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Net BSD: So installieren Sie die Linux-Alternative auf Raspberry

11.08.2016 | 14:30 Uhr |

Es muss nicht immer Linux sein. Wer für seine Projekte auf dem Raspberry Pi nach einem Unterbau sucht, der mit Linux kompatibel ist, aber nur eine Minimalausstattung mitbringt, kann das alternative Net BSD verwenden. Wir zeigen die ersten Schritte.

Die Installation verschiedener Linux-Distributionen mittels des offiziellen Noobs-Installers ist bequem und unkompliziert. Aber es wird auch viel Ballast mitgeschleppt. Net BSD dagegen ist eine Unix-Variante, die inzwischen auf mehr als 50 verschiedenen Hardwareplattformen läuft und tatsächlich nur das installiert, was für ein Betriebssystem notwendig ist. Das sind die Schnittstellen zur Hardware und die Verwaltung des Dateisystems. Das bedeutet für den Nutzer zwar, dass er in den meisten Fällen zusätzlich eine ganze Reihe von Paketen manuell installieren muss. Dafür erhält er aber auch ein System, das eben nur genau das enthält, was er für sein Projekt benötigt. Das spart Ressourcen, denn so kommt das pure Betriebssystem ohne grafische Unterstützung schon mit 300 MB Speicherplatz aus. Net BSD mag nach der Installation fast nichts können, aber gerade das macht es bei Bastlern und Admins so beliebt. Wenn Sie einen Raspberry beispielsweise als Webserver nutzen wollen, installieren Sie Apache darauf, ohne weiteren Ballast.

Mit Gparted formatieren Sie zunächst die SD-Karte, die das Image für Net BSD aufnehmen soll.
Vergrößern Mit Gparted formatieren Sie zunächst die SD-Karte, die das Image für Net BSD aufnehmen soll.

Imagedatei besorgen und Net BSD Installation vorbereiten

Net BSD ist nichts für Mausklicker: Wer die Konsole scheut oder mit der Anpassung von Konfigurationsdateien auf Kriegsfuß steht, bleibt besser bei einem anderen System. Gerade weil sich Net BSD auf so vielen verschiedenen Plattformen identisch betreiben lässt, ist bei der Einrichtung und Installation etwas Handarbeit notwendig. Und das System meldet sich auch nicht mit eindrucksvollen Dialogen oder jeder Menge Eye-Candy, sondern erscheint generell etwas puristisch. Für einen Headlessserver kommt das aber vielleicht gerade recht.

Lese-Tipp: Free BSD ist in manchen Punkten besser als Linux, wir zeigen Ihnen wo

Um das System auf den Raspberry zu übertragen, müssen Sie sich zunächst das aktuelle Image besorgen. Besuchen Sie dazu die URL ftp://ftp.netbsd.org/pub/NetBSD/misc/jun/raspberry-pi/NetBSD-7.0/ . Laden Sie sich hier das gepackte Archiv mit dem Zusatz „raspi“ im Namen auf Ihren Rechner herunter und entpacken Sie es. Wenn Sie sich auf dem FTP-Server etwas umsehen, werden Sie auf eine Reihe weiterer Images stoßen. Dabei handelt es sich um experimentelle Builds, die nach den Releasezyklen von BSD gebildet werden. Die Einrichtung dieser Images läuft aber identisch. Haben Sie das Image ausgepackt, müssen Sie es auf eine leere und formatierte SD-Karte übertragen. Eine SD-Karte zu löschen und zu formatieren, lässt sich ganz bequem mit kostenlosen Zusatztools unter Windows bewerkstelligen: Einfach die Karte einlegen, das Programm SD Formatter (Download unter www.pcwelt.de/8412440/ ) starten und dann auf „Format“ klicken. Aber selbstverständlich funktioniert das auch unter Linux. Starten Sie als Root-Nutzer das Programm Gparted und legen Sie die SD-Karte ein. Über das Auswahlfeld am oberen Rand navigieren Sie zur eingelegten Speicherkarte. Diese wird aller Voraussicht nach mit „/dev/sdb/“ angesprochen.

Das Net-BSD-Image ist in einem Archiv verpackt, das Sie auf dem PC entpacken müssen.
Vergrößern Das Net-BSD-Image ist in einem Archiv verpackt, das Sie auf dem PC entpacken müssen.

