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Denken versus Daten: Wie wir Menschen die Kontrolle verlieren

10.01.2018 | 14:30 Uhr |

Die Digitalisierung verändert die Gesellschaft so grundlegend, dass wir Menschen darin bald keine Rolle mehr spielen.

„Die Maschine besitzt ihre eigene Seele“: Auch im 21. Jahrhundert ist Karl Marx gegenwärtig wie eh und je. Das könnte an der Digitalisierung und ihren gesellschaftlichen Folgen liegen.

„Marx reloaded“ – die in letzter Zeit häufig vernommene Redewendung zeigt nicht nur an, dass Karl Marx 2018 seinen 200. Geburtstag feiern würde. Vielmehr scheint es, als seien seine ökonomischen Analysen auch im 21. Jahrhundert ungebrochen aktuell. Besonders dann erscheinen sie warnend wie ein Menetekel vor unserem geistigen Auge, wenn in Deutschland von Industrie 4.0 und global vom „Zweiten Maschinenzeitalter“ die Rede ist (Brynjolfsson/McAfee). 

Niemand mehr würde bestreiten, dass die Menschheit heute gleichermaßen den Chancen und Risiken eines epochalen Umbruchs gegenübersteht und bereits sehr handfest mit den wirtschaftlichen und politischen Folgen einer sich global ausbreitenden digitalen Vernetzung ringt.

Aber bringt der Internetkenner Jaron Lanier mit seiner nüchternen Klarstellung „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt“ wirklich auf den Punkt, was Karl Marx als Produkt der menschlichen Arbeit erkannte?

Während der Amerikaner zu Recht kritisiert, dass Technologie-Giganten die „Schöpfung Mensch“ ( Lanier ) quantifizieren, selektieren und ihren Wert auf eine simple Zahl, einen strategischen Score, reduzieren, geht Marx‘ Vision – wen wundert’s, es grüßt das Kollektiv – über den Einzelnen hinaus: Nicht der einzelne Datenhaufen, nicht die Online-Karikatur des Menschen sind das Produkt der digitalen Profiler, sondern das „Maschinensystem“, das Netz gar selbst – als das Werk des gesellschaftlichen Zusammenwirkens aller.

Intelligent, höchst kurzweilig und in geistreicher Sprache beschreibt Jürgen Neffe, Autor der aktuellen Marx-Biografie "Marx. Der Unvollendete" , die Hellsichtigkeit des Marxschen Maschinenfragments von 1857/58, in dem Marx einen seiner größten gedanklichen Kunstgriffe einsetzt: Nicht die schiere Arbeitskraft des Einzelnen allein ist Produkt, sondern die Leistung aller als Ausfluss gesellschaftlichen Zusammenwirkens für „den einen und denselben Zweck“ ( Marx ).

Produkt der ersten Industrialisierung ist also nicht die individuelle Arbeit des Arbeiters. Produkt der jetzt angebrochenen digitalen Epoche – der vierten industriellen Revolution – ist allerdings auch nicht die Losgröße Eins der herstellenden Industrie, ein einzelner Datenhaufen oder ein individuelles Nutzerprofil.

An deren Stelle treten vielmehr das global demokratisierte Wissen der Menschheit, ihre Kreativität, die technologische Innovation und nicht zuletzt die finanziellen Investitionen aller am und im Netz Tätigen, die „die Maschine, (…) die ihre eigene Seele besitzt“, so erst erschaffen ( Marx ). Gewissermaßen - und faktisch werden die Technologen dieser Aussage auch zustimmen - lebt das Netz. Es wabert wie ein künstliches Gehirn aus Neuronen, den Datenknoten, und ihren Synapsen, den Datenautobahnen, und bleibt so ständig in Bewegung.

