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Zeven-OS - Das Retro-System mit moderner Technik

15.05.2015 | 12:04 Uhr |

Ein Hauch von Be-OS: Zeven-OS wirft mit seiner akribisch nachempfundenen Oberfläche einen nostalgischen Blick zurück in die 90er-Jahre – mit Xubuntu als Fundament.

Wie anpassungsfähig ein Linux-Desktop sein kann, zeigt Zeven-OS mit der Kombination eines bewährten Ubuntu -Unterbaus und einer ungewöhnlichen Oberfläche, die eine Hommage an das einst vielversprechende Be-OS ist. Dessen Charme hat Zeven-OS mit optischen Anpassungen auf seinem XFCE-Desktop erstaunlich akkurat eingefangen, ohne dabei angestaubt zu wirken. Zeven-OS ist ein System für Anwender, die einen soliden, schlanken Desktop zu schätzen wissen oder einst das Bedienkonzept von Be-OS gelungen fanden. Das kommerziell entwickelte Be-OS sorgte vor fast 20 Jahren für Furore und schien nicht nur dank des damals umwerfenden Desktops seiner Zeit weit voraus. Denn es gab Multitasking, ein Journaling-Dateisystem und beeindruckende Multimedia-Fähigkeiten. Doch die kleinen Entwicklerfirma Be, die der ehemalige Apple-Manager Gassée gegründet hatte, scheiterte: Nachdem der Verkauf der Firma an Apple nicht geklappt hatte und Windows 95/98 unbezwingbar war, stellte Be die Entwicklung 2001 ein. Unter mehreren Ansätzen, das Aussehen von Be-OS unter Linux nachzubilden, ist Zeven-OS der erfolgreichste Vertreter.

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Nicht der typische XFCE-Desktop

Mit zwei markanten Elementen knüpft Zeven-OS an den Be-OS-Desktop an: Zum einen gibt es das typische Dock in der rechten oberen Ecke, das als Programmstarter und vertikale Taskleiste dient. Dahinter steckt lediglich ein umgestaltetes XFCE-Panel. Etwas mehr Aufwand ging in die Darstellung der Programmfenster mit kleiner linksbündige Titelleiste. Mit XFCE alleine wäre dies nicht zu machen, und Zeven-OS verwendet deshalb im Hintergrund den Fenstermanager Sawfish, der sich durch seine Flexibilität auszeichnet und bis ins Detail konfigurierbar ist. Sawfish ist heute ein Exot, obwohl er noch entwickelt wird und eine prominente Vergangenheit hat, da er bis Gnome 2.1 Standard auf dem Gnome-Desktop war.

Das Menü in Zeven-OS: Es handelt sich um ein umgestaltetes XFCE-Panel. Wer möchte, kann die Leiste auch einfach in die Horizontale verschieben und mit weiteren XFCE-Applets versehen.
Vergrößern Das Menü in Zeven-OS: Es handelt sich um ein umgestaltetes XFCE-Panel. Wer möchte, kann die Leiste auch einfach in die Horizontale verschieben und mit weiteren XFCE-Applets versehen.

Einige Tastenkombinationen sind ebenfalls von Be-OS übernommen: Der Taskumschalter wird mit Strg-Tab aufgerufen, der „Ausführen“-Dialog über Strg-F2, während Alt-F1 (bis F6) die Arbeitsflächen wechselt. Viele originale Icons von Be-OS sorgen für das richtige Flair auf der Oberfläche und im Dateimanager, so dass man oft zweimal hinsehen muss, um XFCE und seine Programme zu erkennen. Als Systemzentrale gibt es als Eigenentwicklung unter Zeven-OS das recht gelungene Tool „Zubehör > Magi“, das Verknüpfungen zu Systemeinstellungen in einem übersichtlichen Menü zusammenfasst.

Mit der Auswahl vorinstallierter Software zielt Zeven-OS eher auf ältere Rechner. Denn statt großen Programmpaketen wie Libre Office gibt die Distribution kleinen Alternativen wie Abiword und Gnumeric den Vorzug. Statt Thunderbird ist Claws als Mailprogramm vorinstalliert, Gnome Mplayer ist als Videoplayer vorhanden und Deadbeef als schlichter Audioplayer. Als Paketmanager liefert Zeven-OS das bekannte Ubuntu Software Center mit, aber auch das schnellere Synaptic steht bereit. Anwender können hier aus den Paketquellen von Ubuntu 14.04 und den offiziellen Backports schöpfen.

