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VoLTE im Test: Telefonieren über 4G / LTE

19.05.2016 | 11:20 Uhr |

Nach Vodafone und O2 bietet nun auch die Deutsche Telekom Voice over LTE. Doch was bringt die neue Technik fürs mobile Telefonieren wirklich, wer kann sie nutzen und was kostet sie?

Nein bei VoLTE (gesprochen: „Volte“) geht es weder um das Ausweichen vor dem Gegner beim Fechten noch um die Dressurübung beim Reiten. Die Abkürzung steht vielmehr für Voice over LTE. Die neue Technik für das mobile Telefonieren hat nach Vodafone und O2 Telefonica nun auch die Deutsche Telekom eingeführt. Theoretisch, muss man einschränkend feststellen, denn der praktischen Nutzung im Alltag stehen noch ein paar Hürden im Wege. LTE ist bei mobilem Internet längst Standard und bietet dort eine Bandbreite bis 100 oder 150 MBit/s, also deutlich mehr als viele DSL-Festnetzanschlüsse.

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VoLTE: Unterschiede und Vorteile gegenüber UMTS-Telefonaten

Zudem ist LTE längst nicht mehr den teureren Laufzeitverträgen der Provider vorbehalten, sondern auch über die Prepaid-SIM-Karten der Reseller wie Alditalk möglich. Dort, wo das 4G-Netz zur Verfügung steht, ist man mit einem LTE-fähigen Smartphone im Internet also schnell unterwegs.

Nur beim Telefonieren sieht es noch anders aus, denn Telefonate im Mobilfunknetz werden – ganz überwiegend – weiterhin im bisherigen 2G- und 3G-(UMTS)-Netz abgewickelt. Sie erkennen das unmittelbar daran, dass das 4GSymbol im Display Ihres Smartphones verschwindet, sobald Sie jemanden anrufen. Das ändert sich nun langsam. Nachdem Vodafone und O2 Telefonica die LTE-Telefonie schon 2015 eingeführt haben, ist die Deutsche Telekom jetzt ebenfalls nachgezogen.

Dabei soll Voice over LTE eine ganze Reihe von Vorteilen bieten. Die Telefonate bauen sich praktisch sofort auf, die Sprachqualität ist deutlich besser, die neue Technik verbraucht weniger Strom und verlängert so die Akkulaufzeit, und schließlich kann man parallel zum Telefonieren weiterhin schnell surfen, was bei Gesprächen per Headset wichtig sein kann, versprechen die Anbieter.

Technisch funktioniert VoLTE wie die IP-Telefonie im Festnetz, die Sprachübertragung läuft also in Form von Datenpaketen übers Netz, die erst beim Empfänger wieder zusammengesetzt werden. Daraus resultiert auch die sehr viel bessere Übertragungs- und Tonqualität, weil bei der Datenübertragung viel mehr Bandbreite zur Verfügung steht als auf dem bisherigen Sprachkanal.

Bisher schaltet fast jedes LTE-Smartphone (oben: „4G“) beim mobilen Telefonieren in das bisherige 2G- oder 3G-Netz zurück (unten: „H“ für HSDPA).
Vergrößern Bisher schaltet fast jedes LTE-Smartphone (oben: „4G“) beim mobilen Telefonieren in das bisherige 2G- oder 3G-Netz zurück (unten: „H“ für HSDPA).

Für die Nutzung müssen alle Voraussetzungen stimmen

Also alles bestens, zumal Voice over LTE keine zusätzlichen Kosten oder höhere Gesprächsgebühren verursacht? Im Prinzip ja, aber eben nur im Prinzip. Denn nur die wenigsten Menschen können die neue Technik jetzt schon nutzen, weil dazu sämtliche Randbedingungen passen müssen. Da ist zum einen die Hardware. Bei Weitem nicht alle LTE-Smartphones erlauben auch Voice over LTE. Zudem müssen die Telefone – ausgenommen das iPhone 6, 6 Plus, 6S und 6S Plus ab iOS 9.3 – mit einer Art VoLTE-Update beziehungsweise speziellen Einstellungen versehen werden, was derzeit nur bei Geräten mit Laufzeitverträgen der Provider möglich ist. Vodafone unterstützt derzeit etwa 20 Modelle , O2 Telefonica fünf , die Telekom zehn . Frühestens 2017 wird VoLTE auch mit Smartphones aus dem freien Handel möglich sein.

Ferner benötigt man einen VoLTE-fähigen Vertrag: Bei Vodafone sind das die Tarife Red GB, Red Business+ oder Black, bei O2 jeder LTE-fähige Tarif und bei der Telekom jeder Laufzeitvertrag. Zudem muss LTE natürlich aktuell zum Zeitpunkt des Gesprächs an beiden Orten zur Verfügung stehen, an denen sich die Gesprächspartner aufhalten – ansonsten telefoniert man doch wieder über 2G oder 3G.

