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Ubuntu verunsichert

10.10.2013 | 12:31 Uhr |

Canonical zeigt sich mit stets neuen Ideen zur Entwicklung von Ubuntu kreativ, aber wenig erfolgreich. Eine kurze Zusammenfassung zeigt die launenhaften Strategien und Umbauten des Unternehmens hinter Ubuntu der letzten Monate.

Kaum ein Monat vergeht, in dem Canonical nicht mit Strategiewechseln oder experimentellen Entwicklungen aufhorchen lässt. Ubuntu soll zukünftig eine Einheitsplattform für Notebook, Tablet und Smartphone werden. Dazu wirft Canonical die Ausrichtung auf Desktop-PCs und Notebooks über Bord und stellt die bisherige halbjährliche Veröffentlichungsweise in Frage. Der noch jungen und kaum etablierten Eigenentwicklung Unity stehen große Änderungen bevor, und nach einem kurzen Flirt mit dem alternativen Display-Server Wayland will Canonical nun auf eigene Faust eine Lösung für grafische Anwendungen entwickeln. Freie Entwickler sind skeptisch, zumal Canonical bei eigenen Projekten zu viele offene Baugruben hat. Pannen in der Kommunikation, ungeschickte Aussagen und fehlende Absprachen mit anderen Open-Source-Projekten vergraulten zuletzt auch langjährige Ubuntu-Fans. Canonical, und damit auch das Aushängeschild Ubuntu, ist mit der Selbstsuche beschäftigt.

„Bug Nummer 1“

In der Suche geht es auch um ein tragfähiges Geschäftsmodell. Im Gegensatz zu Red Hat hat es Canonical bisher nicht geschafft, um seine Linux-Distribution ein profitables Ökosystem aufzubauen. Red Hat ist mit hochverfügbaren Server-Betriebssystemen und den dazugehörigen Service-Verträgen zum Milliarden-Unternehmen gewachsen. Ubuntu ist dagegen hauptsächlich auf dem Desktop und auf Hobby-Servern zu Hause, wo wenig Geld zu verdienen ist. Als Ubuntu vor fast zehn Jahren sein Debüt als benutzerfreundliche Debian-Variante gab, war Profit Nebensache. Es ging um den Aufbau einer engagierten Community und um das perfekte Linux-System für den Desktop. Schon der Name „Ubuntu“, der in der Sprache der Zulu sowie wie „Menschlichkeit gegenüber anderen bedeutet“, klingt eher nach einem sozialen Projekt. Zudem hatte Canonicals südafrikanischer Gründer, Mark Shuttleworth, wenige Jahre zuvor seine Firma Thawte für eine halbe Milliarde US-Dollar an Verisign verkauft, so dass es keinen Druck von externen Investoren gab.

Wohin die Reise vorerst gehen sollte, definierte Shuttleworth im „Bug Nummer 1“ im Ubuntu Bug-Tracker: „Microsoft hat den größten Marktanteil“. Eher leise wurde der Bug im Juni 2013 geschlossen, denn Microsoft hat die absolute Dominanz bei Betriebssystemen an Android abgegeben. Zwar ist Android im weitesten Sinn ein Linux-Betriebssystem, wenn auch mit vielen proprietären Erweiterungen. Allerdings hat Canonical nichts von der neuen Marktherrschaft, da sich dieser Wechsel nicht auf PCs vollzogen hat, sondern auf Smartphones und Tablets: ein Markt, den auch Canonical im Blick hat, aber bisher noch nicht erschließen konnte.

Viele Geräte – ein Desktop: Die Idee hinter Unity Next ist eine geräteunabhängige Arbeitsumgebung, die sich für Smartphones und PCs eignet.
Vergrößern Viele Geräte – ein Desktop: Die Idee hinter Unity Next ist eine geräteunabhängige Arbeitsumgebung, die sich für Smartphones und PCs eignet.
© Canonical

