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Überblick: Die ausgefallensten Oberflächen für Linux

25.07.2014 | 11:13 Uhr |

Neben den großen Desktop-Umgebungen haben sich alternative Arbeitsflächen etabliert, die auf wenig leistungsfähiger Hardware laufen oder aus konzeptionellen Gründen auf das Wesentliche reduziert sind.

Es gibt keinen Desktop, der sich für jeden Zweck eignet. Hin und wieder ist ein Desktop nötig, der das Beste aus einer Auflösung von 1024 x 786 Pixeln macht und sich mit laufenden Programmen mit deutlich weniger als einem GB RAM zufrieden gibt. Die nachfolgend vorgestellten Oberflächen sind keine Desktop-Umgebungen, sondern kombinieren lediglich einen Window-Manager wie Openbox für die Darstellung vom Programmfenstern mit eigenen oder fremden Komponenten zur Darstellung von Menüs und Taskleiste und Desktop-Hintergrund. Kleine Konfigurations-Tools sind meist auch mit dabei. Dieser Ansatz, bei dem Effizienz und die Reduktion auf das Nötigste im Vordergrund steht, muss nicht nach Flickwerk aussehen, wie LXDE beweist. Eine andere Zielsetzung haben Razor-qt und Trinity, die als Abspaltung von KDE 4 beziehungsweise KDE 3.5 abgespeckte Varianten dieser Desktop-Umgebung präsentieren.

Die folgenden Desktops liegen außerhalb des Mainstreams und sind durchweg für ältere Hardware geeignet. Sie sind aber auch eine gute Wahl für Anwender, die einen kalorienarmen Desktop ohne Zuckerguss bevorzugen, weil bei der täglichen Arbeit die Software im Mittelpunkt stehen soll.

Dieser Artikel stammt aus der LinuxWelt 4/2014

Das neue Ubuntu LTS, der große Desktop-Guide, Ihre Festplatte 20 x schneller, Linux statt Windows XP - das und mehr finden Sie in der neuen LinuxWelt 4/2014 .

LXDE: Schlank und komplett

Klein, charmant, komfortabel und zufrieden mit alter Hardware, die kein KDE, Gnome oder Unity mehr stemmen kann: LXDE zeigt, dass eine umfassende Desktop-Lösung keine Gigahertz-CPU braucht und 256 MB eine Menge Speicher sein können. Auf einem Lubuntu 14.04 LTS (32 Bit) verlangt der Desktop lediglich 90 MB Speicher. Dabei braucht hier niemand Verzicht zu üben, denn mit seinen eigenen Elementen ist LXDE beinahe eine eigene Desktop-Umgebung. Als Window-Manager leiht sich LXDE zwar Openbox, aber die Entwickler haben seit den bescheidenen Anfängen 2006 weitere LXDE-Anwendungen hinzugefügt, um eine voll eingerichtete Arbeitsumgebung mit klassischen Bedienelementen zusammenzustellen: Ursprünglich ist LXDE um den schlichten und schnellen Dateimanager Pcmanfm herum gewachsen. Mittlerweile gibt es mit LX Panel eine eigene Leiste mit einer kleinen Auswahl anoptionalen Plug-ins und einem Anwendungsmenü. Als Terminal-Emulator ist das ansehnliche LX Term dabei, und um den „Ausführen“-Dialog kümmert sich der LX Launcher mit Autovervollständigung. Für Optikanpassungen gibt es mit LX Appearance ein übersichtliches Menü, das auch die vom alten Gnome bekannten GTK2-Themes einbinden kann. Mit dieser Ausstattung ist LXDE auch für Einsteiger geeignet, die eine traditionelle, Windows-ähnliche Arbeitsfläche suchen. Eine Portierung auf GTK3 war geplant, allerdings bevorzugt der Chef-Entwickler inzwischen QT von KDE für die zukünftige Entwicklung und hat sich dazu mit dem Team von Razor-qt zusammengetan.

Linux-Komfort: Welcher Desktop passt zu Ihnen?

Ausprobieren und installieren: Den einfachsten Weg, ein sorgfältig vorkonfiguriertes LXDE zu testen, bietet die Distribution Lubuntu 14.04 LTS – die kleinste und schnellste Ubuntu-Variante. Eine schlanke Fedora-Variante ist der Fedora 20 LXDE-Spin . Auch Knoppix , die Mutter aller Live-Systeme, nutzt LXDE. In Ubuntu installiert das Kommando

sudo apt-get install lubuntu-desktop

LXDE mit allen Komponenten. Der Desktop ist kein Exot und findet sich deshalb in den Paketquellen aller verbreiteten Distributionen.

