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Linux - Die Kernel-Entwicklung in Zahlen

07.02.2014 | 12:24 Uhr |

Wie viele Leute arbeiten eigentlich an Linux? Wer steht hinter den großen Änderungen? In welche Richtung geht das Betriebssystem? Die Linux Foundation klärt diese Fragen jedes Jahr im Entwickler-Report.

Mit einer Einschätzung lag Linus Torvalds kräftig daneben: „Ich betreibe das nur so als Hobby, das soll kein großes, professionelles Ding wie GNU werden“. So beschrieb er in seinem heute legendären Usenet-Posting von 1991 die Motivation hinter der Entwicklung eines Unix-ähnlichen Kernel für 386-er. Ein Kernel ist Linux nicht mehr geblieben, sondern wurde schnell zum ausgewachsenen Betriebssystem. Das Projekt stand seit einer Alphaversion unter der GNU Public License, was zahlreiche Mitstreiter ermutigte, sich an der Entwicklung zu beteiligen, Programme der GNUTools zu portieren und neue zu schreiben. Auch ein reines Hobby ist Linux schon lange nicht mehr, sondern eine Milliarden- Industrie. Es ist zudem das Betriebssystem mit dem größten Wachstum und könnte Windows bereits im Laufe des Jahres 2014 überholen. Übertrieben? Keineswegs – wenn man zum klassischen, immer noch von Microsoft dominierten PC-Desktop auch noch Android-Geräte zählt, die mit einer Version des Linux-Kernels laufen. Linux ist aber nicht nur einfach ein anpassungsfähiger Unix-Kern, sondern ein beispielloses Phänomen, das die Gesetze von IT-Projekten und des ITBusiness auf den Kopf zu stellen scheint. Die Linux Foundation, ein Zusammenschluss von Open-Source- Organisationen, die sich um die Marke Linux, um Standards und um rechtliche Angelegenheiten kümmert, veröffentlicht jedes Jahr den Bericht „Who writes Linux“, der dieses Phänomen mit harten Zahlen quantifiziert und veranschaulicht.

Der wohlwollende Diktator

Mit der Weiterentwicklung von Linux, also des Kernels, sind gegenwärtig 1100 Programmierer beschäftigt. Einige davon sind nach wie vor Personen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben, viele stehen aber in Lohn und Brot bei einer der 225 Firmen, die heute den Kernel tatkräftig und finanziell unterstützen.

Klar, dass hier zu jeder Version verschiedene Interessen und konkurrierende Vorstellungen aufeinander treffen. Linus Torvalds entscheidet deshalb weiterhin als letzte Instanz und „wohlwollender Diktator“, was in den Kernel kommt. 1998 wurde allerdings nach einem Streit unter den Entwicklern deutlich, dass Torvalds alleine mit der Verabschiedung neuer Funktionen und Patches aus externen Quellen nicht nachkommt. Ein Burn-out drohte.

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Die aktivsten Kernel-Entwickler: Da Linus Torvalds nicht mehr alles selbst macht, wird der Großteil der Patch-Freigaben an Co-Entwickler und an die Verantwortlichen der Linux-Subsysteme delegiert.
Vergrößern Die aktivsten Kernel-Entwickler: Da Linus Torvalds nicht mehr alles selbst macht, wird der Großteil der Patch-Freigaben an Co-Entwickler und an die Verantwortlichen der Linux-Subsysteme delegiert.

Seitdem arbeitet ein Team von etablierten Programmierern wie Greg Kroah-Hartmann an der Durchsicht und Prüfung des neu vorgeschlagenen Codes. Neue Änderungen und Verbesserungen fließen als Aktualisierungen (Patches) zum aktuellen Kernel ein, und die meist informellen bis rauen Diskussionen dazu finden seit 1997 auf der offiziellen Linux Kernel Mailing List (LKML) statt. Zudem ist der Kernel in über hundert Subsysteme unterteilt, etwa zu Netzwerk, SCSI-Unterstützung, ARM- und x86-Plattform. Um jedes Subsystem kümmert sich ein Entwickler als Vorabfilter, um eingereichte Patches zu sortieren. Falls diese alle Kriterien der Nützlichkeit und Code-Qualität erfüllen, werden sie als fit für den Hauptzweig des Kernels vorgemerkt.