Mit Unity auf Sonderwegen

Dass der PC und damit der klassische Linux-Desktop nicht mehr im Fokus stehen, zeigte die Einführung von Unity. Diese Eigenentwicklung für Netbooks wurde mit Ubuntu 11.04 nach dem Abschied von Gnome 2 kurzerhand zum Standard-Desktop. Der Schritt schien angesichts mangelnder Reife überstürzt, und Anwender sowie freie Entwickler zeigten Unity die kalte Schulter. Da Unity keine saubere Abspaltung von Gnome 3 ist und viele Sonderwege mit eigenen Bibliotheken und Programmanpassungen geht, haben andere Distributionen Unity schlicht ignoriert. In der bisherigen Form ist Unity zudem schon wieder ein Auslaufmodell: „Unity Next“ heißt der nächste Schritt, der den Desktop bis 2014 auf die Basis von Qt und QML hieven soll. QML ermöglicht Oberflächen für Apps, die damit nach Bedarf auf Smartphones, Tablets oder PCs laufen könnten. Canonical betrachtet Unity Next als sein eigenes Projekt: Freiwillige externe Programmierer sind von der Entwicklung ausgeschlossen. Mit jenen Entwicklern, die sich um den wichtigen Unity-Unterbau gekümmert haben, war der Schritt nicht abgesprochen, was zum Zerwürfnis zwischen dem langjährigen Compiz-Chefentwickler Sam Spilsbury und Canonical führte.

Eigener Display-Server

Noch weniger Geschick zeigte Canonical bei der Ankündigung eines eigenen Display-Servers. Es ist bekannt, dass das altehrwürdige X-Window-System viel Ballast mit sich herumschleppt. Für Smartphones, Tablets und damit für Unity Next ist es nicht geeignet. Mit Wayland ist eine Alternative in der Mache, die neben steten Fortschritten die Unterstützung von großen Desktop-Umgebungen wie KDE und Gnome vorweisen kann. Zunächstgalt Wayland auchals der Favorit für zukünftiges Ubuntu – um im März 2013 plötzlich von Canonical unter fadenscheinigen Begründungen fallen gelassen zu werden. Stattdessen soll der Display-Server Mir zum Einsatz kommen, eine Eigenentwicklung, die weitgehend hinter verschlossenen Türen stattfindet. Der resultierende Streit zwischen Open-Source-Entwicklern und Canonical gipfelte in einer Erklärung des KDE-Teams, Mir auf keinen Fall zu unterstützen. Kubuntu, aber auch Xubuntu und Lubuntu dürften damit bald zu Außenseitern im Ubuntu-Kreis werden. Zudem dürfte es für Canonical schwierig werden, Nvidia und ATI/AMD dazu zu bewegen, proprietäre Linux-Treiber für Mir zu entwickeln. Ubuntu 13.10 bringt bereits eine Vorabversion von Mir, die aber mit der Abstraktionsschicht „XMir“  weiterhin wie  das herkömmliche X-Window-System funktioniert und damit sogarfür mehr Komplexität sorgt. Ubuntu-Anwender werden damit  in  den nächsten Versionen zu Betatestern für Canonicals Sonderwege.

Ubuntu Touch: Für Android-Apps gibt es eine Chroot-Umgebung unter Linux. Der Kernel wird von Android übernommen, was Mobilfunkanbietern Entwicklungskosten sparen wird.
Vergrößern Ubuntu Touch: Für Android-Apps gibt es eine Chroot-Umgebung unter Linux. Der Kernel wird von Android übernommen, was Mobilfunkanbietern Entwicklungskosten sparen wird.
© Canonical

Ubuntu Touch und Ubuntu Edge

Besser gelungen ist die Vorstellung von Ubuntu Touch, der Ubuntu-Variante für Smartphones, die im Februar 2013 in der Vorabversion noch unter Android lief. Inzwischen ist Ubuntu Touch 13.10 Alpha dem Android-Container entwachsen und kann aus den bisher veröffentlichten Images für ARM7-Plattformendirekt starten. Passend dazu hat Canonical ein Smartphone-Konzept namens Ubuntu Edge vorgestellt, dass sich mit Monitor, Tastatur und Maus auch in einen vollwertigen Ubuntu-Desktop verwandeln soll. Für das Highend-Smartphone setzte Canonical auf die Schwarmfinanzierungs-Plattform Indiegogo, konnte allerdings die veranschlagten 32 Millionen US-Dollar Entwicklungskosten nicht bis Ende August 2013 einsammeln.

Um das Vertrauen von Anwendern und Entwicklern zurückzugewinnen sowie die jüngsten Fehler vergessen zu machen, braucht Canonical nun dringend einen Erfolg. Realismus könnte dabei helfen.

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