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Europa der offenen Grenzen – Europa der offenen Software

16.07.2018 | 15:16 Uhr |

Offene Grenzen haben Europa wirtschaftlich und politisch stark gemacht – offene Software kann Europas nächstes Erfolgsmodell werden.

Bisher wird quelloffene Software in der allgemeinen Öffentlichkeit neben den Tech-Giganten wie Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft, den sogenannten GAFAM-Unternehmen, meistens nur als Randphänomen wahrgenommen.

Dabei bietet Open Source große Vorteile im Vergleich zu geschlossenen Systemen – sei es die Chance auf Datenhoheit für die Verbraucher oder sei es als alternativer Weg für den Standort Europa, um im internationalen, digitalen Wettbewerb zukunftsfähig zu bleiben.

Datenkraken aus dem Silicon Valley und Social Scoring im Reich der Mitte

Die Geschäftsmodelle der US-amerikanischen GAFAM-Unternehmen, die immer größere Teile des Internets dominieren, basieren darauf, ihren Nutzern geschlossene Systeme zur Verfügung zu stellen und die Daten ihrer Nutzer dann an Werbetreibende oder Daten-Händler zum Vermarkten weiterzugeben. Google und Facebook allein kontrollieren mit ihrem Datenkraken-Modell so mittlerweile über die Hälfte des weitweiten digitalen Werbebudgets . Wir zahlen als Nutzer zwar kein Geld, bezahlen allerdings mit unseren persönlichen Daten.

Dazu kommt, dass Nutzer dieser geschlossenen Systeme von den Rahmenbedingungen dieser Unternehmen abhängig sind. Wenn Facebook seine Konditionen so ändert, dass es einem persönlich nicht mehr zusagt, ist es eine Sache, sein privates Profil zu schließen.

Wenn allerdings ein Software-Anbieter wie Microsoft beispielsweise den Support für ausgewählte Anwendungen einstellt und somit neue Software angeschafft werden muss, kann dies für Unternehmen und Institutionen sehr schnell sehr teuer werden.

Mit anderen Worten: Privatpersonen, Unternehmen und öffentliche Institutionen sind bei geschlossenen Software-Systemen bisher komplett vom Gutdünken der Anbieter abhängig, die damit sehr viel Geld verdienen.

Hinzu kommt, dass neben den allseits bekannten Internet-Monopolisten aus den USA auch in China im letzten Jahrzehnt mit Alibaba, Baidu und Tencent große Tech-Giganten entstanden sind, die fleißig Daten über ihre Nutzer sammeln – und diese Daten mutmaßlich auch mit Behörden und Geschäftspartnern teilen . Anschub erhalten sie vom staatlichen Social-Scoring-System, das anhand von online und offline gesammelten Daten die Bürger bewertet – und dabei wohl jedem die Nackenhaare aufstellen lässt. Nicht umsonst hat es der schwedische Professor und China-Experte Johan Lagerkvist als eine Mischung aus „ Amazon’s consumer tracking with an Orwellian political twist“ bezeichnet.

Ausweg aus dem Dilemma

Open-Source-Software bietet einen Ausweg aus diesem Dilemma von technologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftspolitischer Brisanz: Software, deren Quellcode frei zugänglich ist, kann von Dritten eingesehen, erweitert und weiterverwendet werden – und sorgt so für Transparenz. Nutzer sind nicht mehr darauf angewiesen, Software-Anbietern blind zu vertrauen, sondern können eigene, unabhängige Fachkräfte beauftragen, um beispielsweise Schwachstellen im Code zu finden und zu beheben.

Was sich zunächst nach einem unentgeltlichen Projekt von Idealisten anhört, ist längst ein wirtschaftlich erfolgreiches Geschäftsmodell. Statt wie bei traditionellen Anbietern für Lizenzen zu bezahlen (die mittlerweile immer häufiger nur noch in einem Abo-System erworben werden können, somit stets erneuert werden müssen und den Kunden einer zusätzlichen Willkür der Anbieter preisgeben), zahlen Kunden quelloffener Software etwa für den professionellen Support und die Weiterentwicklung der Software. Die einzelnen Projekte können dabei entweder von einer Entwickler-Community getragen sein – wie das Betriebssystem Linux – oder von einer Firma gepflegt werden – wie im Fall von Oracles My SQL.

Dass Open-Source-Technologie sich langfristig durchsetzen kann, zeigt auch die Entwicklung des Internets – dessen Grundlage eben offene Protokolle wie TCP/IP, HTTP und quelloffene Software wie Linux, Apache, Firefox bilden.

Europa – aktiver Akteur statt weißer Fleck auf der Landkarte

Mit anderen Worten: Quelloffene Software kann für Europa ein Weg sein, die technologische Zukunft aktiv mitzugestalten. Sucht man in Europa global erfolgreiche Software-Unternehmen mit Milliardenumsätzen, so bleibt nur SAP – dies kann und sollte sich jedoch für die Zukunft ändern.

Zum einen gibt es in ganz Europa mehr hochqualifizierte Entwickler als im Silicon Valley . Diese sind zwar über den ganzen Kontinent verteilt, doch gerade diese Vielfalt kann an Hintergründen und Erfahrungen auch eine Chance für neue Ideen in der sich immer schneller drehenden Welt sein.

Zum anderen hat Europa eine Marktmacht von über 500 Millionen Anwendern sowie über die zahlreichen öffentlichen Institutionen und privatwirtschaftlichen Unternehmen zusätzlich eine bedeutende Zahl an Großkunden – allein die deutschen Bundesbehörden haben im Jahr 2017 nur für Microsoft-Lizenzen rund 74 Millionen Euro ausgegeben.

Eine Möglichkeit, diese Marktmacht geltend zu machen, ist beispielsweise, bei öffentlichen Institutionen auf Open-Source-Software umzustellen wie es die Initiative „ Public Money, Public Code “ fordert. Dass dies bereits an vielen Orten in Europa erfolgreich umgesetzt wird, zeigt ein Blick in unsere Nachbarländer.

In Frankreich werden öffentliche Verwaltungen seit 2012 dazu angehalten, vor dem Kauf von Software Open-Source-Varianten zu prüfen. Außerdem hat die französische Gendarmerie auf freie Betriebssysteme und Büroanwendungen umgestellt.

Schweden bietet der öffentlichen Verwaltung einen Rahmenvertrag zur Beschaffung von quelloffener Software.

Portugal hat seit 2012 rechtliche Regelungen eingeführt, die die Behörden dazu verpflichten, vor dem Kauf die Kosten für proprietäre und quelloffene Software zu vergleichen und in verschiedenen Anwendungsbereichen Open-Source-Software vorzuziehen.

Ebenfalls seit 2012 verpflichtet Italien seine Verwaltungen dazu, primär Open-Source-Software zu verwenden und erlaubt den Kauf von proprietärer Software nur, wenn diese deutlich nachweisbare Vorteile aufweist.

Auch in Spanien herrscht ein Bewusstsein für quelloffene Software: Die Verwaltung der katalanischen Hafenstadt Barcelona hat beschlossen, die Abhängigkeit von geschlossener Software zu reduzieren und investiert seit Anfang des Jahres 70 Prozent ihres Software-Budgets in offene Systeme.

So wie offene Grenzen dazu beigetragen haben, Europa wirtschaftlich und politisch stark zu machen, kann quelloffene Software für Europa also eine Möglichkeit sein, die digitale Zukunft aktiv mitzugestalten – und dabei Werte wie Transparenz, Datenschutz, Wettbewerb und Innovationsfähigkeit zu unterstützen.

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