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Digitaler Nachlass: So treffen Sie Vorsorge für Ihre Online-Konten im Todesfall

18.08.2017 | 11:51 Uhr |

Facebook, Twitter, Google, Instagram, Flickr und Co.: Im Todesfall haben die Angehörigen keinen Zugriff auf das Online-Konto des Verstorbenen. So treffen Sie Vorsorge. Und so kommen Nachkommen doch noch an die Online-Konten, falls der Verstorbene nicht vorgesorgt hat.

Der Fall ging um die Republik und ans Herz: Ist ihre Tochter 2012 versehentlich in den Schacht gefallen und von einer einfahrenden U-Bahn erfasst worden? Oder hat die Tochter etwa wegen Cyber-Mobbings Selbstmord begangen? Mit dieser quälenden Frage im Hinterkopf hat eine Mutter von Facebook Zugang zu den Kontodaten ihres Kindes verlangt und im Mai 2017 mit Verweis auf das Fernmeldegeheimnis in zweiter Instanz verloren. Ein tragisches Schicksal, das sicherlich einige Angehörige von verstorbenen „Netizens“ heute teilen.

Nachlass regeln – aber warum?

Wem es nicht egal ist, was nach seinem Tod mit den eigenen digitalen Fußspuren passiert, der sollte sich bei seinen E-Mail- und Social-Media-Konten rechtzeitig um seinen digitalen Nachlass kümmern. Das betrifft sowohl die eigenen E-Mail-Konten als auch den Zugang zu sozialen Netzwerken wie LinkedIn und Xing, Facebook, Twitter und Instagram sowie Snapchat, Pinterest und Flickr, um nur die gängigsten zu nennen.

Hinzu kommen im Zweifelsfall auch Webshops und Zahldienste wie Amazon, eBay und PayPal sowie Freemail-Anbieter wie Yahoo, Web.de, Outlook.com (ehemals Microsoft Hotmail) und GMX. Eine vorsorgliche Nachlassregelung sucht man bei den meisten dieser Dienste vergebens.

Zugangsdaten ins Testament

Es ist zwar vollkommen richtig, dass Sie Ihre Benutzernamen und Passwörter nicht auf einen Zettel schreiben und diesen dann neben den PC kleben sollen. Das wäre zu unsicher. Doch für Ihre Nachkommen sollten Sie Ihre Passwörter auffindbar niederschreiben oder auf einen Stick bannen und diesen einer Vertrauensperson geben, die Sie als Ihren „Nachlassverwalter“ sehen. Um diesen amtlich zu bestimmen und Ihr digitales Erbe zu regeln, hinterlassen Sie beim Amtsgericht am besten ein handschriftliches gesondertes Testament oder nehmen Sie die Regeln in Ihr Testament auf. Damit haben Sie die Sicherheit, dass zu Ihren Lebzeiten niemand Zugriff auf Ihre Passwörter hat, nach Ihrem Tod aber Ihre Erben sich um Ihre Online-Konten kümmern können. Allerdings müssten Sie dann bei jeder Passwortänderung auch Ihr Testament ändern.

Das ist aufwändig und verursacht Gebühren. Als Kompromiss bietet sich an, dass Sie alle Ihre Online-Konten mit den Benutzernamen im Testament aufführen, die dazu gehörigen Passwörter aber in der gleichen Reihenfolge wie im Testament auf einem Zettel schreiben, den Sie einer vertrauenswürdigen Person geben oder in Ihrer Wohnung aufbewahren. Im Testament schreiben Sie dann, wo sich die dazu gehörigen Passwörter befinden.

Gegebenenfalls sollten Sie Ihre Online-Konten, Benutzernamen und Passwörter auch noch in Ihre Vorsorgevollmacht aufnehmen.
So treffen Sie Vorsorge für Ihre Online-Konten

Google, Gmail, Youtube, Google+

Google stellt den Inactive Account Manager zur Verfügung. Damit können Nutzer festlegen, was nach ihrem Tod oder nach einer gewissen Zeit der Inaktivität mit den Daten geschehen soll. Hierbei kann der Kontoinhaber Dritten sogar das Zugriffsrecht auf das eigene Gmail-, Google+- oder YouTube-Konto gewähren. Diese Dienste gehören alle zu Google und unterliegen derselben Regelung.

