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Ubuntu 13.10 - Die Zukunft muss warten

10.02.2014 | 12:25 Uhr |

Ubuntu 13.10 "Saucy Salamander" liefert statt des erwarteten großen Sprungs zum neuen Display-Server "Mir" nur dosierte Neuerungen. Das muss aber kein Nachteil sein.

In welche Richtung sich Ubuntu in den nächsten Versionen entwickeln wird, ist kein Geheimnis: Der Desktop soll in Canonicals Geschäftsmodell bald nur noch eine Nebenrolle spielen, und die Distribution drängt auf Tablets und Smartphones. So stand deshalb das neue Smartphone- und Tablet-System "Ubuntu Touch" im Mittelpunkt, und die Arbeit an Ubuntu 13.10 wurde zurückgefahren.

Dem traditionellen Ubuntu 13.10 hat die zeitgleiche Veröffentlichung von Ubuntu Touch 1.0 Mitte Oktober beinahe die Show gestohlen. Aber nur beinahe: Denn Ubuntu Touch läuft bisher nur auf einer sehr engen Auswahl von Android-Smartphones der Nexus-Serie und ist auf allen anderen Geräten noch eine Bastelthema. Der Anlauf auf das Smartphone hat aber auch für Anwender der tradtitionellen Ubuntu-Versionen Folgen.

Damit Apps auf beiden Systemen laufen, sollen sich beide Zweige in Zukunft Systemkomponenten teilen: Unity Next wird als Desktop sowohl Mobilgeräte als auch PCs bedienen. Den dafür nötigen universalen Display-Server mit dem Codenamen "Mir" entwickelt Canonical auf eigene Faust.

Ubuntu Touch - So nutzen Sie das mobile Linux OS

Verschnaufpause für Ubuntu

In diesem Kontext der anstehenden Änderungen markiert das unaufgeregte Ubuntu 13.10 die Ruhe vor dem Sturm. Die Anzahl der Änderungen ist bei Ubuntu 13.10 überschaubar, zumal eine bedeutende kontroverse Änderung nicht mehr pünktlich fertig wurde: Der neue Display-Server Mir und dessen Kompatibilitätsschicht XMir hat entgegen vorheriger Ankündigungen in Ubuntu 13.10 den herkömmlichen X.Org noch nicht abgelöst. Bei den Systemkomponenten läuft vorerst alles in gewohnten Bahnen weiter. An Neuerungen kann Ubuntu 13.10 aktualisierte Programmpakete vorweisen sowie einige Detailverbesserungen auf dem Unity-Desktop. Vorteilhaft ist die Verschnaufspause für die offiziellen und inoffiziellen Ubuntu-Varianten, da sich deren Entwickler vorerst noch nicht mit Sonderwegen der Hauptversionen herumschlagen musste.

Aktualisierte Software

Das vorinstallierte Repertoire von Anwendungen und die Paketquellen wurden während des halbjährlichen Entwicklungszyklus auf den neuesten Stand gebracht. Der Linux-Kernel arbeitet hier in Version 3.11, die vor allem bei den freien Treibern für AMD/ ATI-Grafikchips und Nvidia-Karten erhebliche Verbesserungen bringt. So gibt es jetzt für Radeon-Chips Stromsparfunktionen, und der Open-Source- Treiber Nouveau von Nvidia kann H.264/MPEG2-Videos über die GPU decodieren und damit den Hauptprozessor entlasten.

Libre Office , für viele Desktop-Anwender eines der zentralen Programme für die tägliche Arbeit, wurde auf Version 4.1.2 gehievt. In Ubuntu 13.04 lag das Büropaket noch in der Version 3.6.2 vor. Dies ist eine der bemerkenswerten Aktualisierungen, denn das neue Libre Office liefert Hunderte Verbesserungen und endlich einen brauchbaren SVG-Import für das Zeichenprogramm Impress. Firefox und Thunderbird liegen in den Versionen 24 im installierbaren Live-System vor, wobei in den Paketquellen schon Version 25 wartet. Als Mediaplayer ist Rhythmbox 2.99 vorinstalliert sowie für Videos Totem 3.8.2; der wurde dem Gnome-Desktop entliehen, auf dessen Bibliotheken und Anwendungen Unity weiterhin basiert.

