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Calligra – die unbekannte Office-Suite als alternative zu Libre Office

01.08.2017 | 14:52 Uhr |

Mit Calligra gibt es für Linux-Nutzer seit vielen Jahren eine Alternative zum populären Libre Office. Dennoch ist die Programmsammlung Calligra bisher weitgehend unbekannt. Das liegt auch ein wenig an ihrer wechselvollen Geschichte.

Die Office-Suite für den KDE-Desktop muss sich vom Anwender erst entdecken lassen. Denn die meisten Distributionen bevorzugen ein vorinstalliertes Libre Office . Wer Calligra ausprobieren will, ist deswegen meistens dazu gezwungen, erst die entsprechende Paketquelle für sein System zu integrieren. Auf der Projektseite werden entsprechende Links und Hinweise zur Verfügung gestellt. Da Calligra auf den Qt-Bibliotheken basiert, werden unter Ubuntu oder Linux Mint noch eine Reihe weiterer Pakete eingerichtet.

Die verschiedenen Calligra-Varianten

Im Rahmen der Entwicklung von Calligra wurden immer wieder neue Apps vorgestellt, die dann mehr oder weniger zügig weiterentwickelt wurden. Ganz aktuell haben die Entwickler die Version 3.0 der Suite vorgestellt. Funktional unterscheidet sie sich nicht von der Vorgängerversion. Lediglich einige Anwendungen wurden aus der Sammlung herausgelöst und sollen eigenständig weiterentwickelt werden.

Die Veränderungen der neuen Version spielen sich ausschließlich unter der Oberfläche ab. Denn hier werden die neuesten Qt-Bibliotheken genutzt. Wer Calligra in den Paketquellen seiner Distribution findet, erhält somit den Vorgänger, der aus den Kernprogrammen Words, Sheets und Stage besteht. Das sind die typischen Office-Komponenten Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationsprogramm. Zusätzlich enthalten sind noch Author für das Schreiben von Drehbüchern und E-Books, Flow zum Zeichnen von Flussdiagrammen, Kexi als Datenbankanwendung und schließlich Karbon – ein Zeichenprogramm für Vektorformate.

Words nutzt ein eigenständiges Konzept für die Bedienung.
Vergrößern Words nutzt ein eigenständiges Konzept für die Bedienung.

Die Kompatibilität mit anderen Formaten ist für jedes Office-Paket von großer Bedeutung. Calligra speichert seine Dokumente im gleichen Format wie Libre Office und kann darüber hinaus auch Dateien im MS-Office-Format ablegen. Das ermöglicht schon einmal den Datenaustausch mit anderen Anwendern. Indes gibt es dabei durchaus einige Tücken. So werden Sie Tabellen und auch mehrspaltige Texte, die in Words angelegt wurden, ohne Probleme in Libre Office öffnen können. Das sieht bei der Nutzung von Textboxen dann leider nicht mehr so gut aus. Diese sind entweder verschoben oder gar nicht sichtbar. Das ist schade, da das Rahmen-beziehungsweise Boxenkonzept von Words eine der reizvollsten Funktionen des Schreibprogramms ist. Wer auf den Datenaustausch nicht angewiesen ist, braucht sich in dieser Hinsicht natürlich keine Gedanken zu machen.

Lesetipp: Clevere Tipps & Tricks für Libre Office in Linux

Ein eigenständiges Bedienkonzept

Calligra versucht gar nicht erst, andere Programme in Sachen Oberfläche und Bedienung zu kopieren. Der Suite-Gedanke wird offensichtlich, wenn mehrere Anwendungen aus der Sammlung gestartet wurden. Alle wesentlichen Funktionen finden sich an der gleichen Stelle. Umsteiger aus der Welt von Microsoft oder Libre Office werden sich allerdings nicht auf Anhieb zurechtfinden. Zentrales Element ist ein Aufgabenbereich, der die Funktionen nach Gebieten gruppiert. Anwender, die sich unbefangen auf die Funktionspaletten einlassen, werden aber schnell mit der Logik zurechtkommen.

