland" statt "Vaterland", was sich immer noch reimt auf "couragiert mit Herz und Hand" - eben statt des "brüderlich". Rose-Möhring war wohl von Anfang an klar, dass ihr Vorschlag nicht diskutiert würde, sondern zerrissen, bewusst wagte sie den Vorstoß zum heutigen 8. März, dem Internationalen Frauentag. Die Diskussion ist beendet, Bundeskanzlerin und ihre Generalsekretärin sowie der Bundespräsident hätten darüber zwar nicht zu entscheiden, sondern der Bundestag, aber mit ihren Einlassungen zur Debatte ist die Aufregung vermutlich spätestens morgen vorbei. Vielleicht hat aber die Gleichstellungsbeauftragte ihr Ziel schon erreicht und bewiesen, dass in Sachen Gleichstellung und Gleichberechtigung noch viel zu tun ist. In dieser zentrale Fragen gibt es gewiss wichtigere Aufgaben als eine "gegenderte" Hymne, die teils gehässige Reaktion auf den Debattenbeitrag zeigt aber, dass das Thema bei vielen immer noch nicht angekommen ist und das Patriarchat eine bequeme Einrichtung zu sein scheint. Gleichberechtigung beginnt in den Köpfen und findet ihren ersten und vielleicht wichtigsten Ausdruck in der Sprache.

Wir wollen, liebe Leser und Leserinnen, aber nun nicht damit anfangen, unsere Texte mit Binnen-Is oder Sternchen zu verzieren, oder wie manche meinen, verhunzen. Auch werden wir keine allzu wilden Verrenkungen vornehmen, um Studentinnen und Studenten stets als "Studierende" bezeichnen, nein, das machen wir nicht, liebe Lesende. Nur da, wo es sich anbietet oder notwendig ist. Wir wissen ja auch, liebe Leser, dass unter Ihnen etwa nur zehn Prozent Leserinnen sind, diese wollen wir weder ausschließen noch es irgendwie als nicht erwähnenswerte Belanglosigkeit abtun, dass auch die Leserinnen mit dem Ausdruck "Leser" gemeint sind. Ja, frau kann sich auf den Standpunkt stellen, den Annegret Kramp-Karrenbauer eingenommen hat. Sie habe sich auch stets von den Worten "Vaterland" und "brüderlich" mitgenommen gefühlt, ohne dass es weiterer Erklärungen bedürfte. Das alles ist diskutabel im Sinne von "der Diskussion wert". Diese fand aber leider nicht statt, sondern eher so etwas wie ein Shitstorm, wie es auf Neudeutsch heißt.

In anderen Sprachen tut man sich mit dem Leser und der Leserin vermutlich leichter, besonders im Englischen. Erst neulich ist uns in Yuval Noah Hararis "Homo Deus" aufgefallen, dass der Autor im Originaltext munter zwischen "he" und "she" wechselt, wenn er eine nicht näher spezifizierte Person beschreibt. "Engineer" steht eben etwas mehr für Menschen beiderlei Geschlechts als der deutsche "Ingenieur", eine "Engineeress" hält die Sprache nicht bereit.

Und das hat nicht damit zu tun, dass im englischen Sprachraum noch weniger Frauen Maschinen bedienten oder gar entwickelten. Ganz im Gegenteil. Denn die Geschichte der Computertechnik beginnt mit einer Frau: Der britischen Mathematikerin Ada Lovelace. Sie ist gewissermaßen die erste Programmiererin der Geschichte (und hierin sind auch alle Programmierer mit eingeschlossen), ihr im Jahr 1842 entworfener Algorithmus (das Wort kommt übrigens aus dem Arabischen …)  zur Berechnung von Bernoulli-Zahlen, hätte die letztendlich nie gebaute Analytical Machine von Charles Babbage ausführen sollen – der erste Entwurf eines Computers.

Als diese gut hundert Jahre später tatsächlich in Betrieb kamen, waren es Frauen, die die ganze Hallen einnehmenden Maschinen fütterten und weiter entwickelten. Den Bürohengsten waren diese Arbeiten entweder zu anstrengend oder zu langweilig, wer weiß das schon. Aber noch in den achtziger Jahren hatte man den männlichen Gymnasiasten noch erzählt, bestimmte Fähigkeiten müssten sie nicht erwerben, denn später bekämen sie ohnehin eine Sekretärin. Nein, keinen Sekretär, außer sie wollten sich ein Möbelstück dieses Namens anschaffen. Dass Programmieren womöglich zu einer Schlüsselqualifikation werden könnte, dämmerte in der Zeit aber langsam. Die ersten Programmierer waren jedoch Frauen.

Frauen formten aber auch das Berufsbild des Computers. Genau, Beruf, nicht Werkzeug. Obwohl gerade die dunkelhäutigen "Computer" der NASA gerne nicht als Menschen weiblichen Geschlechts gesehen wurden, sondern als Werkzeug. Der Film " Hidden Figures " erzählte im vergangen Jahr davon, wie Frauen um die Mathematikerinnen Katherine Goble, Dorothy Vaughan und Mary Jackson der US-Raumfahrtbehörde als im Hintergrund agierende menschliche Rechenmaschinen die Zahlen ermittelten, welche die Flugbahnen von Raketen zu beschreiben hatten.

Frauen in der Informations- und Kommunikationstechnik sind also keineswegs Exoten. Sondern die Basis der Branche. Gut, die Hälfte der Basis, nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

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