14.05.2008, 10:30

Gamestar

Report

Ego-Shooter unter Generalverdacht?

Das Spiel Condemned ist vom Amtsgericht München beschlagnahmt worden - entgegen der Einschätzung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Die Urteilsbegründung wirft die Frage auf, ob nun für fast alle Ego-Shooter solche Konsequenzen drohen?
Das englische Wort "condemned" bedeutet "verdammt" oder "verurteilt". Wie passend. Denn Ende Februar 2008 ereilte den PC-Titel Condemned genau dieses Schicksal: Das Amtsgericht München ordnete die bundesweite Beschlagnahme des Spiels an. Condemned sei als gewaltverherrlichendes Medium im Sinne des § 131 Strafgesetzbuch (StGB) einzustufen und damit sozialschädlich. Entsprechend darf das Spiel nun nicht mehr verkauft werden, auch nicht an Erwachsene. Es gilt damit als verboten, genau wie etwa Hitlers Hetzschrift Mein Kampf. Während indizierte Medien ein karges Leben unter der Ladentheke fristen dürfen, entspricht die Beschlagnahme einem vertrieblichen Todesurteil. Derartige Entscheidungen sind bei Computerspielen recht selten, aber nichts Neues. So wurden zum Beispiel bereits Mitte der Neunziger die ersten drei Teile der Mortal Kombat-Reihe beschlagnahmt, 2004 der Playstation-2-Titel Manhunt oder im Juni 2007 das Zombiespiel Dead Rising für die Xbox 360. Und Condemned ist bei Jugendschützern nicht unbekannt: Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) verbannte den Titel bereits im April 2006 auf den Index. Das Besondere an der Beschlagnahme von Condemned ist jedoch, dass es nach Einschätzung der BPjM nicht gegen § 131 StGB verstieß. Die Bundesprüfstelle unterscheidet nämlich bei Computerspielen, ob sie "nur" jugendgefährdend sind - dann landen sie auf Index-Liste A - oder ob sie darüber hinaus sogar gegen Gesetze verstoßen könnten, etwa gegen das Verbot von Gewaltverherrlichung oder Pornographie. Solche Spiele werden in Liste B geführt, was als klarer Hinweis an die Staatsanwaltschaften zu werten ist: Diese Spiele gehören beschlagnahmt. Condemned nahm die BPjM jedoch in Liste A auf - jugendgefährdend, aber vermutlich nicht gewaltverherrlichend. Das Amtsgericht München sah das anders. Eine neue Marschrichtung in der Rechtsprechung?
Menschenverachtend
§ 131 StGB stellt die Verbreitung von Medien unter Strafe, die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen verherrlichen oder verharmlosen. Nach Einschätzung der BPjM war das bei Condemned nicht gegeben. Doch die BPjM ist eine Jugendschutzbehörde, kein Gerichtshof. "Wir können nur einschätzen, ob § 131 StGB vorliegt oder nicht. Die tatsächliche Bewertung ist Sache der Gerichte", sagt Petra Meier, stellvertretende Vorsitzende der BPjM. Robert Grain, Richter am Amtsgericht München, beurteilt Condemned in seinem Beschlagnahmebeschluss entsprechend anders: "Dem Spiel wohnt eine äußerst menschenverachtende Grundhaltung inne. Das eigene Überleben steht im Vordergrund, nichts anderes ist von Wert. Somit gilt es, jeden, der sich in den Weg stellt, zu töten." Das ist ein Vorwurf, den sich fast alle Ego-Shooter gefallen lassen müssen - insbesondere die, die auf Index-Liste A stehen. Droht denen nun ebenfalls die Beschlagnahme? Nicht zwangsläufig, sagt Grain: "Gewaltverherrlichung ist immer ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren und lässt sich nicht zwingend an einem einzelnen Punkt festmachen." Ego-Shooter stehen für ihn also nicht unter Generalverdacht.
Die Gewaltakte in Condemned sind jedoch nach Ansicht von Grain besonders grausam. Als Beispiel nennt er das Manöver, in dem der Held des Spiels Gegnern das Genick bricht. Allerdings versteht das StGB unter "grausam" normalerweise, dass der Täter seinem Opfer besondere Qualen zufügt. Ein gebrochenes Genick klingt da makabererweise harmloser, als etwa an Piranhas verfüttert, in einem Ofen verbrannt oder mit einer Bohrmaschine gefoltert zu werden - alles Elemente aus dem Actionspiel The Punisher (2005), das die BPjM entsprechend auf die Liste B gesetzt hat. Dort steht es noch immer - bislang hat sich keine Staatsanwaltschaft um den Fall gekümmert. Unter der Hand klagen Mitarbeiter der BPjM deshalb, die Gerichte sollten doch erst einmal die schwerwiegenden Fälle der Liste B abarbeiten, bevor Sie sich mit der weit weniger dringlichen Liste A auseinandersetzen.
Auslöser des Condemned-Verfahrens war aber nicht etwa die Anzeige eines besorgten Familienvaters oder gar die Jagd auf gewaltverherrlichende Spiele, womöglich getrieben vom bayerischen Ministerpräsidenten Beckstein, dem "Killerspiele" zuwider sind. Stattdessen demonstriert der Fall, wie langsam die Mühlen der deutschen Justiz beizeiten mahlen: Der Titel habe halt auf einer dieser Listen der BPjM gestanden, sagt uns ein Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft München. Es habe jedoch eine Weile gedauert, bis das an die zuständigen Stellen durchgedrungen sei. Außerdem hätte man zuvor nicht die technischen Möglichkeiten gehabt, Condemned zu begutachten - es fehlte wohl ein spieletauglicher PC. Einen tieferen Grund, ausgerechnet für dieses Spiel eine Beschlagnahme zu beantragen, habe es nicht gegeben. Der Staatsanwaltschaft scheint der Unterschied zwischen den Listen A und B entgangen zu sein.
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