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Diktatur 4.0: Schöne neue digitalisierte Welt

07.06.2017 | 16:30 Uhr |

Wie die Digitalisierung unsere Freiheit bedroht – und was unsere Alternativen sind.

Inzwischen ist es offenbar: Die Massenüberwachung galt nicht nur den Terroristen, sondern uns allen! Wie Wikileaks kürzlich enthüllte, wurden mehr als 100 Milliarden Dollar allein von der CIA ausgegeben, um unsere Computer, Smartphones, Smart TVs und sogar Smart Cars zu hacken und regelmäßig Daten abzusaugen. Das sind mehr als 1 Milliarde pro Terrorist!

Im Überwachungskapitalismus sind wir das Produkt

Alle unsere Klicks im Internet – und nicht nur die – werden aufgezeichnet und ausgewertet. Über jeden von uns liegen mehr Daten vor, als die Stasi und Geheimdienste totalitärer Staaten in der Vergangenheit jemals hatten. Damit kennen uns manche Informationssysteme inzwischen besser als unsere Eltern, Freunde und Partner – oder sogar wir selber!

Wozu dient das alles? Einerseits, um unsere Vorlieben und Schwächen zu kennen, andererseits um uns manipulierbar zu machen. Personalisierte Information beeinflusst unsere Aufmerksamkeit, unsere Emotionen, Meinungsbildung, Entscheidungsfindung und unser Verhalten. Effektiver als je kann man uns so zum Kauf bestimmter Produkte animieren oder Wahlen beeinflussen.

Wenn Sie sich dazu näher informieren wollen – die relevanten Stichworte sind „Neuromarketing“, „Persuasive Computing“, „Social Computing“ und „Big Nudging“.

Zunehmend bedrohen diese Technologien unsere Demokratie und den inneren Frieden. Social Bots – roboterisierte Blogger quasi – greifen in die öffentliche Meinungsbildung ein und stellen die Propaganda- und Zensur-Methoden der Vergangenheit weit in den Schatten.

So sind wir unversehens in der postfaktischen Gesellschaft gelandet, in der Fake News immer schwieriger von der Wahrheit zu unterscheiden sind. Denn wenn Sie und ich den gleichen Link anklicken, sehen wir vielleicht verschiedene Inhalte. Auf Buchungsplattformen ist das schon Alltag, aber auch bei Internet-News verbreitet sich die Personalisierung der Inhalte.

Inzwischen ist es sogar möglich, Youtube-Videos in Echtzeit zu manipulieren. Sowohl die Mimik als auch das Gesagte lassen sich verändern, ohne dass der Betrachter es bemerkt. Damit können wir uns auf nichts mehr verlassen. Denken Sie beispielsweise an Michael Jacksons „Slave to the Rhythm“-Video – produziert nach seinem Tod!

Aber das ist nicht alles.

Von jedem von uns existiert ein digitales Double

Das ist eine Art Blackbox, die mit unseren – meist ohne unser Wissen abgesaugten – persönlichen Daten gefüttert wird und – dank maschinellem Lernen – sich so ähnlich wie wir verhält. Wofür soll das gut sein? Weltsimulationen wie „Sentient World“ simulieren globale Kriegsspiele im Computer. Man könnte mit Ihrem digitalen Double aber auch experimentieren, um herauszufinden, wie man Sie am besten austrickst, damit Sie ein bestimmtes Produkt kaufen, einen Trojaner auf Ihren PC herunterladen und ihn hackbar machen oder Ihren Kollegen, Nachbarn oder Mitmenschen hassen.

Man könnte überdies herausfinden, wer demonstrieren würde, wenn man die Pressefreiheit oder die Demokratie abschaffte, und Sie vorsorglich in „Sicherheitsverwahrung“ stecken – Stichwort „Predictive Policing“.

Spätestens seit dem „Arabischen Frühling“ werden solche Technologien zunehmend eingesetzt, um Staaten zu destabilisieren. Seither wurden sie kontinuierlich verbessert. Nun kommen die Cyberwaffen auch hier zum Einsatz. Sie sind fertig, um die Demokratie, die von vielen Technologie-Gurus als „veraltete Technologie“ verschmäht wird, durch eine datengetriebene „wohlwollende Diktatur“ zu ersetzen. Es braucht nur eine genügend große Katastrophe oder Krise und den Ruf der Öffentlichkeit nach „mehr Sicherheit“, dann könnte das technologische Instrumentarium der „schönen neuen Welt“ auch hier in vollem Umfang eingeschaltet werden. Lesen Sie einmal das Buch iGod von Willemijn Dicke als Warnung und Weckruf!

