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Wearables – Technik zum Anziehen

23.05.2014 | 11:45 Uhr |

Wearables sind angeblich das nächste große Ding. Hier lesen Sie, warum man die neuen Geräte lieben wird, warum noch kein Top-Gadget auf dem Markt ist – und warum der Datenschutz nun völlig über Bord geht.

Wer heute Wearables sagt, meint damit meist die vielen Fitness-Tracker, die es als Armbänder gibt oder als kleines Gerät zum An- oder Einstecken. Aber auch Smartwatches, mit Sensoren versehende Kleidung und Datenbrillen fallen in die Kategorie Wearables. Letztlich meint Wearables jede Technik, die sich anziehen, anstecken, aufsetzen oder umbinden lässt. Die eingesetzte Technik ist bei manchen Geräten simpel, etwa bei einem einfachen Schrittzähler, die Geräte können aber auch mit modernsten Sensoren vollgestopft sein.

Das Kickstarter-Projekt The Dash hat über 3 Millionen Dollar eingenommen.
Vergrößern Das Kickstarter-Projekt The Dash hat über 3 Millionen Dollar eingenommen.
© The Dash

Wie viel Erfolg neue Geräte haben werden, lässt sich oft an  Crowdfunding-Projekten  ablesen. Dabei wird das nötige Geld für die Herstellung des neuen Geräts von den künftigen Käufern eingesammelt. Extrem erfolgreich beim Geldeinsammeln war etwa das Projekt The Dash : ein mehr oder weniger smarter In-Ear-Kopfhörer, der Speicherplatz für bis zu 1000 Songs bietet, gleichzeitig aber auch als Fitness-Tracker und Headset arbeiten soll. Das Kickstarter-Projekt dazu hat rund 3 Millionen Dollar eingeheimst, obwohl das Ziel nur bei 260 000 Dollar lag. Die meisten Käufer waren bereit, 200 Dollar für The Dash zu bezahlen, was für einen MP3-Player mit nur wenigen Extras viel Geld ist, vor allem, wenn man bedenkt, dass ein GPS-Tracking nur durch ein mitzuführendes Smartphone möglich ist. The Dash zeigt, wie groß das Interesse an Wearables ist, allen voran an Fitness-Trackern.

Die Fitness-Tracker Fitbit Flex und das Modell Force verkaufen sich millionenfach.
Vergrößern Die Fitness-Tracker Fitbit Flex und das Modell Force verkaufen sich millionenfach.
© Fitbit

Fitness-Tracker: Die Vorreiter unter den Wearables

Fitness-Tracker sind mit großem Abstand die bisher erfolgreichsten Wearables. Wer allerdings bei Fitness-Tracker nur an Sport denkt, der liegt einigermaßen daneben. Zwar behaupten die Anbieter der Tracker, dass sie die Aktivität ihres Nutzers messen und ihn so motivieren, sich ausreichend zu bewegen. Doch in der Praxis funktioniert das nur sehr ungenau. Konkret tragen Sie etwa die Tracker Fitbit Flex , Jawbone und Nike+ Fuelband wie ein Armband. Dieses registriert jede Bewegung des Arms und zeigt, wie viel der täglich nötigen Dosis Bewegung Sie schon geleistet haben. Zugehörige Apps und Online-Dienste geben detaillierte Infos über die gesammelten Daten. Einige Tracker, etwa Fitbit und Jawbone, sollen Sie auch nachts tragen. So erfahren Sie, wie viel oder wenig Sie sich in der Nacht bewegt haben. Wobei wenige Bewegungen Kennzeichen für einen erholsamen Schlaf sein sollen. Tatsächlich kann das für manche Menschen zutreffen, ist aber keinesfalls zwingend so.

Typische Ausdauersportarten, etwa das Radfahren, registrieren die Fitness-Tacker nicht mal ansatzweise richtig. Denn beim schnellen Radfahren verbrauchen Sie einen Haufen Kalorien, doch Ihr Arm und damit der Tracker bewegt sich dabei kaum. Um dieses Manko auszugleichen, können Sie bei einigen Modellen die mit Sport verbrachte Zeit händisch in die App oder Ihr Online-Konto eingeben, quasi als Fleißaufgabe. Und wenn Sie schon mal dabei sind, dann können Sie bei einigen Apps auch noch eintragen, was Sie gegessen haben. Dann weiß die App nicht nur, wie viel Kalorien Sie vermutlich verbraucht haben, sondern auch, wie viel Sie zu sich genommen haben. So kann die App beim Abnehmen helfen, wie übrigens jede kostenlose Kalorienzähl-App.

