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Pimp your Fire TV

18.03.2015 | 11:25 Uhr |

Die Settopbox von Amazon soll vor allem Filme von Prime Instant Video ins Wohnzimmer streamen. Doch Fire TV kann viel mehr, die Fesseln des Herstellers lassen sich einfach lösen.

Apple hat sein Apple TV schon lange, Google setzt auf den Chromecast-Stick und Amazon bringt Filme aus seinem Videoshop nun mit einer eigenen Settopbox auf den Fernseher. Doch Fire TV kann viel mehr, als das schlanke schwarze Kästchen in der Größe einer CD auf den ersten Blick verspricht.

Fire TV läuft auf Android-Basis, die Box arbeitet allerdings ähnlich wie Fire-Tablets von Amazon mit einem in sich abgeschlossenen System. Zugriff auf den Playstore von Google und damit auf Hundertausende Android-Apps gibt es nicht, den Amazon-eigenen App-Store darf man zurecht als „übersichtlich“ bezeichnen. Auch lässt sich der vorhandene USB-Anschluss nicht so verwenden, wie die meisten Anwender sich das wünschen. Amazon sieht nämlich gerade einmal den Anschluss von Tastatur und/oder Maus vor, das naheliegende Abspielen von Musik, Bildern oder Videos von einem USB-Datenträger wird dagegen nicht unterstützt. Das gleiche gilt für das Streamen via DLNA im Heimnetzwerk, auch hier muss Fire TV per Default passen.

Fire TV: Gute Hardware mit vielen Möglichkeiten

Im Test hinterließ die Hardware einen guten Eindruck: flotter Prozessor, einfache Bedienung und eine gut funktionierende Sprachsteuerung zum Auswählen der Filme aus der Amazon-Videothek Prime Instant Video. Selbst zum gelegentlichen Spielen eignet sich Fire TV, sofern man zusätzlich die knapp 40 Euro in den Fire Gamecontroller investiert. Im Prinzip also gute Voraussetzung für mehr, wenn sich nur die künstlich angelegten Fesseln lösen ließen. Und genau das ist vergleichsweise einfach, das meiste sogar ohne Rooten. Vielmehr genügen ein paar Mausklicks!

Diese beiden Einstellungen auf der Fire TV-Box und dazu die im Bild nicht eingeblendete IP-Adresse im Heimnetzwerk sind wichtig, um Android-Apps vom PC aus zu installieren.
Vergrößern Diese beiden Einstellungen auf der Fire TV-Box und dazu die im Bild nicht eingeblendete IP-Adresse im Heimnetzwerk sind wichtig, um Android-Apps vom PC aus zu installieren.

So geht’s: Im ersten Schritt aktivieren Sie mit der Fernbedienung auf der Bedienoberfläche der Box über „Einstellungen -> System-> Entwickleroptionen" die beiden Optionen „ADB Debugging“ und „Apps unbekannter Herkunft“. Notieren Sie zudem die aktuelle IP-Adresse des Fire TV im Heimnetz, die Sie über „Einstellungen -> System -> Info -> Netzwerk“ auslesen. Diese Einstellungen bzw. Info sind wichtig, um bequem vom PC aus (fast) beliebige Android-Apps als APK-Dateien auf dem Amazon-Gerät zu installieren.

Amazon Fire HDX 8.9 im Test

Dazu verwenden Sie die Software adbFire , die Sie ohne Installation direkt starten. Auf der Programmoberfläche tragen Sie im Feld „device address“ die ausgelesene IP-Adresse ein und klicken auf „Connect“. Danach lassen sich die Android-Apps über den Button „Install APK“ auf die Settopbox aufspielen, sofern diese als APK-Installationsdateien vorliegen.

