2158822

DVB-T2 HD: Receiver, Technik, Kosten und Sender

25.01.2017 | 14:00 Uhr |

Ende Mai 2016 ist DVB-T2 im Testbetrieb in einigen Ballungszentren gestartet. Am 29. März 2017 startet der Regelbetrieb. Was das für Sie bedeutet, welchen Receiver Sie dafür brauchen, und welche Kosten entstehen können, erfahren Sie hier.

Als das digitale terrestrische Fernsehen (DVB-T) vor über zehn Jahren in Deutschland startete, wurde es vollmundig als „Überallfernsehen“ beworben – die Infoseite der öffentlich-rechtlichen Sender zeugt noch davon. Doch das Versprechen von digitaler Bildqualität über eine einfache Antenne konnte DVB-T nie einlösen, das Senderangebot blieb ebenso knapp wie die zur Verfügung stehende Datenrate. Die Standardauflösung betrug gerade einmal 720 x 576 Pixel, im Regelbetrieb wurde sie teilweise sogar noch weiter heruntergefahren.

Die Folge waren insbesondere bei schnellen Bewegungen wie im Sport typisch unscharfe Bilder und häufige Klötzchenbildung. In Zeiten von DVD, Bluray und Internetstreaming in mindestens Full HD (1080p) fällt es tatsächlich schwer, sich damit anzufreunden. Die bisherige Auflösung von DVB-T war einfach nicht mehr zeitgemäß und geriet deshalb gegenüber über IPTV, Kabel und Satellit immer mehr ins Hintertreffen. Das alles soll mit dem neuen Standard DVB-T2 HD nun besser werden, und tatsächlich spricht bisher vieles dafür, dass es wirklich besser wird. Es gibt aber auch Einschränkungen.

Lesetipp: Die besten UHD-Fernseher im Test

Abgesehen von den Gebieten um Dresden und Kassel wird DVB-T2 HD ab Ende März in allen großen Ballungsräumen Deutschlands ausgestrahlt. (Quelle www.dvbt2hd.de)
Vergrößern Abgesehen von den Gebieten um Dresden und Kassel wird DVB-T2 HD ab Ende März in allen großen Ballungsräumen Deutschlands ausgestrahlt. (Quelle www.dvbt2hd.de)

DVB-T2 HD: Full-HD statt Klötzchen

Seit dem 31. Mai 2016 werden sechs Sender über DVB-T2 in Full-HD-Auflösung mit 1920 x 1080 Pixeln und 50 Vollbildern pro Sekunde ausgestrahlt (1080p50). Dabei sind die öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme ARD und ZDF sowie die Privatsender Prosieben, RTL, Sat.1 und VOX. Offiziell startet damit der Probebetrieb in der „ersten Stufe“ , und tatsächlich kann man mit gerade einmal sechs Stationen nicht von einem Vollbetrieb sprechen. Andererseits können nach Angaben des deutschen Projektbüros etwa 24 Millionen Einwohner – rund 30 Prozent der Bevölkerung – den neuen Standard mit Zimmerantenne empfangen, mit Dachantenne sollen es sogar rund 54 Millionen Menschen sein. Wie diese Zahlen bereits andeuten, hängen die Empfangsmöglichkeiten entscheidend davon ab, ob die Antenne innerhalb oder außerhalb der Wohnung beziehungsweise des Hauses steht oder gar auf dem Dach montiert ist. In der oben abgebildeten Karte zeigen die grünen Vollflächen die bereits abgedeckten Regionen, die schraffierten Flächen zeigen die Planung der zusätzlich abgedeckten Regionen bei Start des Regelbetriebs. Sie können anhand Ihrer Postleitzahl schnell überprüfen, ob und wann Sie DVB-T2 empfangen können , und welche Antenne Sie dafür mindestens brauchen. Es handelt sich bei dem Dienst allerdings nur um eine Empfangsprognose des Anbieters Media Broadcast.

