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Wily Werewolf

Ubuntu 15.10 im Check: Evolution statt Revolution

07.12.2015 | 09:30 Uhr |

Ubuntu ganz unspektakulär, aber angenehm für Einsteiger: Die Version 15.10 verabreicht Neuerungen nur in ganz kleinen Dosen und setzt auf solide Aktualisierung der bewährten Komponenten und Programmversionen.

Mit Umwälzungen hält sich die neue Ausgabe von Ubuntu erneut zurück. Die ambitionierte Zukunft der Distribution, die eine Brücke zwischen Smartphones und dem klassischen Desktop-PC mit einer gemeinsamen Oberfläche schlagen will, wird damit nochmal vertagt. Nachdem die Vorgängerversion mit einem Paukenschlag den Wechsel auf das neue Init-System Systemd vollzog, der reibungslos klappte, handelt es sich bei Ubuntu 15.10 mit Unity als Arbeitsfläche um eine überschaubare Aktualisierung. Im Falle Ubuntus sind ruhige Versionen schon keine Überraschung mehr und aus Anwendersicht auch kein Fehler. Canonical verzichtet in der Desktop-Ausgabe seiner Distribution auf Experimente mit halbfertigen Komponenten wie dem nächsten Desktop Unity 8 und dem Display-Server Mir, sondern macht Stabilität zum Aushängeschild. Die Testballons steigen woanders auf – auf den Nebenschauplätzen Ubuntu Touch für Smartphones sowie Snappy Ubuntu Core für Cloud-Container. Dort investiert Canonical gerade mehr Ressourcen als auf dem Linux-Desktop. Für Anwender spielen diese Ubuntu-Entwicklungen aber noch keine Rolle, da sie sich in einer frühen Testphase befinden.

Die Top-20 der Linux-Distributionen: So finden Sie Ihr Lieblings-Linux

Kosmetik für den Ubuntu-Desktop

Wer außer dem geänderten Hintergrundbild Unterschiede auf der Arbeitsfläche zur Vorgängerversion sucht, muss schon ziemlich genau hinsehen. Unity, die Eigenentwicklung von Ubuntu , ist auf 7.3.2 aktualisiert und hat den Unterbau von Gnome 3.16 bekommen. Das ist nicht nur ein unsichtbares internes Detail, sondern zeigt sich an den Scrollbalken an Programmfenstern. Diese folgen jetzt dem Stil von Gnome und sind nicht mehr standardmäßig ausgeblendet. Ein nettes Details ist, dass sich jetzt Programmverknüpfungen und Dokumentdateien aus dem Dash, das bekanntlich Anwendungsmenü, Programm- und Verlauf zuletzt geöffneter Dateien vereint, mit der Maus auf den Desktop und in den Launcher ziehen lassen.

Das Dash zeigt auch weiterhin Kaufvorschläge von Online-Shops an, die bei generischen Suchbegriffen teilweise kurios ausfallen und auch nicht immer funktionieren. Amazon ist im Dash übrigens nicht mehr vertreten, dafür aber kleinere Shops aus USA und UK, die für Anwender in Deutschland kaum relevant sind.

Scrollbalken in Fenstern folgen jetzt dem Stil von Gnome. Die neun Balken brauchen etwas mehr Platz, sind aber einfacher zu bedienen.
Vergrößern Scrollbalken in Fenstern folgen jetzt dem Stil von Gnome. Die neun Balken brauchen etwas mehr Platz, sind aber einfacher zu bedienen.

Aktualisierte Ubuntu-Software

Auf einen erfreulich aktuellen Stand wurde das vorinstallierte Repertoire von Software während des halbjährlichen Entwicklungszyklus gebracht: Libre Office , für viele Desktop-Anwender eines der wichtigsten Programme für die tägliche Arbeit, ist in der Version 5.0.2 an Bord.