Steckbrief LXDE
Webseite: http://lxde.org
Aktuelle Version: 0.5 (vom 7. Januar 2014)
Zielgruppe: Einsteiger bis Fortgeschrittene
Ressourcenbedarf: sehr gering
Anpassungsfähigkeit: durchschnittlich
Repräsentative Distributionen:
Lubuntu 14.04 ,
Fedora 20 LXDE-Spin

KDE nach Schlankheitskur: Razor-qt nutzt wie KDE das Toolkit QT4, baut damit aber eine reduzierte Arbeitsfläche auf, die sich ihre Anwendungen von anderen Desktops ausleiht.
Vergrößern KDE nach Schlankheitskur: Razor-qt nutzt wie KDE das Toolkit QT4, baut damit aber eine reduzierte Arbeitsfläche auf, die sich ihre Anwendungen von anderen Desktops ausleiht.

Razor-qt: KDE-Diät

KDE ist die bekannteste Desktop-Umgebung, die ihre grafischen Elemente mit der beliebten QT-Bibliothek zeichnet, und dessen Ressourcenhunger ist nicht gerade klein. Dass es auch anders geht, zeigt die junge Entwicklung Razor-qt, die dem Ansatz von LXDE folgt: Der Window-Manager ist üblicherweise Openbox; Razor-qt liefert ein Panel mit Menü, Desktop-Oberfläche, „Ausführen“-Dialog und Einstellungsmenü. Letzteres orientiert sich an KDE. Da alles in QT gebaut ist, fühlt sich Razor-qt tatsächlich an wie ein KDE nach einer Schlankheitskur, da vom Desktop selbst zunächst keine KDE-Bibliotheken geladen werden. QT verlangt trotzdem etwas mehr Speicher: In Ubuntu 14.04 LTS belegt der Desktop allein 180 MB. Weitere Anwendungen holt sich Razor-qt aus dem Fundus anderer Desktop-Projekte. So ist der Dateimanager meist Pcmanfm und das Terminal LXTerm. Die klassischen Bedienelemente von Razor-qt sind prinzipiell gut für Einsteiger geeignet, da aber das Projekt erst 2012 startete, gibt es noch einige raue Ecken und ein sehr schlichtes Design, das eher Puristen mit Lust an nachträglichen Anpassungen glücklich macht. Teile der Einstellungsmenüs sind noch englischsprachig. Für einen voll ausgestatteten Linux-Desktop empfiehlt es sich, weitere Anwendungen nachzurüsten, etwa bewährte KDE-Programme wie Dolphin, Krusader und Gwenview.

Ausprobieren und installieren: Live-Systeme zum Testen von Razor-qt sind rar. Ein mobiles Surf-System ohne Installationsmöglichkeit ist Porteus 3.0 mit Razor-qt . Vom Debian-Derivat Siduction gibt es eine eigene Razor-qt-Variante . Trotzdem kann man den Desktop ganz einfach in Ubuntu 14.04 LTS installieren, da ein Meta-Paket in den Paketquellen bereitsteht:

sudo apt-get install razorqt

Das Paket umfasst nur 18 MB und ist schnell installiert. Ubuntu ist damit die ideale Plattform, um unkompliziert an Razor-qt zu kommen. Sollen auch KDE-Programme zum Einsatz kommen, dann ist es nötig, über das Paket „kde-l10n-de“ die deutsche Sprachunterstützung nachzurüsten.

Steckbrief Razor-qt
Webseite: http://razor-qt.org
Aktuelle Version: 0.5.2 (vom 12. Januar 2013)
Zielgruppe: ambitionierte Einsteiger
Ressourcenbedarf: durchschnittlich, braucht aber relativ viel Speicher
Anpassungsfähigkeit: durchschnittlich, nur wenige Widgets verfügbar
Repräsentative Distributionen:
Porteus 3.0 ,
Siduction 2013.2

Wiedersehen mit einem alten Bekannten: Trinity liefert ein KDE 3.5, das als Fork mit kleinen Verbesserungen weiterlebt und von Kubuntu-Entwicklern nebenher gepflegt wird.
Vergrößern Wiedersehen mit einem alten Bekannten: Trinity liefert ein KDE 3.5, das als Fork mit kleinen Verbesserungen weiterlebt und von Kubuntu-Entwicklern nebenher gepflegt wird.

Trinity Desktop Environment

Warum aufhören, wenn es gerade am schönsten ist? Trinity führt das eingestellte KDE 3.5 als Abspaltung weiter und hält es auch 2014 noch mit Fehlerbehebungen und kleineren Ergänzungen lebendig. Ins Leben gerufen haben Trinity einige Hobby-Entwickler aus dem Kubuntu-Umfeld, für die das alte QT 3, auf dem diese KDE-Alternative basiert, noch nicht obsolet ist. Aufbau, Optik und Bedienführung sind wie einst bei KDE 3.5. Es handelt sich bei Trinity um eine ausgewachsene Desktop-Umgebung mit Forks von allen alten KDE-Anwendungen, die aber immer noch wie einst aussehen. Auch neue KDE-Programme laufen ohne Konflikte unter Trinity, bringen aber die neuen Bibliotheken von QT 4 mit. Ohne laufende Programme verlangt Trinity unter Debian 7 (32 Bit) wie das alte KDE etwa 180 MB Speicher.