Kein gratis Angebot der privaten SD-Sender bei DVB-T2

Mit Beginn des Regelbetriebs am 29. März 2017 starten rund 35 Programme "überwiegend in HD" ihren Sendebetrieb auf DVB-T2. In allen abgedeckten Regionen wir zum selben Zeitpunkt das DVB-T-Signal abgeschaltet.

Neben geeigneter Empfangs-Hardware ist dann, ähnlich wie bei DVB-S nach einem kostenlosen 3-monatigen Testzeitraum außerdem ein Abo von Freenet.tv nötig , um Privatsender in HD zu empfangen. Das Abo kostet ohne Receiver 5,75 Euro im Monat bei einer Mindestlaufzeit von 24 Monaten (ähnlich wie für HD+ über DVB-S).

Wichtig: Im Gegensatz zu DVB-S wird es allerdings bei DVB-T2 keine Möglichkeit geben, Privatsender kostenlos in SD-Qualität zu sehen.

Das Sender-Bouquet teilt sich zum Start des Regelbetriebs dabei in zwei Gruppen, die frei empfangbaren Öffentlich-Rechtlichen und die kostenpflichtigen Privaten.

Zu den frei empfangbaren gehören anfangs Das Erste HD, ZDF HD, Arte HD, Phoenix HD, 3 Sat HD, Kika HD, One HD, Tagesschau24 HD, ZDF Neo HD, ZDF Info HD, Bibel TV HD, und die regionalen Sender BR HD, HR HD, MDR HD, NDR HD, Radio Bremen TV, RBB HD, SR HD, SWR HD, WDR HD, Alpha.

Zu den kostenpflichtigen gehören anfangs RTL HD, Prosieben HD, Sat 1 HD, Vox HD, RTL 2 HD, Super RTL HD, NTV HD, Sixx HD, Prosieben Maxx HD, Sat 1 Gold HD, Eurosport 1 HD, RTL Nitro HD, Kabel 1 HD und Dmax HD.

DVB-T2 HD erfordert neue Geräte

Für alle, die weiter über das bestehende DVB-T fernsehen möchten, ist zunächst das Folgende wichtig. Das bisherige DVB-T-Signal wird regional unterschiedlich jeweils schon nach kurzer Parallelausstrahlung zum neuen DVB-T2 abgeschaltet. Die Abschaltung beginnt nach Aufnahme des Vollbetriebs am 29 März 2017. Ob DVB-T2 bei Ihnen am 29 März verfügbar ist, und somit das DVB-T-Signal zu diesem Zeitpunkt abgeschaltet wird, verrät der Empfangscheck .

Wenn Sie auch das hochauflösende DVB-T2 möchten, brauchen Sie definitiv neue Empfangstechnik – abwärtskompatibel zu alten DVB-T-Tunern ist das neue Signal nämlich nicht. Sie benötigen deshalb entweder einen Fernseher mit integriertem DVB-T2-Tuner , oder Sie holen das hochaufgelöste TV-Signal über Antenne mittels eines DVB-T2-Receivers ins Wohnzimmer, der das Bild dann per HDMI-Kabel auf dem vorhandenen TV-Gerät ausgibt. Solche Receiver beziehungsweise Set-Top-Boxen starten bei Preisen von rund 40 Euro. Die günstigsten Modelle verfügen allerdings weder über einen CI+ Einschub (Common Interface für Entschlüsselungsmodul und Smartcard) noch über eine eingebaute Entschlüsselungseinheit. Eine dieser beiden genannten Komponenten ist aber Voraussetzung für den HD-Empfang der Privatsender, auch schon während der kostenlosen Anfangsphase bis zum Start des Regelbetriebs: ohne Entschlüsselung also kein Prosieben & Co. in Full HD. Bei den Geräten ohne CA-Modul und Smartcard erfolgt die Freischaltung nach Angaben der Betreiber über Voucher beziehungsweise Code ähnlich wie bei Prepaidhandys.

Der Xoro Receiver HRT 8720 ist mit knapp 70 Euro nicht nur günstig, sondern auch offiziell DVB-T2-zertifiziert.
Vergrößern Der Xoro Receiver HRT 8720 ist mit knapp 70 Euro nicht nur günstig, sondern auch offiziell DVB-T2-zertifiziert.

