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Plus-PC: Chronik eines Skandals

02.12.2002 | 14:15 Uhr |

Der Bericht über Störstrahlungen des "Volks-PCs I" im letzten Heft hat dem Hersteller 4MBO nicht gefallen. Es kam zum Prozess, das Hamburger Landgericht hat unserer Berichterstattung Recht gegeben. Die ungeschminkte Chronik des Skandals um den "Volks-PC I" ...

Der Bericht über Störstrahlungen des "Volks-PCs I" im letzten Heft hat dem Hersteller 4MBO nicht gefallen. Es kam zum Prozess, das Hamburger Landgericht hat unserer Berichterstattung Recht gegeben.

Unliebsame Berichterstattung: Mit juristischen Tricks, mit Druck auf die Redaktion und auf den Verlag wollte 4MBO verhindern, dass wir über Störstrahlungen des im Oktober verkauften "Volks-PCs I" berichten

Der bei Plus im Oktober verkaufte "Volks-PC I" strahlt, erzählt ein Anrufer der PC-WELT-Redaktion. Er soll die gesetzlich zulässigen Grenzwerte für Störstrahlungen massiv überschreiten, die in der Norm EN 55022, Klasse B, festgelegt sind. Wenn die Informationen stimmen, dann dürfte der von 4MBO hergestellte Rechner keine CE-Plakette tragen. Und ohne CE-Label darf in Europa kein Gerät in den Handel kommen, auch der "Volks-PC I" nicht.

Wir studieren die Messprotokolle, die er uns per Mail als "Beweis" hat zukommen lassen. Ihnen zufolge hat das Prüfinstitut OBL in Hüllhorst zwei "Volks-PCs I" getestet. Die Protokolle zeigen ein verheerendes Ergebnis: Beide Exemplare des P.C.V.O. - so der offizielle Name des "Volks-PCs I" - überschreiten an mehreren Stellen die zulässigen Grenzwerte der CE-Norm, und zwar signifikant.

Für einen Anfangsverdacht reicht das. Viele Fragen sind aber noch offen: Was wissen wir über das Prüfinstitut OBL? Stammen die Messprotokolle wirklich von dort? Würde man uns gegenüber die Messergebnisse bestätigen? Und vor allem: Sind die Ergebnisse reproduzierbar, bei einem anderen Prüflabor mit einem weiteren Rechner aus der "Volks-PC I"-Serie? Die Recherche beginnt.

Zwei Exemplare des "Volks-PCs I" stehen schon seit einiger Zeit bei uns im Verlag. Eines hatte 4MBO der Redaktion der PC-WELT zur Verfügung gestellt, das andere unserer Schwesterpublikation Gamestar. Wir kontaktieren das EMV-Testlabor von Fujitsu- Siemens in Augsburg, ein CE-akkreditiertes Labor. Es wird von Diplom-Ingenieur Heinz Zenkner geleitet. Zenkner ist einer der wenigen vereidigten Sachverständigen für elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) in Deutschland.

Die Ingenieure vermessen in ihrer EMV-Testhalle den "Volks-PC I" der Gamestar.

Das Ergebnis: Der 4MBO-PC strahlt bei zahlreichen Frequenzen wesentlich stärker, als es die Norm erlaubt. Wir diskutieren mit Zenkner die Testergebnisse. Er erklärt uns, dass die Störfrequenzen nicht zufällig zustande kommen, sondern systemimmanent sind. Im Klartext: Nicht die Peripheriegeräte verursachen die Störfrequenzen, sondern der "Volks-PC I".

Wir wissen inzwischen: Das Prüflabor Obering. Berg & Lukowiak (OBL) ist ebenfalls beim Deutschen Akkreditierungsrat (DAR) für die Durchführung von EMV-Tests akkreditiert. Ein paar Telefonate ergeben: OBL genießt in der Branche einen ausgezeichneten Ruf.

Wir kontaktieren OBL und konfrontieren unseren Gesprächspartner mit den uns vorliegenden Prüfberichten über den "Volks-PC I". Ja, das stimme. OBL habe zwei Exemplare des "Volks-PCs I" getestet. Beide Geräte seien beim CE-Test durchgefallen. Wir hätten das gerne auch schriftlich. Wir wollen in den ursprünglichen Testauftrag eintreten und die Berichte auf unseren Namen erneut ausgeschrieben haben.

Das ist eine übliche Vorgehensweise, etwa wenn Hersteller X ein Gerät testen lässt, das auch unter dem Label von Hersteller Y vertrieben werden soll. Dann lässt sich Hersteller Y in der Regel ebenfalls die Testberichte auf seinen Namen erneut ausschreiben.

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