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So entstehen Razers High-End Gaming-PCs

11.12.2013 | 10:54 Uhr |

In einem Design-Büro in San Francisco sagt Razer dem PC-Abwärtstrend den Kampf an: Hier entstehen High-End-Gaming-Systeme der Extraklasse. Wir schauten den Entwicklern über die Schulter.

Razer traut sich was: Der bekannte Hersteller von Gaming-Hardware wie Mäusen und Tastaturen tut nun das, wovor Acer, Dell und Microsoft zurückschrecken. Er baut High-End-Laptops zu beinahe unverschämten Preisen. Im Jahr 2013 enthüllte Razer bisher unter anderem den weltweit dünnsten Gaming-Laptop  und das leistungsstärkste Windows-8-Tablet - und das zu einer Zeit, in der PC-Verkäufe immer mehr in den Keller sinken und billige Tablets die Absatzzahlen von Laptops bald deutlich überholt haben.

Unsere Kollegen von PC-World haben dem Design-Labor von Razer in San Francisco einen Besuch abgestattet um herauszufinden, wie es mit der Produktion so läuft. Zwar besitzt das Unternehmen noch zwei weitere Design-Labore in Taipei und Singapur, doch der Ableger in den USA konzentriert sich fast ausschließlich auf ganzheitliche Systeme statt Zubehör wie Tastaturen, Headsets und Co.

Design-Büro und Testlabor

Hartholzböden, Gewölbedecken und ein prunkvoller Kronleuchter im Foyer zeugen von der ursprünglichen Nutzung des jetzigen Design-Büros: Früher war das Gebäude ein großes Kaufhaus. Heute beherbergt die Forschungs- und Design-Einrichtung von Razer offene Arbeitsstationen, Regale voller Referenzmaterial und sogar ein eigenes Testlabor mit selbstgebauten Maschinen.

Zwei Prototypen des Razer Blade im Design-Büro in San Francisco
Vergrößern Zwei Prototypen des Razer Blade im Design-Büro in San Francisco
© PC World

Auf Razers Testlabor scheint John Wilson, der Vize-Präsident für Systemtechnik bei Razer San Francisco, besonders stolz zu sein. Es ist eine der letzten Stationen, die ein Gerät durchläuft, bevor es auf den Markt geworfen wird - und gleichzeitig auch eine der zermürbendsten: Hier zerschmettern, verbiegen und verbrennen die Techniker alles, was ihnen in die Hände fällt. "Wir testen immer weit über die Grenzen der angedachten Produktnutzung hinaus", erklärt Wilson. "Wir versuchen alles mögliche darüber herauszufinden, wann und warum ein Produkt versagt oder Schwächen zeigt, bevor wir es einem größeren Publikum vorstellen."

Diese Tests machen den Unterschied, denn das unglaublichste an Razers Gaming-PCs oder -Laptops ist nicht ihre Leistung oder ihr Anschaffungspreis - es ist die Qualität, mit der sie gebaut werden. Die Modelle fühlen sich haltbar und robust an - ganz anders als noch in den Anfangsjahren, als sich die original Razer Mamba-Gaming-Maus noch billig und minderwertig anfühlte. Doch eben diese Qualität ist es, die Razer-Systeme von klobigen Desktopersatz-Laptops abhebt, die den Markt für Gaming-Notebooks noch so unattraktiv erscheinen lassen. Der Razer Blade Laptop beispielsweise ist gerade mal 1,6 Zentimeter dick und sein mattschwarzer Aluminium-Körper gibt selbst bei starkem Drücken, Biegen und Schlagen nicht einen Millimeter nach. Doch so viel Robustheit wäre nicht möglich ohne die "Drecksarbeit" von Wilson und seinen Technikern. "Haben Sie schon mal einen Laptop geschmolzen?" fragen wir nach, als wir den selbstgebauten Ofen inspizieren, den Razer speziell für den Test von Hitzeresistenz entwickelt hat. "Vielleicht...", lautet Wilsons Antwort - und wir sind uns nicht ganz sicher, ob er nun Spaß macht oder nicht.

Von der Idee zum Produkt

Natürlich hat ein Produkt wie das Razer Blade bereits einen langen Weg hinter sich, bevor es das Testlabor erreicht. Zunächst muss es aus einer Idee heraus konzipiert werden und auch alle Mitarbeiter davon überzeugen, dass das Konzept es wert ist, Zeit und Geld in einen Prototypen zu investieren. Razers CEO Min Liang Tan behauptet, die Hierarchie bei Razer sei relativ flach: Alles, was ein Mitarbeiter tun muss ist: Sich ein paar Mitarbeiter zu schnappen und ein Design vorzulegen. Wenn die Idee im echten Leben genauso gut wirkt wie auf dem Papier, segnen Razers Senior-Mitarbeiter das Design ab, legen einen Codenamen fest und setzen ein Team auf das Projekt an.

Verschiedene Prototypen des Edge-Tabelts samt Controller aus Schaumstoff, Plastik und Final-Modellen.
Vergrößern Verschiedene Prototypen des Edge-Tabelts samt Controller aus Schaumstoff, Plastik und Final-Modellen.
© PC World

Als nächstes kreiert das Team eine Handvoll Prototypen, die verschiedene Ausarbeitungen des Designs repräsentieren. Für den Razer Edge Gamepad Controller gibt es beispielsweise viele verschiedene Modelle mit ganz unterschiedlichem Layout der Steuerelemente. Die Designer spielen mit solchen und anderen Prototypen und testen sie in Alltagssituationen. Wie fühlt es sich etwa an, ein Gerät den ganzen Tag in der Tasche mit sich herumzutragen? Ist es komfortabel? Bequem? Manchmal werden auch Testexemplare an echte Gamer verschickt, um deren Meinungen einzuholen. Wenn einmal keiner der Prototypen zufriedenstellende Ergebnisse liefert, ändert Razer das Design noch einmal grundlegend und beginnt erneut mit der Produktion von Prototypen. "Prototyping und das Ausprobieren von Modellgeräten nehmen die meiste Zeit bei einem Projekt in Anspruch", weiß Tan.