APK-Dateien finden Sie meist über die Suchkombination „APK“ und den Namen der App im Internet, alternativ stöbern Sie in einer der großen APK-Sammlungen, z.B. auf APK Mirror . Überprüfen Sie Apps aus solchen Quellen stets mit einem aktuellen Virenscanner auf mögliche Schadinhalte! Eine weitere Möglichkeit ist, Apps aus dem Google-Playstore als APKs zu extrahieren, indem Sie das Windows-Programm Raccoon verwenden. Starten Sie Raccoon und verknüpfen Sie das Tool einmalig mit Ihrem Google-Konto. Ist das erledigt, erscheint die eigentliche Programmoberfläche, auf der Sie über das „Suche“-Feld die Apps finden und mit dem „Download“-Button auf der Festplatte speichern.

Die Software Raccoon extrahiert Android-Apps aus dem Google-Playstore als APK-Dateien, die sich anschließend auf der Settopbox von Amazon installieren lassen.
Vergrößern Die Software Raccoon extrahiert Android-Apps aus dem Google-Playstore als APK-Dateien, die sich anschließend auf der Settopbox von Amazon installieren lassen.

F-Droid stellt eine Alternative zu Googles Playstore dar, der weiter über 1.000 Open-Source-Apps bereithält. Dazu muss F-Droid erst als APK installiert werden, die weiteren Apps lassen sich dann direkt auf Fire TV mit der Fernbedienung laden. Schließlich lassen sich Apps vom Android-Smartphone oder -Tablet auch mit AGK Fire auf die Settopbox im gleichen Netzwerk übertragen.

Maxdome, Watchever, Hulu und Co: So installieren Sie jede App

Zurück zur APK-Installation über adbFire. Über die Schaltfläche „Install APK“ wählen Sie eine heruntergeladene APK-Datei aus und bestätigen mit „Yes“. Es dauert einen Moment, bis der grüne Fortschrittsbalken abläuft und der Hinweis „Installed“ erscheint – mitunter einige Minuten.

Die so per Sideload installierten Apps erscheinen zunächst nicht unter „Apps“ auf der Bedienoberfläche des Fire TV. Sie müssen sie vielmehr etwas umständlich über „Einstellungen -> Anwendungen -> Alle installierten Apps verwalten -> (Auswahl der App) -> App starten“ aufrufen. Startet eine App mit dem Hinweis „Google Play-Dienste aktualisieren“ nicht, holen Sie dies über die entsprechende APK-Datei nach.

Das Starten der per Sideload nachträglich auf Fire TV installierten Apps ist etwas mühsam. Bequeme Abhilfe schafft die Launcher-Oberfläche FiredTV.
Vergrößern Das Starten der per Sideload nachträglich auf Fire TV installierten Apps ist etwas mühsam. Bequeme Abhilfe schafft die Launcher-Oberfläche FiredTV.

Das umständliche Starten der Apps beseitigt der App-Launcher FiredTV . Die alternative Bedienoberfläche ersetzt den Original-Homescreen und umfasst auch die per Sideload installierten Apps, so dass sie nicht über vielfaches Drücken auf der Fernbedienung gestartet werden müssen. Hinzu kommt die bequeme Konfiguration: Hält man auf der FiredTV-Oberfläche den zentralen OK-Button auf der Fire-Fernbedienung gedrückt, erscheint zur markierten App ein Kontextmenü mit weiteren Möglichkeiten. Mehr Infos zu FiredTV finden Sie beim Hersteller , ohne FiredTV lässt sich mit der App AutomateIt und selbst definierten Regeln jede installierte App vom ursprünglichen Homescreen starten.

Fehlen soll schließlich nicht der Browser: Der „UC Browser“ eignet sich gut für mobile Geräte und damit auch für Fire TV. Die Installationsdatei laden Sie über den Link „Android -> APK“ auf der Herstellerseite auf den PC und installieren sie von dort. Einziger Nachteil: Die Bedienung des UB Browsers nur mit der Fernbedienung ist mühsam, einfacher geht es mit Bluetooth-Tastatur und -Maus am Fire TV.

