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Biohacking: Mit Chip unter der Haut in Richtung Zukunft?

17.08.2017 | 14:00 Uhr |

Viele denken, dass das Tragen eines kleinen digitalen Chips unter der Haut allenfalls ein beliebtes Sujet aus Science-Fiction-Filmen ist. Doch 10.000 reale Personen besitzen bereits solche vernetzten Chips in ihren Körpern und gehören damit einer bestimmten Szene an, die sich allerdings noch eher am Rande der Gesellschaft befindet.

Sie nennen sich Biohacker, Cyborgs oder Grinder und schätzen die Vorteile, die ihnen ihr technologisch aufgerüsteter Körper bietet. Mit nur einer Handbewegung können sie etwa einen Anruf tätigen oder ihr Auto starten. Bei einigen verrät eine rot leuchtende LED, dass sie unter der Haut ihrer Hand einen Chip tragen.

Viele Biohacker sehen sich selbst als Speerspitze der Innovation und Experimentierfreudigkeit, andere betrachten sich eher als einsame Versuchskaninchen für eine revolutionäre Technologie. Zusammen mit Wissenschaftlern, Ingenieuren und Ärzten arbeiten sie daran, implantierte Chips für diverse medizinische Anwendungen oder ganz prosaische Zwecke wie das Öffnen von Türen nutzbar zu machen.

Derzeit kann ein vernetzter Chip in der Größe eines Reiskorns noch nicht allzu viele Informationen speichern. Doch wenn einmal das Problem einer geeigneten, körperfreundlichen Energieversorgung der Chips gelöst sein wird, lassen sich auf diesen Reiskörnen ganze Mikrocomputer unterbringen, die entsprechend viele Daten speichern und austauschen können. Damit eröffnet sich eine neue Welt von Anwendungsmöglichkeiten.

Doch jeder technologische Fortschritt ruft auch Cyberkriminelle auf den Plan. Damit die Gesellschaft wirklich profitieren kann, müssen also zuvor wichtige und schwierige Fragen zur Cybersicherheit der Chips beantwortet werden.

5 Fragen zur Cybersicherheit

Wann wird es Sicherheitsstandards für Chipimplantate geben?

Derzeit bewegen sich die selbsternannten Cyborgs noch in einem Umfeld ohne Regeln. Die Frage der Sicherheitsstandards für Chipimplantate wird in der Industrie kontrovers diskutiert, denn viele sehen darin ein Hemmnis für deren Weiterentwicklung. Der noch recht begrenzte Anwendungsbereich der Chips birgt derzeit ein eher geringes Risiko, so dass einheitliche Sicherheitsstandards noch nicht im Vordergrund stehen.

Sobald jedoch die Frage der Energieversorgung der körpereigenen Chips gelöst sein wird, lassen sich die Chips dank leistungsfähigerer Prozessoren auch zum Online-Banking oder für die Feststellung der Identität ihrer Träger verwenden. Damit bekommen quasi über Nacht Sicherheitsfragen wieder an Bedeutung. Doch könnte es dann für deren Beantwortung bereits zu spät sein.

Sollten Daten zwingend verschlüsselt werden?

Eine ausreichende Energieversorgung gibt den Chips auch die Möglichkeit, die darauf liegenden Daten zu verschlüsseln. Sollte nicht mindestens das zwingend erforderlich sein, wenn man sich sonst auf keine weiteren Standards einigen kann?

Vielleicht wird sich diese Frage von selbst lösen. Denn wenn etwa Staaten Chips zur Identitätsfeststellung ihrer Einwohner nutzen wollen, werden sie den Bürgern auch ein Minimum an Sicherheitsgarantien bieten müssen.

Wie können Menschen mit Chipimplantaten geschützt werden?

Sobald die Frage der Energieversorgung geklärt ist, werden gechippte Menschen zu wandelnden USB-Sticks, mit denen man bequem Daten kopieren, austauschen oder transferieren kann. Auch wenn man seinen Körper im Unterschied zu einem USB-Stick nicht irgendwo liegenlassen kann, bleiben doch etliche Risiken.

Damit Menschen ihre Daten nicht unabsichtlich an den falschen Stellen offenlegen, ist die Einführung von Zugriffsrechten unerlässlich. Ein Arzt braucht zum Beispiel keine Informationen über den Kontostand seiner Patienten, und ein Arbeitgeber sollte keinen Zugriff auf die Gesundheitsdaten seiner Mitarbeiter haben.

Jede neue Anwendung des Chips betont die Dringlichkeit der Beantwortung dieser Frage.

Was passiert, wenn ein implantierter Chip einen Virus hat?

Mit Chips unter der Haut bekommt das Wort Virusinfektionen für den menschlichen Körper zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen. Derzeit sind implantierte Chips funktional noch zu eingeschränkt, um Opfer von Virenangriffen zu werden.

Zukünftig wird man jedoch auch körpereigene Chips in den Kreis der persönlichen, vernetzten Geräte wie Smartphones oder Laptops, deren IT-Sicherheit unbedingt abgesichert werden muss, mit aufnehmen müssen. So lassen sich dort gespeicherte, persönliche Daten schützen und die Träger der Chips werden nicht zu unfreiwilligen Kurieren von Malware.

