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Power-Tablets aus China ausprobiert

17.06.2013 | 10:25 Uhr |

PC-WELT klärt, ob günstige Tablets aus China eine echte Alternative zu teuren Markengeräten sind, und auf welche Fallstricke Sie achten müssen. Wir haben zwei Tablets bestellt und verraten Ihnen im Kurztest, was Sie von den Geräten in puncto Leistung und Verarbeitung erwarten dürfen!

Es gibt heutzutage kaum jemanden, der nicht gerne ein nagelneues Smartphone oder Tablet mit Top-Technik hätte. Das wissen auch die Hersteller und veranschlagen hohe Preise beim Verkaufsstart eines neuen Geräts. Doch es scheint Alternativen zu geben! In Deutschland unbekannte Marken aus China bieten auf bunten Webseiten aktuelle Hardware zu Spottpreisen an. Doch die Euphorie über die Schnäppchen kann schnell in Frust umschlagen, wenn zu den günstigen Preisen eine saftige Versandpauschale hinzukommt oder der deutsche Zoll Gebühren berechnet. Es kann allerdings auch passieren, dass Sie der asiatische Online-Händler über den Tisch zieht und im allerschlimmsten Fall erst gar nicht liefert. Und selbst wenn die Geräte ankommen, macht sich unter Umständen doch schnell Ernüchterung über die tollen Schnäppchen breit.

Geräte aus China: Bestellung auf Risiko

Links das Chuwi V99, rechts das Ainol Novo 7 Venus. Beide Tablets gleichen in Sachen Design den bereits etablierten Geräten von Apple und Google. In China legen die Hersteller das Kopieren des Designs als Ehrerbietung aus.
Vergrößern Links das Chuwi V99, rechts das Ainol Novo 7 Venus. Beide Tablets gleichen in Sachen Design den bereits etablierten Geräten von Apple und Google. In China legen die Hersteller das Kopieren des Designs als Ehrerbietung aus.

Chinesische Webshops gibt es wie Sand am Meer, an Angebote zu kommen, ist also nicht das Problem. Die Händler unterliegen jedoch nicht dem deutschen Kaufs- und Verkaufsrecht, da sie ihren Sitz in China haben. Zahlen können Sie über mehrere Wege, die gängigste Zahlart ist die Kreditkarte. Besonders beliebt im asiatischen Raum sind auch Dienste wie Moneygram oder Western Union. Die beiden Dienstleister transferieren Bargeld in Echtzeit, ein Käuferschutz existiert nicht. Mit Paypal sind Sie aber auf der sicheren Seite, der Käuferschutz ist beim Bezahlen über den Dienst inklusive. Außerdem erhält der Verkäufer so nicht Ihre Konto- oder Kreditkartendaten. Weitere sichere Alternativen wären Sofortüberweisung.de oder Giropay.

Power-Hardware für wenig Geld
Wir haben den Test gemacht und im chinesischen Online-Shop Merimobiles zwei Tablets über Paypal und DHL Express geordert. Das erste Gerät trägt den Namen V99 und kommt vom Hersteller Chuwi mit Sitz im südchinesischen Shenzen. Das zweite Tablet fertigt Ainol, es führt die Modellbezeichnung Novo 7 Venus. In untenstehender Tabelle vergleichen wir die technischen Daten der chinesischen Tablets mit ihren Pendants von Apple und Google.

Technische Daten der Tablets im Vergleich

Modellbezeichnung

Apple iPad 4

Chuwi V99

Google Nexus 7

Ainol Novo 7 Venus

Prozessor

Apple A6X

Allwinner A31

Nvidia Tegra 3

Actions ATM7029

CPU-Kerne, -Takt

2x, 1,4 GHz

4x, 1,5 GHz

4x, 1,3 GHz

4x, 1,1 GHz

Grafik

Power VR SGX544

Power VR SGX544

Nvidia Geforce ULP

Vivante GC1000

Arbeitsspeicher

1 GB DDR2

2 GB DDR3

1 GB DDR3

1 GB DDR3

Interner Speicher

16 bis 128 GB

16 bis 32 GB

8 bis 32 GB

16 GB

Display, Diagonale

IPS, 9,7 Zoll

IPS, 9,7 Zoll

IPS, 7 Zoll

IPS, 7 Zoll

Display-Auflösung

2048 x 1536 Pixel

2048 x 1536 Pixel

1280 x 800 Pixel

1280 x 800 Pixel

Betriebssystem

iOS 6.0.1

Android 4.1.1

Android 4.1

Android 4.1.1

Akku

11 560 mAh

10 000 mAh

4325 mAh

4000 mAh

Schnittstellen

Lightning-Connector,
Audioklinke

Micro-SD-Karten-Slot,
Mini-HDMI, Micro-USB,
Audio-klinke, Strom,
Bluetooth, Wireless-LAN (802.11n)

