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Digitale Medizin: Besser von oben verordnet?

11.07.2017 | 14:00 Uhr |

Deutsches Gesundheitssystem im Jahr 2017: Immer noch das Reich der telefonischen Warteschleife, der schlecht leserlichen papiernen Arztbriefkopie und der sorgfältig behüteten Datensilos, die einen reibungslosen Informationsfluss unmöglich machen.

Schon Mitte Juni 2017 befasste sich die Bundesregierung auf ihrem Digitalgipfel – dem umgetauften Nationalen IT-Gipfel – mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Und das Thema scheint Bundeskanzlerin Angela Merkel keine Ruhe zu lassen: Auch in ihrem Video-Podcast vom vergangenen Wochenende ging es um die Chancen der digitalen Medizin , und den Rückstand, den Deutschland hier aufzuholen hat.

Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) mit zugehöriger Telematik-Infrastruktur, die jahrelang hauptsächlich durch Nicht-Existenz glänzte, führt die Kanzlerin zudem immer mal wieder als abschreckendes Beispiel dafür an, wie Digitalisierung nicht funktioniert – zuletzt beim Deutsch-Chinesischen Innovationsforum Anfang Juni in Berlin. Anfang 2016 war schon das E-Health-Gesetz in Kraft getreten, um die Einsatzfähigkeit dieses "Berliner Flughafens der Digitalisierung" endlich in greifbare Nähe zu bringen.

Aber wie haben wir uns diesen Rückstand überhaupt eingebrockt? Sind deutsche Krankenhäuser und Praxen einfach nicht digitalisierbar? Liegt es an eigenbrötlerischen Ärzten oder an Patienten, die sich keine PIN merken können? Daran, dass Krankenkassen wie Vampire darauf lauern, die kostbaren Patientendaten aus den Systemen abzuziehen? Oder an so strengen Datenschutzrichtlinien, dass für Forschung und Entwicklung kein Platz mehr bleibt?

„It’s complicated“, wie Facebook sagen würde. Denn: So, wie eine unbehandelte Zahnentzündung irgendwann den Patienten umbringen kann, so haben eigentlich vermeidbare Schwierigkeiten in den Anfangszeiten der Digitalisierung in der Medizin einen Haufen Komplikationen nach sich gezogen, die man nun nicht mehr so recht zu behandeln weiß. Den Kern des Problems kann man ohne weiteres auch heute noch beobachten, wenn man sich mit zu viel freier Zeit mal einen Tag im Krankenhaus aufhält.

(Eine gute Zerstreuung, wenn man beispielsweise zu einer geplanten OP einbestellt wurde, die wegen chronischem Personalmangel, akutem Ransomware-Infekt des Zentrallabors oder illegal eingenommenem Frühstück verschoben werden musste.)

Wenn man dort sieht, wie Ärzteschaft und Pflege versuchen, mit der zur Verfügung stehenden IT ihre Aufgaben zu erledigen, fällt vor allem folgendes auf: Die Benutzer interessieren sich nicht für mehr als die allernötigsten Handgriffe an den zur Verfügung stehenden Systemen – und hätten auch keine Zeit zur gründlichen Einarbeitung, selbst wenn sie das wollten.

Aber: Die Entwickler besagter Werkzeuge interessieren sich offensichtlich auch nicht für die Bedürfnisse der Benutzer. Dünn gesät sind die Geräte und Programme, die ihren Benutzern tatsächlich die Alltagsarbeit erleichtern. Stattdessen machen sie ihren Nutzern das Leben interessanter durch nicht-intuitive Bedienerführungen („interessanter“ im Sinne des alten chinesischen Fluchs „Mögest Du in interessanten Zeiten leben“) und durch in unvorhersehbaren Abständen auftretende Fehlfunktionen.

In den Praxen der niedergelassenen Ärzte sieht es nicht viel anders aus. Obwohl hier die IT in letzter Zeit gute Fortschritte in Richtung Bedienerfreundlichkeit gemacht hat, löscht das die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte nicht aus, in der die IT nur als eine weitere Anforderung wahrgenommen wurde, die von außen aufgedrückt wurde. Die Gesamtsumme der grauen Haare auf den Köpfen deutscher Niedergelassener, die durch eine Fehlfunktion von Praxisverwaltungssystemen kurz vor der Quartalsabrechnung verursacht wurden, muss in die Millionen gehen (eigene Berechnung).

Aber auch die Ärzte haben keine weißen Westen unter den Kitteln: Jahrelang wurde darauf beharrt, dass Big-Data-Analysen und künstliche Intelligenz etwas ist, das nur anderen Branchen passiert. Die Digitalisierung sollte gern Boten, Schreibkräfte und Stationssekretärinnen überflüssig machen. Aber sobald es an die eigenen Aufgaben ging, pochte man darauf, dass künstliche Intelligenzen niemals an ärztliche Fähigkeiten heranreichen würden (bis sie es dann doch taten, siehe Fachpresse der letzten Monate).

Mit den Totschlag-Argumenten der „fehlenden Menschlichkeit“ und des „Schutzes von Patientendaten“ wurden Initiativen der Digitalisierung jahrelang abgeschmettert – auch die eGK. Wohlgemerkt: Sowohl die Menschlichkeit in der Arzt-Patienten-Beziehung als auch die Vertraulichkeit von Patientendaten müssen verteidigt werden.

Ein Blick in den analogen Arbeitsalltag im Gesundheitswesen zeigt jedoch, dass beide dort oft nicht viel gelten. Wer ist nicht schon mal nach zweieinhalb Minuten wieder aus dem Sprechzimmer befördert worden oder hätte während des Wartens ungestört die Daten des Vorgängers studieren dürfen?

Zu viel Energie haben Ärztinnen und Ärzte in den letzten Jahren aufgewendet, um die Digitalisierung zu stoppen, und zu wenig, um sie in ihrem Sinne mitzugestalten und besser zu machen. Fest steht: Wenn wir in Deutschland keine richtig guten eigenen Lösungen entwickeln, dann springen die üblichen Verdächtigen ein, die ein anderes Verständnis von Datenschutz und Gesundheitsökonomie haben als wir.

Dass die notorischen Datensammler wie Google und Facebook sich auf dem Gebiet der digitalen Medizin in Deutschland engagieren, ist zwar nicht gerade wünschenswert (wenn auch vielleicht unvermeidlich). Aber E-Health und Medizin-IT können von ihnen lernen – und viele Start-ups tun das bereits.

Denn: Keiner der großen Silicon-Valley-Konzerne wäre jemals so erfolgreich geworden, wenn nicht so viele Ressourcen in die Erforschung von Wünschen und Bedürfnissen der Nutzer geflossen wäre. Und umgekehrt stünden uns heute viele Alltagshelfer nicht zur Verfügung, wenn nicht hunderte und tausende von frühen Nutzern bereit gewesen wären, den Bastlern und Entwicklern ihr Feedback zur Verfügung zu stellen.

Dass die Bundesregierung sich für die Digitalisierung im Gesundheitswesen engagiert, ist toll – führt aber nur zu weiteren Berliner Flughäfen, wenn Entwickler und Nutzer an der Basis nicht mehr als bisher miteinander reden.

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