Siehe auch: 10 praktische Desktop-Addons für Ubuntu

In letzten Ubuntu 15.04 lag das Büropaket noch in der Version 4.4 vor. Libre Office ist eine der wichtigsten Aktualisierungen, denn es bietet deutlich bessere Kompatibilität zu den Dokumentformaten von Microsoft Office und Apple iWork. Die Menüleisten haben größere Symbole erhalten, und einige Funktionen, die für die üblichen Texte und Tabellen seltener gebraucht werden, sind in die Seitenleiste gewandert. Bei einer Funktion hängt die Libre-Office-Suite weiterhin anderen Distributionen hinterher: Über die Online-Schnittstelle CMIS (Content Management Interoperability Services) ist in Ubuntu weiterhin keine Anbindung an Google Drive möglich, obwohl dies in Libre Office im Prinzip schon seit der Version 4.2 möglich ist. Um eine Bug-Meldung dazu hat sich seit Ubuntu 14.04 niemand gekümmert .

Firefox wird in Version 41 installiert, die bei der ersten Aktualisierung des Systems auch gleich auf die Version 42 gehievt wird. Thunderbird dient als Standard-Mailprogramm und liegt in der Version 38.3 vor, hier noch ohne die Integration des Kalender-Add-ons Lightning, das manuell nachinstalliert werden muss. Als Mediaplayer ist Rhythmbox eingerichtet und für Videos das Programm Totem 3.16, das dem Gnome-Desktop entliehen wurde.

Der Linux-Kernel arbeitet in Version 4.2, die vor allem bei den freien Treibern für AMD/ATI-Grafikchips mit dem neuen Kernel-Modul AMDPGU Fortschritte macht und Unterstützung von AMD-Grafikchips ab der Radeon-Generation R9 mitbringt.

Das Ubuntu Software Center wird ab der nächsten Ubuntu- Ausgabe durch „Gnome Software“ ersetzt, das ebenfalls Programme im Stil eines App Stores präsentiert.
Vergrößern Das Ubuntu Software Center wird ab der nächsten Ubuntu- Ausgabe durch „Gnome Software“ ersetzt, das ebenfalls Programme im Stil eines App Stores präsentiert.

Auslaufmodell: Das Software-Center

Zwei Besonderheiten von Ubuntu treten mit dieser Ausgabe sichtlich in den Hintergrund: Web-Apps und das Ubuntu Software Center. Beide sind auf dem Abstellgleis und könnten schon in der nächsten Ausgabe gestrichen werden. Die Web-Apps sind Schnittstellen zu ausgewählten Webseiten, die es erlauben, URLs in regulären Programmfenstern anzuzeigen. Wenn man beispielsweise unter Unity zu Twitter ging, bot der Browser die Installation eines Zusatzpakets zur Desktop-Integration an. In Ubuntu 15.10 ist nur noch ein Link zu Amazon im Launcher vorhanden, alle anderen Web-Apps fehlen.

Sicher zum letzten Mal ist das Ubuntu Software Center mit an Bord: Anfang November hat Canonical beschlossen, beim kommenden Ubuntu 16.04 (April 2016) auf das Gnome Software Center zu setzen , das ebenfalls im Stil eines grafischen App-Stores populäre Programme zur Installation anbietet.

Erfreulich frisches Office-Paket: Libre Office macht in Ubuntu 15.10 den Sprung auf die Version 5.0.2, die unter anderem die Kompatibilität zu den Microsoft-Dateiformaten verbessert.
Vergrößern Erfreulich frisches Office-Paket: Libre Office macht in Ubuntu 15.10 den Sprung auf die Version 5.0.2, die unter anderem die Kompatibilität zu den Microsoft-Dateiformaten verbessert.

Fazit: Ein eher müdes Ubuntu-Update

Mit viel Spannung wurde Ubuntu 15.10 nicht erwartet, nachdem schon die Ankündigungen dazu mager ausfielen. Es geht in dieser Ubuntu-Ausgabe um die Pflege von Programmversionen und die Aktualisierung der Paketquellen. Trotz kleiner Änderungen empfiehlt sich aber für Anwender von Ubuntu 15.04 das Upgrade auf 15.10 schon allein wegen des neueren Kernels und des aktuelleren Libre Office. Der Unterstützungszeitraum (und damit die Versorgung mit Sicherheits-Patches und Updates) läuft bis Juli 2016. Wer also ein Ubuntu-System für einen PC sucht, der möglichst lange ohne große Änderungen seinen Dienst tun soll, ist weiterhin gut mit der Langzeitversion Ubuntu 14.04 LTS beraten.