Gelungene Konfigurationshilfe: Das Menü „Magi“ ist eine Eigenentwicklung in Zeven-OS mit den wichtigsten Konfigurationswerkzeugen. Auch die Einstellungen zum Window-Manager Sawfish sind hier untergebracht.
Vergrößern Gelungene Konfigurationshilfe: Das Menü „Magi“ ist eine Eigenentwicklung in Zeven-OS mit den wichtigsten Konfigurationswerkzeugen. Auch die Einstellungen zum Window-Manager Sawfish sind hier untergebracht.

Voraussetzungen und Installation

Da Zeven-OS ein angepasstes Xubuntu ist, fallen auch die Hardware-Anforderungen ähnlich aus: Einen 3D-fähigen Grafikchip braucht die Distribution nicht, und eine bescheidene Singlecore-CPU legt den Desktop nicht lahm. Der Bedarf an Arbeitsspeicher ohne laufende Programme liegt mit 220 MB etwas höher als bei einem purem Xubuntu (190 MB) – 512 MB RAM sind damit ein sinnvolles Minimum. Zur Installation sind rund vier GB freier Speicherplatz auf Festplatte nötig. Da die Entwickler von Zeven-OS hauptsächlich ältere Hardware im Sinn haben, gibt es ausschließlich eine 32-Bit-Version.

Nach der Einrichtung des Systems weist die von Xubuntu übernommene Aktualisierungsverwaltung auf die verfügbaren Updates aus den Ubuntu-Repositories hin. So warten der Linux-Kernel, Firefox und das mitgelieferte Adobe-Flash-Plug-in auf ihre obligatorische Aktualisierung aus den offiziellen Quellen. Damit ist es aber nicht getan, denn es sind auch die Repositories von Zeven-OS eingebunden, die jedoch übersprungen werden. Ein Ausflug in das Terminal („Zubehör > Terminal“) zeigt nach einem Aufruf von

sudo apt-get update

den Grund: Die Pakete der eigenen Repositories sind wie üblich genau wie jene von Ubuntu mit einem Krypto-Schlüssel signiert, um deren Authentizität zu überprüfen. Allerdings fehlen in Zeven-OS 6.0 ausgerechnet die eigenen GPG-Schlüssel. Mit dem Befehl

wget -qO - http://zevenos.com/packages/zevenos6/gpg.key | sudo apt-key add -

können Sie den Schlüssel nachrüsten.

Kleine Panne: Damit Zeven-OS für Updates auf sein eigenes Repository zugreifen kann, ist der manuelle Import des fehlenden GPG-Schlüssels erforderlich.
Vergrößern Kleine Panne: Damit Zeven-OS für Updates auf sein eigenes Repository zugreifen kann, ist der manuelle Import des fehlenden GPG-Schlüssels erforderlich.

Fazit: Ein solides System mit Retro-Optik

Zeven-OS 6.0 ist mit seiner Xubuntu-Basis ein solides Linux-System. Die klare Linie von Be-OS kann sich immer noch sehen lassen, auch wenn sie vom heute gewohnten Bild eines Linux-Desktops deutlich abweicht. Die Vorgängerversion beruhte auf Xubuntu 12.10 und litt unter einem knappen Support-Zeitraum, der dem Aufwand hinter den Desktop-Anpassungen nicht gerecht wurde. Nun ein Ubuntu mit Langzeit-Support zu verwenden, passt besser zum Konzept dieser Ubuntu-Abspaltung, die von einem Hobby-Entwickler und einer größtenteils deutschsprachigen Community gepflegt wird.

Die vorliegende Version hat den Beinamen „Goodbye-Edition“: Der soll keinen Abschied verkünden, sondern eine gewisse Skepsis der Entwickler widerspiegeln, was die weiteren Pläne Ubuntus mit dem Display-Server Mir betrifft.

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