Wo bleibt die Privatsphäre, wenn jeder mit allem verbunden ist?

Bevor jeder Chipträger sofort mit seinen persönlichen Geräten, Arbeitgebern oder anderen in Aktion tritt, lohnt es sich, über die Frage der Wahrung der Privatsphäre nachzudenken.

Wenn es irgendwann normal sein wird, dass Eltern jederzeit den Aufenthaltsort ihrer gechippten Kinder feststellen können oder Ärzte alles über die Lebensgewohnheiten ihrer Patienten erfahren, wo werden dann die Grenzen der Privatsphäre überschritten sein? Und wenn Arbeitgeber durch das Chippen ihrer Mitarbeiter die Sicherheit erhöhen wollen, was dürfen sie dann über das Verhalten ihrer Angestellten außerhalb des Arbeitsplatzes erfahren?

Die richtige Balance finden - Sicherheit contra Privatsphäre

All diese kritischen Fragen müssen jetzt gelöst werden. Kaspersky Lab arbeitet bereits seit einiger Zeit mit BioNyfiken zusammen – eine Vereinigung schwedischer Biohacking-Aktivisten. Beispielsweise begleitet der Cybersicherheits-Experte ein kontroverses Zukunftsprojekt namens “ Chipping Humans – The Internet of Things becomes the Internet of Us “ im Hinblick auf IT-Sicherheit und Datenschutz.

Die Kooperation ist wichtiger denn je: IT-Sicherheit muss von Anfang an in Chipimplantate integriert werden. Sind diese erst einmal unter der Haut, ist es dafür zu spät. Denn: Jeder technologische Fortschritt wird auch von Cyberkriminellen genau beobachtet. Und bei allen beschriebenen Anwendungen sind höchst persönliche und vertrauliche Daten im Spiel, die für Kriminelle besonders lukrativ sind.

Daher sollte es für die Sicherheitsindustrie, aber auch für Hersteller und Dienstleister höchste Priorität haben, alle eine Anwendung betreffenden Risiken zu verstehen und diesen mit umfassenden Sicherheitslösungen zu begegnen, einschließlich robuster Verschlüsselung und Authentifizierung.

Außerdem müssen die Verbraucher über die Risiken informiert und aufgeklärt werden.

Eine europaweite Untersuchung von Kaspersky Lab lieferte interessante Erkenntnisse darüber, was ganz normale Bürger über die Risiken und Möglichkeiten von Chipimplantaten und Biohacking denken. Insgesamt wurden 1.200 Menschen im November 2015 zwischen 18 und 55 Jahren in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und den Beneluxstaaten befragt. Wie oft im Kontext neuer Technologien überwiegt derzeit noch die Angst vor dem Unbekannten.

Zwei Drittel der Befragten (63 Prozent) fürchten demnach Fehlfunktionen der implantierten Chips und drei von fünf Befragten (60 Prozent) sorgen sich, dass Unbefugte damit Zugriff auf ihren Körper beziehungsweise ihre Daten bekommen. Tatsächlich wäre all das ohne entsprechende Sicherheitslösungen möglich.

Gleichzeitig sind aber viele Verbraucher bereits offen für die Vorteile der neuen Technologie.

Vernetzte Körper 2.0: Szenarien

Abseits der Frage der Cybersicherheit: Verbunden mit anderen Systemen wie einer fortschrittlichen Cybersicherheitslösung oder in einem vernetzten Haus wird ein implantierter, sicherer Chip mit eigener Energiequelle zum integralen Bestandteil einer den Nutzer schützenden Umgebung.

Doch der Ernstfall tritt ein, wenn es gelingt, künstliche Intelligenz auf den Chip zu bringen. Damit eröffnen sich fast endlos viele neue Möglichkeiten.

Zum Beispiel könnte dann die Auswertung von Pulsfrequenz, Körpertemperatur, Körpersprache oder Augenkontakt auf Gemütszustände wie Müdigkeit, Ärger, Unruhe oder eine drohende Gefahr hinweisen. Und zwar sowohl bei uns selbst als auch bei Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung. Damit hätten wir ein wirksames Frühwarnsystem für mögliche Gefährdungen, das auch bei Nacht funktioniert.

Oder das Fahrzeug verweigert den Dienst, damit man sich nicht selbst gefährdet, wenn der Fahrer zu müde ist, sich ans Steuer zu setzen.

Diese Szenarien sind nicht so fern, wie es scheint. Solche Möglichkeiten, die man als „Affective Computing“ bezeichnet, werden bereits heute genutzt, um etwa in Callcentern die zornigsten Anrufer zu identifizieren. In der Werbebranche werden dagegen gern sogenannte Mikroexpressionen ausgewertet, das sind extrem kurze emotionale Ausdrucksformen, die nur Bruchteile von Sekunden dauern können. Und die Polizei in Großbritannien testet bereits Fitness-Armbänder, die feststellen können, ob Beamte unter besonderem Stress stehen.

Der Schritt hin zu Chipimplantaten ist da nicht allzu groß.

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