Erfassbarster und nachhaltigster Ausdruck seines Eigenlebens ist die Künstliche Intelligenz , die ohne Interaktion und Daten nicht mehr Lebenskraft besitzt als eine akademische Übung. Faktisch aber hat sie bereits begonnen, sich zu verselbständigen. Das jedenfalls, so sagen es uns ernstzunehmende Wissenschaftler, könnte zur unausweichlichen Bedrohung des Homo sapiens im weiteren Verlauf dieses Jahrhunderts werden.

Nicht nur, dass die Künstliche Intelligenz, die stille Macht aus der Cloud, immer dominanter und unausweichlicher unser Leben regiert. Ihre erstaunlichste Eigenschaft ist die Autonomie, mithin ihre Autarkie und Unabhängigkeit von unseren Eingaben. Autonomie, Asynchronität und Lernfähigkeit sind es auch, die künftig einen hohen Grad automatisierter kognitiver und damit ehemals menschlicher Arbeit erwarten lassen.

Dabei beschränkt sich die Techno-Steuerung durch die Künstliche Intelligenz nicht nur auf optimale Fahrstrategien von Industrieanlagen oder Infrastrukturen. Viel entscheidender ist: Beim Menschen macht sie überhaupt keinen Unterschied zwischen Person und Ding.

Mag schon sein, dass wir Opfer des Maschinensystems sind. Aber wir sind eben auch Täter. Wir selber produzieren fleißig am „Mastersystem als Gemeinschaftswerk der Menschheit“, an jener menschengemachten Macht, „die den Einzelnen mit jedem Schritt kleiner macht“ ( Neffe ), weil sein individueller Beitrag zum Mastersystem immer mehr zu Technologie gerinnt, die den Menschen überflüssig macht. So wird Ausbeutung umfassend.

Der Umbau der Gesellschaft durch das Mastersystem

Man tut Karl Marx wohl kaum Gewalt an, wenn man an dieser Stelle sein weithin bekanntes Wort in die Debatte wirft: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt“.

Haben sich also auf Grund der Digitalisierung bereits die Strukturen unseres Bewusstseins, unsere Denkmuster geändert? Gibt es dafür Anzeichen?

Dass die Signaturen der Digitalisierung bereits das „gesellschaftliche Sein“ insoweit verändert haben, als eine Metamorphose der bürgerlichen Kommunikationskultur festzustellen ist, ist wohl kaum bestreitbar; Verlage und Printmedien können ein Lied davon singen.

Gleichzeitig findet in sozialen Medien und ihren „Newsfeeds“ eine Erosion der Wahrheit statt, die die Abonnenten verwirrt und zu „falschen“ oder „schlechten“ Entscheidungen veranlasst. Die Waagschale von „Wahrheit und Lüge in der Politik“ (Arendt) hat sich mit Hilfe des Internets gerade der Lüge zugeneigt; viral wird, was aufregt und erregt, und das ist selten die Tristesse der Wirklichkeit. Brexit und Katalonien legen trauriges Zeugnis davon ab, welche gesellschaftlichen Verwerfungen zu erwarten sind, wenn Medien für Propagandazwecke benutzt werden.

Neu ist das aber nicht. „Psychologische Kriegsführung“ nennen das die Militärstrategen, und es ist ganz alte Praxis, den Gegner durch graue Operationen, die Gray OPS, zu verunsichern. Und mit dem Netz haben zwischenzeitlich nicht mehr nur die Militärs, also der Staat, leichtes Spiel. Jeder darf mitspielen, mit seinen ureigenen Absichten und seinen ganz persönlichen Interessen. Spieler, Spielstrategien und Taktiken sind völlig opak . Vielleicht waren sie auch in der jüngeren Vergangenheit nicht transparent, aber in einer Welt der zwei Blöcke von Ost und West war psychologische Kriegsführung leichter durchschaubar.