Ausprobieren und installieren: Es ist nicht einfach, in den Genuss eines Trinity-Desktops zu kommen. Da es sich um eine Liebhaberei handelt, lassen die großen Distributionen das Projekt links liegen, und man muss sich mit inoffiziellen Paketquellen behelfen. Diese gibt es unter anderem für Debian 6/7, Ubuntu 12.04 LTS und für Cent-OS 6. Eine Liste der Paketquellen samt Anleitung gibt es unter http://trinitydesktop.org . Deutsche Übersetzungen liefert übrigens das Paket „kde-i18n-de-trinity“ nach. Generell benötigt ein voll ausgerüstetes Trinity viel Speicherplatz – rund 1 GB unter Debian. Zum Testen ohne Installation eignet sich eine inoffizielle Kubuntu-Variante , die noch auf 12.04 LTS basiert.
 
Steckbrief Trinity
Webseite: http://trinitydesktop.org
Aktuelle Version: 3.5.13.2 (vom 21. Juli 2013)
Zielgruppe: fortgeschrittene und nostalgische KDE-3-Fans
Ressourcenbedarf: gering, wie KDE 3.5
Anpassungsfähigkeit: hoch
Repräsentative Distributionen: Debian 6/7, Ubuntu 12.04 LTS. Eine Liste von angepassten Live-DVDs gibt es hier .

Praktische Tipps für Linux-Desktops

Openbox unter Crunchbang: Crunchbang demonstriert eindrucksvoll, wie gut sich Openbox mit einer sorgfältigen Konfiguration und ansprechenden Optik als Desktop macht.
Vergrößern Openbox unter Crunchbang: Crunchbang demonstriert eindrucksvoll, wie gut sich Openbox mit einer sorgfältigen Konfiguration und ansprechenden Optik als Desktop macht.

Openbox für Puristen

In erster Linie ist Openbox ein altehrwürdiger Window-Manager, also jene Komponente eines Desktops, die als Client mit dem grafischen X-Server kommuniziert und Programmfenster mit Rahmen und Titelleiste auf den Desktop zeichnet. Openbox ist über diese Aufgabe aber hinausgewachsen und mit einigen Ergänzungen zu einer eigenständigen Arbeitsumgebung geworden. So jedenfalls, wenn neben dem reinen Windows-Manager noch weitere Openbox-Hilfsanwendungen wie die Konfigurations-Tools Obmenu, Obconf und die Taskleiste Tint2 installiert werden. Alles andere müssen Openbox-Anwender von anderen Desktop-Umgebungen selbst auswählen, wobei der Mixer von XFCE und die Clipboard-Verwaltung zur empfohlenen Minimalausstattung gehören. Die Benutzerführung ist wie bei anderen Windows-Managern effizient und schlicht. So öffnet sich ein Anwendungsmenü beispielsweise über einen Rechtsklick am Desktop. Openbox ist sehr anspruchslos: Auch in der großzügig eingerichteten Variante von Crunchbang 11 (32 Bit) sind ohne laufende Programme nur etwas mehr 60 MB vom Desktop belegt.

Ausprobieren und installieren: Openbox ist bei allen verbreiteten Distributionen in den Paketquellen als „openbox“ vorhanden, da es auch als Grundlage für LXDE dient. Die Einrichtung ist aber anspruchsvoll, da ein Großteil der Konfiguration über Script- und Textdateien erledigt wird. Wer sich die Mühe sparen will, bekommt aber auch fertige Distributionen mit Openbox-Desktop: Crunchbang 11 ist ein Debian-Derivat mit sorgfältig vorkonfigurierter Arbeitsfläche, und Archbang verfolgt einen ähnlichen Ansatz, allerdings auf der Basis von Arch Linux. Openbox wird bei Lubuntu automatisch mitinstalliert und kann im Anmeldebildschirm über die Session-Auswahl auch einzeln gestartet werden.
 
Steckbrief Openbox
Webseite: http://openbox.org
Aktuelle Version: 3.5.2 (vom 12. August 2013)
Zielgruppe: Fortgeschrittene und Bastler
Ressourcenbedarf: sehr niedrig
Anpassungsfähigkeit: hoch, aber anspruchsvolle Konfiguration
Repräsentative Distributionen:
Crunchbang 11
Archbang 2014.X

Äußerst schlankes Fvwm-Crystal im Stil der 90er Jahre unter Debian 7: Die Anpassung der Menüs und des Designs verlangt Geduld und Lust am Experimentieren.
Vergrößern Äußerst schlankes Fvwm-Crystal im Stil der 90er Jahre unter Debian 7: Die Anpassung der Menüs und des Designs verlangt Geduld und Lust am Experimentieren.