Scores und wer davon profitiert

Im Krisenfalle könnte es passieren, dass der chinesische Citizen Score auch hier aktiviert wird. Der Citizen Score kocht alle Ihre Daten auf eine Zahl herunter (inklusive der über Sie gesammelten Gesundheitsdaten – übrigens wertet Sie auch Ihr Handy kontinuierlich aus!). Das schließt alle Aktivitäten und den Freundeskreis mit ein. Wenn Sie Ihren Kredit nicht pünktlich zurückzahlen, gibt das Minuspunkte. Wenn Sie regierungskritische News lesen, gibt das Minuspunkte. Wenn Sie die „falschen“ Freunde haben, gibt das Minuspunkte. Und am Ende entscheidet der Citizen Score über die Kreditkonditionen, über die Jobs, die man bekommen kann, und die Reisevisa – zumindest in China.

Aber auch im Westen gibt es das. In Großbritannien heißt der Citizen Score „Karma Police“ – und er wertet auch aus, welche Videos Sie im Internet anschauen und welche Radioprogramme Sie hören. Glauben Sie nur nicht, solche Scores gäbe es mittlerweile nicht überall!

Wozu sollen sie gut sein, werden Sie fragen? Um zu entscheiden, wer Zugang zu welchen Ressourcen (d.h. Produkten und Dienstleistungen) bekommt, wenn sie knapp werden. Oder mit dem Ziel der CO2-Reduktion – Stichwort: Klimawandel – verknappt werden. Am 23. September 2017 steht darüber die Entscheidung der UN Vollversammlung an, sagt man.

Im Ergebnis würde der Citizen Score zu einer neofeudalen Gesellschaft führen. Sie können sich denken, wer sich dafür am meisten begeistert und wer das auf den Weg gebracht hat. Wer eine hohe Punktzahl hat, der bekäme dann alles, was das Herz begehrt, egal, wie schlecht es um die Welt bestellt ist. Das wären sehr wenige – aber sicher die Auftraggeber des Systems. Bei den anderen hinge es vom Punktestand ab, ob man noch ein Auto kaufen dürfte, bestimmte Medizin bekäme oder täglich Fleisch essen dürfte. Viele würden sich daher bemühen, den personalisierten Anweisungen durch das Smart Device Folge zu leisten, um Plus- statt Minuspunkte zu erhalten. Und so würden mündige Bürger wohl schnell wieder zu Untertanen.

Das hört sich nach einem schrecklich düsteren Science Fiction an – ist es aber leider nicht! Die beschriebenen Technologien sind vorhanden und einsatzbereit.

Sie werden sich fragen, warum das alles? Die Antwort ist: Unsere Wirtschaft ist nicht nachhaltig. Die Welt verbraucht 1,5 mal so viele Ressourcen wie erneuerbar sind, Deutschland sogar 3,5 mal so viel. Um Katastrophen zu vermeiden, muss die Menschheit schnell auf den Faktor 1 herunterkommen. Mit dem Citizen Score kann man das erreichen, aber wir würden in einer digitalen Planwirtschaft mit digitalen Essensmarken leben – einer Welt, die noch totalitärer ist als es sie jemals gab! Für die meisten wäre das kein lebenswertes Leben mehr – wir würden allmählich nur noch dahinvegetieren und ums Überleben kämpfen.

Das sind die Alternativen

Dabei gäbe es viel bessere Lösungen, um bis 2030 eine nachhaltige Welt zu schaffen. Bisher werden sie allerdings von jenen blockiert, die sich mehr um Macht und Reichtum als um die Zukunft der Welt sorgen.

Erstens könnten wir Städte-Olympiaden ausrichten, in denen Städte rund um die Welt regelmäßig um die besten umweltfreundlichen, energieeffizienten, ressourcenschonenden und krisenfesten Lösungen konkurrieren würden. Es gäbe also verschiedene Wettkampf-Disziplinen und auch verschiedene „Gewichtsklassen“ (Klein- und Großstädte zum Beispiel).