Mit dem Inactive Account Manager von Google können Sie festlegen, wer im Falle der Inaktivität Ihres Kontos benachrichtigt werden soll.
Vergrößern Mit dem Inactive Account Manager von Google können Sie festlegen, wer im Falle der Inaktivität Ihres Kontos benachrichtigt werden soll.

Facebook

Auch Facebook will seinen Nutzern den digitalen Nachlass beziehungsweise das digitale Erbe erleichtern. Hierzu besteht unter „Einstellungen, Konto verwalten" die Möglichkeit, eine Freundin oder einen Freund als Nachlassverwalter einzusetzen. Dafür kommen aber nur Personen in Frage, die selbst über einen Facebook-Account verfügen. Ferner kann man festlegen, ob das Konto samt aller Inhalte nach dem Ableben gelöscht oder in den Gedenkzustand versetzt werden soll. Im Hilfe-Bereich findet man bei Facebook zum Beispiel unter dem Stichwort Nachlass umfangreiches Informationsmaterial sowohl zur Nachlassvorsorge als auch für Angehörige oder Freunde, die das Konto eines Verstorbenen anfordern, löschen oder in den Gedenkzustand versetzen wollen. 

Instagram, WhatsApp, eBay, PayPal, Twitter, Snapchat, Xing, Web.de, GMX, Apple, Amazon

Bei den meisten Diensten gibt es aber gar keine Vorsorgeregel. Daher ist es auf jeden Fall ratsam, für alle oder für einzelne Zugangskonten möglichst handschriftlich eine Vertrauensperson als persönlichen digitalen Nachlassverwalter zu bestimmen und die Zugangsdaten für den Betreffenden sicher aufzubewahren. Am besten eignet sich dafür ein Speicher-Stick. Voraussetzung ist allerdings, dass die Kontoinformationen einschließlich der Passwörter jeweils auf dem aktuellen Stand sind.

Eine Vorsorgeregel wie bei Google und Facebook ist selbst bei den Facebook-Töchtern Instagram und WhatsApp nicht zu finden. Bei eBay, PayPal, Twitter, Snapchat, Xing, Web.de, GMX und Co. ebenfalls Fehlanzeige. Die meisten Anbieter berufen sich wohl auf ihre AGB (Allgemeinen Geschäftsbedingungen).

In den AGB von Apple iCloud heißt es laut dem Bayerischen Rundfunk: „Sie stimmen zu, dass Ihr Konto nicht übertragbar ist und dass alle Rechte an Ihrer Apple ID oder Ihren Inhalten innerhalb Ihres Kontos mit Ihrem Tod enden." Gleiches gilt auch für die meisten anderen Dienste. Amazon räumt den Kunden in den AGB auch nur Nutzungsrecht ein. „Ein Account ist nicht übertragbar und alle Rechte an dem Account und den gespeicherten Inhalten erlöschen mit dem Tod des Nutzers", heißt es auch bei Yahoo.

Der BR zitiert aber Rechtsanwalt Steiner, den Präsidenten des Deutschen Forums für Erbrecht mit den Worten, dass es noch kaum Gerichtsurteile gebe, die eindeutig klären könnten, ob die Geschäftsbedingungen zum Wegfall von Lizenzen im Todesfall überhaupt mit dem deutschen Recht vereinbar sind. 

Digitale Nachlassdienste

Es gibt auch Firmen, die solche digitalen Nachlassdienste anbieten, zum Beispiel der technische Dienstleister Columba oder die von der Theologin Birgit Aurelia Janetzy gegründete Social-Media Digitalberatung semno. Eine Übersicht über solche Dienstleister findet sich bei digital-danach.de. Darüber können Sie auch verschiedene Preisangebote vergleichen. Manche der Service- oder Beratungsfirmen wagen sich bei der Beschaffung von Zugangsdaten per Hacking auch schon mal in rechtliche Grauzonen vor (siehe ganz unten), von denen man selbst möglichst die Finger lassen sollte.