Fvwm-Crystal: Vitales Fossil

Einer der ältesten Fenstermanager für Linux und Unix-ähnliche Systeme ist der „F Virtual Window-Manager“ (Fvwm), der viele Projekte wie Enlightenment und XFCE beeinflusst hat. Dem originalen Fvwm von 1993 sieht man sein Alter schon deutlich an. Viel getan hat sich aber bei der gebräuchlicheren Variante Fvwm-Crystal, die dem Windows-Manager neuen Glanz verleiht. Diese Oberfläche liefert in der Standardkonfiguration eine untere Taskleiste und oben ein Anwendungsmenü sowie acht virtuelle Arbeitsflächen. Trotz seiner Sparsamkeit (70 MB unter Debian 7 32 Bit) sieht Fvwm-Crystal noch schick aus und bietet hübsche Transparenzeffekte.

Ausprobieren und installieren: Obwohl Fvwm-Crystal ein Fossil ist, gibt es für aktuelle Versionen von Debian und Ubuntu noch Pakete. Unter diesen Linux-Systemen können Sie den Window-Manager mit der Kommandozeile

sudo apt-get install fvwm-crystal

installieren. Live-Systeme mit diesem Window-Manager liegen nicht vor.

Steckbrief Fvwm-Crystal
Webseite: http://fvwm-crystal.sourceforge.net
Aktuelle Version: 3.3.2 (vom 21. Februar 2014)
Zielgruppe: fortgeschrittene, experimentierfreudige Anwender
Ressourcenbedarf: sehr gering
Anpassungsfähigkeit: durchschnittlich, Einarbeitungszeit erforderlich
Repräsentative Distributionen: Debian 6/7, Ubuntu 14.04. Ein fertiges Live-System liegt nicht vor.

Wmii (Window-Manager Improved, Version 2) vertritt ein unkonventionelles Bedienkonzept: Der reduzierte Windows-Manager ist für die gekachelte Darstellung von Fenstern ideal.
Vergrößern Wmii (Window-Manager Improved, Version 2) vertritt ein unkonventionelles Bedienkonzept: Der reduzierte Windows-Manager ist für die gekachelte Darstellung von Fenstern ideal.

Wmii: Weg mit der Maus!

Statt klassischer Desktops und Windows-Managern ein kompromissloses Bedienkonzept: Wmii (Window-Manager Improved, Version 2) geht gerade noch als Fenstermanager durch, obwohl Fenster hier nur eine untergeordnete Rolle spielen. Der Desktop ist für Tastatursteuerung optimiert und bietet nur minimale Mausunterstützung. Alle Aktionen zum Öffnen und Anordnen von Fenstern führen Sie mit Tastenkombinationen aus, und voreingestellt ist dazu die Windows-Taste. Der Hotkey Windows-Taste plus Eingabetaste öffnet ein neues Terminal, Windows-P einen Ausführen-Dialog in der unteren Leiste. Fenster stellt Wmii im Standardlayout nur nebeneinander dar, bei Bedarf in mehreren Spalten. Damit erscheint Wmii als Kuriosum, ist aber genau dann praktisch, wenn ein Linux-Rechner stets zur Anzeige von wenigen Programmfenstern dienen soll – etwa für einige stets geöffnete Terminals mit Netzwerk- und Systemmonitoren, zur Beobachtung von Logdateien oder zur Ausgabe von Messwerten. Wmii ist kein Textmodus-Programm, zeigt grafische Elemente von Anwendungen tadellos an, und innerhalb einer Anwendung funktioniert auch die Maus wie gewohnt. Der Speicherbedarf ist mit 20 MB minimal.

Ausprobieren und installieren: Obwohl die Zielgruppe für Wmii klein ist, kann man diesen unkonventionellen Window-Manager bei Debian und Ubuntu in den Standard-Paketquellen finden und dort mit

sudo apt-get install wmii

einrichten. Er erscheint wie alle anderen Desktops bei der Anmeldung. Es empfiehlt sich, einen Ausdruck der Anleitung von http://wiki.ubuntuusers.de/WMII bereitzuhalten.

Steckbrief Wmii
Webseite: http://wmii.suckless.org
Aktuelle Version: 3.9.2 (vom 10. Juni 2010)
Zielgruppe: Maus-Hasser im fortgeschrittenen Stadium
Ressourcenbedarf: extrem gering
Anpassungsfähigkeit: gering
Repräsentative Distributionen: Debian 6/7, Ubuntu 14.04 und Derivate. Ein Live-System liegt nicht vor.

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