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Beliebte Linux-Desktops: Welcher eignet sich für wen?

11.09.2017 | 10:21 Uhr | Hermann Apfelböck

Die Linux-Vielfalt hat zwei Ebenen: Neben der Auswahl des Systemunterbaus steht auch noch die Entscheidung für eine bestimmte Oberfläche. Derselbe Unterbau kann viele Desktopgesichter haben, derselbe Desktop verschiedenen Systemen dienen.

Eine saubere Grenzziehung zwischen Distributions- und Desktopvielfalt ist schwierig bis unmöglich. Ubuntu hat sich je nach Standarddesktop unterschiedliche „Distributionsnamen“ wie Kubuntu oder Xubuntu gegeben, obwohl dabei nur ein anderer Desktop (KDE und XFCE) auf demselben Ubuntu arbeitet.

Wenn sich eine Linux-Mint-Variante als „ Linux Mint XFCE Edition “ bezeichnet, darf man die Frage stellen, wieviel „Mint“ noch drinsteckt, da doch ein Ubuntu bei Mint den Systemunterbau legt und Linux Mint sich primär durch seinen Stammdesktop Cinnamon definiert. Und wie Mint definieren sich auch andere Distributionen wie Elementary OS, Solus oder Bodhi Linux hauptsächlich durch ihren Desktop. Die Entscheidung für einen Desktop gibt aber nicht nur die Systembedienung vor: Sie bestimmt maßgeblich die Hardwareansprüche an RAM, CPU, GPU sowie Reaktionsund Startgeschwindigkeiten.

Ein nackter Ubuntu Server ohne Desktop konsumiert etwa 50 MB RAM, während ein Ubuntu mit KDE-Oberfläche (Kubuntu) schon ab Start das 15-fache fordert (750 MB). Die richtige Einschätzung, was ein Desktop kann und für welche Hardware er taugt, ist daher für die Wahl des richtigen Systems unverzichtbar.

Tipp: Das beste Linux für jeden Zweck - Distributionen im Check

Desktops und Distributionen

Ein Linux-System kann bekanntlich mehrere Desktops aufnehmen. Folglich sollte es möglich sein, Desktops wie einen Mediaplayer oder eine Office-Suite als unabhängige Software zu beschreiben. Tatsächlich ist aber die Verzahnung zwischen Systembasis und Desktop dann doch komplexer als bei einer beliebigen Anwendungssoftware:

1. Die Parallelinstallation von Desktopumgebungen ist ein erheblicher Systemeingriff und längst nicht alle Desktops vertragen sich überall problemlos nebeneinander.

2. Eine Desktopumgebung ist mehr als der Desktop: Sie bringt ein mehr oder weniger umfangreiches Softwarepaket mit, mindestens mit Dateimanager und Editor, oft mit Audio-und Videoplayer sowie PDF- und Textviewer.

3. Der mit der Distribution ausgelieferte Desktop ist in der Regel sorgfältig vorkonfiguriert und unterscheidet sich von einem nachinstallierten Desktop. Diese Vorkonfiguration erspart oft erheblichen Anpassungsaufwand.

Einsteiger, Anfänger, Pragmatiker fahren daher am besten, wenn sie eine Linux-Distribution mit ihrer angestammten und mitgelieferten Standardoberfläche wählen.

Die Tabelle nennt 16 populäre bis exotische Linux-Desktops in alphabetischer Abfolge. Die nachfolgenden Kurzbeschreibungen orientieren sich hingegen an der Verbreitung und beginnen mit der Prominenz.

1. KDE: Anpassungsfähig bis detailverliebt

Eine der dienstältesten (seit 1996) und populärsten Desktopumgebungen ist KDE, das sich mit Version 4 erfolgreich neu erfand. KDE ist eine opulente Oberfläche für aktuellere Rechner mit Mehrkern-CPU, Open-GL-fähigem Grafikchip und vier GB RAM. Der Desktop ist ideal für fortgeschrittene Nutzer, die detaillierte Anpassungsoptionen zu schätzen wissen.

Der Plasma-Desktop stellt die Arbeitsoberfläche bereit mit Miniprogrammen (Plasma-Widgets) und dem Window-Manager Kwin, der für Fensterdarstellung und Effekte sorgt. Standardmäßig befinden sich die KDE-Bedienelemente am unteren Bildschirmrand. Ganz links gibt es in der Standardkonfiguration das K-Menü mit Kategorien und Suchfeld. Neben dem K-Menü liegen die Taskleiste und daneben die Kontrollleiste mit Miniprogrammen (Lautstärke, Network-Manager, Zwischenablage). Eine aufgeräumte Übersicht aller Optionen bieten die „Systemeinstellungen“ im KDE-Menü. Daneben enthält die KDE-Umgebung herausragende Software wie den Dateimanager Dolphin, den Bildbetrachter Gwenview oder die Bildverwaltung Digikam. Empfohlene KDE-Distributionen sind Kubuntu, Ubuntu KDE Neon und Open Suse Leap.