So kommen Ihre Angehörigen an Ihre Konten

Wenn keine Vorsorge getroffen wurde, können sich die engsten Angehörigen des Verstorbenen ohne Zugangsdaten schriftlich an Amazon, eBay, Google, PayPal, Twitter und Xing wenden. Bei einigen Diensten wie WhatsApp muss man amtliche Nachweise über den Tod des Konto-Inhabers vorlegen, Microsoft verlangt diese sogar mit einer direkten Anfrage an die Zentrale in den USA. Es ist aber in der Regel gar nicht so einfach, an die nötigen Informationen und Formulare heranzukommen.

Bei Instagram allerdings besteht wie bei Facebook jeweils über ein Formular im Hilfebereich die Möglichkeit zu beantragen, dass das Konto des Verstorbenen in den Gedenkzustand versetzt oder gelöscht wird .

Bei Microsoft findet man für den beliebten kostenlosen Mail- und Kalender-Service outlook.com sowie für Hotmail.com, Live.com und MSN.com den etwa sperrig benannten Nächster-Angehöriger-Prozess. Dort heißt es, dass vor einer Freigabe des E-Mail-Kontos eines verstorbenen oder entmündigten Nutzers dem Softwareriesen zuerst eine gültige Vorladung oder eine gerichtliche Verfügung förmlich zugestellt worden sein muss.  

Twitter ermöglicht auf Antrag über ein nicht näher spezifiziertes Kontaktformular auch eine Archivierung des digitalen Erbes.

Die Deutsche Telekom bietet den Hinterbliebenen an, über jeweilige Online-Formulare einen Festnetz- oder Mobilfunkvertrag löschen zu lassen oder übernehmen zu können. LinkedIn hält im Hilfe-Bereich deutsche Informationen und den Link zu einem englischsprachigen Online-Formular bereit, über das Angehörige oder Freunde beantragen können, dass das Konto des Verstorbenen gelöscht werden soll.

Auch berufliche Netzwerke wie LinkedIn ermöglichen Angehörigen und Freunden, das Löschen des Nutzerkontos.
Vergrößern Auch berufliche Netzwerke wie LinkedIn ermöglichen Angehörigen und Freunden, das Löschen des Nutzerkontos.

Manche Anbieter zeigen, dass man mit Nachlass als Suchbegriff nicht weiterkommt. GMX ist ein gutes Beispiel dafür. Dort lautet der Suchbegriff auf den Hilfeseiten jeweils Vorgehen im Trauerfall. Erbberechtigte Angehörige von Personen, die einen GMX-ProMail- oder TopMail-Vertrag abgeschlossen haben, können diesen Vertrag dort gegen Vorlage einer Kopie der Sterbeurkunde außerordentlich kündigen. "Darüber hinausgehende Anliegen werden im Einzelfall bearbeitet", heißt es dort mit dem Verweis, sich an den Kundendienst zu wenden. Dafür ist im Kundencenter eine kostenlose Rufnummer hinterlegt. Die setzt jedoch voraus, dass der Hinterbliebene Zugang zu dem Konto hat. Die GMX-Schwester Web.de hält unter Vorgehen im Trauerfall ebenfalls Informationen und die Nutzung der kostenlosen Telefon-Hotline bereit. Die deutsche Web.de- und GMX-Mutter 1und1 selbst bietet im Hilfe-Center mit den jeweiligen Formularen im Todesfall noch eine Reihe von Möglichkeiten für die Angehörigen, einschließlich Sonderkündigungsrecht und Vertragsübernahme.

Viele Anbieter wie GMX, Web.de und 1&1 halten unter dem Begriff „Vorgehen im Trauerfall“ Informationen zur Kündigung und Vertragsübernahme bereit.
Vergrößern Viele Anbieter wie GMX, Web.de und 1&1 halten unter dem Begriff „Vorgehen im Trauerfall“ Informationen zur Kündigung und Vertragsübernahme bereit.

Yahoo beruft sich wie gesagt auf die AGB, wonach das Konto nach dem Ableben des Nutzers erlischt.

