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Bitcoin:­ Was von dem Hype übrig bleibt

02.05.2019 | 15:00 Uhr | Robert A. Küfner

Bitcoin hat einige Menschen zu Millionären gemacht und andere viel Geld verlieren lassen. Viel spannender und mit weitreichenderen Auswirkungen für die Zukunft sind die damit zusammenhängende Blockchain- und die Distributed-Ledger-Technologie.

Im Februar 2019 ist es nun offiziell. Bitcoin , die kryptographische Leitwährung, befindet sich nun im längsten Bärenmarkt seit seiner Erfindung. Seit dem Höchststand am 17. Dezember 2017 von knapp 20.000 US-Dollar geht es für den Bitcoin und für nahezu alle anderen Kryptowährungen nur noch bergab . Bei einer aktuellen Notiz von knapp 3.500 US-Dollar hat der Krypto­winter die Szene fest im Griff.

Start-ups, die sich noch im vergangenen Jahr mit virtuellen Millionenbeträgen aufpumpen konnten, ausschweifende Partys feierten und wo Visionäre alles verändernde Ideen propagierten, stehen nun kurz vor dem Aus oder sind bereits von der Bildfläche verschwunden. Von der einstigen Euphorie ist nichts mehr zu spüren.

Laut einem Bericht in “ The Verge ” hat Consensys, ein Branchengigant in der Entwicklung von Blockchain-­Technologie , angekündigt, die Hälfte seiner ca. 1.200 Mitarbeiter zu entlassen.

Anfang November 2018 feierte die Kryptogemeinde noch das 10-jährige Bestehen des Bitcoin. Lamborghinis, Privatjets, Champagner... ein Luxushotel in Las Vegas wurde zum Mekka der Glücksuchenden. Um Technologie ging es hier schon lange nicht mehr. Seitdem hat sich der Kurs fast halbiert.

Was ist hier passiert?

Bitcoin, lange Zeit eine Domäne von Nerds und Hackern, hat in den vergangenen Jahren die Titelblätter der Weltpresse gefüllt. Dabei ging es eigentlich immer nur um den Preis, um Menschen, die über Nacht zu Millionären wurden und um die Frage, wie weit die Spekulation noch geht.

Kaum jemand hat sich mit der Technologie dahinter beschäftigt. Blockchain wurde zu einem Buzzword und zu einem guten Grund, die Unternehmensbewertung zu steigern. Auf den Jubel folgte die Ernüchterung. Um viele der vermeintlichen Experten ist es sehr still geworden und allzu viele haben das sinkende Schiff mit einem dicken Minus verlassen. Den Letzten beißen bekanntlich die Hunde.

Viele Besitzer von Kryptowährungen haben nur gezockt. Gewettet auf die Kurve, wollten dabei sein. Die Kryptogemeinde nennt das Fomo - ­Fear of missing out. Die Angst, etwas zu verpassen. Genau das war das beste Marketing einer neugeborenen Industrie: DLT -­ Distributed-Ledger-Technologie. Vielen ist “Blockchain” ein Begriff, die dem Bitcoin zugrundeliegende Technologie. Blockchain ist ein Teilgebiet von DLT, wenn auch ihr berühmtestes. Ohne den Hype um Bitcoin und Co. hätte es vermutlich viel länger gedauert, bis diese Technologie ihren Weg in das Bewusstsein unserer Zeit gefunden hätte und sie wäre lange eine Utopie und Spielerei von Technophilen, Anarchisten und Weltverbesserern geblieben.

Diese Technologie hat gerade ihr zweites Jahrzehnt eingeläutet und steht dabei noch ganz am Anfang. Wichtig ist hierbei, zu verstehen, dass sie eine echte Anwendung in sämtlichen Industrien finden wird. Sie wird bestehende Verfahren optimieren, ersetzen oder komplett neu erfinden. Neue Märkte werden entstehen, die ohne diese Technologie undenkbar wären.

Noch ein Buch über Bitcoin?

Was seit dem ersten Bitcoin alles geschehen ist...
© Amazon

Ja und Nein, sagt Autor Robert A. Küfner, seit Anfang 2010 in der Kryptowelt aktiv.