Beim Kauf eines neuen Fernsehers oder Receivers sollten Sie außerdem genau darauf achten, dass das Gerät auch für den DVB-T2-HD-Empfang in Deutschland geeignet ist. Grund sind die bei DVB-T2 in anderen Ländern eingesetzten unterschiedlichen Komprimierungsverfahren: Hierzulande ist zwingend H.265 (auch als „HEVC“ bezeichnet) erforderlich, H.264 (MPEG-4) genügt nicht. Helfen beim Gerätekauf kann die offizielle Gerätekompatibilitätsliste . Um sicher zu sein, sollten Sie mit dem Händler eine schriftliche Umtauschoption vereinbaren, beim Onlinekauf gibt es die Rückgabemöglichkeit ohnehin.

Kurz vor dem Start von DVB-T2 Ende Mai zeigte die Kompatibilitätsliste nur wenige geeignete Digitalreceiver.
Vergrößern Kurz vor dem Start von DVB-T2 Ende Mai zeigte die Kompatibilitätsliste nur wenige geeignete Digitalreceiver.

Wir haben den Digitalempfang unter speziellen Testbedingungen vorab unter anderem mit dem Receiver HRT 8720 von Xoro getestet. Das Gerät lief problemlos und stellt zum Preis von knapp 70 Euro eine günstige Set Top Box dar, die auch die verschlüsselten HD-Streams der Privatsender über das integrierte, „Freenet-TV-konforme“ Irdeto-System entschlüsselt. Zusätzlich ermöglicht das Xoro-Gerät zeitversetztes Fernsehen (Time-Shift) und die Aufnahme auf angesteckte USB-Datenträger (PVR). Man muss also keineswegs gleich einen neuen Fernseher kaufen, sondern kann sein vorhandenes TV-Gerät mit einer verhältnismäßig geringen Ausgabe weiterverwenden.

Die vorhandene Antenne lässt sich in jedem Fall weiter nutzen, das gilt für Zimmer-wie für Außenantennen. Wenn man Ihnen irgendwo spezielle Antennen für DVB-T2 andrehen möchte, ist das Unsinn. Das Frequenzband für den Empfang bleibt im Wesentlichen gleich. Bekommen Sie in einer Wohnanlage (vielleicht unwissentlich) Fernsehen über DVB-T, muss die Gemeinschaftsanlage umgerüstet werden. Ob beziehungsweise wann die Aufrüstung erfolgt, erfragen Sie bitte bei der Hausverwaltung.

Vorsicht beim Fernseherkauf: DVB-T2 ist nicht DVB-T2!

DVB-T2 steht zunächst einmal für „Digital Video Broadcasting – Terrestrial, 2nd Generation“, die zugrunde liegende Norm wurde bereits 2009 festgelegt. Während andere Länder wie England, Frankreich, Österreich und Skandinavien digitales terrestrisches Fernsehen bereits seit mehreren Jahren über DVB-T2 ausstrahlen, ist Deutschland mit dem nun gestarteten Probebetrieb spät dran. Dafür setzen die Sender hierzulande auf das moderne HEVC-Kompressionsverfahren (High Efficiency Video Coding, H.265).

Weil dieser Codec aber nicht Bestandteil der DVB-T2-Zertifizierung ist, wurde DVB-T2 im Ausland teilweise auch über den älteren Standard H.264 (MPEG4) gesendet. Entsprechend konnten dort auch TV-Geräte und -Empfänger mit DVB-T2 beworben werden, die H.265-Streams nicht wiedergeben konnten. Genau dies aber ist zwingende Voraussetzung für den Empfang in Deutschland – ohne H.265 sieht man nichts, beziehungsweise nur das bisherige geringaufgelöste DVB-T-Bild.