Insofern wird von Experten geraten, nicht sofort von dem Tod des Nutzers Meldung zu machen, wenn von den Angehörigen gewünscht wird, auf Inhalte des Kontos zuzugreifen. Der Schmerz über den Trauerfall sitzt aber oft so tief, dass man vielleicht erst viel zu spät daran denkt, im Konto des oder der Verstorbenen nachzusehen. Im tragischen Fall der damals 15-Jährigen, die 2012 vor eine einfahrende U-Bahn stürzte, kam der Mutter wohl zu spät die Idee, in deren Facebook-Account nachzusehen, ob Ihre Tochter Opfer von Cyber-Mobbing geworden ist. Andernfalls hätte sie nicht gegen den Social-Media-Riesen prozessieren müssen, um schließlich in zweiter Instanz zu verlieren.

Hinweis: Sollte gar das mit Facebook, Twitter, Instagram, Google und Co. verknüpfte E-Mail-Konto nicht mehr existieren, weil es wegen Nichtaktivität vom Betreiber gelöscht wurde, dann haben die Angehörigen nicht einmal mehr die Möglichkeit, via Mail das Kennwort zurückzusetzen und sich dann über ein neues Kennwort einzuloggen, um an die Konten und Inhalte des Verblichenen heranzukommen.

Beruflicher Nachlass

Die Nachlassreglung betrifft auch Unternehmen. Nach dem plötzlichen Tod eines Mitarbeiters darf der Arbeitgeber nicht einfach den Computer und das Smartphone durchsuchen, wenn sich darauf auch private Nachrichten befinden. Unternehmen sollten durch Verträge und Betriebsvereinbarungen für den Todes- oder längeren Krankheitsfall des Arbeitnehmers klare Regelungen treffen.

Wenn der Chef stirbt…

In einer Ausgabe der „Zeit“ vom Januar 2016 erschien ein Interview mit der Theologin Birgit Aurelia Janetzky, Gründerin der auf „Mensch, Tod und Internet“ spezialisierten Social-Media-Beratung semno, das in eine etwas andere Richtung geht. Demnach darf alles, was geschäftlich ist, von den Erben nicht eingesehen werden. Sie weist darauf hin, dass bei Mitarbeitern in digitalen Schlüsselrollen massive Schwierigkeiten auftreten können, wenn es keine Dokumentation über die jeweiligen Zugangsdaten gibt.

Beim Tod des Chefs könne ein Unternehmen ohne Regelung für sein digitales Vermächtnis sogar handlungsunfähig werden. Innerbetriebliche Vereinbarungen seien daher wichtig. Damit wichtige Informationen im Not- oder Todesfall nicht verloren gehen, ist es wie bei Xing ratsam, sich Nachrichten auch aufs eigene E-Mail-Konto schicken zu lassen. So haben die Erben möglicherweise noch Zugriff auf Einträge bei dem beruflichen Netzwerk oder können sie darüber vernetzte Geschäftspartner über den Tod des ehemaligen Geschäftsführers informieren. Freiberuflern und Unternehmen rät Janetzky jeweils, Privates und Berufliches strikt zu trennen. Andernfalls sollte der Nutzer festlegen, wer unter Umständen Zugriff auf den E-Mail-Account und Nachrichten auf dem Handy haben darf.

Hacken der Konten Verstorbener: Kein straffreier Raum

Posthumes Posten von Nachrichten verbietet schon die Ethik und ist tatsächlich nicht gestattet. Im Zweifel hat aber schon mancher E-Mail-Verteiler oder das Smartphone eines Verstorbenen dazu gedient, die bereits verständigten Freunde und Verwandte über die bevorstehende Trauerfeier zu informieren.

Wenn man nach dem Tod eines geliebten Menschen schon erfolglos alles versucht hat, an dessen Konto und die betreffenden Inhalte heranzukommen, kann die Versuchung groß sein, sich illegal Zugang zu verschaffen und einen professionellen Hacker zu beauftragen.  Das Institut für Lebenskunde in Hamburg spricht hier von einem legitimiertem Hack. Aber wie der Columba-Vorstandsvorsitzende Oliver Eiler in der „Zeit“ zitiert wird, bewege man sich hier schon in der „rechtlichen Grauzone“.

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