Die Loslösung der Online-Nutzer von der Wirklichkeit verstärken die Filterblasen und Echokammern der sozialen Medien. Personalisierung heißt das Zauberwort. „Setz deine Beatsx-Kopfhörer auf, schalte deinen Apple Music Stream ein, und mach diese Welt zu deiner Welt«, lautet ein aktueller Werbeslogan der Firma Apple, der sehr genau zum Ausdruck bringt, dass deine Welt nicht meine oder seine Welt ist. Wer sich derart vereinzelt, kann sich kaum mehr mit Gruppenzielen identifizieren. Auch deshalb verlieren die politischen Parteien als Transmissionsriemen der politisch-demokratischen Willensbildung massiv an Einfluss. Die freiheitliche Demokratie steht vor einer ungekannten Bewährungsprobe.

Denken versus Daten

Andreas Rödder , der Mainzer Zeitgeschichtler, sieht bereits deutliche Anzeichen für Veränderungen im modernen Denken: Ein durch das Internet und seine ständig verfügbaren Hyperlinks stark befördertes vernetztes, lineares Denken ersetzt mehr und mehr das über die Aufklärung tradierte Denken mit seinen logischen Hierarchisierungen und Priorisierungen, verankert und bewährt vornehmlich in den Kategorien der Geisteswissenschaften.

Ursache und Folge sind nicht mehr die maßgebenden Denkstrukturen, die Wichtiges von Unwichtigem scheiden, weil ja der verführerische Link nur einen Mausklick zum nächsten – neuen – Denkschritt entfernt ist. Das kaleidoskopisch vernetzte – man ist geneigt zu sagen: ungeordnete – Wissen tritt in sein Recht.

Die im Internet auf Abruf und mühelos verfügbare Masse an Daten und Information fördert rasches Vergessen. Das Bulimie-Lernen beherrscht die Szene: fressen, auskotzen – das war’s für heute. Marx hätte es nicht besser sagen können. Die Kladden, in denen er im täglichen Studium in seiner Londoner Bibliothek sein immenses Wissen Tag um Tag abspeicherte, haben keine Funktion mehr.

Andreas Rödder können sich diejenigen Naturwissenschaftler aus vollem Herzen anschließen, die ihre Theorien noch auf analytischem Wege – ganz ohne Daten! – entwickeln. Denn überall schleudern ihnen die Empiriker heute den Satz entgegen: „We are data-driven!“ Wir sind datengetrieben, wir treffen informierte Entscheidungen erst, wenn wir eine ausreichende Menge an Daten – eben Big Data – erhoben haben.

Mit Blick auf diesen Satz denkt sich der Theoretiker zweierlei:

Erstens: Die Empiriker scheinen offenbar zu glauben, die Theoretiker würden unwissenschaftlich, weil ohne Daten und stattdessen nur mit analytischem Scharfsinn, Papier und Bleistift arbeiten. Das immerhin würde nicht nur einen Philosophen wie Karl Marx beleidigen, sondern auch naturwissenschaftliche Größen wie Newton oder Einstein.

Und zweitens: Wer mit seiner Entscheidung warten muss, bis eine genügend große Menge – aufgemerkt: historischer! – Daten der Vergangenheit aufgesammelt ist, darf keine Innovation in die Zukunft erwarten. Innovation ergibt sich nicht zuletzt aus Diskontinuität. Wer eine Datenreihe aufzeichnet, kann deren Geschichte analysieren - aber nicht erklären -, den Status Quo und die aktuelle Lage berechnen. Was die Prognose der Lage und die nähere Zukunft betrifft, wird die Reihe mit einer Wahrscheinlichkeitsverteilung um den letzten Datenpunkt fortgesetzt. So kommt man kaum zu großen Durchbrüchen.

Trotzdem wird der theoretischen Erkenntnis heute kaum noch Lob gesungen, ganz besonders selten von höheren Bildungseinrichtungen. Sie bilden Wissenschaftler in den MINT-Fächern aus, die nicht mehr über den ganzen Werkzeugkoffer der Theorie verfügen und deshalb nur eine bruchstückhafte Bildung genossen haben: Die Statistiker kennen die Statistik, die Wirtschafts-Mathematiker die Wirtschaft und die Techno-Mathematiker ihre Computersimulationen. Das ganze Bild? Fehlanzeige. Theorie ist doch sowieso unwirtschaftlich.