Unterm Strich haben Fitness-Tracker mehr Schwächen als Stärken, aber zumindest haben sie einen gewissen Unterhaltungswert. Sie helfen, den inneren Schweinehund zu überwinden („Oh, ich muss mich ja heute noch bewegen“). Über soziale Netze können Sie mit

Freunden um die Wette eifern („Wer hat heute die meisten Punkte gesammelt?“), und im Zweifelsfall dient der Tracker auch als Therapeut („Ich kann nicht müde sein, mein Tracker sagt, ich habe gut geschlafen“). Viele Leute scheinen das zu mögen.

Fitness-Tracker sind wahrscheinlich auch deshalb ein großer Erfolg, weil sie nicht zu teuer sind. Die Preisspanne beginnt bei 40 Euro für eher einfache Schrittzähler und geht bis etwa 140 Euro. Aber auch extrem teuere Tracker sind erhältlich. Beispielsweise die Mbody genannte Sporthose. Mit Sensoren und Minicomputer versehen, sucht sie für 890 Euro einen Abnehmer. Sie soll Messdaten über die Muskelaktivität in Echtzeit senden. Damit dürfte Mbody im Moment eher etwas für Hochleistungssportler und Mediziner sein – aber das waren Pulsuhren vor ein paar Jahrzehnten auch einmal …

Smartwatches: Eine schöne Serie von Misserfolgen

Apple soll an einer Smartwatch arbeiten, Microsoft ebenfalls – sowie jeder andere große Smartphone-Hersteller. Sony und Samsung haben schon welche herausgebracht. Erfolgreich waren die Modelle aber nicht. Dabei klingt die Idee einer Smartwatch als Verlängerung des Smartphones erst mal richtig gut. Das Handy kann in der Tasche bleiben, trotzdem verpassen Sie keine Mail, keine Facebook-Nachricht und keine Top-Schlagzeile. Doch alle bisherigen Modelle, die als zusätzlicher Bildschirm zum Handy dienen, kamen bei den Nutzern nicht besonders gut an – zuletzt etwa die Galaxy Gear von Samsung.

Der größte Knackpunkt ist die viel zu geringe Akkuleistung. Die meisten Leute haben keine Lust, jeden Tag auch noch ihre Uhr aufzuladen. Außerdem stimmt bei den meisten Modellen die Performance nicht, und die Bedienung auf dem kleinen Bildschirm am Handgelenk ist nach kurzer Zeit unangenehm.

Die neuen Smartwatches, etwa Gear 2, Gear 2 Neo und Gear Fit von Samsung, sollen zwar nun eine bessere Akkulaufzeit haben und auch schneller arbeiten, doch ob das ausreicht, um sie in gute Geräte zu verwandeln, darf man bezweifeln. Scheinbar zum Ausgleich für die Schwächen der Smartwatches packen deren Hersteller nun typische Funktionen von Fitness-Trackern in ihre Geräte: etwa einen Schrittzähler und einen Pulsmesser. Im Falle der Gear 2 kommt noch ein Infrarotsender hinzu, über den sich ein TV-Gerät bedienen lässt. EineVideovorstellung der Samsung-Geräte finden Sie hier . Im Handel soll es sie ab Mai geben.

Bei diesem medizinischen Wearable handelt es ich um eine Konzeptstudie. Der Sensor soll den Krampfanfall eines Epileptikers erkennen können und dann einen Notruf absetzen.
Vergrößern Bei diesem medizinischen Wearable handelt es ich um eine Konzeptstudie. Der Sensor soll den Krampfanfall eines Epileptikers erkennen können und dann einen Notruf absetzen.
© http://www.artefactgroup.com

Wearables für medizinische Einsatzzwecke

Intelligente Sensortechnik kann das Leben von Millionen kranker Menschen verbessern. Bisher sind allerdings kaum Geräte erhältlich. Denn meist hapert es an der Zuverlässigkeit, die aber für einen medizinischen Einsatz unerlässlich ist. So gibt es seit Jahrzehnten immer wieder Meldungen, dass die Blutzuckermessung ohne Anstechen zur Blutentnahme möglich wird. In dem Hollywood-Film  Panic Room  mit Judy Foster spielt etwa eine Armbanduhr mit eingebautem Blutzuckermesser eine dramaturgisch äußerst wichtige Rolle. Der Film ist von 2002, der Hersteller der Uhr längst pleite: Die Messergebnisse waren nicht zuverlässig.

