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Exklusiv: Wenn man wegen Apple heiratet

22.01.2019 | 13:55 Uhr | Halyna Kubiv

Wenn Apple eine Firma übernimmt, erfährt man wenig bis gar nichts, was danach passiert. Bis auf eine Ausnahme.

Die Geschichte nahm ihren Anfang  2013: Wir hatten in den Tiefen des Internets ein vielversprechendes Startup entdeckt, mit einem Produkt, das damals unsere digitale Ausgabe Macwelt HD auf ein neues Niveau zu heben versprach:  Prss. Wir abonnierten aus diesem  Grund einen Newsletter, hörten aber lange nichts mehr von der Firma, mit Ausnahme von Meldungen über eine Übernahme durch Apple – und einer letzten Mail, die vor ein paar Tagen eintrudelte.

Der Gründer von Prss, Jochem Wijnands, ist mittlerweile in die Niederlande zurück gekehrt und blickt auf bewegende Jahre mit Apple zurück. Einige der Erinnerungen hat er mit uns geteilt.

Magazine im digitalen Zeitalter

Die Geschichte von Prss hat noch früher begonnen. 2010, mit dem Start des iPad, hat Apple auch Verlage dazu bewogen, ihre Publikationen im App Store zu veröffentlichen. Der einzige Haken an der Sache: Es gab keine Möglichkeit, die Inhalte in digitale Formate umzusetzen, die meisten Magazine bestanden aus etwas aufgepeppten PDFs. Wijnands hat sich mit seinem Reisemagazin " TRVL.com "  mit den gleichen Problemen der großen Verlage konfrontiert gesehen. So hat sich das Team dazu entschlossen, eine eigene Software für iPad-Magazine zu schaffen. Dabei entstand Prss – damit war es möglich, Texte und Bilder relativ schnell und problemlos in ansprechende iPad-Seiten zu verwandeln, ähnlich wie dies heute in Pages möglich ist, nur Jahre früher. Die Gründer haben schnell begriffen, dass die Entwicklung nicht nur ihrem eigenem Magazin zu Gute kommen kann.

Prss hatte sich eine erste Finanzierung von Investoren geholt, erste Launch-Partner wie Gruner+Jahr waren ebenfalls am Start. 2012 ging es nach Cupertino: Apple zeigte in einem Promo-Video auf der Keynote  zu Beginn der WWDC 2012 auch "TRVL.com"  ( Im Video ab 14:27 ). Der Partner von Wijnands hat dies als Anlass zur spontanen Vorstellung von Prss genutzt – dieser kam an den Bodyguards von Eddy Cue vorbei und stellte Apples Senior Vice President Internet Software and Services seine Entwicklung vor. Danach wurde es einige Zeit still, auch andere Firmen hatten sich um eine Übernahme bemüht, bis im Jahr 2014 wieder Apple auf der Matte stand. Wijnands erzählt, das wichtigste Argument für Apple war der Umstand, dass das Produkt des Startups durch Apples Größe deutlich mehr Nutzer erreichen konnte. Zudem wäre Apple zu einem Hauptwettbewerber geworden, wenn sie eine andere Übernahme angestrebt hätten.

Folgenschwerer Umzug nach Cupertino

Nach konkreten Zahlen der Übernahme hatten wir erst gar nicht gefragt, dafür hat Wijnands einige Hintergrunddetails verraten: Die Firma bzw. das Entwickler-Team musste nach Cupertino umziehen. Zu der Zeit waren bei Prss 20 Angestellte tätig, 16 davon machten sich mit auf den Weg in die USA. Plötzlich standen ganz andere Probleme im Raum: Die Familien durften mit, Partner jedoch nicht. So hat man bei Prss auf einen Schlag zehn Hochzeiten gefeiert. Aus Freundinnen wurden Ehefrauen, Visa konnten problemlos beantragt werden, nichts stand dem Umzug im Wege.

Wijnands erinnert sich, wie man in Cupertino in ein komplett leeres Gebäude einzog, nach ein paar Wochen hat Apple jedoch das dazu gekaufte Team mit eigenen Ingenieuren und Designern aufgestockt, so dass das Prss-Team plötzlich aus mehreren Dutzend Menschen bestand. In knapp einem Jahr hat das Team das existierende Produkt in iOS integriert: Aus Prss wurde Apple News, was Apple auf der WWDC 2015 vorstellte und im September 2015 zusammen mit iOS 9 für alle Nutzer freigab. Wir fragten, warum Apple nach rund vier Jahren es immer noch nicht geschafft hat, Apple News beispielsweise auch in Europa als App zu starten. Wijnands vermutet, dass Cupertino dem momentan keine große Prioritäten zuordnet. Der Firma sei es wichtig, in allen strategischen Bereichen Fuß zu fassen. Dabei müsste das eigene Produkt nicht herausragend oder am besten sein. Sobald aber der Bereich an Bedeutung für die Firmenzukunft gewinnt, starte man dort aggressiv durch: Mit bestehenden Produkten sei das leichter als von Null auf.

Mittlerweile ist Jochem Wijnands in die Niederlande zurückgekehrt. Sein Team von Prss ist größtenteils bei Apple geblieben – nur er und drei weitere Mitarbeiter haben sich von Apple verabschiedet. Die meisten der zehn frisch gegründeten Familien haben schon Kinder.

Eine der wichtigsten Lektionen, die Wijnands bei Apple gelernt hat? Apple meint es mit dem Datenschutz ernst, das ist kein Marketing-Sprech und keine PR, die Kundendaten sind für die Firma keine Ware. Für sich persönlich hat Wijnands entschieden, dass er deutlich produktiver in einem Startup als in einem internationalen Konzern arbeite.

Deswegen geht es mit "TRVL.com" weiter, jenem Magazin, mit dem die ganze Geschichte begonnen hat. Die neue Firma von Wijnands hat jedoch aus einem Reisemagazin eine Empfehlungsplattform entwickelt: Statt nur über die Reisen von Fremden zu lesen, sollen die Nutzer Empfehlungen zu den besten Hotels und Restaurants geben, eine Art Tripadvisor oder Booking.com, nur deutlich personalisierter. Die App gibt es mittlerweile im App Store , Google Play App folgt in Kürze.

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