Bluetooth in Reichweite: Für externe Geräte und Peripherie gibt es einen neuen Bluetooth-Indicator im Panel, der schnellen Zugriff auf die Geräteverwaltung bietet.
Vergrößern Bluetooth in Reichweite: Für externe Geräte und Peripherie gibt es einen neuen Bluetooth-Indicator im Panel, der schnellen Zugriff auf die Geräteverwaltung bietet.

Neu auf dem Desktop

Der gesamte Gnome-Unterbau von Unity ist nun auf dem Stand von Gnome 3.8.2, was sich vor allem beim Standard-Dateimanager Nautilus zeigt, der nun wieder ein Stück minimalistischer geworden ist. Allerdings gibt es eine neue, rekursive Suchfunktion für Dateien im Home-Verzeichnis, die in Sachen Geschwindigkeit die Dash-Übersichtsseite in den Schatten stellt. Um nach Dateien zu suchen, genügt es, einfach den Anfang des gewünschten Dateinamens einzutippen. Neues gibt es im Panel mit einem erweiterten Bluetooth-Indicator, der die Verwaltung von Bluetooth-Geräten einfacher macht. Bei den Eigenentwicklungen auf dem Ubuntu-Desktop liefert Unity 7.1 jetzt eine Integration der „Smart Scopes“ (siehe unten), die in Ubuntu 13.04 noch experimentell waren und zur optionalen Installation in den Paketquellen lagen.

Dash als Schaufenster: In den Suchergebnissen tauchen seit Ubuntu 13.04 auch Angebote von Amazon auf. In der aktuellen Version sind die Suchläufe zumindest anonymisiert.
Vergrößern Dash als Schaufenster: In den Suchergebnissen tauchen seit Ubuntu 13.04 auch Angebote von Amazon auf. In der aktuellen Version sind die Suchläufe zumindest anonymisiert.

Smart Scopes filtern Suchergebnisse

Ab jetzt sind die Smart Scopes standardmäßig aktiviert und liefern je nach der Benutzereingabe Suchergebnisse, die nach Relevanz sortiert werden. Die Sortierung ermitteln die Smart Scopes anhand der Zugriffsstatistik, auf welche Ergebnisse die Benutzer schließlich klicken. Dazu gibt es neben der schnellen Auswahl von Orten in der Leiste am unteren Bildschirmrand auch noch die Möglichkeit, über das ausufernde Menü „Sucherergebnisse filtern“ verschiedene Kategorien ein- und auszublenden und die Quellen festzulegen, die der aktuelle Suchlauf zu Rate zieht. Diese Quellen wurden in Ubuntu 13.10 deutlich erweitert und binden jetzt zahlreiche Online-Dienste ein. Eine Suche zeigt nicht nur lokale Dateien und Anwendungen an, sondern auch Ergebnisse von Wikipedia, Ebay, Facebook, Flickr, Picasa, Youtube, Google News, Yahoo Finance, Duck Duck Go, Ubuntu One Music, Amazon und anderen Diensten. Nützlich ist die breit gefächerte Suche insbesondere für Anwender, die nicht noch genau wissen, was sie eigentlich suchen.

Erste Ubuntu Touch-Smartphones für 2015 geplant

Einzelne Scopes abschalten: Versteckt in den „Anwendungen“ auf der Dash-Übersicht findet sich jetzt alle Scopes versammelt und bieten eine Option zum gezielten Deaktivieren.
Vergrößern Einzelne Scopes abschalten: Versteckt in den „Anwendungen“ auf der Dash-Übersicht findet sich jetzt alle Scopes versammelt und bieten eine Option zum gezielten Deaktivieren.

Online-Suche unter der Lupe

Amazon-Empfehlungen band Canonical schon in Ubuntu 13.04 in Suchläufe ein und erntete dafür herbe Kritik. Open-Source-Guru Richard M. Stallman bezeichnete Ubuntu daraufhin schlicht als Spyware. Als Reaktion darauf gibt die Dash jetzt Eingaben zuerst an einen zentralen Server von Canonical unter productserver.ubuntu.com , und ein Blick auf die übertragenen Daten mit dem Netzwerk-Sniffer Wireshark zeigt, dass bei der Verbindung dabei immerhin verschlüsseltes HTTPS zum Einsatz kommt. Laut Canonical wird die IP-Adresse von Ubuntu-PCs auf dem Server nicht den Suchergebnissen zugeordnet, und die weiteren Abfragen an Dienste erfolgen anonym. Wem die Online-Anbindung trotzdem nicht geheuer ist und wer in der Dash sowieso nur nach lokalen Dateien und Anwendungen sucht, kann die Online-Fähigkeiten der Smart Scopes über „Systemsteuerung > Sicherheit & Datenschutz > Suche“ auch komplett ausschalten.