Ja in dem Sinn, dass eine angemessene Erklärung der Evolution von digitalen Währungen zwischen 2008 und 2018 auch einen Blick auf Bitcoins mysteriöse Anfänge und frühe Entwicklungsstadien erfordert.

Nein in dem Sinn, dass Bitcoin lediglich einen Bruchteil der Geschichte ausmacht, wenngleich auch einen unglaublich wichtigen.

Über den Bitcoin sind wir der Blockchain nähergekommen, die wiederum inzwischen eine Unterkategorie der Distributed Ledger Technology (DLT) ist. Werfen Sie einen Blick in die Zukunft, welche Umwälzungen wir hier zu erwarten haben - denn nach Meinung des Autors wird die DLT bald jeden Winkel der Gesellschaft durchdringen.

Mehr zum Autor und zu seinem Buch erfahren Sie hier .

Bevor man sich jedoch vor lauter Superlativen im nächsten Hype verliert, muss man die Technologie rund um Blockchain isoliert von Kryptowährungen betrachten.

Bitcoin ist die erste und einfachste Applikation dieser neuen Technologie. Nicht mehr und nicht weniger. Bitcoin bietet als kryptographische Währung Raum für Spekulation. Wert ist etwas, was einem Anlageprodukt auf Grund von Vertrauen, Angebot und Nachfrage zugeschrieben oder entzogen wird. Die Bewertung von Bitcoin sollte also keine Rückschlüsse auf die Bewertung der ihm zugrundeliegenden Technologie liefern. Die Technologie bleibt und wird sich ungeachtet der Entwicklung von Kryptowährungen durchsetzen.

Die Distributed-Ledger-Technologie wird sich in nahezu alle Bereichen der Industrie und des täglichen Lebens ausdehnen, ähnlich wie einst das Internet selbst. Vor dem Hintergrund, dass die dezentrale Technologie sicherer und langfristig effizienter ist, hat das vorherrschende Server­-Client­-Modell ausgedient.

Bis dezentrale Applikationen massentauglich und breitflächig zum Einsatz kommen, wird allerdings noch einige Zeit ins Land gehen. Sicher ist allerdings auch, dass sich fast alle großen Industrien bereits mit der Erprobung dieser Technologie beschäftigen.

Ende Januar 2019 hat beispielsweise der japanische IT- Riese Fujitsu bekanntgegeben, eine von ihm zur Patentierung angemeldete Lösung zur Energieverteilung erfolgreich getestet zu haben. Bei dem blockchain-­basierten System konnte eine Effizienzgrad-Steigerung von 40 Prozent erzielt werden. Somit lasse sich mittelfristig Energie sparen und die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen.

Vor allem in Deutschland, einem Land, in dem normalerweise versucht wird, nur mit der Technologie Schritt zu halten statt die neuen Standards selber zu definieren, einem Land, in dem in der ersten digitalen Revolution nahezu alles von der amerikanischen Westküste übernommen wurde, tut sich diesmal gewaltig etwas.

Viele große Industriekonzerne, darunter Bosch, Volkswagen und Bayer, haben Bestrebungen in der Blockchain­-Technologie vermeldet. Die Bundeshauptstadt Berlin ist zu einem internationalen Dreh-­ und Angelpunkt der noch sehr jungen Industrie geworden. Viele Koryphäen der Blockchain­-Technologie, IT­-Spezialisten und Ingenieure haben sich in Berlin niedergelassen, um die Zukunft aus Deutschland heraus mitzugestalten.

Die nächste Technologie­-Revolution kommt nicht aus dem Silicon Valley, aus dem immer mehr Spezialisten abwandern. Berlin ist zu einem echten Tech­-Hotspot geworden. Viele Unternehmen haben sich zwischen Berlin ­Mitte und Kreuzberg angesiedelt, darunter auch die börsennotierte Advanced Blockchain AG, die ausschließlich Blockchain­-Technologie für Konzerne entwickelt.

Der Hype rund um Bitcoin hat die Aufmerksamkeit auf die Technologie gelegt. Diese wird sich langsamer, aber stetiger entwickeln als die kryptographische Währung. Ähnlich, wie wir heute jeden Tag das TC/IP-Protokoll - die der E­mail zugrundeliegende Technologie - verwenden, wird es auch mit Blockchain so sein. Sie wird sich überall durchsetzen, und wir werden es kaum merken.

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