Wenn die Karte vollständig leer ist, sehen Sie im oberen Abschnitt einen breiten Balken mit der Aufschrift „Nicht zugeteilt“. Klicken Sie mit der rechten Maustaste darauf und nutzen Sie „Neu“. Im nächsten Dialog nutzen Sie den vollständig zur Verfügung stehenden Platz und entscheiden sich als Dateisystem für „fat32“. Klicken Sie auf „Hinzufügen“ und anschließend auf das Häkchen, um die Änderungen zu übernehmen. Danach können Sie Gparted schließen.

Befanden sich bereits Partitionen auf der Karte, dann nutzen Sie das Kommando „Löschen“ aus dem Kontextmenü nach Rechtsklick und legen entweder eine neue Partition an oder Sie nutzen eine bereits vorhandene Partition weiter und verwenden das Kommando „Formatieren als“. Im nächsten Schritt soll jetzt das Image auf die Karte übertragen werden. Das erledigen Sie in einem Terminal. Kontrollieren Sie mit lsblk, welche Partitionen ihr Rechner erkennt. Er sollte immer noch die SD-Karte listen und diese wahrscheinlich mit „sdb1“ ansprechen. Also root geben Sie jetzt folgendes Kommando ein, das Sie an Ihre konkrete Situation anpassen müssen:

sudo dd if=Verzeichnis der Image-Datei of=/dev/sdb bs=1M

Ändern Sie den Pfad zur Imagedatei in Ihren Fall ab und kontrollieren Sie, unter welchem Gerätenamen die SD-Karte eingebunden ist. Danach starten Sie den Kopiervorgang. Das kann indes eine Weile dauern.

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Raspberry booten

Nun ist alles für den ersten Systemstart vorbereitet. Legen Sie die SD-Karte in den Raspberry ein, verbinden Sie einen Monitor mit HDMI-Kabel und schließen Sie Tastatur und Stromversorgung an. Der Systemstart beginnt. Dabei kann die Einrichtung der Festplatte einen Moment dauern. Spätestens wenn vor Ihnen am Terminal die Kennung „NetBSD/evbarm (rpi)“ erscheint, ist alles erfolgreich abgeschlossen. Geben Sie als Log-in einfach root ein. Standardmäßig ist kein Passwort vergeben. Sie werden von Net BSD begrüßt und erhalten auch gleich den ersten wichtigen Hinweis. Grundsätzlich ist es keine gute Idee, ständig als Root zu arbeiten. Deswegen sollten Sie dies auch unbedingt ändern.

Das Image hat den Raspberry gestartet und der Nutzer kann sich als Root anmelden.
Vergrößern Das Image hat den Raspberry gestartet und der Nutzer kann sich als Root anmelden.

Passwort ändern und Nutzer anlegen

Damit Sie später bei der Eingabe des Passworts nicht böse überrascht werden, ändern Sie aber zuerst die Tastaturbelegung um. Denn Net BSD empfängt Sie mit aktiviertem amerikanischen Layout. Den Wechsel erledigen Sie mit diesem Befehl:

wsconsctl -k -w encoding=de

Das System meldet Ihnen mit einem „encoding“ die erfolgreiche Übernahme. Um das eigene Passwort zu ändern (noch arbeiten Sie ja als Root), geben Sie jetzt passwd ein. Tragen Sie das gewünschte Passwort ein und wiederholen Sie es. Jetzt legen Sie einen einfachen Nutzer ein, der sich später jederzeit mit dem Zusatz „su“ Rootrechte verschaffen kann. Um diese Erlaubnis zu bekommen, muss sich der Nutzer in einer speziellen Gruppe befinden, die den Namen „wheel“ trägt und bereits vorkonfiguriert ist. Mit

useradd -m -G wheel sepp

fügen Sie den Benutzer hinzu. Dem weisen anschließend mit passwd sepp ebenfalls ein Passwort zu. Jetzt haben Sie die grundlegende Konfiguration des Systems abgeschlossen. Sie können weiter direkt mit dem System verbunden bleiben oder nutzen die Möglichkeit des Fernzugriffs. Dann können Sie per SSH mit dem Raspberry kommunizieren. Alles, was Sie dazu wissen müssen, ist die IP-Adresse des Raspberry. Diese sehen beispielsweise rasch in der Konfigurationsoberfläche Ihres Routers nach. Um sich von Ihrem Linux-Desktop mit dem Pi zu verbinden, öffnen Sie ein Terminal und geben dort genau wie unter Linux ssh [username]@[IP] ein, also beispielsweise „sepp@192.168.1.20“.

