1889741

Share Economy – fast alles lässt sich im Web leihen und tauschen

04.04.2014 | 10:59 Uhr |

Teilen statt besitzen ist der nächste Megatrend, prognostizieren Zukunftsforscher. PC-WELT gibt einen Überblick zur „Share Economy“ und zeigt, wie stark das Tauschprinzip schon jetzt im Alltag vorgedrungen ist.

„Verleihen – das gab es schon immer“, mögen Sie einwenden: Bauern leihen sich zur Ernte einen Mähdrescher von der Genossenschaft, Bahnreisende mieten nur einen Sitzplatz statt einen ganzen Zug zu kaufen und das Outsourcen in der Wirtschaft ist auch nichts anderes als das Leihen von Dienstleistung oder Produktion gegen Gebühr.

Der Unterschied der neuen Share Economy zum Leihen oder Tauschen früherer Tage ist einerseits der private Charakter. Nicht mehr eine große Organisation, ein Unternehmen oder gar der Staat ist für das Teilen zuständig, sondern jeder Einzelne leiht und verleiht. Zum zweiten erledigen die Nutzer autonom alles unter sich, wenn erst einmal die technische Plattform im Internet oder auf dem Smartphone zur Verfügung steht.

Share Economy klingt abstrakt, ist aber sehr konkret

Das Mitmachen ist also ganz einfach. Man muss keineswegs zur sogenannten Generation Y gehören, die mit dem Internet und mit mobiler Kommunikation aufgewachsen ist, um daran teilzuhaben. Dazu ein Praxisbeispiel: Da lädt ein Autofahrer die Navigations-App von Navigon/Garmin auf sein Smartphone und findet in den Einstellungen die Option „Flinc Mitfahrnetzwerk“: Vielen dürfte Flinc weitgehend unbekannt sein.

Zehn Android-Navi-Apps im Test

Die Mitfahr-Plattform Flinc führt Fahrer und Mitfahrer automatisch und in Echtzeit zusammen: Die App zeigt Umwege fürs Abholen an, der Fahrer kann entscheiden, ob er Fremde mitnehmen möchte oder nicht.
Vergrößern Die Mitfahr-Plattform Flinc führt Fahrer und Mitfahrer automatisch und in Echtzeit zusammen: Die App zeigt Umwege fürs Abholen an, der Fahrer kann entscheiden, ob er Fremde mitnehmen möchte oder nicht.
© Flinc

Dahinter verbirgt sich nicht einfach eine weitere Mitfahrzentrale, auf der man Mitfahrgelegenheiten oder Mitfahrer suchen kann. Vielmehr automatisiert Flinc das Ganze, indem es Fahrer und Mitfahrer ohne deren aktives Zutun zusammenführt: Man gibt nur noch im Smartphone oder im Internet-Portal die Route ein, den Rest erledigt das System. Und genau dies ist nun optionaler Bestandteil der Navigations-App: Trägt hier der Fahrer wie gewohnt das Fahrtziel ein und aktiviert die Flinc-Freigabe, sehen dies potentielle Mitfahrer, der Fahrer wird per Pop-Up-Fenster automatisch kontaktiert. Schon sind beide Seiten – vielleicht ganz unbewusst – Teil der Share Economy.

Bohrmaschine, Auto, Wohnung, Kleidung, Essen, Parkplatz: fast alles wird geteilt

Privat ver- und entleihen lässt sich mittlerweile so gut wie alles. Das gilt keineswegs nur für bewegliche Güter wie die Vermittlungsbörse für Privatzimmer Airbnb („Air Bed and Breakfast“: Luftmatratze mit Frühstück) zeigt. Über die Web-Plattform oder App lassen sich weltweit private Schlafquartiere buchen, die andere gegen Entgelt zur Verfügung stellen. Eine Wohnung für eine Nacht, ein Schloss für eine Woche oder eine Villa für einen ganzen Monat, wirbt das Unternehmen.

Seit der Gründung der Plattform im Jahr 2008 haben mehr als zehn Millionen Gäste eine Unterkunft bei Airbnb-Gastgebern gebucht – mehr als die Hälfte davon allein 2013. Weltweit stehen Reisenden über 500.000 Unterkünfte zur Verfügung, in Deutschland gibt es derzeit über 23.000 Unterkünfte, so Airbnb. Die Zahl der Gäste, die in Deutschland auf diese Weise untergekommen sind, stieg im gleichen Zeitraum um 240 Prozent.

Eine Wochenende im ansonsten teuren München: Auf dem Vermietungsportal Airbnb gibt es ganze Apartments ab 40 Euro pro Nacht – die „Vermieter“ sind in dieser Zeit ihrerseits irgendwo unterwegs.
Vergrößern Eine Wochenende im ansonsten teuren München: Auf dem Vermietungsportal Airbnb gibt es ganze Apartments ab 40 Euro pro Nacht – die „Vermieter“ sind in dieser Zeit ihrerseits irgendwo unterwegs.

