01.10.2008, 10:01

Wolfgang Herrmann

Standard-Software

Linux wächst auf Kosten von Unix

Dass Linux sich im Rechenzentrum etabliert hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Das quelloffene Betriebssystem mausert sich jedoch auch als bevorzugte Plattform für Unternehmensanwendungen wie SAP - vor allem auf Kosten von Unix.

Umfassende und genaue Informationen darüber, wie viele Unternehmen für ihre großen Anwendungen Linux bevorzugen und deswegen ihre alte Plattform fallen lassen, gibt es kaum. Einen Eindruck darüber liefern schon eher Systemhäuser, die sich auf die Implementation von Unternehmenssoftware spezialisiert haben. Dazu gehört auch der Walldorfer Dienstleister Realtech, der über die Migrationstätigkeit seiner Kunden Buch führt. Schon die erste Erhebung für den Zeitraum zwischen Juni 2001 und September 2005 ergab, dass Linux zu einer festen Größe im SAP-Umfeld geworden ist (siehe dazu: SAP auf Linux - eine Alternative?).

Der Statistik von Realtech zufolge lässt sich auch der Leid tragende rasch identifizieren: Etwa 60 Prozent der neuen Linux-Installationen hatten zuvor Unix als Basis, rund 20 Prozent Windows. Weitere 13 Prozent kamen von IBMs Midrange-Plattform OS/400 oder von Großrechnern mit OS/390. Und das scheint erst der Anfang gewesen zu sein. Laut Helmut Spöcker, Consulting Manager bei Realtech, hat sich inzwischen die Zahl der Linux-Migrationen gegenüber der ersten Auswertungsperiode verdoppelt. Zwischen Ende 2005 und März 2008 ist laut Spöcker der Anteil von Unix als Ausgangs-Betriebssystem für Migrationen auf gut 68 Prozent gestiegen. Die häufigsten Beweggründe: Niedrigere (Lizenz-)Kosten und mehr Unabhängigkeit von einzelnen Herstellern.
Diesen Trend unterstreichen auch internationale Studien über die Verbreitung von Linux. So hat das US-Beratungshaus Saugatuck Technology herausgefunden, dass immer mehr Unternehmen auf Open-Source-Anwendungen setzen – auch in unternehmenskritischen Bereichen (siehe dazu: Die Zukunft von Open Source). Wichtigstes Motiv sind auch hier die Lizenzkosten und die dazugehörigen Bedingungen. So ist es nicht weiter verwunderlich, wenn die Marktforscher von IDC dem Markt für freie Software bis 2012 ein Volumen von 4,83 Milliarden Dollar prophezeien.
Proprietäres Unix ist passé
Die Unix-Derivate von Hewlett-Packard (HP-UX) und IBM (AIX) scheinen dabei laut Realtech besonders schlimm unter die Räder gekommen zu sein. Mehr als 40 Prozent der SAP-Migrationen gingen von HP-UX aus, 18 Prozent von AIX. Schon längst den Rücken gekehrt haben Anwender Realtech zufolge den Unix-Varianten von Siemens (Reliant) und Digital Equipment (Tru64). Letztere tauchten bei der ersten Statistik noch mit 20 Prozent auf, bei der neuen sind sie kaum noch vertreten (5 Prozent).
Dass Solaris von Sun Microsystems laut Realtech nicht dasselbe Schicksal ereilt ist, erklärt Helmut Spöcker mit der Verbreitung dieses Betriebssystems in bestimmten Industriezweigen. Sun ist traditionell vor allem im Finanzsektor und in der öffentlichen Verwaltung erfolgreich. Anwenderunternehmen aus diesen Branchen seien hinsichtlich ihrer IT-Plattformen besonders konservativ und eher skeptisch gegenüber Linux als SAP-Plattform. Doch das könne sich bald ändern.
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