Schließlich müssen beide eine SIM-Karte desselben Providers haben, netzübergreifende Gespräche sind derzeit ebenso wenig möglich wie VoLTE im Netz von E-Plus.

Nur wenige Smartphones unterstützen derzeit echte LTE-Telefonate. Zudem funktioniert Voice over LTE bisher nur bei speziell konfigurierten Geräten der Provider, ausgenommen dem iPhone.
Vergrößern Nur wenige Smartphones unterstützen derzeit echte LTE-Telefonate. Zudem funktioniert Voice over LTE bisher nur bei speziell konfigurierten Geräten der Provider, ausgenommen dem iPhone.

Fazit zu Voice over LTE: Aller Anfang ist schwer

Sofern bei Ihnen alle Bedingungen zutreffen, achten Sie beim Telefonieren einfach mal darauf, ob das 4G-Symbol sichtbar bleibt. Verschwindet es auch dann, wenn Ihr Gegenüber definitiv ebenfalls alle Voraussetzungen für VoLTE erfüllt, müssen Sie die Funktion unter Umständen noch bei Ihrem Provider freischalten lassen beziehungsweise selbst im Kundencenter aktivieren. Positiv ist, dass das bei LTE-Gesprächen verbrauchte Datenvolumen nicht angerechnet wird.

Nur die wenigsten Mobilfunkkunden profitieren von der neuen Technik, kaum jemand erfüllt derzeit alle Bedingungen, die für echte LTE-Gespräche erforderlich sind – und dann braucht man noch einen Gesprächspartner, bei dem dies ebenfalls zutrifft. Darüber hinaus gab es bei der Telekom anfangs Probleme bei der Rufumleitung, und eine internationale Studie kam für das zurückliegende Jahr zu dem Schluss, dass VoLTE-Gespräche vier- bis fünfmal so oft abbrechen wie reguläre Handytelefonate. Im Prinzip soll genau das selbst in einem LTE-Funkloch nicht passieren, weil man dann automatisch über das GSM- oder UMTS-Netz weitersprechen können soll. In der Praxis funktioniert dieser „Circuit-Switched Fallback“ aber offenbar noch nicht immer. Eine große Hürde für die Nutzung stellt derzeit auch die Inkompatibilität der verschiedenen Provider-Netze dar.

Ob das nur Schwierigkeiten zum Start sind, bleibt abzuwarten. In unserem Praxistest (siehe Kasten) überzeugte vor allem der schnelle Verbindungsaufbau, die Sprachqualität unterschied sich nicht hörbar von der bei HD Voice über 3G. Zudem war auch bei uns mal das eine oder andere Gespräch plötzlich „weg“.

VoLTE im Praxistest: Licht und Schatten

Systematische Praxistests konnten wir wegen der vielen Ausschlusskriterien nicht machen, unsere Erfahrungen beruhen auf zwei gleichen Xperia Z3 -Smartphones von Sony, jeweils bestückt mit einer VoLTE-fähigen SIM-Karte.

Zu beobachten war zunächst, dass die Telefone im „LTE-Grenzgebiet“ häufig zwischen 3G und 4G hin- und herspringen. Ist das schnelle Netz konstant, ist der Verbindungsaufbau wirklich beeindruckend schnell. Die Sprachqualität dagegen empfanden die Testpersonen bei den Sony-Geräten nicht besser als bei 3G (HD Voice); das bestätigt auch die Analyse der Frequenzen, die beim Telefonat übertragen werden. Gegenüber 2G dagegen ist der Unterschied enorm: Während bei der ursprünglichen GSM-Technik oberhalb von 4300 Hz Schluss ist, überträgt Voice over LTE auf exakt der gleichen Hardware bis zu 7500 Hz.

Bei Gesprächen im herkömmlichen Mobilfunknetz ist oberhalb von 4300 Hz Schluss (links: 2G), während Voice over LTE bis zu 7500 Hz überträgt (rechts: 4G).
Vergrößern Bei Gesprächen im herkömmlichen Mobilfunknetz ist oberhalb von 4300 Hz Schluss (links: 2G), während Voice over LTE bis zu 7500 Hz überträgt (rechts: 4G).

Enttäuschend fiel der Akkutest aus, denn sowohl bei herkömmlichen Anrufen (2G/3G erzwungen) als auch über LTE mit der gleichen inhaltlichen Endlosschleife sank der Batteriestand um ca. sechs Prozent pro Stunde – also kein Vorteil für VoLTE. Die Möglichkeit, während eines LTE-Gesprächs am Smartphone schnell weitersurfen zu können, überzeugt dagegen. Allerdings telefoniert man nicht immer mit Kopfhörer oder muss gleichzeitig online etwas erledigen. Schließlich gab es auch bei uns den einen oder anderen Gesprächsabbruch, so wie es auch eine aktuelle Studie bestätigt. Unser Gesamtfazit fällt also etwas ernüchternd aus: Nach so viel Lob der Netzanbieter hatten wir uns von der neuen Technik doch etwas mehr versprochen.

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