Ein Grund für das starke Wachstum ist neben der unkomplizierten Buchung: Airbnb trifft den Nerv der Zeit. Denn es geht keineswegs nur darum, dass die Reisenden Geld sparen und die Gastgeber etwas dazu verdienen. Nein, neben dem Schlafraum teilen beide Seiten auch Erlebnisse und Erfahrungen.

In ähnlicher Weise lässt sich ganz vieles auf privater Basis verleihen, was bisher entweder nur auf kommerzieller Basis oder im engen Freundes- und Bekanntenkreis möglich war. Auch dazu zwei Beispiele: Wer einmal im Jahr eine starke Bohrmaschine benötigt, braucht sich wahrlich keine zu kaufen –vermutlich haben zahlreiche Nachbarn bereits eine. Früher hätte man beim Nachbarn gefragt, heute lässt sich das Gleiche auf Plattformen wie Frents.com („Friends rent things“) oder Whyownit („Why own it?“) über das Internet erledigen.

Modernes Design: Frents ist eine der großen Web-Plattformen, auf denen man so ziemlich alles teilen, leihen und tauschen kann.
Vergrößern Modernes Design: Frents ist eine der großen Web-Plattformen, auf denen man so ziemlich alles teilen, leihen und tauschen kann.

Geht es um noch seltener gebrauchte Geräte wie eine Parkettschleifmaschine, einen Stromgenerator oder eine Arbeitsbühne, wird das Teilen noch überzeugender: Man spart sich auf diese Weise sowohl die Geldausgabe für die Neuanschaffung als auch später den Raum für die Aufbewahrung. Die Palette reicht vom klassischen Mitfahren über das Verleihen des eigenen Autos oder Kleidungsstücks bis zu Dienstleistungen wie Microjobs oder der Weitergabe nicht benötigter Lebensmittel.

Die wichtigsten Tausch-Plattformen im Überblick

Das bedeutende Wirtschaftsmagazin Forbes fasst „ 12 Pioniere der Share Economy “ zusammen, darunter Airbnb und Fon. Fon ermöglicht über privates Hotspot-Teilen schon seit Jahren das, was Deutsche Telekom und Kabel Deutschland erst seit kurzem anbieten. Ein weiteres Beispiel aus dem IT-Bereich ist das Erarbeiten („minen“) von Bitcoin-Währung durch das Zurverfügungstellen eigener Rechnerkapazität.

Nutzerbewertungen sind das digitale Vertrauen

„Was, ich soll mein Auto oder ein gutes Kleid verleihen?“ Wie die oder der Unbekannte wohl damit umgehen mag! In der Tat kennt der Geber den Nehmer nicht und im Internet ist es nicht anders als sonst auch: Vertrauen ist das A und O.

Doch wie schafft man Vertrauen im Netz? Genau, mit Bewertungen. So wie rund dreiviertel aller Internet-Nutzer beim Buchen eines Hotels, bei Ebay oder bei der Shop-Suche über eine Preissuchmaschine wie Billiger.de auch auf die Bewertungen anderer Kunden schauen, so funktioniert es auch bei vielen Sharing-Portalen. Man meldet sich mit einem persönlichen Account an und erarbeitet sich langsam Reputation, indem die Tauschpartner positive Bewertungen abgeben. Und wer schon 20mal das geliehene Auto seinem Besitzer pünktlich und ohne Beschädigungen zurückgegeben hat, wird das aller Wahrscheinlichkeit auch beim 21sten Mal tun. Das soziale Profil wird für andere zur Entscheidungsgrundlage.

Neben dem Aspekt, dass der Besitz materieller Güter offenbar an Bedeutung verliert und die gemeinsame Nutzung nachhaltiger ist, geht es bei der Share Economy aber nicht nur um idealistische Motive. Wie meist spielt auch Geld eine Rolle: Wer regelmäßig am Wochenende mit dem Auto pendelt, kann sich durch Mitfahrer ein paar Euro dazuverdienen, um so einen Teil der Spritkosten zu erwirtschaften. Genauso verhält es sich beim Mitwohnen, Verleihen und zeitweisen Vermieten seines Parkplatzes.

