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Multicopter sollen Leben retten - ADAC weitet Erprobung aus

14.10.2020 | 13:55 Uhr | Hans-Christian Dirscherl

Multicopter können Menschenleben retten. Das sagt der ADAC und weitet nun die Erprobung von Multicoptern bei der Luftrettung aus. Von diesen beiden Standorten starten die Volocopter im Testbetrieb.

Der ADAC hat ein Fazit zu seiner bisherigen Erprobung von Multicoptern ( siehe unten ) bei der Luftrettung gezogen. Demnach sei die „Luftrettung mit bemannten Multikoptern möglich, sinnvoll und verbessere die notfallmedizinische Versorgung der Bevölkerung“.

Im Fokus des Ende 2018 gestarteten Forschungsprojektes in Kooperation mit der Firma Volocopter und den Modellregionen Ansbach-Dinkelsbühl (Bayern) und Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) stand die Frage: Kann das Rettungsdienstsystem mit dem Einsatz von Multikoptern als schneller Notarztzubringer verbessert und zukunftssicher aufgestellt werden? Der Multikopter soll den Rettungshubschrauber dabei nicht ersetzen, sondern die schnelle Hilfe aus der Luft ergänzen. Ein Patiententransport mit dem Multicopter ist dabei zunächst nicht vorgesehen.

Deutliche Verbesserungen für die Notfallversorgung ergeben sich laut der Studie ab einem Einsatzradius von 25 bis 30 Kilometern, wie der ADAC schreibt. Die optimale Fluggeschwindigkeit des Multikopters sollte in diesem Fall bei 100 bis 150 km/h, die Mindestreichweite bei rund 150 Kilometern liegen. Mit entsprechenden Multikoptern können Notärzte laut ADAC nicht nur schneller am Einsatzort sein, sondern auch deutlich mehr Patienten in einem größeren Versorgungsgebiet erreichen. Die Rettungshubschrauber würden wiederum durch die Multicopter entlastet und könnten stattdessen öfter Patienten in weiter entfernte (Spezial-)Kliniken fliegen.

Die technische Machbarkeit wurde anhand eines Volocity des Projektpartners Volocopter (mit 18 festverbauten Rotoren) untersucht. Sein Vorteil gegenüber einem Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) sei laut Studie auf dem Land größer als in der Stadt. Im Vergleich zu einem Rettungshubschrauber sei der Multikopter leiser und emissionsärmer.

Der Testbetrieb ist ab 2023 geplant und soll in den bisherigen zwei Modellregionen stattfinden: in Bayern im Rettungsdienstbereich Ansbach an der ADAC Luftrettungsstation in Dinkelsbühl, in Rheinland-Pfalz an einem neuen, reinen Multikopter-Standort in der Region Idar-Oberstein. Bis das Pilotprojekt startet führt Volocopter weitere technische Probeflüge durch, um die bemannten Fluggeräte für die besonderen Bedingungen im Rettungsdienst aus der Luft zu testen – dazu gehören etwa Starts und Landungen in Hanglagen, bei schlechter Sicht, bei Dunkelheit oder im Winter.

Die Besatzung besteht aus einem Piloten und einem Notarzt – und nicht wie bei einem klassischen Rettungshubschrauber aus Pilot, Notarzt und Notfallsanitäter (TC HEMS). Da der Notarzt per Multikopter häufig als erstes Rettungsmittel an der Notfallstelle ist, benötigt er eine besondere medizinische Ausstattung. Diese muss im Vergleich zu einem NEF wegen der begrenzten Nutzlast des Fluggerätes gewichtsoptimiert sein. Der Pilot muss den Arzt noch mehr als bisher unterstützen und benötigt eine notfallmedizinische Zusatzausbildung. Update Ende, Beginn des ursprünglichen Berichts:

Der ADAC hat jetzt mit der Erprobung eines Volocopters als Alternative zum Notarztwagen begonnen. Dabei geht es darum,  herauszufinden, ob der Volocopter gegenüber dem klassischen Notarztwagen Vorteile bietet. Ob der Arzt mit dem Volocopter also schneller zum Patienten kommt als mit dem Notarzt-Einsatzfahrzeug, um so die Versorgung zu verbessern und Leben zu retten.