2. Gnome 3: Der moderne Desktop

Elegant und modern: Gnome 3 zeigt auf Windows-Taste oder aktive Ecke links oben diese Übersicht mit Fenster- und Arbeitsflächenansicht sowie dem Suchfeld.
Vergrößern Elegant und modern: Gnome 3 zeigt auf Windows-Taste oder aktive Ecke links oben diese Übersicht mit Fenster- und Arbeitsflächenansicht sowie dem Suchfeld.

Gemessen an der Zahl der Gnome-affinen Nachfolger (Unity, Mate, Cinnamon, Pantheon, implizit auch XFCE, LXDE, LXQT) ist Gnome der produktivste Linux-Desktop. Mit dem fast 20 Jahre alten Ur-Gnome hat heutiges Gnome 3 freilich nicht mehr viel gemein. Version 3 war ein radikaler Neuanfang, der bewährte Elemente über Bord warf. Das neue Gnome-Bedienkonzept ist modern, schick, funktional, aber reduziert. An den Grundfunktionen lässt Gnome kaum Eingriffe zu. Flexibilität erhält Gnome hauptsächlich durch externe Erweiterungen . Gnome ist ein Desktop für aktuellere Hardware mit Mehrkern-CPU, 3D-Grafik und vier GB RAM.

Obwohl Gnome auf Elemente wie das Startmenü verzichtet, findet sich jeder Einsteiger schnell zurecht. Als Umschalter und Programmstarter dient die Übersichtsseite „Aktivitäten“, die über die Windows-Taste oder über die linke obere Ecke erreichbar ist. Dort gibt es Schnellstarticons und das wichtige Suchfeld. Die „Einstellungen“ liefern ein aufgeräumtes Menü für allgemeine Optionen wie Sprache, Hintergrundbild und Hardwarekonfiguration. Weitere Optionen sind in der Extraanwendung Gnome-Tweak-Tool untergebracht. Empfohlene Gnome-Distributionen sind Ubuntu Gnome, Fedora, Manjaro Gnome.

3. Ubuntus Unity: Vereinfachtes Gnome 3

Unity, seit 2011 und bis dato die Standardoberfläche von Ubuntu, ist ein reduziertes Gnome 3. Das einfache Bedienkonzept versteht jeder Nutzer auf Anhieb, allerdings bezahlt der Unity-Anwender den intuitiven Bedienkomfort mit dem Preis geringer Anpassungsmöglichkeiten. Trotz einfach wirkender Oberfläche bleibt Unity ein Gnome 3 mit nur geringfügig geringeren Hardwareansprüchen (siehe dort).

Die Bedienung erfolgt über zwei Standardleisten, die Starterleiste links und das Hauptpanel oben. Die Starterleiste ist eine Kombination aus Taskleiste und Favoritenleiste: Sie zeigt die aktuell laufenden Programme und zusätzlich die Programmfavoriten. Das oberste Symbol mit dem Ubuntu-Logo öffnet das Dash – die Suchzentrale für Programme und Dateien. Das Hauptpanel am oberen Rand bietet das Sitzungsmenü sowie Indikatoren wie Zeitanzeige und Netzwerk-Manager. Im Gnome-Control-Center („Systemeinstellungen“) gibt es fundamentale Funktionen der Hardware- und Desktopanpassung. Zusätzliche Möglichkeiten bietet das Unity Tweak Tool, das nachinstalliert werden muss. Die einzige Distribution mit Unity als Standarddesktop ist Ubuntu.

4. Cinnamon: Der Mint-Desktop

Cinnamon ist seit 2011 als konservative Alternative zum modernen Gnome 3/Unity entwickelt worden. Über die Jahre reifte eine sehr attraktive Oberfläche, die viele Elemente der Windows-Welt aufgreift und auf optimale Anpassungsfähigkeit Wert legt. Die ältere Gnome-2-Basis macht sich noch in einigen altmodischen Details bemerkbar (Leistenbearbeitung), insgesamt ist Cinnamon aber so ansehnlich wie flexibel und dabei vergleichsweise sparsam. Der Desktop läuft auch auf nicht mehr taufrischen Geräten und ist mit zwei GB RAM alltagstauglich.

