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Video on Demand für Linux im Vergleich

13.05.2015 | 12:03 Uhr |

In den vergangenen zwei Jahren hat sich das Angebot an Streaming-Diensten deutlich vergrößert. Linux-Anwender machen damit im Alltag höchst unterschiedliche Erfahrungen. Unser Artikel verrät, worauf es ankommt.

2006 ging Maxdome mit dem Konzept an den Start, Videofilme auf Abruf über das Internet anzubieten. Es waren und sind aber gerade Serienhits wie Dexter, Walking Dead oder House of Cards, die dem Thema Streaming ordentlich Schubkraft verliehen haben. Der Start von Netflix hat für Aufsehen gesorgt, denn bisher hat das Unternehmen überall rasch die Marktführerschaft übernommen. In vielen Fachmedien ist bereits die Rede davon, das sei das Ende des klassischen Fernsehens. Ganz so schnell wird das wohl nicht passieren, jedenfalls nicht für Linux-Nutzer. Denn die stehen nicht im Fokus beim Design der Angebote.

Netflix: Nehmen Sie Chrome

Wer auf Linux einen aktuellen Chrome-Browser installiert hat, kann bei Netflix sofort seine Lieblingsserien ansehen. Möglich wird das durch den auf HTML 5 aufbauenden Player. Wiedergabesteuerung und Vollbild funktionieren einwandfrei. Chrome ist somit also erste Wahl, um möglichst stressfrei Netflix unter Linux nutzen zu können.

: Damit der Serienspaß mit dem Mozilla-Browser beginnen kann, müssen Sie eine andere Browser-Kennung absenden.
Vergrößern : Damit der Serienspaß mit dem Mozilla-Browser beginnen kann, müssen Sie eine andere Browser-Kennung absenden.

Wer die Seiten mit einem anderen Browser besucht, schaut sprichwörtlich in die Röhre. Denn dann blendet der Anbieter einen lapidaren Hinweis mit den Systemvoraussetzungen ein. Der Grund: Netflix setzt für die Wiedergabe in allen anderen Browsern auf das von Microsoft entwickelte Silverlight – und davon gibt es keine Linux-Version. Findige Entwickler schufen eine Spezialversion der bekannten Laufzeitumgebung Wine, mit dem einzigen Zweck, Silverlight auch unter Linux betreiben zu können. Für Ubuntu haben die Entwickler ein eigenes Software-Archiv eingerichtet (Pipelight). Die nachfolgenden Schritte funktionieren derzeit nur mit Firefox. Mit folgenden Zeilen im Terminal

sudo add-apt-repository ppa:pipelight/stable sudo apt-get update sudo apt-get install --install-recommends pipelight-multi 

fügen Sie das Repository hinzu und starten die Installation. Es gehört zu den Besonderheiten von Wine, dass auch kostenlose und frei verfügbare Dateien von Microsoft auf Ihrem Rechner landen. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie aufgefordert werden, Lizenzbedingungen zu bestätigen. Ist der erste Schritt abgeschlossen, aktualisieren und starten Sie mit diesen beiden Kommandos

sudo pipelight-plugin --update sudo pipelight-plugin --enable silverlight

das Browser-Plug-in. Wenn Sie danach Firefox starten, dauert dieser Vorgang etwas länger, da jetzt Silverlight eingerichtet wird. Rufen Sie aber nicht voreilig den Videodienst auf. Damit das Netflix-System auch das gewünschte Video abspielt, müssen Sie dem Server auch noch ein anderes Betriebssystem vorgaukeln. Suchen Sie in Firefox unter den „Add-ons“ nach „User Agent Switcher“, und installieren Sie die Erweiterung. Das Programm platziert ein Icon in der Symbolleiste. Rufen Sie dort das Kommando „Edit User Agents“ auf. Damit legen Sie sich einen neuen Agent an, wobei Sie als Beschreibung „Netflix“ verwenden. In das Feld „User Agent“ tragen Sie dann Folgendes ein:

Mozilla/5.0 (Windows NT 6.3; Win64; x64) Gecko/20100101 Firefox/33.0

Bevor Sie die Seiten von Netflix aufrufen, aktivieren Sie diesen User-Agent. Damit sollte die Wiedergabe mit Firefox funktionieren.