Zwei Personen finden im Volocopter Platz: Notarzt und Pilot.
Vergrößern Zwei Personen finden im Volocopter Platz: Notarzt und Pilot.
© ADAC Luftrettung/ Andrea Fabry

Die Erprobung erfolgt aber nur bei gestellten Rettungseinsätzen und nicht bei tatsächlichen „scharfen“ Einsätzen. Der Einsatz von der Alarmierung auf der ADAC-Luftrettungsstation bis zur Notfallversorgung des Patienten am Unfallort ist also nur inszeniert. Für die Machbarkeitsstudie wurden in zwei Bundesländern Modellregionen ausgewählt: der Rettungsdienstbereich Ansbach mit dem Luftrettungsstandort Dinkelsbühl in Bayern sowie Mainz-Rheinhessen und Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz.

Nach dem Einsatz.
Vergrößern Nach dem Einsatz.
© ADAC Luftrettung/ Andrea Fabry

Die Ergebnisse der Erprobung will der ADAC im Jahr 2020 veröffentlichen. Dann könnten die Erfahrungen aus Theorie und Praxis in ein reales Pilotprojekt einfließen. Geforscht wird mit einem Volocopter der gleichnamigen Firma aus Bruchsal.

Hintergrund: Volocopter als Alternative zum Notarzt-Einsatzfahrzeug

Die ADAC Luftrettung prüft in einer Machbarkeitsstudie in Bayern und Rheinland-Pfalz den Einsatz von bemannten Flugdrohnen der Firma Volocopter im Rettungsdienst. Bei den Drohnen handelt es sich um Multicopter, also um Drohnen mit zahlreichen Rotoren. Der senkrecht startende Volocopter hat 18 Rotoren.

Jochen Oesterle, Pressesprecher des ADAC, erklärt auf Nachfrage der PC-WELT: "Bei der Studie geht es darum, den Volocopter im direkten Vergleich mit einem Notarzt-Einsatzfahrzeug zu untersuchen. Dabei geht es um den Einsatz als schnellen Notarzt-Zubringer. Ob es Vorteile gibt, kann erst die Studie zeigen."

Der Volocopter der gleichnamigen Firma aus Bruchsal kann zwei Personen aufnehmen. Die zweiköpfige Besatzung des Volocopters besteht aus Arzt und Pilot. Die Volocopter werden elektrisch angetrieben. Im Rahmen des Pilotprojektes werden die Volocopter für den Rettungsdienst weiterentwickelt und als Notarzt-Zubringer eingesetzt.

Oesterle weiter: "Die Reichweiten sind bei den Volocopter-Modellen unterschiedlich. Diese Frage ist auch Teil der Forschungsflüge. Sobald wir hier Ergebnisse haben, werden wir die Öffentlichkeit informieren".

Die Volocopter-Erprobung erfolgt im Rettungsdienstbereich Ansbach mit dem Luftrettungsstandort Dinkelsbühl in Bayern und im Land Rheinland-Pfalz. Für beide Regionen simuliert das Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement der Ludwig-Maximilians-Universität München (INM) ab Frühjahr 2019 Luftrettungseinsätze mit Volocoptern am Computer. In den kommenden Monaten soll es zudem erste Forschungsflüge geben. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), mit dem die ADAC Luftrettung bereits im Bereich Forschung und Entwicklung kooperiert.

Erste Ergebnisse der Studie über das Einsatzpotenzial und die Wirtschaftlichkeit dieser Fluggeräte im Rettungsdienst sind für Herbst/Winter 2019 geplant. Die Kosten der auf eineinhalb Jahre angelegten Machbarkeitsstudie belaufen sich laut ADAC auf rund 500.000 Euro.

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