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Fuchsia: Das neue Android im Überblick

05.11.2018 | 08:06 Uhr |

Google Fuchsia soll innerhalb der nächsten fünf Jahre alle Android-Versionen ersetzen. Zumindest lautet so das ambitionierte Vorhaben von Google. Wir haben uns mit Fuchsia beschäftigt.

Bereits seit 2016 gibt es Gerüchte zu Google Fuchsia . Behauptet wird dabei vor allem, dass Google sämtliche Android-Varianten – also Android und Android One für Smartphones und Tablets, Android TV für Fernseher, Android Auto für Car-Entertainment, Wear OS für Wearables, aber auch Notebooks und PCs mit Chrome OS und anderes – durch Fuchsia ersetzen will, und zwar innerhalb der nächsten fünf Jahre.

So beschäftigt sich eine Gruppe von Google-Entwicklern seit über zwei Jahren mit den Arbeiten an Fuchsia. Der Fokus liegt dabei vor allem auf der besseren Integration von Sprachsteuerung und der Häufigkeit von Sicherheitsupdates. Aber auch die Optik will Google angleichen, sodass sich Fuchsia besser an unterschiedliche Displaygrößen anpassen lässt.

Seit 2016 stellt Google für Fuchsia unter https://fuchsia.googlesource.com Code-Bestandteile zur Verfügung, mit denen App-Entwickler experimentieren können. Auch an eigenen Anwendungen arbeitet Google bereits, beispielsweise an einer interaktiven Bildschirmanzeige oder einer Sprachsteuerung für Youtube.

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Wieso Fuchsia: Vorteile und Risiken

Die Webdemo gibt einen kleinen Ausblick darauf, wie sich Fuchsia am Mobilgerät anfühlen dürfte.
Vergrößern Die Webdemo gibt einen kleinen Ausblick darauf, wie sich Fuchsia am Mobilgerät anfühlen dürfte.

Durch einen Wechsel von Android zu Fuchsia könnte Google den schon viele Jahre andauernden Rechtsstreit mit Oracle beenden. Denn Oracle will von Google Lizenzgebühren für die Verwendung von Java in Android kassieren. Oracle hat die Rechte an Java von Sun übernommen, das Oracle 2010 aufkaufte. Mit der Übernahme von Sun kamen viele wichtige IT-Produkte zu Oracle: die Programmiersprache Java, das Datenbanksystem My-SQL und die Bürosuite Open Office.

Ein weiterer Grund für den Umstieg auf Fuchsia ist in der Konkurrenz zu Apple zu sehen: Zwar hat Android derzeit einen Marktanteil von etwa 85 Prozent bei Mobilgeräten. Hinsichtlich Leistung, Privatsphäre, Sicherheit und Kompatibilität innerhalb der eigenen Plattform hat Apple jedoch die Nase vorne. Auch die sofortige Versorgung mit Updates zählt zu den Vorteilen Apples. Mit Fuchsia könnte Google nochmal neu starten und die bei Android begangenen Fehler korrigieren.

Siehe auch: Fuchsia soll Android in 5 Jahren komplett ersetzen

Doch hat die Entwicklung von Fuchsia nicht nur positive Seiten für Google: Dessen Geschäftsmodell baut auf personalisierter Werbung auf, die bestimmte Nutzerinfos wie Standort und Aktivitäten voraussetzt. Fuchsias Sicherheitsgedanke widerspricht dem jedoch, sodass es angeblich immer wieder zu Konflikten zwischen Entwicklern und der Anzeigenabteilung kommt, die laut Insidern Letztere bisher für sich entscheiden konnte.

Auch die Abhängigkeit der Smartphone-Hersteller von Android beziehungsweise von Institutionen wie Schulen und Behörden, die Chrome-Geräte einsetzen, macht deutlich, dass Google dem Umstieg auf Fuchsia nicht von heute auf morgen durchführen kann, sondern sorgfältig planen muss – schon allein deshalb, weil durch Fuchsias neuen Kernel die Kompatibilität der bestehenden Geräte nicht garantiert ist.

Die technischen Grundlagen: Kein Linux

In der Webdemo konnten wir lediglich ein paar Einstellungen aufrufen und verändern.
Vergrößern In der Webdemo konnten wir lediglich ein paar Einstellungen aufrufen und verändern.

Die wichtigste Aussage über Fuchsia steht gleich zu Beginn von dessen Handbuch, das Sie unter hier finden: „Fuchsia is not Linux“. Anders als Android oder auch Chrome OS basiert Fuchsia also nicht auf Linux, sondern nutzt als Echtzeitbetriebssystem einen neuen Microkernel namens Zircon (ehemals Magenta). In Zircon sind die grundlegenden Treiber und die C-Standardbibliotheken integriert.