Leider wird Calligra mit nur wenigen Vorlagen ausgeliefert. Ein Brief ist mit Words schnell geschrieben, doch gerade Sheets gibt sich auf den ersten Blick etwas spröde. Die mitgelieferten Templates lassen indes erahnen, dass mit der Software mehr möglich ist als nur zu rechnen.

Bei der Eingabe von Formeln für die Berechnungen ist ein Assistent behilflich, der über den Sinn der Funktion und die erwarteten Parameter kurz und bündig aufklärt. Das Angebot deckt die wesentlichen Aufgabengebiete ab, um beispielsweise Rechnungen, Stundenzettel, aber auch einfachere statistische Auswertungen produzieren zu können. Stochastik oder Finanzmathematik sind allerdings keine Stärke von Sheets.

Überraschende Funktionen

Bei der Arbeit überrascht Calligra den Anwender immer wieder mit Funktionen. So kann in Words beispielsweise mit Pfaden gezeichnet werden. Anwender, die mit Gimp oder Inkscape gearbeitet haben, werden das Konzept kennen und legen mit der Maus rasch individuelle Pfade und Figuren an. Ein Pfad kann dann auch dazu genutzt werden, um Texte daran auszurichten. Hier wird Words dann tendenziell zu einem kleinen DTP-Programm.

Die Zeichenfunktionen in Sheets erlauben wiederum die Gestaltung von Ausweisen oder Etiketten, die mit automatischer Zählung oder Berechnungen gefüllt werden.

Mit den Programmen Plan und Karbon bietet Calligra gleich zwei Werkzeuge, die es in den anderen Office-Suiten in dieser Form nicht gibt.

Plan aus dem Calligra-Paket ist ein ausgereifter und einfach zu bedienender Projektmanager.
Vergrößern Plan aus dem Calligra-Paket ist ein ausgereifter und einfach zu bedienender Projektmanager.

Karbon ist ein ausgewachsenes und funktionsreiches Vektorzeichenprogramm. Plan tut das, was sein Name nahelegt: Es handelt sich um eine lupenreine Anwendung für das Projektmanagement, die alle Kernfunktionen mitbringt, die erwartet werden dürfen. Dazu gehören das Anlegen von Arbeitspaketen, die Definition von Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Aufgaben, das Zuweisen von Ressourcen und auch die Verwaltung von Kosten. Die Visualisierung per Gantt-Diagramm ist ebenfalls problemlos möglich – und zwar unter einer einfachen und übersichtlichen Oberfläche.

Mit Braindump gehört in den älteren Versionen auch ein Mindmapper zum Funktionsumfang. Dessen Entwicklung soll aber nicht fortgeführt werden. Gegenüber den seit vielen Jahren bewährten Apps wie Freemind hatte es das Programm schwer, zumal inzwischen auch eine ganze Reihe von Diensten im Web das Zeichnen von Mindmaps ermöglicht. Die Darstellung von Calligra wäre nicht vollständig, ohne Kexi zu erwähnen: Die Entwickler haben sich bei der Konzeption von Microsoft Access inspirieren lassen. Mit wenigen Mausklicks sind die Rahmenparameter einer neuen Datenbank angelegt. Die Oberfläche gliedert die verschiedenen typischen Ansichten wie Tabelle, Abfragen und Formulare eindeutig. Worauf Einsteiger hier verzichten müssen, ist ein Assistent, der durch die verschiedenen Schritte beim Anlegen führt.

Lesetipp: Die richtige Linux-Distribution für Einsteiger

Alltagstaugliches Paket

Für den Einsatz in Unternehmen ist Calligra nicht gedacht. Dagegen spricht die unzureichende Kompatibilität mit anderen Office-Formaten und die gewöhnungsbedürftige Bedienung. Private Nutzer, Schüler oder Studenten, die nach schlankeren Anwendungen zum Schreiben oder Rechnen suchen, können der Suite aber eine Chance geben. Das gilt insbesondere auch für Nutzer, die eine Lösung für das Projektmanagement unter Linux suchen. Plan bietet alle wesentlichen Funktionen, ohne mit selten benötigten Funktionen überladen zu sein.

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