Mitfahren liegt schon seit Jahren im Trend, doch nie war es dank Internet und Apps so einfach wie jetzt. Neben dem praktischen und finanziellen Aspekt lernt man nebenbei noch neue Leute kennen.
Vergrößern Mitfahren liegt schon seit Jahren im Trend, doch nie war es dank Internet und Apps so einfach wie jetzt. Neben dem praktischen und finanziellen Aspekt lernt man nebenbei noch neue Leute kennen.
© Mitfahrgelegenheit

Apropos Parkplatz: Abstellflächen für Autos sind gerade in den Innenstädten ein rares und damit teures Gut. Warum soll man nicht unter der Woche tagsüber seinen Abstellplatz in der Tiefgarage vermieten, wenn man ohnehin mit dem eigenen Auto zur Arbeit gefahren ist? Andere Pendler, die in der Nähe des eigenen Zuhauses arbeiten, freuen sich – so wie der Parkplatzbesitzer über die Nebeneinnahmen. Das Organisatorische wie ein Schlüssel für die Garageneinfahrt ist da nur eine Kleinigkeit. Gleichzeitig ist die „Parkplatzvermietung“ ein gutes Beispiel dafür, wie wenig einschränkend und sinnvoll Teilen sein kann. Mittlerweile existiert eine ganze Reihe solcher Parkplatztausch-Portale , Parkinglist.de ist nur ein Beispiel.

Ob und wie weit das Geldverdienen im Vordergrund steht, hängt stark von der Art und der konkreten Plattform ab. Während beim Mitnehmen das Finanzielle für die meisten Fahrer das Wichtigste sein dürfte, sieht es beim Verleihen von Alltagsgegenständen in der Nachbarschaft anders aus. Hier geht es mehr darum, sich gegenseitig einen Gefallen zu tun: Helfe ich heute Dir, profitiere ich umgekehrt ein anderes Mal. Mal geht es also eine konkrete Gegenleistung, mal um die gute Sache.

Gewaltiger Kulturwandel: Teilen liegt voll im Trend

Die starte Zunahme der Nutzer- und Nutzungszahl in der jüngsten Vergangenheit beim Mitwohnportal Airbnb ist typisch für die gesamte Branche: Teilen statt besitzen liegt im Trend. Vor gut einem Jahr veröffentlichte die Universität Lüneburg eine Studie zur Share Economy : Darin kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass nicht zuletzt wegen eines kritischen Blicks auf den materiellen Wohlstand das „Glücksversprechen der individualisierten Konsumgesellschaft hinterfragt“ wird und alternative Besitz- und Konsumformen im Kommen sind. Danach ist die Ökonomie des Teilens, also der kollaborative Konsum, kein Nischenthema mehr. Insbesondere bei der jüngeren Generation (bis 39 Jahre) habe sich beim Besitz ein deutlicher Wertewandel vollzogen.

Das elektronische, per Smartphone-App zu öffnende Fahrradschloss gibt es erst ab Mitte 2014: Es eröffnet ganz neue Möglichkeiten, sein Rad an Freunde und Bekannte zu verleihen.
Vergrößern Das elektronische, per Smartphone-App zu öffnende Fahrradschloss gibt es erst ab Mitte 2014: Es eröffnet ganz neue Möglichkeiten, sein Rad an Freunde und Bekannte zu verleihen.
© Bitlock

Zu einem ähnlichen Resultat gelangt eine Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom : Immerhin rund ein Sechstel der Befragten gab 2013 an, zumindest hin und wieder Dinge wie Autos, Werkzeuge oder die Wohnung mit Hilfe des Internets zu teilen. 85 Prozent der Internet-Nutzer stünden dem Teilen von Dingen grundsätzlich offen gegenüber, so die Studie. Vor allem durch das Teilen von Erfahrungen, Wissen und Ideen, das in den sozialen Netzwerken wie Facebook ja zum System erhoben ist, bekämen die Verbraucher „eine neue Macht, indem sie sich noch stärker als bisher an Wertschöpfungsprozessen beteiligen können“, urteilt Bitkom-Präsident Dieter Kempf.

Die wirtschaftlichen Einbußen des Teilens bekommen denn auch die Hersteller, gewerblichen Vermieter und der Handel zu spüren. Das Hotel- und Gaststättengewerbe wettert gegen Airbnb und Co, der Bundesverband der Autovermieter gegen das private Carsharing oder private Taxidienste wie Uber . Meist geht es dabei formal um Rechtsfragen, in Wahrheit aber natürlich auch ums Geschäft, wenngleich beispielsweise das Untervermieten der Wohnung der Zustimmung des Vermieters bedarf ( § 540 Abs. 1 BGB ) und auf die Mieteinnahmen zudem Steuern zu zahlen sind.

Die Aufregung zeigt, dass Share Economy längst im Alltag angekommen ist. Fachleute nennen den Wertewandel „effizienten Konsum“, bei dem es weder primär um das „Gutmenschsein“ noch um den finanziellen Aspekt geht, sondern vielmehr um ganz praktische Dinge und damit um gelebte Normalität.

0 Kommentare zu diesem Artikel
1889741