Wer LTS-Versionen bevorzugt, muss für ein Upgrade auch nicht mehr lange warten: Die kommende Ubuntu-Version 16.04 LTS im April 2016 wird die nächste Ausgabe mit fünf Jahren Langzeit-Support.

Ubuntu 15.10 aktualisiert Kernel und Libre Office, während der Desktop Unity mit seinen Fehlerbehebungen nicht mal eine neue Versionsnummer bekommen hat.
Vergrößern Ubuntu 15.10 aktualisiert Kernel und Libre Office, während der Desktop Unity mit seinen Fehlerbehebungen nicht mal eine neue Versionsnummer bekommen hat.

Anleitung: Erste Schritte mit Ubuntu 15.10

Mit seiner unkomplizierten Installation und der sorgfältigen Auswahl mitgelieferter Programme für die Arbeit auf dem Linux-Desktop ist Ubuntu ein ideales Einsteigersystem. Für die Ersteinrichtung sind aber immer einige Handgriffe nötig.

Das bewährte Installationsprogramm „ Ubiquity “ ist im Vergleich zu anderen Linux-Distributionen ein sehr komfortabler Installer, mit dem es auch Einsteigern gelingt, in wenigen Schritten Ubuntu auf Festplatte einzurichten. Wenn es sein muss, ist auch paralleles Dualboot mit einem bestehenden Windows-System vorgesehen. Der eingebaute Partitionierer erkennt andere Linux-Systeme und Windows-Partitionen und stellt Tools zur automatischen Partitionsverkleinerung bereit. Mehrere Prozessorkerne sind von Vorteil sowie zwei GB Speicher, da Unity auf dem Desktop kein Leichtgewicht ist und nach dem Start ohne laufende Programme bereits 500 MB verlangt. Auf der Festplatte benötigt das System mit seiner mitgelieferten Software-Auswahl mindestens 6,9 GB. Vor der Installation ist es immer empfehlenswert, bei einer bestehenden Internetverbindung die Option „Aktualisierungen während der Installation herunterladen“ und „Software von Drittanbietern installieren“ zu aktivieren.

Upgrade von Ubuntu 14.10 oder 15.04

Um ein bereits installiertes Ubuntu 15.04 oder 14.10 zu aktualisieren, ist es besser, auf den Installer zu verzichten und stattdessen im älteren Ubuntu-System die Aktualisierungsverwaltung zu verwenden. Drücken Sie dazu die Tastenkombination Alt-F2, und geben Sie im damit gestarteten Ausführen-Dialog den Befehl update-manager ein. Zuerst wird sich die Aktualisierung um eventuell noch ausstehende Updates kümmern.

Ein vorhandenes Ubuntu ist mit dem Aktualisierungsmanager ohne Neuinstallation auf den neuen Stand zu bringen.
Vergrößern Ein vorhandenes Ubuntu ist mit dem Aktualisierungsmanager ohne Neuinstallation auf den neuen Stand zu bringen.

Nach einem Neustart rufen Sie den „update-manager“ erneut auf und erhalten jetzt den Hinweis, dass Ubuntu 15.10 verfügbar ist. Nach einem Klick auf „Aktualisieren“ bekommen Sie die Veröffentlichungshinweise angezeigt und können Ubuntu mit „System aktualisieren“ über die Internetverbindung auf die neue Ausgabe bringen. Davor wird aber nochmal eine Bestätigung angezeigt, die obsolete Pakete auflistet und ferner Programme, die aus externen Quellen stammen und die zunächst entfernt werden.

Auch interessant: So sparen Sie Strom mit Ubuntu

ISO-Datei: Für USB-Sticks

Für eine Neuinstallation auf Rechnern ohne DVD-Laufwerk und für die Installation im Uefi-Modus eignet sich auch die Installation per USB-Stick. Zur Übertragung brauchen Sie einen bootfähigen Stick, der dann als Installationsmedium dient. Dies erledigen Sie am besten mit dem Programm Unetbootin . Unter Ubuntu können Sie Unetbootin auch einfach mit

sudo apt-get install unetbootin

aus den Paketquellen installieren. Schließen Sie dann einen USB-Stick mit mindestens zwei GB Speicherplatz an, und wählen Sie nach dem Start von Unetbootin unten im Menüpunkt „Abbild“ die ISO-Datei aus . Darunter wählen im Feld „Typ“ als Medium „USB-Laufwerk“ und daneben die Gerätebezeichnung des USB-Sticks.