Micro-USB,
Audioklinke

Micro-SD-Karten-Slot,
Mini-HDMI, Micro-USB,
Audio-klinke, Strom,
Bluetooth, Wireless-LAN (802.11n)

Kamera(s)

Vorderseite: 5 Megapixel,
Rückseite: 1,2 Megapixel

Vorderseite: 2 Megapixel,
Rückseite: 5 Megapixel

Vorderseite: 1,2 Megapixel

Vorderseite: 0,3 Megapixel,
Rückseite: 2 Megapixel

Gewicht

652 Gramm

612 Gramm

340 Gramm

335 Gramm

Mit Stand Anfang März 2013 ist das V99 für 186,96 Euro erhältlich, das Novo 7 gibt es für 107,71 Euro, zusammen macht das 294,67 Euro. Zu diesen Preisen und bei diesen Hardware-Spezifikationen erscheinen die beiden Geräte geradezu spottbillig: ein in der Theorie technisch vergleichbares iPad 4 ist für rund 500 Euro zu haben, also für mehr als den doppelten Preis. Allerdings orientiert sich das Gerät von Chuwi in Sachen Design am iPad und das von Ainol am Nexus 7. Und das hat seine Gründe, denn die Hersteller möchten damit am Erfolg der bereits etablierten Tablets anknüpfen.

China-Shops: Der Bestellvorgang im Detail
Der Bestellvorgang unterscheidet sich nicht von herkömmlichen Online-Shops. Nachdem wir die beiden Tablets in unseren virtuellen Warenkorb legen, dürfen wir vor der definitiven Bestellung die anfallenden Versandkosten berechnen lassen. Je flotter Sie das Gerät in den Händen halten möchten, desto höher fällt der Aufpreis aus. Meistens gibt es aber auch einen kostenlosen weltweiten Versand, der allerdings bis zu 21 Tage in Anspruch nehmen kann. Mit dem schnellsten Kurierdienst, beispielsweise DHL Express, klettert der Endpreis für beide Tablets dann auf immerhin 323,90 Euro, dafür erhalten Sie Ihr Paket jedoch auch innerhalb von drei bis sechs Werktagen.

Die deutsche Zollbehörde und die Steuern
Die nächste Hürde könnte der deutsche Zoll sein. Sobald das Gerät in Deutschland angekommen ist, prüft die Behörde das Paket und begutachtet zunächst den auf der Außenseite angegebenen Warenwert und um was für einen Artikel es sich handelt. Elektronische Geräte wie Smartphones oder Tablets sind grundsätzlich von Zollgebühren befreit, allerdings erhebt der Zoll dafür eine Einfuhrumsatzsteuer (EUSt) in Höhe von 19 Prozent.

Was wir bei unserer Bestellung nicht wussten: Die chinesischen Shops möchten dem Käufer einen Gefallen tun, indem Sie das Paket mit einem niedrigen Preis deklarieren, um so hohe Gebühren durch den Zoll zu vermeiden. Angeblich lagen in unserem Paket also zwei Ebook-Reader zu einem Gesamtpreis von 42 US-Dollar (rund 32 Euro).

Da der Zoll das Paket nicht geöffnet hat, fällt in unserem Fall noch eine Gebühr von 22,45 Euro an, die wir nachzahlen müssen. Dieser Betrag beinhaltet die Einfuhrumsatzsteuer und die Gebühren von DHL Express, da sie sich um die Zollabwicklung gekümmert haben. In der Regel übernimmt der Kurierdienst die Zollangelegenheit, so weit es geht, und gibt die Kosten bei der Auslieferung an Sie weiter. Wenn Sie keine Probleme mit der Zollbehörde haben wollen, können Sie den Händler bitten, die Waren richtig deklarieren zu lassen. Denn oft sieht der Zoll derartige Geräte als Plagiat an und zerstört sie. Schlussendlich sind wir also 346,35 Euro los, was einen Aufpreis von 51,68 Euro bedeutet.