Interessant bleiben smarte Sensoren für die Medizin dennoch. Das zeigt etwa das Design-Konzept Dialog der Ideenschmiede Artefactgroup . Der Sensor zum Aufkleben auf die Haut mit zugehöriger App ist für Epileptiker: Er soll einen Krampfanfall erkennen und dann einen Notruf absetzen. Er soll aber auch an die Einnahme von Medikamenten erinnern und beim Führen eines Gesundheitstagebuchs helfen. Weitere Infos zu Dialog gibt's hier . Ob dieses Weara­ble einmal als Produkt erhältlich sein wird, ist allerdings noch völlig offen.

Weitere Wearables: Von Datenbrille bis Lichterkette

Google hat für Entwickler bereits vor einem Jahr eine Datenbrille herausgebracht: Google Glass . Ursprünglich sollte der Verkaufsstart Anfang 2014 sein. Aktuell ist aber nicht bekannt, wann die Datenbrille wirklich kommt. Sie soll viele Funktionen eines Smartphones bieten, aber sich viel direkter benutzen lassen, etwa über eine Sprachsteuerung. Auch Epson hat eine Datenbrille entwickelt, die Moverio . Erhältlich ist sie voraussichtlich im Mai für 700 Euro. Diese wird zunächst wohl eher für Spieler interessant sein, da sie Inhalte der Playstation und Xbox wiedergeben kann. Weitere Einsatzzwecke richten sich an die Industrie.

Doch nicht nur die großen Hersteller versuchen sich an Wearables. Schon heute gibt es viele weitere kleine Unternehmen, die Technik zum Anziehen entwickeln. Zum Beispiel das einstige Kickstarterprojekt Embrace : ein simples Plastikarmband mit bunt leuchtenden LEDs. Es verbindet sich mit dem Smartphone des Trägers und leuchtet bei neuen Nachrichten. Die passende Farbe kann jeder selbst wählen, etwa blau für Facebook-Nachricht, gelb für SMS und rot für Whatsapp. Auch für Spezialisten tauchen weitere Wearables auf, zum Beispiel Opengo Science : eine Einlegesohle mit Fußdruckmessung zur Bewegungsanalyse, die für Mediziner wie Sportler interessant ist.

Weshalb so viele an den Erfolg von Wearables glauben

Wearables sind Geräte zum Verlieben. Denn sie vereinen theoretisch viel von dem, was in den letzten Jahrzehnten IT so erfolgreich gemacht hat: Zugang zu Informationen, soziale Kontakte und Spiele. So können Datenbrillen und Smartwatches die Infos aus dem Internet noch schneller und direkter liefern. Fitness-Tracker verbinden Menschen immer dann, wenn ihre Nutzer die gesammelten Mess­ergebnisse auf einer Internetplattform mit anderen Nutzern teilen. Und der Erfolg von Facebook hat gezeigt, wie stark der Wunsch nach solchen Verbindungen ist. Schließlich soll etwa die Datenbrille von Epson ähnlich der bereits erhältlichen Oculus Rift ein tolles Spieleerlebnis liefern. Das Problem ist nur: Die Geräte machen das noch nicht gut genug. Selbst die erfolgreichen Fitness-Tracker sind letztlich nur Gimmicks.

Die Datenschutzkatastrophe: Ihr Herzschlag im Internet

Bei Weitem nicht alle Wearables senden Daten ins Internet. Doch viele tun es. Entweder weil es praktisch ist, da man dank Cloud die Daten auf alle möglichen Geräte kopieren kann, oder weil es Spaß macht, wenn man seine Daten mit anderen vergleicht. Gerade bei Fitness-Trackern spielt die soziale Komponente eine große Rolle. Was viele dabei wohl nicht bedenken: Den sprichwörtlich gläsernen Internetnutzer gibt es so richtig erst mit Wearables. Denn dank ihnen landet nicht nur das im Internet, was ich bewusst in Facebook eintippe, sondern automatisch auch mein Blutdruck, meine Ernährungsgewohnheiten, wie viel ich schlafe, welchen Sport ich treibe und noch viele weitere, sehr persönliche Informationen mehr.

Jeder Nutzer muss selbst prüfen, wie viele dieser Details er von sich bekannt geben will. Schließlich muss nicht erst eine Diktatur über uns hereinbrechen, damit es zu Ungerechtigkeiten kommt. Schon heute ist denkbar, dass eine Versicherung nur dem per Werbung einen günstigen Vertrag anbietet, der sich fit hält. Alle anderen bekommen den preiswerten Vertrag einfach nicht zu sehen.

Nicht absehbar sind die Konsequenzen bei einem Datendiebstahl. Was ist, wenn ein Hacker in die Server für die Fitness-Tracker einbricht und die kompletten Daten der Nutzer stiehlt? Welche Art Käufer gäbe es für diese Daten? Was würden sie damit anstellen?

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