Film ab: Raspberry Pi als UPnP-Server nutzen

Watchever und Amazon Prime: Silverlight erforderlich

Watchever ist schon längere Zeit auf dem deutschen Markt. Wenn Sie Watchever auf Ihrem Linux-PC anschauen wollen, müssen Sie die für Netflix vorgestellte Prozedur der Installation und Einrichtung von Pipelight durchlaufen. Nachdem Sie auch den User-Agent angepasst haben, sollte die Wiedergabe eines Videos keine Probleme bereiten. Die Kombination aus Plug-in und Browser verlangt der CPU zwar einiges ab, Vollbild und schneller Vor- und Rücklauf funktionieren aber tadellos. Sofern Sie eine Altersfreigabe eingerichtet haben, passiert es gelegentlich, dass der Player nach Eingabe der PIN hängt. Ein Neustart des Browsers behebt dann das Problem. Sie benötigen Firefox, um Watchever unter Linux nutzen zu können. Chrome/Chromium besitzen seit Version 35 keine Schnittstelle mehr, auf der Pipelight aufsetzen kann. Ob und wann Pipelight überhaupt an diese Browser angepasst werden kann, ist derzeit völlig unklar.

Amazon Prime hat spätestens mit der Vorstellung einer eigenen Set-Top-Box unterstrichen, dass dieser Streaming-Service nicht als kurzfristiges Experiment geplant war. Ohne Silverlight läuft auch bei Prime nichts. Zwar sehen die Systemvoraussetzungen auch den Einsatz eines Flash-Plug-ins vor. Die für Linux verfügbaren Flash-Player werden aber nicht unterstützt – unabhängig vom Versionsstand, der Rückmeldung des User-Agents und der Aktualisierung von Bibliotheken. Mit Pipelight finden Prime-Kunden aber alle vom Fire-TV oder Tablet gewohnten Funktionen vor. Verglichen mit den anderen genannten Diensten gibt es aber häufiger Aussetzer und Abstürze. Nach einem Browser-Neustart geht es zwar an der aktuellen Stelle weiter, aber ärgerlich ist das dennoch.

Typische Meldung bei Videoanbietern: Ohne Microsofts Silverlight geht wenig. Zugang unter Linux verschafft die spezielle Wine-Umgebung Pipelight.
Vergrößern Typische Meldung bei Videoanbietern: Ohne Microsofts Silverlight geht wenig. Zugang unter Linux verschafft die spezielle Wine-Umgebung Pipelight.

Weitere sporadische Problemquellen

In Einzelfällen gibt es weitere sporadische Probleme beim Besuch der Streaming-Anbieter. Vermeldet Netflix zum Beispiel den Fehler „N8109“, teilt der Dienst damit mit, dass das Silverlight-Plug-in veraltet ist. Öffnen Sie dann ein Terminal, und geben Sie dort

sudo pipelight-plugin --disable silverlight --enable silverlight5.1

ein. Damit haben Sie das Plug-in abgeschaltet und danach Version 5.1 aktiviert. Problematisch kann es auch werden, wenn Sie Kunde bei mehreren Anbietern sind. Haben Sie gerade einen Film bei Netflix gesehen und wollen danach die Wiedergabe bei Watchever starten, sind Abstürze des Browsers nicht selten. Wenn Neustarts und das gerade gezeigte Aktivieren von Silverlight nicht helfen, öffnen Sie mit Nautilus Ihren persönlichen Ordner. Lassen Sie sich die verborgenen Dateien anzeigen, suchen Sie nach dem Verzeichnis „/.wine-pipelight“ und löschen Sie es komplett. Nun muss das Plug-in beim nächsten Aufruf neu geladen werden, und damit sind die Probleme behoben.

Grundsätzlich: Wenn Sie mit Wine und der manipulierten Browser-Kennung arbeiten, kann es bei einer Neukonfiguration passieren, dass der Anbieter der Meinung ist, dass Sie bereits zu viele Geräte einsetzen. Dann müssen Sie dort in den Optionen wieder den gerade verwendeten PC deaktivieren, um auf Videos zugreifen zu können. Und falls Sie Chrome verwenden, aber bei Netflix einen „Unbekannten Fehler“ erhalten, kommen sich unter Umständen das Silverlight-Plug-in und der Browser in die Quere. Dann entfernen Sie Pipelight:

sudo apt-get remove --purge pipelight pipelight-multi

Das aktuelle Fazit: Video on Demand unter Linux funktioniert prinzipiell, aber nur die Kombination Netflix und Chrome ist wirklich stressfrei. Alles andere erfordert einen erfahrenen Linux-Nutzer und Tricks mit User-Agent-Wechslern und Wine.

Dieser Artikel stammt aus der LinuxWelt 2/2015

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