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CCC: Polizei-Bericht zur biometrischen Gesichtserfassung "geschönt"

16.10.2018 | 11:02 Uhr |

Laut dem CCC sind die Daten im Bericht zur biometrischen Gesichtserfassung am Berliner Bahnhof von der Bundespolizei "geschönt".

Ab 12. Oktober 2018 berichteten wir über den von der Bundespolizei abgelegten Abschlussbericht zur biometrischen Gesichtserkennung. Im damaligen Fazit der Bundespolizei war von einer 80-prozentigen durchschnittlichen Trefferquote am Berliner Bahnhof Südkreuz die Rede, ein künftiger Einsatz der Technik schien der Bundespolizei realistisch.

Der Chaos Computer Club (CCC) erhebt nun schwere Vorwürfe zu den Ergebnissen der biometrischen Videoüberwachung am Berliner Bahnhof, sie seien „manipuliert“. Der CCC, der den Versuch schon seit längerer Zeit scharf kritisierte, spricht nun von Ergebnissen, die „absichtlich geschönt“ sind. Die wenigen Zahlen aus dem Abschlussbericht sollen nach Ansicht des CCC „keine akzeptablen Ergebnisse“ hervorgebracht haben, sie seien „manipuliert“ worden, „um sie nicht ganz so desaströs aussehen zu lassen“.

„Die in der Pressemitteilung besonders hervorgehobene durchschnittliche Erkennungsrate von 80 Prozent hat in Wahrheit keines der getesteten Systeme erreicht, sondern ist eine absichtlich positiv verfälschende Zahl. Sie berechnet sich laut dem Abschlussbericht aus den Erkennungsraten aller drei erprobten Systeme.“

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„Völlig unbrauchbar“

Keines der drei Testsysteme soll demnach eine 80-prozentige Trefferquote erreicht haben. Vielmehr ergebe der Durchschnitt der Trefferquote des besten Testsystems nur eine Erkennungsrate von 68,5 Prozent. Das Testsystem, das am schlechtesten abgeschnitten hat, hatte nur eine Trefferrate von 18,9 Prozent. „Für den geplanten Abgleich mit polizeilichen Datenbanken sind solche Erkennungsraten völlig unbrauchbar. Sie als Erfolg verkaufen zu wollen, ist schlicht unredlich. Insgesamt hält die Bundespolizei dennoch zwei der getesteten Systeme für den ‚praktischen polizeilichen Einsatz‘ geeignet und sieht selbst für das überdurchschnittlich schlechte dritte Testsystem noch ein ‚hohes Potenzial‘.“

„Wissenschaftliche Standards missachtet“

Auch wirft der CCC der Bundespolizei vor, „wissenschaftliche Standards missachtet“ zu haben. So wurden in der ersten Phase des Tests Probanden in einer hohen Auflösung und perfekter Belichtung fotografiert, „so dass die erfassten Gesichter in der ersten Testphase optimal für den Vergleich mit den Live-Bildern vorlagen.“

„Im Abschlussbericht wurden solche Verzerrungen nicht ausgewiesen, das Vorgehen wurde sogar „beschönigt“. Auch „die Repräsentativität der Probanden war nicht gegeben, so dass kein aussagekräftiges Abbild der Bevölkerung (Alter, Geschlecht, Ethnie) oder des gesuchten Personenkreises getestet wurde.“

Auswertung kann als „PR-Bericht" angesehen werden

„Generell kann die gesamte Auswertung nicht als wissenschaftlich angesehen, sondern muss als PR-Bericht verstanden werden. Vielleicht dauerte es deshalb so lange, die bereits am 31. Juli beendeten Tests herauszuputzen, um sie erst im Oktober im Abschlussbericht darzustellen.“

Der CCC fordert „im Lichte dieses Debakels, das unnütze und teure Sicherheitstheater unverzüglich einzustellen.“ Neben dem CCC hat auch Jürgen Hermes, Geschäftsführer am Institut für Digital Humanities an der Universität Köln, die Ergebnisse als katastrophal bezeichnet. Dazu hat er ebenfalls ein paar Beispielrechnungen durchgeführt, diese können Sie hier einsehen.


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