Apple nach Steve Jobs

Wie Steve Jobs in Apple weiterlebt

Donnerstag, 06.10.2011 | 11:44 von Peter Müller
Apple ist Steve Jobs, Steve Jobs ist Apple. Ist mit dem Hinscheiden des Mitgründers das Unternehmen nun auch dem Tod geweiht? Eine Art Nachruf.
Apple ohne Steve Jobs ist kaum denkbar, vor allen Dingen, wenn man die Zeit zurückdenkt, in der Jobs nicht für die Firma tätig war. John Sculley, von Jobs eigentlich als Entlastung für sich als CEO eingestellt, hatte den Mitbegründer des Unternehmens nach langen Streitigkeiten und Kompetenzrangeleien 1985 aus der Firma gedrängt. Einige Fehlentscheidungen und Flops später holte Sculley Nach-Nachfolger Gil Amelio den "verlorenen Sohn" samt seiner Zweitgründung Next Computer in das Unternehmen zurück. Next versprach Apple ein zukunftsfähiges Betriebssystem liefern, und konnte mit OS X liefern, das nicht nur die Macs von heute treibt, sondern in seiner Variante iOS auch eine Viertelmilliarde Tablets, Smartphones und iPods. Innerhalb von zwölf Jahren war es Jobs gelungen, aus dem maroden Pleite- und Übernahmekandidaten Apple das wertvollste Unternehmen der Welt zu machen. Dabei agierte Jobs zwar stets mit voller Leidenschaft für das Detail und das Produkt, doch nie allein. Denn mit Jobs kamen auch Leute wie Avie Tevanian oder Jon Rubinstein zu Apple, die jahrelang die Entwicklung von Software und Hardware vorantrieben. Den begabten Gestalter Jonathan Ive, der schon vor Jobs’ Rückkehr Ende 1996 bei Apple arbeitete, förderte der CEO und ließ ihn zu einem der größten Industriegestalter aller Zeiten wachsen. Jobs zeichnete also nicht nur die eigene Vision und Unternehmerschaft aus, sonder auch die Fähigkeit, die größten Talente an Apple zu binden und sie dort ihr Bestes geben zu lassen.

Jobs hat bereits mit seinem Rücktritt als CEO im August eine Lücke gerissen, die sich schwerlich schließen lässt. Das zeigen die teils gehässigen Kommentare der Medien und ihrer Nutzer über die Vorstellung des iPhone 4S, bei der erstmals der vermeintlich dröge Nachfolger als Apple-CEO Tim Cook als Gastgeber wirkte. Sicher, der einzigartige Zauber, den Steve Jobs mit seinen Auftritten verbreiten konnte, ist verblasst. Doch Apple besteht aus weit mehr als nur aus seiner legendären Gründerfigur. Das Führungsteam um Steve Jobs hat längst das "Sieger-Gen" Apples aufgesogen, kommende Generationen von Managern sollen auf einer von Apple eingerichteten Universität erfahren. Das Lehr- und Forschungsobjekt ist allein Steve Jobs, seine Vision und seine Entscheidungen. Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen, heißt die Devise. Wir versuchen anhand dieses Ansatzes das Unerklärliche zu erklären: Was macht die Apple-DNA aus und wie gelingt es dem Unternehmen, seine gewinnbringenden Eigenschaften zu vererben? Dazu blicken wir erst einmal gut zehn Jahre zurück.

Der zunächst als Interims-CEO in das Unternehmen zurückgekehrte Apple-Mitgründer zog nicht nur einen Schlussstrich, sondern deren zwei. "Das ist unsere Produktmatrix", erklärte Steve Jobs während seiner Keynote zur Macworld Expo im Januar 2001 in San Francisco: "Wir haben einerseits Desktops und andererseits Mobilrechner. Wir haben jeweils Rechner für Profis und für Einsteiger." Das komplette Rechnerangebot Apples ließ sich also in eine 2x2-Matrix fassen, die kaum noch Fragen offen ließ. Der iMac als Einsteiger-Desktop stand dem Power Mac gegenüber, in der Zeile mit den mobilen Macs waren iBook und Powerbook platziert. Zwar gab es noch unterschiedliche Ausstattungsvarianten, doch steht seither kein an Macs Interessierter vor einer unüberblickbaren Auswahl, die mehr Fragen stellt, als dass sie Antworten gäbe. Mittlerweile sind im Apple-Kosmos diverse Produkte hinzugekommen, die Übersichtlichkeit ist jedoch geblieben. Macbook Pro und Macbook Air befriedigen genau so klar voneinander abgegrenzte Bedürfnisse wie die iPod-Modelle Shuffle, Nano, Touch und Classic dies tun, das iPad gibt es mit oder ohne 3G-Funk, mit mehr oder weniger Speicher, das iPhone deckt ab dem 14. Oktober mit iPhone 3GS, iPhone 4 und iPhone 4S den Smartphonemarkt im Einsteiger-, Mittelklasse- und High-End-Segment ab, mit jeweils überschaubaren Ausstattungs- oder Farbvarianten. Apple besticht durch ein klares und aufgeräumtes Produktportfolio. Das war nicht immer so und das ist die erste Antwort auf die Frage nach Apples Erfolgsgeheimnis und dem Einfluss von Steve Jobs darauf.