Net BSD wird Sie mit dem Log-in begrüßen. Beim ersten Versuch, eine solche Verbindung herzustellen, werden Sie gefragt, ob Sie die übermittelten Schlüssel akzeptieren wollen, was Sie bejahen.

Der Editor vi dürfte den meisten Nutzern zu Beginn Schwierigkeiten machen.
Vergrößern Der Editor vi dürfte den meisten Nutzern zu Beginn Schwierigkeiten machen.

Konfigurationsdateien mit vi bearbeiten

Viele Grundeinstellungen von Linux werden über die Änderung von Einträgen in Konfigurationsdateien vorgenommen. Net BSD bildet hier keine Ausnahme. Da das System aber ohne einen grafischen Desktop ausgeliefert wird, müssen Sie sich beim Bearbeiten von Konfigurationsdateien an den für Einsteiger gewöhnungsbedürftigen Editor vi gewöhnen. Diesen im Detail vorzustellen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Doch das Hinterlegen der Tastaturbelegung im System ist eine gute Möglichkeit, die ersten Schritte zu üben. Denn wenn Sie die deutsche Tastenbelegung nicht im System speichern, müssten Sie die oben genannten Schritte nach jedem Rechnerstart ausführen.

Verbinden Sie sich mit dem Raspberry Pi per SSH und geben Sie

vi /etc/wscons.conf

ein. Damit öffnen Sie den Editor. Sie können aber jetzt noch nichts ändern. Mit den Tasten „j“ und „k“ bewegen Sie den Cursor zeilenweise nach unten und nach oben. Platzieren Sie den Cursor an einer freien Position und drücken Sie „a“.

Das ist das Kommando, um Text hinter der Schreibmarke eintragen zu können. Schreiben Sie die Zeile encoding de. Praktischerweise ist vi so eingestellt, dass Änderungen automatisch beim Verlassen gespeichert werden. Dazu geben Sie :q (Doppelpunkt und „q“) ein.

Umfangreiche Installationen dauern unter Net BSD deutlich länger als unter Linux gewohnt.
Vergrößern Umfangreiche Installationen dauern unter Net BSD deutlich länger als unter Linux gewohnt.

Softwareinstallation unter Net BSD ganz anders

Für Net BSD stehen eine ganze Menge Anwendungen zur Verfügung. Einen Eindruck über die verfügbaren Pakete können Sie sich unter http://ftp.netbsd.org/pub/pkgsrc/current/pkgsrc/README-all.html verschaffen. Damit Sie diese Pakete auch installieren können, muss eine Paketquelle im System hinterlegt werden. Unter ftp.netbsd.org/pub/pkgsrc/packages/NetBSD/ finden Sie alle Verzeichnisquellen für die unterschiedlichsten Rechnerarchitekturen. Wenn Sie Ihre Imagedatei aus der oben genannten Quelle besorgt haben, stehen Ihre Pakete unter http://ftp.netbsd.org/pub/pkgsrc/packages/NetBSD/earmv6hf/7.0/All bereit. Auf der Konsole geben Sie

PKG_PATH="URL_der_Quellen/All"

Ein. Hier müssen Sie auch das vorangehende „http“ eintragen. Anschließend führen Sie „export PKG_PATH“ aus. Ein Programm installieren Sie stets als root. Dazu wechseln Sie also zunächst den Benutzer mit su root und geben das root-Passwort ein (das Sie gleich nach dem ersten Log-in geändert haben). Anschließend lautet die Syntax für die Installation „pkg_add -v Name_des_Pakets“. Wollen Sie den Webserver Apache installieren, geht dies also mit „pkg_add -v apache“.

Die Installation dauert etwas länger, als Sie dies vielleicht von Ubuntu oder anderen Distributionen gewohnt sind. Während der Installation werden die notwendigen Tar-Archive auf den Raspberry geladen und an den vorgesehenen Stellen entpackt. Die Einrichtung und der Betrieb des Apache-Servers entsprechen absolut dem Linux-Standard. Sofern Sie sich mit dem Server nicht so gut auskennen, können Sie also jede beliebige Dokumentation zu Rate ziehen. Denn Net BSD ist ja mit allen anderen Linux-Varianten kompatibel.

Damit haben Sie die ersten Schritte unter Net BSD gemacht – ein System ohne Ballast, auf dem Sie allein bestimmen, welche Programme laufen. Und wer auf einen grafischen Desktop nicht verzichten kann oder will: Ein X-Server ist bereits installiert und von KDE bis XFCE gibt es reichlich Pakete zur Auswahl.

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