Nach der Deinstallation von drei Paketen zeigt sich die Menüleiste wieder direkt im Programmfenster statt in der Systemleiste oben.
Vergrößern Nach der Deinstallation von drei Paketen zeigt sich die Menüleiste wieder direkt im Programmfenster statt in der Systemleiste oben.

Hardware: Treiber nachrüsten

Auch wenn der Linux-Kernel 4.2 von Ubuntu 15.10 eine Menge Treiber für angeschlossene und interne Geräte mitliefert, können proprietäre Treiber und einige Firmware-Dateien für WLAN-Chips nicht im Kernel selbst enthalten sein. Der erste Schritt, den Sie nach einer Installation von Ubuntu generell tun sollten, ist ein Besuch des Treibermanagers. Klicken Sie dazu links oben im Launcher auf das Ubuntu-Symbol (Dash), und geben Sie dort „Treiber“ ein, um dann in der Übersicht „Zusätzliche Treiber“ aufzurufen. Der Treibermanager sucht automatisch nach vorhandenen proprietären Treibern für erkannte Geräte, die nicht automatisch mitinstalliert werden.

Fenster: Position der Menüleiste

Standardmäßig zeigt Unity im Stil von Mac-OS X die Menüleiste des aktiven Programms im oberen Panel an. Seit den letzten Versionen verschiebt Ubuntu auf Wunsch diese Menüleiste zurück in die Programmfenster – allerdings platzsparend in der Titelleiste. Die Einstellung dazu findet sich über die Dash-Übersichtsseite unter „Systemeinstellungen -> Darstellung -> Verhalten -> Zeige die Menüs für ein Fenster“. Diese Menüs zeigen sich nach dem Darüberfahren mit dem Mauszeiger. Eine Option, in Unity einfach die ganz normalen Programm-Menüs zu verwenden, fehlt jedoch weiterhin. Über die Deinstallation von drei Paketen geht es aber trotzdem. Mit dem Befehl

sudo apt-get remove indicator-app menu unity-gtk2-module unitygtk3-module  

in einem Terminal-Fenster entfernen Sie gezielt jene Komponenten, die für die angepassten Unity-Menüs verantwortlich sind. Stattdessen zeigt sich dann nach einer erneuten Anmeldung am System wieder die normale Menüleiste in allen Programmen.

Nach dieser Aktion bleibt ein Problem: Der Standard-Dateimanager Nautilus liegt in Unity in einer gepatchten Version ohne eigenes Menü vor. Verwenden Sie daher stattdessen den Dateimanager „Nemo“, den Sie mit dem Befehl

sudo apt-get install nemo  

auf der Kommandozeile installieren können.

App Grid arbeitet deutlich schneller und zeigt nach der Anmeldung mit dem Ubuntu Single-Sign-on auch die verfügbaren Kauf-Apps an.
Vergrößern App Grid arbeitet deutlich schneller und zeigt nach der Anmeldung mit dem Ubuntu Single-Sign-on auch die verfügbaren Kauf-Apps an.

App Grid: Software-Pakete verwalten

Das Ubuntu Software Center ist in die Jahre gekommen und mittlerweile schwerfällig und unübersichtlich. Die einzelnen Einträge werden kaum noch gepflegt. Eine Alternative dazu ist die grafische Paketverwaltung „App Grid“. Diese Neuerfindung des Software-Centers hat ein externer Entwickler auf eigene Faust in Python 3 programmiert. Es startet flott, behebt Probleme mit der langsamen Datenbank und präsentiert trotzdem alle Anwendungen des Software-Centers.

App Grid ist in den Standard-Paketquellen bislang nicht enthalten, sondern steht zur Installation über eine zusätzliche Paketquelle (PPA) des Entwicklers bereit. Im Terminal nimmt der folgende Befehl

sudo add-apt-repository ppa:appgrid/stable  

diese Paketquelle auf, und die beiden weiteren Kommandos

sudo apt-get update  sudo apt-get install appgrid  

installieren App Grid. Sie finden das Programm anschließend unter diesem Namen über die Dash-Übersichtsseite.

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