Denn bevor er als "iCEO" jene Schlussstriche ziehen konnte, hatte Apple jahrelang an einer undurchsichtigen und verwirrenden Produktstrategie festgehalten. Unter all den Performas, Quadras und Power Macs wurde selten klar, worin genau sich die Rechner unterscheiden und für welche Zwecke welcher am besten geeignet ist. Apple verzettelte sich zudem mit der Entwicklung von Produkten, die an der Kernkompetenz des Unternehmens vorbei gingen. Digitalkameras, Spielkonsolen, Monitore, Drucker und ein unglücklicher Handheld namens Newton verwischten zusehends Apples Markenbotschaft. Steve Jobs hatte im Jahr 1985 Apple nach Zwistigkeiten mit dem Vorstand und insbesondere mit dem von ihm selbst installierten CEO John Sculley das Unternehmen verlassen. Erst Ende 1996 holte Apple seinen verlorenen Sohn zurück: Mit seiner zweiten Gründung Next hatte Jobs sich zwar in Sachen Rechnerbau überhoben, doch war mit Next Step ein Betriebssystem entstanden, das Apple als die beste Option für seine Zukunft ansah. Mittlerweile heißt das System OS X und lief nicht nur auf jedem vierten im August 2011 in den USA verkauften Rechner, sondern auch in einer mobilen Variante auch 250 Millionen Geräte der Produktreihen iPod Touch, iPhone und iPad.

Den zweiten wichtigen Grund für Apples Erfolge nennt das Unternehmen stets stolz in seinen Pressemitteilungen, den "legendary ease of use" betont der Mac-Hersteller bei beinahe jedem Produkt. Die Botschaft, mit dem Mac sei "alles einfacher" ist angekommen, kaum noch jemand kanzelt den Mac als "Spielzeug" ab. Der Unterschied zwischen Windows und OS X bei der Bedienbarkeit ist zwar sichtbar geschrumpft, das Betriebssystem aus Redmond präsentiert sich bei Weitem nicht mehr als so sperrig und unübersichtlich wie es noch vor wenigen Jahren war - und mit Windows 8 will auch Microsoft die Welten von Desktop- und Mobilgeräten zusammenführen. Aber bei Apple denkt man intensiver über die Schnittstelle Mensch-Computer nach als das bei anderen Firmen der Fall ist. Und hier ist nicht zuletzt Steve Jobs die treibende Kraft, die auf jedes Detail achtet. Die beschrieb etwa der ehemalige Apple-Manager Jay Elliot in seinem Buch " iLeadership - Mit Charisma und Coolness an die Spitze ". In einer Anekdote erzählt Elliot darin von der Begeisterung, die das von Xerox’ Palo Alto Research Centers (PARC) entwickelte Betriebssystem mit grafischer Oberfläche und Mausbedienung in dem jungen Jobs auslöste. Schon damals habe er aber an die Hand als wesentliches Teil zur Interaktion mit dem Computer gedacht und von einer Bedienung per Berührung der virtuellen Dinge auf dem realen Computerbildschirm geträumt. Das iPad sei also schon im ersten Mac angelegt gewesen, ein Vierteljahrhundert vor dessen tatsächlicher Premiere.

Das Tablet als der Computer der Zukunft hat Microsoft-Gründer Bill Gates schon zur Jahrtausendwende gesehen, Microsoft brachte erste Geräte auf den Markt, die alsbald scheiterten. Der Grund war weniger eine unausgereifte Hardware als ein Mangel an Visionen von Software und der Interaktion von Mensch und Maschine. Microsofts erste Tablets waren nicht viel mehr als andersherum zusammengeklappte Notebooks, der Bildschirm war zwar berührungsempfindlich, eine Tastatur konnte der Nutzer aus dem Gerät hervorholen. Nur liefen die Geräte mit Windows, das massiv auf Menüs und Kontextmenüs setzte, die am Besten mit der Maus aufrufbar sind. Eine echte Touch-Bedienung war so nicht möglich, nur mit einem Eingabestift als Zeigestock war das Gerät zu bedienen. Und somit von der Haptik genau so unmittelbar wie ein herkömmliches Notebook. Gates Vision, Mitte des ersten Jahrzehnts im 21sten Jahrhundert würden alle Computer so aussehen, erwies sich als Trugbild.

Donnerstag, 06.10.2011 | 11:44 von Peter Müller
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