Die Eigentumsfrage

Wem gehört das Maschinensystem als „die Summe der Menschheitsleistung“ ( Neffe )? Wem die Basistechnologie, wem die Milliarden Haufen persönlicher Daten?

Was den puren Technologie-Anteil am Maschinensystem angeht, lässt sich Frage heute so beantworten: Die Technologie-Innovation ist intellektuelles Eigentum ihrer Schöpfer. Wo aber die bürgerliche Privatheit unter Feuer geraten ist, da gilt es auch die Frage zu stellen, ob denn der auf Privatnutzung ausgelegte Eigentumstitel noch die Prägekraft für eine liberale Ordnung besitzt oder ob Karl Marx möglicherweise auch auf dieser Ebene mit seiner Absage an das Privateigentum Recht behalten könnte.

Verfolgt man die noch nicht zu Ende geführte Debatte, ob denn die Rechtsordnung einen Eigentumstitel für die gigantische Nutzung von Daten bereithält, ohne die das Maschinensystem zum Erliegen käme, dann ist die Antwort ein schlichtes Nein. Weder auf nationaler noch auf der Ebene des (erst zu schaffenden) europäischen Rechts wird den Daten im Sinn der Verkörperung – ähnlich einer beweglichen Sache – ein Eigentumstitel zugewiesen.

Auch das Urheberrecht erweist sich als ungeeignet, eine Ordnung herzustellen, die den Daten einen Schutzanspruch zuweist, der gegenüber jedermann in Stellung gebracht werden kann. Nur das Vertragsrecht regiert und regelt die Gestattung der Nutzung; der zu markierende Schutz der Daten bezieht sich auf das angeblich zu wahrende „Betriebsgeheimnis“. Im Mittelpunkt der Debatte steht inzwischen die rechtspolitisch durchaus gut begründbare, doch auch zu hinterfragende Idee, dass es im Interesse der Allgemeinheit vor allem auf den ungehinderten, offenen Zugang zu dem in den Daten verankerten Wissen ankommt.

Der gegenwärtige Streit im Gesundheitswesen, ob nämlich der einen Patienten behandelnde Arzt alle im Netz verfügbaren Daten – etwa im Rahmen einer Krebserkrankung – nutzen können und dürfen soll, zielt genau in diese Richtung. Eine jedermann zugängliche und statthafte Nutzung des wie auf einer Allmende bereit liegenden Datenwissens ersetzt so die privatautonome Eigentumsordnung. Es gilt nur mehr das Recht auf Kopie. Nutzungsrechte schlagen Eigentumsrechte.

Ist das schon die im privatwirtschaftlichen Interesse betriebene Vergesellschaftung der Produktionsmittel? Oder sind die digitalen Produktionsmittel im Lichte künftiger Generationen besser als Kulturerbe zu vergemeinschaften ( Neffe )? Dann aber müsste die Vergesellschaftung umfassend sein und sowohl die eigentliche Technologie-Innovation der amerikanischen Techno-Giganten als auch die Kapitaleinlagen ihrer Investoren betreffen.

Es waren Bündnis 90/Die Grünen, die ihre Wähler nach ihrem Wunschzettel für 2018 fragten. Die Bürger machten eifrig mit. Auf einem der Zettel war zu lesen: „Verstaatlicht Facebook!“ Damit ist vorerst aber nicht zu rechnen. Bleibt für jetzt die Hoffnung, dass Mark Zuckerberg sich an seinen Vorsatz für 2018 hält und Facebook repariert.

Buch-Tipps:

Jürgen Neffe: Marx. Der Unvollendete

Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee: The Second Machine Age: Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird

Hannah Arendt: Wahrheit und Lüge in der Politik

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