Das Testlabor kommt erst gegen Ende des Prototyp-Prozesses zum Einsatz. Die Techniker bauen Arbeitsmodelle und testen sie anschließend in Öfen, unter Hämmern und in speziellen Schraubstöcken und herauszufinden, wie heiß ein Prototyp wird, wie schnell er unter Krafteinwirkung nachgibt und wie viel Stärke aufgebracht werden muss, damit etwa ein Touchbildschirm die Bewegungen des Fingers erkennt. Sobald die Komponenten fertig geprüft sind, werden sie in einen finalen Prototypen eingebaut, den Tan und das Team nun noch abnicken müssen. Dieser letzte Schritt kann manchmal ganz schön emotional werden. Auch wenn wir selbst bei unserem Aufenthalt kein Zeuge irgendwelcher Uneinigkeiten bei Razer geworden sind, haben wir zumindest von ihnen gehört: "Es gab schon regelrechte Schrei-Wettkämpfe darüber, ob ein Produkt eingestampft werden sollte oder nicht", berichtet Tan. "Ich habe Geräte im wahrsten Sinne des Wortes durch den Raum geschmissen. Sie sind zu Bruch gegangen, komplett zerstört worden... Der Design-Prozess ist eine brutale Angelegenheit."

Prototyp des Razer Switchblade: 2011 auf der CES vorgestellt, doch niemals auf dem Markt erschienen
Vergrößern Prototyp des Razer Switchblade: 2011 auf der CES vorgestellt, doch niemals auf dem Markt erschienen
© PC World

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Die Techniker selbst sagen gerne von sich: Du bist kein echter Razer-Designer, wenn du nicht schon mindestens einen finalen Prototypen wieder komplett zerstören musstest. Ein Projekt nach langer, harter Arbeit ohne Ergebnis wieder zu beenden bedeutet auch, allen Mitarbeitern zu sagen, dass das Produkt nicht gut genug für den Markt ist - ganz egal, wie viel Mühe man sich damit gegeben hat. "Die Leute da draußen haben bemerkt, dass Razer als erster Hersteller einen Haswell-Gaming-Laptop auf den Markt gebracht hat", sagt Tan. "Was sie nicht bemerkt haben ist, dass im Vorfeld bereits drei Blade-Prototypen wieder gecancelt wurden, kurz bevor sie auf den Markt kommen sollten." Tan gibt großzügig zu, dass Razer-Designer nicht gerade vorbildlich beim Einhalten von Deadlines sind. Tan sieht es aber gleichzeitig als eine Art Firmenkultur, die Exzellenz über Schnelligkeit stellt und sich dem Slogan "Es ist fertig, wenn's fertig ist" unterwirft. Aus unternehmerischer Sicht ist diese Einstellung sicherlich fatal - doch ähnlich unverständlich ist aus dieser Perspektive wohl auch Razers Entscheidung, in einer Zeit der rasant fallenden PC-Verkäufe stark auf die Produktion neuer Laptop-Systeme zu setzen.

Schadensbegrenzung

Natürlich sind die größten Opfer des schwächelnden PC-Marktes vor allem die monolithischen Hersteller wie Acer, HP und Toshiba, deren Produkte das gesamte Preisspektrum abdecken. Im Gegensatz dazu trägt jedes Razer-Produkt ein Luxus-Preisschild - und genau das könnte der Schlüssel dazu sein, wie sich Razer im PC-Segment behaupten kann. "Von Null auf Hundert in das Segment der PC-Systeme einzusteigen, ist eine ernsthafte Investition über mehrere Jahre", so Wilson.

Ohne die Erfolgsgeschichte oder den garantierten Absatz eines HP oder Apple muss Razer in der Tat ein bisschen mehr dafür tun, Beziehungen zu multinationalen Herstellern aufzubauen. Wilson gibt zu bedenken, dass Razer auch nicht genug Einfluss hat, um bei großen Herstellern um den Preis zu fälschen - noch nicht. "Die Hersteller sehen langsam aber sicher ein, dass sich unsere Produkte auf dem Markt wacker schlagen - und sie lenken ein."

Razers Erfolg könnte also durchaus auf lange Sicht auch zu einer Vergünstigung von Razer-Produkten führen. Hier weist Wilson darauf hin, dass allein der Preis für Razers Blade-Laptop innerhalb eines halben Jahres um 200 Euro gefallen ist . Grund dafür waren Nachverhandlungen beim Hersteller dank hoher Nachfragewerte. Billig werden die Geräte deswegen trotzdem niemals werden. Tan weigert sich vehement, auch das untere Preisende des PC-Marktes zu bedienen. Seine Argumentation: In einem Abwärts-Rennen in erster Linie die Schnäppchenjäger abzuholen, würde Razer nur daran hindern, auch weiterhin auf Qualität zu setzen. Stattdessen will der Konzern einer alten Tugend folgen und mehr aufregende und neue Produkte für den PC-Markt bauen. Ob sie das schaffen, muss Razer erst noch beweisen. Aber zumindest ist eines klar: Die passende Ausrüstung haben sie für diese Pläne bereits.

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