Einzelne Scopes und Online-Abfragen lassen sich aber jetzt auch einzeln abschalten: In der Dash klicken Sie dazu ganz unten auf das zweite Symbol von links (Anwendungen) und dann auf „Dash-Erweiterungen“. Nach einem Klick auf einen Scope kann dieser gezielt abgeschaltet werden.

Kein Geschwindigkeitseinbruch: XMir schlägt sich wacker. Getestet wurde eine Intel HD4000 GPU mit der Phoronix Test Suite (www.phoronix-testsuite.com).
Vergrößern Kein Geschwindigkeitseinbruch: XMir schlägt sich wacker. Getestet wurde eine Intel HD4000 GPU mit der Phoronix Test Suite (www.phoronix-testsuite.com).

Aufgeschoben: Der Display-Server Mir

Wer zu Experimenten aufgelegt ist, kann eine Vorabversion des Display-Servers Mir auch schon in Ubuntu 13.10 installieren, denn die Pakete finden sich bereits in den Standard-Paketquellen. Momentan sind alle Programme für Ubuntu noch für das herkömmliche X.org ausgerichtet und können mit Mir noch nicht umgehen. Deshalb liefert Canonical in der jetzigen Übergangsphase der Distribution zur Kompatibilität die Abstraktionsschicht XMir mit, die für Programme wie ein normales X.org aussieht. Für den produktiven Einsatz ist Mir/XMir noch nicht fit, da einige Bugs wie verschwindende Mauszeiger und hängende Fenster stören. Testweise kann Mir über apt-get in einem Terminal mit

sudo apt-get install unity-systemcompositor

installiert und mit einem Neustart aktiviert werden. Ob Mir/XMir tatsächlich läuft, zeigt das Kommando

ps aux|grep unity-systemcompositor

Auffällig ist, dass Mir/XMir trotz zusätzlicher Abstraktionsschicht mit Open-Source-Grafiktreibern wider Erwarten nicht wesentlich langsamer ist als X.org. Um die Änderung rückgängig zu machen, deinstallieren Sie das Paket „unity-system-compositor“ wieder und starten den Rechner neu.

Fazit: Unspektakuläres Update

Mit viel Spannung wurde Ubuntu 13.10 erwartet, da in dieser Version die hitzig diskutierten Änderungen wie Mir/XMir ihre Praxistauglichkeit zeigen sollten. Canonical ließ sich aber nicht dazu hinreißen, einen halb fertigen und von Hardware-Herstellern bisher nicht unterstützen Display-Server auszuliefern. Auch wenn dies für Avantgardisten eine Enttäuschung ist, tut die Zurückhaltung der Distribution gut. Ubuntu 13.10 ist für jene Anwender interessant, die ein zuverlässiges Linux-System mit gewohntem Desktop haben möchten und nicht als Betatester für Canonicals Smartphone-Pläne arbeiten möchten.

Trotz kleiner Änderungen, die hauptsächlich die mitgelieferten Programmversionen betreffen, ist das Update auf 13.10 empfehlenswert. Denn der Support-Zeitraum und damit auch die Versorgung mit Updates und Sicherheits- Patches für die Vorgängerversion 13.04 endet mit dem neuen Veröffentlichungszyklus schon im Januar 2014.

Die kommende Ubuntu-Version wird wieder eine Ausgabe mit Langzeitsupport und es bleibt spannend, ob es Canonical bis dahin gelingt, Zweifel um den Alleingang Mir auszuräumen.