Die Systemleiste enthält ein klassisches und anpassungsfreudiges Startmenü und typische Elemente wie Fensterliste, Netzwerkmanager und Arbeitsflächenwechsler. Großzügig sind auch die Optionen, um die Optik an eigene Wünsche anzupassen. Moderne Fensterthemen und Hintergründe für die Arbeitsfläche sind mit wenigen Mausklicks geändert. Generell ist das Angebot der zentralen „Systemeinstellungen“ breiter als das der reduzierenden Gnome/Unity-Desktops. Cinnamon ist Standard unter Linux Mint .

Auch interessant: Die richtige Linux-Distribution für Einsteiger

5. Mate: Klassisch und flexibel

Klassisch und anpassungsfreudig: Mit dem Mate-Desktop lebt die Oberfläche von Gnome 2 in einer modernisierten Variante weiter.
Vergrößern Klassisch und anpassungsfreudig: Mit dem Mate-Desktop lebt die Oberfläche von Gnome 2 in einer modernisierten Variante weiter.

Mit Mate entstand ebenfalls 2011 (siehe -> Punkt 4) in Ablehnung des modernen Gnome 3 ein weiterer Fork von Gnome 2. Mate ist seither eine weitere Alternative für Anwender, die einen traditionellen Desktop bevorzugen. Die Oberfläche erhielt trotz althergebrachter Bedienkonzepte ein modernisiertes Äußeres und reicht an die Anpassungsfähigkeit von Cinnamon heran. Dabei gehört Mate zu den sparsamen Desktops und kommt notfalls ohne 3D-Grafikchip und schon mit einem GB RAM aus.

Die wesentlichen Elemente der Arbeitsfläche sind die Leisten, die sich mit diversen Applets füllen und per Rechtsklick im Detail konfigurieren lassen. Die Systemeinstellungen heißen hier „Kontrollzentrum“, das alle Optionen zu Aussehen, Verhalten, Hardwareeinstellungen, Autostart-Programmen in einer aufgeräumten Übersicht zusammenfasst. Bekannteste Distribution mit Mate ist Ubuntu Mate, jedoch gibt es inzwischen von fast allen namhaften Distributionen eine Mate-Edition (Linux Mint, Debian, Fedora u. a.).

6. XFCE: Linientreuer Klassiker

XFCE („X-Face“) gehört seit 1996 mit KDE und Gnome zu den Urgesteinen der Linux-Desktops, hat sich aber im Gegensatz zu diesen stets geradlinig entwickelt und nie revolutioniert. XFCE ist etwas angestaubt, aber perfekt für Nutzer, die klassische Elemente schätzen und selbst Hand anlegen mögen. Die Möglichkeiten sind umfassend, die Bedienung gelegentlich altmodisch, aber überall ausgereift und logisch. Nicht zuletzt hat XFCE bescheidene Ansprüche an die Hardware – ein GB RAM ist üppig, ein 3D-Grafikchip nicht erforderlich.

Mit dem Dateimanager Thunar hat XFCE einen der wenigen seiner Art an Bord, die ein Drag & Drop von Dateien mit rechter Maustaste mit Kontextmenü beantworten. Im Konfigurationszentrum („Einstellungen“) sind alle Basics wie Monitoreinstellung, Benutzerverwaltung, Themes, Fensteroptik oder Treibersuche. Hauptmenü („Whisker“) und Symbolleisten von XFCE sind eine lohnende Spielwiese: Es gibt diverse vorgegebene Elemente wie Arbeitsflächenumschalter, Sitzungsmenü („Aktionsknöpfe“) oder eine Minikommandozeile. Auch bei Aussehen, Größe, Farbe, Transparenz oder Ausblendverhalten lassen XFCE-Panels keine Wünsche offen. Praktisch alle Distributionen bieten eine Variante dieses Klassikers. Ein sorgfältig konfiguriertes XFCE liefert etwa Xubuntu .

7./8. LXDE/LXQT: Schlank und komplett

LXDE zeigt seit über zehn Jahren, dass ein kompletter Desktop keine Gigahertz- CPU braucht und dass 512 MB eine Menge Speicher sein können. Die funktionale Oberfläche benötigt nur gut 150 MB. LXDE kombiniert für das Ziel einer möglichst sparsamen Lösung heterogene Elemente wie den Window-Manager Openbox und eigene Komponenten wie Lxpanels (Leisten) oder Lxappearance (Optikkonfiguration). Die per Voreinstellung oft unnötig spröde Optik ist durch individuelle Anpassung deutlich optimierbar. LXQT ist der Nachfolger von LXDE, der die Integration von Software mit jüngeren QT-Bibliotheken leistet. Bei LXDE folgen solche Programme nicht der systemweit eingestellten Fensteroptik. Einfachster Weg zu einem sorgfältig vorkonfigurierten LXDE ist die Distribution Lubuntu .

