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Abandonware - Archive für vergessene Spiele

07.07.2008 | 10:25 Uhr |

Software ist meist schon nach kurzer Zeit veraltet und wird vom Hersteller nicht mehr weiter gepflegt. Viele Spiele-Klassiker sind im Internet aber noch verfügbar, wenn auch halblegal.

Im Englischen heißt "to abandon": etwas aufgeben, vernachlässigen, verlassen. Die schnelllebige Software-Industrie hat sich aus dem Wort einen eigenen Begriff herausgeprägt: Abandonware, zu deutsch etwa "aufgegebene Produkte". Davon gibt es reichlich. Weil Programme in regelmäßigen Zyklen aktualisiert werden (etwa Microsofts Windows) und der technologische Fortschritt die meiste Software schon nach wenigen Jahren überholt, fallen veraltete Produkte aus dem Markt, vor allem aber auch aus der Aufmerksamkeit der Hersteller. Dazu kommt eine unruhige Industrie, in der autonome Entwicklerfirmen von Großkonzernen geschluckt werden oder nach nur wenigen Titeln pleite gehen. All das hat zur Folge, dass es für die Käufer keine Support- oder Umtauschmaßnahmen mehr gibt. Die Software wird vernachlässigt, verlassen, aufgegeben - "to abandon".

Bis in die 1990er Jahre hinein war das ärgerlich, denn waren eine Diskette oder eine CD defekt, blieb meist nur der Gang über den nächsten Flohmarkt, in der Hoffnung, sein Lieblingsspiel oder -programm noch einmal zu ergattern. Die Wende zeichnete sich ab 1997 ab, als Software-Piraten eine Originalkopie des Spielhallen-Klassikers Pacman zum kostenlosen Download ins Netz stellten. Bald rollte eine Welle von Nachahmungstätern an, die es sich zur Aufgabe machte, "vernachlässigte" Software zu retten, also verfügbar zu erhalten. Seit dieser Zeit floriert im Internet die Abandonware-Szene, auch und besonders für alte Spiele. Allerdings: Die Anbieter operieren in einer rechtlichen Grauzone.

Abandonia ist ein umfassendes Archiv für alte Spiele
Vergrößern Abandonia ist ein umfassendes Archiv für alte Spiele
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Urheberrechtsvoraussetzungen
Große Abandonware-Webseiten sind regelrechte Bibliotheken der Spielegeschichte: 1.086 klassische Spiele bietet zum Beispiel allein die Abandonware-Seite Abandonia.com nach aktueller Zählung an, 2.135 sind es beim Konkurrenten C-DOS Abandonware. Darunter finden sich Meilensteine der PC-Geschichte von Alone in the Dark bis Zak McKracken , von Sierra-Adventures über die Anfänge der Echtzeit-Strategie bis hin zu obskursten Kleintiteln und originellen, längst vergessenen Experimenten: Kramläden der Spielegeschichte, vollgestopft mit Krimskrams und Schätzen. Die meisten Programme lassen sich mit einem Mausklick herunterladen. Viele der wichtigsten Klassiker haben deren Hersteller aber für die Verbreitung sperren lassen.

Grundlegend gilt: Abandonware hoch- oder herunterzuladen, die vom Hersteller nicht explizit zur Verbreitung freigegeben wurde, ist kein Kavaliersdelikt. Oder um es mit den Worten von "Cold Hand", dem Betreiber der französischen Abandonware-Seite Lost Treasures auszudrücken: "Um genau zu sein ist es völlig ungesetzlich." Denn Software fällt unter das internationale Urheberrechtsgesetz, das die Werke bis zu siebzig Jahre nach dem Tode des Urhebers schützt (§ 64). Dazu zählen auch Mit-Urheber wie beispielsweise die Dialogautoren oder Komponisten - also jeder, der in irgend einer Form künstlerisch in das Werk involviert war. In der Praxis würde das bedeuten, dass man den Lebenslauf jedes einzelnen von Dutzenden Kreativpartnern bis zu seinem Ende verfolgen plus 70 Jahre hinzufügen müsste - ein irrwitziges, beinahe kafkaeskes Unterfangen. Viele Firmen schließen sich deshalb dem amerikanischen ESA-Verband an, der ihnen die gröbsten Rechtslasten abnimmt und quasi als Wachhund die Einhaltung des Urheberrechts prüft. Dazu gehört, dass ESA-Mitarbeiter Abandonware-Seiten abklappern und Downloads schließen lassen.

Ich spiele, also stehle ich?
Viele, vor allem unabhängige Spiele- und Software-Hersteller tolerieren die kostenlose Verbreitung ihrer aufgegebenen Produkte, oder sie interessieren sich zumindest nicht dafür. "Die verbliebenen kleinen Hersteller, die sich tatsächlich noch mit ihren früheren Produkten identifizieren, führen keineswegs einen ›Krieg‹ gegen ihre Fans", sagt Hannes Schüller, der die Retro-Seite goodolddays.net betreibt. "Ganz im Gegenteil: Man muss sich nur beispielsweise Revolution Software ansehen, die geben ihre eigenen alten Spiele offiziell frei. Andere tun dies nicht aktiv, haben aber auch nichts dagegen, wenn sie vertrieben werden. Das zeigt sich manchmal sogar in freundlichen E-Mails, in denen wir eben NICHT aufgefordert werden, Downloads zu entfernen." Andere Erfahrungen hat Schüller dagegen mit den Branchenführern gemacht. "Die einzigen, die manchmal ein Problem mit Abandonware zu haben scheinen, sind die Firmen, die eine gesichtslose Größe erreicht haben." An Gerüchten über knallharte Abmahnungen und angedrohte gerichtliche Strafverfahren ist trotzdem wenig dran. "Am Nähesten kommt dem wohl der im anglo-amerikanischen Rechtsraum so genannte ›Cease-and-desist letter‹. Solche Unterlassungsaufforderungen habe ich in unterschiedlich formeller Ausprägung ein paar Mal bekommen. Fast alles waren persönliche E-Mails, in denen das Deaktivieren einzelner Downloads gefordert oder erbeten wurde. Die Schärfe im Ton dieser Schreiben variierte stark."

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