01.10.2004, 08:39

Andreas Kroschel, Thorsten Eggeling, David Wolski

Profirunde 1: Datenorganisation (II)

Dateisysteme
Windows kann von sich aus FAT und NTFS lesen und schreiben, letzteres auch mit der Verwaltung von Benutzerrechten. Linux unterstützt eine Vielzahl von Dateisystemen: Finden Sie im Keller eine alte Festplatte und wissen nicht mehr, ob diese irgendwann einmal unter DOS, OS/2 oder an einem Apple betrieben wurde, hängen Sie sie einfach an einen Linux-Rechner: Hier können Sie auf jeden Fall die Daten auslesen, Linux unterstützt für alle Fälle so ziemlich jedes bekannte Dateisystem.
Eine empfindliche Einschränkung gibt es allerdings: NTFS kann Linux nur lesen. Schalten Sie den experimentellen und mit Dutzenden von Warnungen versehenen Schreibzugriff ein und schreiben etwas auf einer NTFS-Partition, ist diese anschließend mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unbrauchbar. Betreiben Sie Windows und Linux im Dual-Boot-Verfahren auf einem Rechner, müssen Sie deshalb noch eine FAT-Partition für den Datenaustausch einrichten - ein ärgerlicher Umstand. Als Alternative können Sie den Captive NTFS-Treiber installieren, der den Original-Microsoft-Treiber verwendet, um NTFS lesen und schreiben zu können. Einen Vorteil erzielt Windows hier trotzdem nicht - die Umstände mit NTFS sind nur nötig, weil Microsoft dessen technische Spezifikationen weitgehend geheimhält.
Trotz der Vielzahl an unterstützten Dateisystemen kommen nur vier in Betracht, um Linux darauf zu betreiben: Ext2, Ext3, Reiserfs und XFS. Die anderen sind zum Einbinden von fremden Datenträgern gedacht. Das ist so ähnlich wie unter Windows - nur mit NTFS können Sie die Rechteverwaltung von Windows nutzen. Unter Linux ist das Ganze noch ein wenig strenger: Würden Sie es auf FAT installieren, funktionieren nicht alle Programme, etwa solche, die Passwörter in Konfigurationsdateien speichern. Diese erkennen oft selbst, dass eine unsichere Konfiguration vorliegt, wenn jeder die Passwörter lesen dürfte und verweigern die Arbeit.
Wertung: Der Punkt geht an Linux
Auf verschlungenen Pfaden
Umsteigern von Windows wird es eventuell merkwürdig vorkommen, dass Programme und ihre Konfigurationsdateien unter Linux komplett abgelegt werden. Hier finden Sie kaum die Windows-übliche Datenstruktur, bei der pro Programm ein Verzeichnis existiert und in diesem dann sowohl die ausführbaren Dateien als auch die DLLs liegen.

Bibliotheken, die unter Linux den DLLs entsprechen, liegen von diesen getrennt unter /lib und /usr/lib, während die Programme selbst unter /sbin, /usr/sbin, /bin und /usr/bin liegen. Globale Systemeinstellungen für ein Programm finden Sie unter /etc, während die benutzereigenen Konfigurationsdateien generell in Ihrem Heimatverzeichnis landen. Letzteres entspricht in etwa der Windows-Methode, nur dass statt einer Registry Textdateien zur Konfiguration üblich sind.
Für die tägliche Arbeit ist die Linux-Ablageweise einfacher: Im Pfad müssen sich nur die oben genannten Verzeichnisse für die Anwendungen befinden, schon können Sie die darin befindlichen Programme starten, egal ob aus einem Terminalfenster heraus oder über die grafische Oberfläche. Unter Windows würde die Existenz eine Programmes, das aus dem Start-Menü verschwunden ist, dagegen erst auffallen, wenn Sie das "Programme"-Verzeichnis durchsuchen. Nur wenige Installationsprogramme tragen ihre EXE in den Suchpfad ein.
Linux ist damit im Gegensatz zu Windows unabhängig davon, ob gerade eine grafische Oberfläche läuft und ob diese schön angepasste Menüs hat, das Starten von Programmen ist einfacher. Im Gegenzug erfordert diese Organisation mehr Disziplin von den Erstellern der Programmpakete: Wenn eine Installationsroutine ihre Dateien in drei, vier oder fünf Verzeichnisse verteilt, dürfen weniger Fehler passieren als wenn jedes Programm sein Verzeichnis besitzt. Auch Die De-Installation muss dann sorgfältig alle Dateien aus jedem Verzeichnis entfernen, es ist dem Benutzer noch weniger als unter Windows zuzumuten, Reste selbst zu entfernen.
Wertung: Der Punkt geht an Linux
Dateien und Attribute
Attribute, die eine Datei über ihren Namen und ihren Inhalt hinaus charakterisieren, gibt es sowohl unter Linux als auch unter Windows. Beispiele wären etwa das Attribut "schreibgeschützt", aber auch das Dateidatum gehört in weiterem Sinne dazu.

Im Gegensatz zu Windows ist unter Linux auch die Auführbarkeit einer Datei ein Attribut und nicht an deren Namen oder Endung, wie etwa EXE oder BAT, gekoppelt. Aus dieser Trennung bezieht Linux einen großen Sicherheitsvorteil: Wenn nicht Sie als Benutzer oder ein von Ihnen gestartetes Installationsprogramm explizit eine Datei für ausführbar erklären, dann ist sie es auch nicht.
Unter Windows muss eine per Mail gesandte Datei nur EXE, PIF, BAT usw. heißen und sie ist es. Das ist eine konzeptionelle Sicherheitslücke, auf die inzwischen zwar allerhand Patches und Fixes geflickt wurden, die aber prinzipiell immer ein Problem bleiben wird.
Wertung: Der Punkt geht an Linux
Fazit
Viele der unter Linux grundsätzlich anderen Methoden, wie etwa die Ablage der Dateien für installierte Programme, ihre Ausführbarkeit oder das Mounten, sind für Windows-Umsteiger nicht unbeträchtliche Hürden. Diese Konzepte brechen mit alten Gewohnheiten und mögen anfangs unbequem erscheinen, sind aber für ein komplexes System, das nach der Installation einige Jahre leben soll, besser durchdacht. Einen Punktabzug, weil NTFS unter Linux "ab Werk" nur lesenderweise möglich ist, gibt es nicht: Hier nehmen wir uns das Recht des Schiedsrichters heraus und werten die Geheimhaltung der NTFS-Interna durch Microsoft als grobes Foul. Linux spielt mit offenem Visier - die Quelltexte aller Dateisystem-Treiber liegen offen.
Windows gegen Linux: Bonusrunde 1: 0:3
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