Anleitung: Und so können Sie Ubuntu 13.10 installieren

Zur Installation auf Festplatte liefert das neue Ubuntu den bewährten Installer „Ubiquity“ mit, der die Distribution ohne große Herausforderungen installiert und Ubuntu auch für Einsteiger schmackhaft macht. Der eingebaute Partitionierer erkennt andere Linux-Systeme sowie Windows-Partitionen und stellt Tools zur Partitionsverkleinerung bereit. Ein neues Detail im Installationsprogramm ist die Abfrage der Ubuntu-One-Zugangsdaten, um den Cloud-Dienst von Canonical gleich bei der Einrichtung anzubinden. Der Installer erkennt auch vorhandene Ubuntu-Systeme und bietet die automatische Aktualisierung an. Für Ubuntu 13.10 64 Bit ist ein Prozessor ab Pentium 4 Prescott oder AMD Athlon 64 mit mindestens 1 GHz nötig sowie mindestens 512 MB RAM-Speicher. Der Betrieb der Unity-Oberfläche ist auch ohne 3D-fähige Hardware möglich. Auf der Festplatte benötigt das installierte System mindestens 5,9 GB. Beachten Sie, dass das Live-System aus Platzgründen keine deutschen Sprachpakete mehr bietet und der Desktop in Englisch vorliegt. Der Installer und das fertig installierte System sind aber wie gewohnt deutsch.

Aktualisierung: Vorsicht bei UEFI-Systemen

Ein vorhandenes Ubuntu-System auf einem UEFI-System darf nicht einfach aktualisiert werden, da sonst der UEFI-Boot-Loader überschrieben wird und das frisch eingerichtete Ubuntu 13.10 im Bios/- CSM-Modus startet. Dies wird dann zum Problem, wenn Ubuntu neben Windows 8/8.1 parallel installiert werden soll. Soll alles bei UEFI bleiben, ist auch bei Ubuntu ein Umweg über eine frische Installation nötig. Dazu ist zunächst eine Sicherung der Benutzerdaten nötig, da eine Neuinstallation auch die Home-Verzeichnisse überschreibt.

Von der ISO-Datei zum bootfähigen USB-Stick: Die Übertragung von Image-Dateien ist mit dem bewährten Tool Unetbootin schnell erledigt.
Vergrößern Von der ISO-Datei zum bootfähigen USB-Stick: Die Übertragung von Image-Dateien ist mit dem bewährten Tool Unetbootin schnell erledigt.

Images auf USB-Stick übertragen

Sie müssen das installierbare Live-System von Anfang an im UEFI-Modus starten. Übertragen Sie Ubuntu 13.10 anhand der ISO-Datei auf einen bootfähigen USB-Stick. Diesen Stick erstellen Sie am besten mit dem Programm Unetbootin , das für Linux, Windows und Mac-OS X verfügbar ist. Schließen Sie einen USB-Stick mit mindestens einem GB Speicherplatz an, und wählen Sie nach dem Start von Unetbootin dort im Menüpunkt „Diskimage“ die ISO-Datei an. Unten wählen Sie im Feld „Type“ als Medium „USB“ und unter „Drive“ die Gerätebezeichnung des USB-Sticks.

Gibt es hier UEFI? Dieser Check gibt Auskunft, in welchem Modus Ubuntu läuft. Für eine problemlose UEFI-Installation darf das Live-System nicht im Bios/CSM-Modus gestartet werden.
Vergrößern Gibt es hier UEFI? Dieser Check gibt Auskunft, in welchem Modus Ubuntu läuft. Für eine problemlose UEFI-Installation darf das Live-System nicht im Bios/CSM-Modus gestartet werden.

Boot im UEFI-Modus

Damit der PC oder das Notebook im UEFI-Modus startet, vergewissern Sie sich, dass in den Bios-Einstellungen die Boot-Methode über „CSM“ beziehungsweise „Legacy“ deaktiviert ist. Im UEFIBoot- Menü des Rechners, das Sie je nach Modell mit den Tasten ESC, F8 oder auch F12 erreichen, wählen Sie dann den USB-Stick als Boot-Medium aus. Um sicherzustellen, dass der Start dann tatsächlich im UEFI-Modus erfolgte, öffnen Sie im laufenden Ubuntu- Live-System ein Terminal-Fenster und geben dort

mount | grep efivars

ein. Zeigt die Ausgabe eine wie folgt lautende Zeile

none on /sys/firmware/efi/efivars

an, dann ist alles in Ordnung, und Sie können zur Installation schreiten. Der Installer sollte jetzt die Option „Festplatte löschen und Ubuntu installieren“ anzeigen. Wählen Sie für UEFI nur diese Methode, alle anderen Optionen ignorieren UEFI meist.

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