Die China-Tablets im Kurztest

Zumindest an Anschlüssen mangelt es den China-Tablets nicht: Audioklinke, Strom, Micro-USB, Mini-HDMI und Micro-SD-Karten-Slot (hier das Chuwi V99, von links nach rechts). Bekannte Hersteller könnten sich da eine Scheibe abschneiden.
Vergrößern Zumindest an Anschlüssen mangelt es den China-Tablets nicht: Audioklinke, Strom, Micro-USB, Mini-HDMI und Micro-SD-Karten-Slot (hier das Chuwi V99, von links nach rechts). Bekannte Hersteller könnten sich da eine Scheibe abschneiden.

Uns fällt bei beiden Geräten auf, dass es sich nicht um die beste Verarbeitung handelt. Stellenweise knarzen die Geräte recht auffällig, und die Gehäuse machen den Eindruck, als wären sie nicht richtig zusammengefügt. Zwar hat der Händler daran gedacht, uns deutsche Steckdosenadapter beizulegen, nur erweisen sich die Stecker als ebenfalls grenzwertig in ihrer Verarbeitung.

Die Verarbeitung der China-Tablets ist grenzwertig, auch der Adapter ist klapprig gebaut und lässt sich nur mit Gewalt einstecken.
Vergrößern Die Verarbeitung der China-Tablets ist grenzwertig, auch der Adapter ist klapprig gebaut und lässt sich nur mit Gewalt einstecken.

Wir starten die Geräte und können von Glück reden, dass die Android-Oberfläche bereits auf Englisch ist, im Menü lässt sich ohne Weiteres auf Deutsch wechseln. Doch schon bei der Bedienung bemerken wir, dass das System träge auf unsere Eingaben reagiert und sich gern längere Denkpausen gönnt. Alles in allem verschonen uns die Tablets nicht mit Rucklern. Das Datenblatt hat also Versprechungen gemacht, die die Tablets in der Praxis nicht halten können.

Das Google Nexus 7 lässt der Internetkonzern von Asus fertigen, der Zusammenbau erfolgt in China. Das sowieso schon günstige Tablet unterbietet Ainol um fast 100 Euro.
Vergrößern Das Google Nexus 7 lässt der Internetkonzern von Asus fertigen, der Zusammenbau erfolgt in China. Das sowieso schon günstige Tablet unterbietet Ainol um fast 100 Euro.

Hier einige Zahlen: Im Sunspider-Benchmark erreicht das V99 2115,4 Millisekunden, das Novo 7 Venus schafft 2738,1 Millisekunden. Die optischen Pendants iPad 4 und Nexus 7 stechen die beiden Kopien mit 958,4 respektive 1748,7 Millisekunden gnadenlos aus. Auch im Smartbench halten sich die China-Tablets eher in den unteren Rängen auf – trotz der auf den ersten Blick vergleichbaren Hardware. Die Messung der beiden Bildschirme gibt dafür ein noch akzeptables Ergebnis aus, in der Praxis erweisen sie sich als sehr blickwinkelstabil.

So steht es um den Support
Im Problemfall gewähren Ihnen die Händler meistens eine Gewährleistung von zwölf Monaten. Dafür muss das Gerät jedoch zurück nach China – auf Ihre Kosten. Und im Garantiefall kann die Reparatur Monate dauern. Oft verlangen die Shops auch einen prozentualen Warenwert für das Beheben des Defekts. Im Internet berichten zahlreiche Käufer, dass viele Shops den Kundenkontakt scheuen und Mails oder Anrufe unbeantwortet bleiben. Also erkundigen Sie sich vorher genau, bei welchem Shop-Betreiber Sie einkaufen!

Unser Fazit zu den Power-Tablets aus China
Überlegen Sie sich einen Kauf von Tablets aus China auf jeden Fall zweimal. Denn abgesehen von den lauernden Zusatzkosten erwartet Sie auch eine risikoreiche Bestellung. Des Weiteren ist die Verarbeitung der Geräte schlecht, insbesondere hat der Hersteller das vorinstallierte Android kaum auf die eigentlich recht starken Hardware-Komponenten abgestimmt. Alles in allem erhalten Sie billige Geräte zu einem billigen Preis.

Interessant sind die Tablets für Hobby- und App-Entwickler sowie für Bastler oder als Zweit-Tablet für Ihre Kinder. Wer Glück hat, kann auf eine eifrige Community zählen, die gute Custom-ROMs programmiert. Denn die angepassten Betriebssysteme erlauben oft zusätzliche Funktionen sowie einen flüssigeren Betrieb. Weiterer positiver Nebeneffekt: Die Geräte sind meist schneller auf dem neuesten Stand des aktuellsten Android-OS.


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