Der Wettkampf würde die Wissenschaft stimulieren, aber auch die Medien und Unternehmen einschließen. Insbesondere ginge es um die Mobilisierung der Bevölkerung beim Einsatz ressourcen- und umweltfreundlicher Produkte und Technologien. Zwischen den Wettbewerben würde man die Erfahrungen über die besten Technologien, Organisationsprinzipien und Mobilisierungsstrategien austauschen. Konkurrenz und Kooperation zwischen den Städten würden sich also abwechseln. Wären die Neuerfindungen im Sinne von „Open Innovation“ dann sogar kostenlos für alle verfügbar und weiter entwickelbar, würden sie sich wohl am schnellsten verbreiten.

Zweitens könnte man das seit Jahrtausenden krisenanfällige Geld- und Finanzsystem durch ein sozioökologisches Finanzsystem 4.0 ersetzen. Dieses würde folgendermaßen funktionieren: Mit Sensoren des Internets der Dinge, wie sie auch in unseren Smartphones verbaut sind, könnten wir die Auswirkungen unseres Handelns auf die Umwelt und andere Menschen messen: „negative Externalitäten“ wie Lärm, CO2 oder Abfallstoffe aller Art genauso wie „positive Externalitäten“ wie Kooperation, Bildung, Gesundheit oder die Wiederverwertung von Ressourcen.

Mittels Blockchain-Technologie , wie sie beispielsweise von der digitalen Währung „Bitcoin“ verwendet wird – könnte man den verschiedenen Externalitäten dann einen Preis oder Wert geben. Das würde zu einem multidimensionalen Anreiz- bzw. Finanzsystem führen, das sich zur Echtzeit-Steuerung komplexer Systeme eignen würde. Mit geeigneten Anreizen könnte man das Finanzsystem so in Einklang mit gesellschaftlichen Werten und Umwelterfordernissen bringen. Es entstünden neue Marktkräfte, die endlich eine Kreislaufwirtschaft und Sharing Economy auf den Weg bringen würden, um eine hohe Lebensqualität für mehr Menschen mit weniger Ressourcen zu ermöglichen. Auch hiervon könnten Unternehmen, Bürger und Staat gleichermaßen profitieren.

Drittens könnte man die „marktkonforme Demokratie“, welche die Weltprobleme offensichtlich nicht gelöst und die Demokratie gefährlich geschwächt hat, durch einen „ demokratischen Kapitalismus “ ersetzen. Hierbei würde die Gelderzeugung neu erfunden. Statt Milliarden Euro von oben ins System einzuspeisen, wie es beim „Quantitative Easing“ geschieht, könnte man den Menschen eine „Investmentprämie“ auf ihr Konto überweisen. Diese dürfte man allerdings nicht behalten, sondern man müsste sie in gute Ideen, Projekte und Engagements von anderen investieren, so dass jene Dinge auf den Weg kämen, die man richtig und wichtig findet. Es wäre also ein „Crowd Funding für alle“ bzw. ein Stimmrecht bei Investitionen, die einen persönlich betreffen – und das nicht nur alle vier oder fünf Jahre.

Ein solcher Ansatz, kombiniert mit Open Data und Open Innovation würde zu einer rasanten, pluralistischen Innovationsdynamik führen, so dass viel schnellere und flexiblere Lösungen für die Menschheitsprobleme auf den Weg kämen.

Das sind nur einige der ungenutzten Möglichkeiten, die wir haben. Ein Upgrade der Demokratie mit digitalen Plattformen wäre ebenfalls möglich. All die genannten Vorschläge sind mit den Grundwerten unserer Gesellschaft perfekt vereinbar. Demokratie und Kapitalismus – bisher die beiden erfolgreichsten Organisationsprinzipien der Menschheitsgeschichte – würden miteinander versöhnt und ein digitales Upgrade erhalten. So könnten wir die Zukunftsprobleme erfolgreicher anpacken – und wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch und kulturell aufs nächste Level kommen. Ein neues Kapitel der Geschichte beginnt. Jetzt liegt es an uns, es zu schreiben!

Nähere Informationen finden Sie auf Youtube im FuturICT-Channel und Blog und in diesem Beitrag .

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