Deshalb haben sich Gerätehersteller und Sender auf das grüne „DVB-T2-HD-Logo“ (mit dem Zusatz: HD) als Kompatibilitätskennzeichnung geeinigt: Fernseher, Set Top Boxen und andere Empfangsgeräte mit diesem Logo sind „deutschlandkompatibel“. Allerdings taucht es im Handel nicht konsequent auf, und selbst TV-Geräte, die alle Empfangsvoraussetzungen erfüllen, werden teilweise ohne die Kennzeichnung verkauft. Weil zudem bei einigen Fernsehern das eingebaute Tunermodul nicht auf den HEVC-Decoder zugreifen kann, ist man derzeit nur bei dem Logo auf der sicheren Seite, selbst wenn sich das Problem mit einem Firmware-Update beseitigen lässt. Das zusätzliche, ebenfalls grüne „Freenet TV“-Logo signalisiert, dass die Geräte darüber hinaus über eine eingebaute oder per Smartcart nachrüstbare Entschlüsselung für den Empfang der Privatsender in Full HD verfügen.

Eine Kompatibilitätsdatenbank im Internet listet DVB-T2-HD-geeignete Geräte auf.

DVB-T2 auch am PC, Notebook und auf Mobilgeräten möglich

Ein weiterer Pluspunkt von digitalem terrestrischem Empfang ist die Unabhängigkeit vom Internet. Möchten Sie auf Mobilgeräten außerhalb der Reichweite von WLAN fernsehen, wird bei DVB-T2 folglich kein Datenvolumen des Handyvertrags verbraucht. Streamt man nämlich Live-TV übers Internet, so fallen bei Zattoo selbst bei minimaler Auflösung mehr als 300 MB pro Stunde an, bei Magine TV sind es sogar über 600 MB in 60 Minuten.

Andererseits benötigt man für den Empfang von DVB-T2 einen neuen Hardwaretuner, auch hier arbeiten die bisherigen DVB-T-Sticks wegen des veränderten Codecs nicht mehr. Aktuell sind schon eine ganze Menge Empfänger für Android auf dem Markt, darunter der Cinergy T2 Stick micro von Terratec für etwa 50 Euro. Der Empfänger wird per Micro-USB an ein USB-OTG-fähiges Android-Smartphone oder -Tablet gesteckt. Für iOS gibt es derzeit keine Hardware-Dongles, die DVB-T2 in Deutschland unterstützen.

Preislich günstiger sind die DVB-T2-Empfänger in Form von USB-Sticks für Windows-PCs und -Notebooks, um auf diesen Geräten unabhängig vom Internet in Full HD fernzusehen. Zudem ist die Auswahl an solchen Stick bereits größer. Allen diesen Empfängern für Mobilgeräte ist gemeinsam, dass sie kein Entschlüsselungsmodul enthalten und somit die Privatsender nur in SD-Auflösung wiedergeben. Es handelt sich dabei um sogenannte FTA-Geräte (free to air = unverschlüsselte Programme).

DVB-T2 bietet auf Mobilgeräten gegenüber TV-Streaming über das Internet den Vorteil, dass beim Fernsehen kein Datenvolumen über den Mobilfunkvertrag verbraucht wird.
Vergrößern DVB-T2 bietet auf Mobilgeräten gegenüber TV-Streaming über das Internet den Vorteil, dass beim Fernsehen kein Datenvolumen über den Mobilfunkvertrag verbraucht wird.
© Terratec

Fazit und Ausblick: So geht es weiter mit DVB-T2 HD

„Warum denn erst jetzt?“ So ließen sich unsere Erfahrungen mit dem neuen DVB-T2-HD aus dem Testgebiet München zusammenfassen: ein scharfes Bild mit 50 Vollbildern in Full HD, satte Farben und deutlich weniger Bewegungsunschärfe als bisher – kein Vergleich also zum alten DVB-T.

Zwei Einschränkungen gibt es dann aber doch: Zum Ersten benötigt man neue Empfangshardware, also einen Receiver oder Fernseher. Zum Zweiten gibt es den HD-Stream der Privatsender auf Dauer nur gegen eine Gebühr von 5,75 Euro/Monat. Technisch jedenfalls stellt es eine echte Alternative zu Kabel, Satellit und IP-TV dar.

Die besten UHD-Fernseher zur EM 2016 im Vergleichstest
0 Kommentare zu diesem Artikel
2158822