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Big Brother Award 2018 geht an Microsoft und Amazon

23.04.2018 | 14:23 Uhr |

In diesem Jahr wurde der Negativpreis für Datensünder unter anderem an Microsoft und Amazons Alexa verliehen.

Seit fast 20 Jahren werden im deutschsprachigen Raum die so genannten Big Brother Awards vom Verein digitalcourage an Personen, Unternehmen, Behörden und Organisationen verliehen, die in besonderer Weise die Privatsphäre von Personen beeinträchtigen oder persönliche Daten an Dritte weitergeben. 1998 wurden die Big Brother Awards erstmals in Großbritannien verliehen, seit 2000 gibt es die Verleihung auch in Deutschland.

In diesem Jahr wurde der Preis in sechs Kategorien vergeben, in denen sich auch ein alter Bekannter wiederfindet: Microsoft. Der Redmonder Konzern bekam den Negativ-Award bereits 2002 für die Einführung des Digital Rights Management und 2013 für die Sprach- und Gestensteuerung der Xbox One. 2018 fällt das US-Unternehmen laut der Jury durch die kaum deaktivierbare Telemetrie in Windows 10 auf. Selbst für versierte Nutzer sei es laut den Datenschützern kaum möglich, die stetige Übermittlung von Diagnose-Daten zu stoppen.

Ebenfalls kein Neuling ist der zweite Preisträger: Amazon. In der Kategorie „Verbraucherschutz“ wurde dem Online-Versandriesen in diesem Jahr ein Big Brother Award für seine digitale Assistentin Alexa und den Bluetooth-Lautsprecher Echo verliehen. Die Jury bezeichnete das Amazon-Gadget als „neugieriges, vorlautes, neunmalkluges und geschwätziges Lauschangriffdöschen“. Echo und Alexa verarbeiten Sprachaufnahmen in der Cloud und speichert diese sogar über einen längeren Zeitraum. Laut den Datenschützern könnten Sprachaufnahmen selbst nach Monaten noch abgehört und Haushaltsmitglieder damit überwacht werden. Weiterhin sei unklar, wer noch Zugriff auf die Daten habe. Auf Nachfrage von Spiegel Online sieht sich Amazon zu Unrecht beschuldigt. Alle Cloud-Daten seien verschlüsselt und Sprachaufnahmen könnten jederzeit von den Nutzern gelöscht werden.

Deutlich mehr Gegenwind erhält die Jury von Soma Analytics. Das Unternehmen erhielt in diesem Jahr einen Big Brother Award in der Kategorie „Arbeitswelt“ für seine Gesundheits-App Kelaa. Laut den Juroren versuche Soma Analytics seine App in Firmen unterzubringen, wo Kelaa den Gesundheits- und Vitalzustand von Mitarbeitern unter anderem über die Aufgeregtheit in der Stimme von telefonierenden Angestellten überwache. Laut dem Unternehmen sei der Big Brother Award anhand von veralteten Informationen an Soma Analytics verliehen worden. Die aktuelle Version der Kelaa-App habe keinen Zugang auf die Stimme der Mitarbeiter beim Telefonieren. Seinem Ärger macht Geschäftsführer Johann Huber in einer eigenen „ Laudation zur Verleihung des Big Brother Awards 2018 “ Luft.

Einen Big Brother Award gab es in diesem Jahr auch für das Konzept der Smart City. Damit würden Technik-Firmen der Kommunalpolitik „eine mit Sensoren gepflasterte, total überwachte, ferngesteuerte und kommerzialisierte Stadt“ verkaufen, in der Bürger nur noch auf ihre Eigenschaft als Konsument reduziert würden. Als totalüberwachende Datenkrake wird auch die Software Cevisio Quartiersmanagement (QMM) von der Jury betitelt. Die Firma Cevisio Software und Systeme GmbH aus Torgau erhält dafür den Award in der Kategorie „Verwaltung“. QMM wird in Flüchtlingsunterkünften eingesetzt und ermögliche durch die Erfassung von Essensausgaben, Bewegungen auf dem Gelände, Verwandschaftsverhältnisse, Religion und medizinische Checks eine Totalkontrolle der Asylsuchenden.

Die letzten im Bunde sind die Fraktionen von CDU und Grünen im Hessischen Landtag. Sie bekommen den Big Brother Award in der Kategorie „Politik“. In der Kritik der Jury steht hier das geplante neue Verfassungsschutzgesetz der beiden Fraktionen. Laut der Jury enthalte der Gesetzentwurf eine „gefährliche Anhäufung schwerwiegender Überwachungsbefugnisse“. Mit diesen könne tief in die Grundrechte der deutschen Bundesbürger eingegriffen werden. Der Einsatz von Staatstrojanern, mit denen die PCs von „Verdächtigen“ ausspioniert werden sollen, wird mit dem neuen Gesetz legitimiert. Der Entwurf sieht außerdem vor, kriminelle V-Leute per Gesetz von strafrechtlicher Verfolgung freizustellen. Mitarbeiter staatlich geförderter Demokratieprojekte sollen außerdem geheimdienstlich überprüft werden. Jürgen Frömmrich, innenpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion in Hessen, zeigte sich vom Preis gegenüber Spiegel Online lediglich überrascht. Man habe von der Preisverleihung gar nichts gewusst und sei erst durch Anfragen von Journalisten darauf aufmerksam geworden. Zu den Vorwürfen der Juroren äußerte sich Frömmrich nicht.

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