Zwar richtet sich das Handbuch nicht an Endanwender, sondern an Programmierer – eines ist jedoch bereits herauszulesen: Fuchsia ist sehr modular aufgebaut, was dem Datenaustausch zwischen den einzelnen Modulen zugutekommt. So soll es die „Fuchsia Interface Definition Language“ (FIDL) App-Entwicklern ermöglichen, Komponenten in verschiedenen Sprachen zu schreiben oder bestehende Komponenten an FIDL-Vorgaben anzupassen. Unterstützt werden C und C++, Dart, Go sowie Rust.

Als Development-Kit nutzen Entwickler „Flutter“, ein Open-Source-Framework, das iOS sowie Android unterstützt und sich auch für Desktop-Anwendungen eignen soll. Neben Flutter können Entwickler für Cross-Plattform-Apps auch die Apple-Programmiersprache Swift verwenden. Mit der virtuellen Maschine „Machina“, die in Fuchsia integriert ist, lassen sich Apps anderer Betriebssysteme ausführen.

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Aufbau: Stories und neuer Assistant

Die Benutzeroberfläche von Fuchsia heißt „Armadillo“.
Vergrößern Die Benutzeroberfläche von Fuchsia heißt „Armadillo“.

Seit Mai 2017 hat Fuchsia eine grafische Benutzeroberfläche, die bei Mobilgeräten mit Touchoberfläche „Armadillo“ heißt. Notebooks beziehungsweise Geräte mit Maus und Tastatur verwenden die Oberfläche „Capybara“. Beide Oberflächenvarianten sind einander sehr ähnlich, unterscheiden sich jedoch optisch stark vom gewohnten Android-Look: Anstelle eines Startbildschirms mit App-Icons besteht der Homescreen aus einem Feed von Kacheln, die hier „Stories“ heißen und mit den benötigten Anwendungen („Modules“) bestückt werden können. Diese Apps werden – ähnlich den bereits verfügbaren Instant Apps – nicht lokal gespeichert, sondern aus verschiedenen Quellen gestreamt, etwa dem Play Store, aber auch von Geräten im heimischen Netzwerk. Dadurch sind sie immer aktuell und belegen im Endgerät keinen Speicherplatz.

Ein Fingertipp auf eine der Kacheln öffnet die darin befindlichen Modules als Fenster, das sich frei auf dem Display verschieben lässt. Auch können Sie Modules in mehreren Stories gleichzeitig unterbringen. Fuchsia zeigt zudem auch mehrere dieser Fenster gleichzeitig an und ermöglicht damit Multitasking-Anwendungen. Eine Webdemo des Browsers können Sie unter https://mgoulao.github.io/fuchsia-web-demo/ ausprobieren.

Die Verbindung zwischen den Stories und dem Betriebssystem übernimmt der sogenannte „Ledger“, der für den Datenaustausch und den Zugriff auf Dateien zuständig ist. Diese Ebene befindet sich hauptsächlich in der Cloud und ist nur für den Nutzer zugänglich, nicht für Außenstehende. Damit sollen alle Daten immer aktuell gehalten und von überall zugänglich gemacht werden, ohne dass sich der Nutzer groß Gedanken um die Synchronisation machen muss. Wichtige Voraussetzung hierfür ist jedoch eine schnelle Internetverbindung.

Ein Offlinemodus ist auch vorhanden, allerdings nutzt dieser dann nicht den aktuellen Stand der Daten in der Cloud, sondern den lokalen auf dem Gerät. Nach der Bearbeitung, sobald die Internetverbindung wieder steht, führt Fuchsia beide Versionen zusammen.

Der Google Assistant („Kronk“) wird Ihnen auch in Fuchsia wieder zur Seite stehen.
Vergrößern Der Google Assistant („Kronk“) wird Ihnen auch in Fuchsia wieder zur Seite stehen.

Auch was die Daten selbst angeht, schlägt Google neue Wege ein: Egal, ob Bild, Text, Event oder Konzept – in Fuchsia wird jede Informationsart in einer sogenannten „Entity“ abgelegt. Da jede Entity wiederum im JSON-Format gespeichert wird, lässt sie sich universell lesen und verarbeiten, was der Kompatibilität zugutekommt.

Natürlich ist bei Fuchsia weiterhin der Google Assistant mit an Bord, allerdings bekommt er wohl eine Erweiterung namens „Kronk“ inklusive einer künstlichen Intelligenz namens „Maxwell“. Welche Aufgaben Kronk erledigen wird, ist noch nicht bekannt, nur, dass er eine Cloudanbindung zur ständigen Synchronisierung bekommt.

Fazit: Spannend, aber auch riskant

Noch ist nicht allzu viel Konkretes bekannt über den Android-Nachfolger Fuchsia. Sicherlich ist ein plattform- und geräteübergreifendes Betriebssystem eine tolle Sache. Doch dafür muss garantiert sein, dass die Infrastruktur – schnelles Internet und kompatible Geräte – gegeben ist. Erst dann kann man mit dem langsamen Umstieg beginnen. Bleibt zu hoffen, dass sich Google damit nicht übernommen hat.

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