9. Moksha (E17): Schneller Exot

Enlightenment („E“, aktuelle Version ist E19) vereint minimale Hardwareansprüche mit ansprechender Ästhetik und Flexibilität. Verwirrende bis konfuse Optionen erschweren allerdings den Zugang. Moksha, Standarddesktop unter Bodhi Linux, hat als Fork von E17 etwas aufgeräumt, bleibt aber ein Abenteuer. Die besonders schnelle Oberfläche läuft auf älterer Hardware ohne 3D-Grafikchip und 512 MB bis einem GB RAM.

10. Trinity: Sparsames Retro-KDE

Der Trinity-Desktop zeigt ein altes KDE 3.5, das als Abspaltung (Fork) mit kleinen Verbesserungen weiterlebt und von Kubuntu-Entwicklern nebenher gepflegt wird.
Vergrößern Der Trinity-Desktop zeigt ein altes KDE 3.5, das als Abspaltung (Fork) mit kleinen Verbesserungen weiterlebt und von Kubuntu-Entwicklern nebenher gepflegt wird.

Trinity führt die längst eingestellte KDE-Version 3.5 als Fork weiter. Das Ergebnis ist eine schlanke Oberfläche im allerdings im altbackenen Retrodesign. Die Ansprüche des Desktops liegen etwa zwischen LXDE und XFCE. Hauptargument für Trinity ist die Tatsache, dass der KDE-Fork auch auf angestaubter Hardware die detaillierten Anpassungsoptionen eines KDE mitbringt. Unter den prominenten Distributionen ist Trinity rar. Der einfachste Weg ist der Einsatz der Distribution Q4os mit Trinity als Standard.

Schönlinge – Puristen – Spezialisten

11. Pantheon: Dieser Desktop ist Standard der Distribution Elementary OS . Der aufgeräumte und ästhetische Desktop mit Mac-OS-Optik zeigt nur Starterdock und Systemleiste und bietet nur fundamentale Einstellungsoptionen. Zielgruppe sind softwareorientierte Desktopnutzer, die ohne Ehrgeiz individueller Anpassung eine hübsche Oberfläche suchen.

12. Budgie: Technisch ambitionierter als Pantheon liefert diese Oberfläche neben der üblichen Systemleiste eine multifunktionale Seitenleiste. Das Konzept ist innovativ, aber gewöhnungsbedürftig. Entwickelt wird Budgie für die Distribution Solus , hat aber inzwischen als Ubuntu Budgie Remix Einzug in die offiziellen Ubuntu-Varianten gefunden.

13. Openbox: Eigentlich ist Openbox nur ein altehrwürdiger Window-Manager, ist aber über diese Rolle hinausgewachsen. Pures Openbox liefert am Desktop nicht mehr als ein simples Startmenü per Mausklick, mit Ergänzungen und Konfigurationstools wird daraus aber eine Arbeitsumgebung, die kaum mehr als 100 MB Speicher beansprucht. Die manuelle Einrichtung von purem Openbox ist mühsam. Ein sorgfältig vorkonfiguriertes Openbox liefert die Distribution Bunsenlabs „Hydrogen“ .

14. Fvwm-Crystal: Einer der ältesten Fenstermanager für Linux ist der „F Virtual Window-Manager“ (Fvwm). Dem originalen Fvwm von 1993 sieht man sein Alter deutlich an. Viel getan hat sich aber bei der Variante Fvwm-Crystal mit Taskleiste, Menü und virtuellen Arbeitsflächen. Trotz minimaler Ansprüche (unter 100 MB RAM) sieht Fvwm-Crystal mit Transparenzeffekten schick aus. Eine fertige Distribution mit diesem Fenstermanager gibt es nicht, jedoch ist das Fossil noch als Paket unter Debian und Ubuntu erhältlich (fvwm-crystal).

15. Wmii: Wmii (Window-Manager Improved) geht grenzwertig noch als Fenstermanager durch: Alle Aktionen zum Öffnen und Anordnen von Fenstern erfolgen per Tastatur. Der Hotkey Windows-Taste plus Eingabetaste öffnet ein neues Terminal, Windows-P einen Ausführen-Dialog. Fenster arrangiert Wmii nebeneinander oder in Spalten. Dieser minimalistische Ansatz ist sinnvoll, wo ein Linux-Rechner stets nur einige wenige Programmfenster anzeigen soll. Wmii ist unter vielen Distributionen unter gleichnamigem Paketnamen zu erreichen.

16. Pixel: Dieser Desktop ist eine junge Entwicklung der Raspberry Pi Foundation. Er dient als verbesserter Ersatz für das bisher genutzte LXDE auf dem Raspberry-System Raspbian. Die Änderungen sind vorwiegend kosmetischer Natur.

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