Im vergangenen Jahr hat Linus Torvalds selbst nur noch 0,7 Prozent aller aufgenommenen Patches verabschiedet, ist aber an den wichtigen Entscheidungen beteiligt und gibt jede Kernel- Version letztendlich frei. Einen separaten Entwickler-Kernel gibt es seit 2.6 nicht mehr, stattdessen landet neuer Code vorerst in einer Arbeitskopie des letzten Kernel-Codes.

Gleichzeitig kümmert sich das Stable- Team um die Rückportierung von Sicherheits-Patches für ausgewählte, ältere Kernel-Versionen, die Langzeitunterstützung haben. Zur Code-Verwaltung und kommt seit 2005 das effiziente Versionskontrollsystem Git zum Einsatz, ebenfalls eine Schöpfung von Linus Torvalds, das einen Teil der Arbeit automatisiert. So gelingt es, alle drei Monate eine neue Kernel-Version fertigzustellen.

Professionelle Entwickler dominieren Das Modell und die stringente Organisation haben sich offensichtlich bewährt. Von den anfänglich nur 10.000 Zeilen Programmcode in Linux 0.1 ist das Projekt zur Version 3.10 auf 17 Millionen Zeilen angewachsen. Schwindelerregend ist auch die Rate der Änderungen: Pro Tag akzeptieren die Kernel-Entwickler rund 171 Patches, und jede Kernel-Veröffentlichung umfasst jetzt 8000 bis 12 000 Modifikation zur Vorgängerversion, rund 1000 kommen weiterhin direkt von Torvalds, der Rest verteilt sich auf freie Entwickler. Die Zahl der Hobby-Programmierer ist dabei stetig im Sinkflug: Nach dem Report der Linux Foundation ist deren Anteil auf 13,6 Prozent gesunken. Alle anderen sind bezahlte Profis, die für Firmen aus dem Linux-Umfeld arbeiten. Einen Teil der Chefentwickler, zu der auch Linus Torvalds gehört, bezahlt die Linux Foundation auch selbst, um den Charakter von Linux zu wahren.

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Linux in Zahlen: Die Zahl der Codezeilen auf 17 Millionen gestiegen. Im Vergleich zu anderen Systemen bleibt Linux damit aber immer noch schlank. Schon das alte Windows XP kam auf rund 40 Millionen Zeilen.
Vergrößern Linux in Zahlen: Die Zahl der Codezeilen auf 17 Millionen gestiegen. Im Vergleich zu anderen Systemen bleibt Linux damit aber immer noch schlank. Schon das alte Windows XP kam auf rund 40 Millionen Zeilen.

Embedded-Hersteller dominieren

In der Top 10 der Firmen, die über ihre Entwickler zum Linux Kernel beisteuern, steht wie zu erwarten auch 2013 an oberster Stelle Red Hat, gefolgt von Intel (siehe Abbildung links). Auf den Plätzen dahinter gibt es einige Neuzugänge, die auch eine langsame Änderung in der Ausrichtung des Open- Source-Betriebssystems zeigen: Mit Texas Instruments (Platz 3), Linaro (Platz 4), Samsung (Platz 8) und Google (Platz 9) kommen Mobil- und Embedded-Spezialisten ins Spiel, die Linux vor allem für die ARM-Plattform brauchen. Linaro ist wiederum ein Interessenverband, zu dem unter anderem auch Canonical gehört, um Linux und die Entwickler-Tools fit für Mobilgeräte zu machen.

Google ist inzwischen wieder in den Top 10, nachdem ein längerer Streit zwischen Android- und Linux-Entwicklern beigelegt wurde und die Erweiterungen von Android nun zurück in den Linux-Kernel fließen. Anders als im letzten Jahr ist übrigens Microsoft nicht mehr unter den ersten zehn. Dorthin war Microsoft mit einer großen Zahl an Patches gelangt, um Windows besser in Virtualisierungsumgebungen von Linux zu integrieren.

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