Surfen am Fire TV, am besten mit Maus und Tastatur: Der UC Browser ist schnell installiert und bietet eine klar strukturierte Bedienoberfläche.
Vergrößern Surfen am Fire TV, am besten mit Maus und Tastatur: Der UC Browser ist schnell installiert und bietet eine klar strukturierte Bedienoberfläche.

Videos, Musik und Fotos aus dem Heimnetz und vom Handy streamen

Zum Streamen von Medieninhalten über das Heimnetz eignet sich die App Plex, die Amazon in seinem App-Store auf der Box selbst bereitstellt. Der Plex-Client benötigt nun noch das Server-Pendant, das auf einem Windows-, Linux- oder Apple-Rechner oder auf einer Netzwerkfestplatte (NAS) installiert werden kann.

Die Server-App steht übrigens für NAS-Geräte vieler Hersteller zur Verfügung , doch einfacher als hier die für die eigene Netzwerkfestplatte passende App auszuwählen, lässt sich Plex auch über das Web-Bedieninterface der NAS aufspielen. Dazu rufen tippen Sie IP-Adresse der NAS in die Browser-Adresszeile eines im Netzwerk verbundenen PCs oder nutzen das jeweilige Hilfsprogramm des Herstellers. Melden sich dann auf der Konfigurationsoberfläche des Netzwerkspeichers an und installieren über das Paketzentrum Plex. Nach dem Setup richten Sie noch die Verzeichnisse ein, auf die die Server-App zugreifen darf. Die Videos, Musik und Fotos in diesen Ordnern sehen Sie dann über den Plex-Client am Fire TV.

Mit AirReceiver findet sich im Amazon App-Store eine weitere App, die sämtliche Inhalte vom iPhone oder iPad auf Fire TV und damit auf den Fernseher spiegelt. Die App zum Preis von gut zwei Euro startet man auf der Settopbox, aktiviert darin die Funktion „Enable AirPlay“ und stellt in der Rubrik „Airmirror“ noch die Auflösung („Resolution“) auf die native Auflösung seines TV-Gerätes um, also auf 1.920 x 1.080 Pixel bei Full-HD-Geräten. Auf dem Mobilgerät aktivieren Sie die AirPlay-Bildschirmsynchronisation, indem Sie im Kontrollzentrum auf „AirPlay“ klicken. Sind iPad bzw. iPhone und Fire TV im gleichen Netzwerk angemeldet, erscheint dort der Eintrag „AirReceiver (AFTB), den Sie bitte auswählen und darunter die Bildschirmsynchronisation einschalten. Das Mobilgerät bedienen Sie wie gewohnt, es dient jetzt quasi als Fernbedienung, indem es alle Bildschirminhalte inklusive Ton auf den Fernseher überträgt.

AirReceiver heißt die komfortable App, die sämtliche Inhalte vom iPad oder iPhone im Heimnetzwerk auf die Settopbox von Amazon und damit auf den Fernseher streamt.
Vergrößern AirReceiver heißt die komfortable App, die sämtliche Inhalte vom iPad oder iPhone im Heimnetzwerk auf die Settopbox von Amazon und damit auf den Fernseher streamt.

Unter Android lassen sich lokale Inhalte vom Mobilgerät über die Kombination von BubbleUPnP auf dem Smartphone bzw. Tablet und auf Fire TV übertragen, auf der Settopbox wieder per Sideload installiert. Die Vollversion („License“) kostet 3,49 Euro, alternativ lässt sich die Übertragung mit Plex realisieren, wenn auf dem Mobilgerät die Server-Variante Plex for Android für 1,59 Euro läuft.

Fotos, Videos und Musik vom Handy auf den Fernseher

Mediacenter-Software XBMC bzw. Kodi auf Fire TV

Noch mehr Möglichkeiten inklusive einer einheitlichen Bedienoberfläche bietet die Mediacenter-Software Kodi, bisher unter der Bezeichnung XBMC geläufig. Die neueste Version Kodi 14 bieten finden hier , wählen Sie die Version für Android-ARM, nicht die für Android-x86.

Die APK-Datei installieren Sie auf der Amazon-Box über adbFire wie beschrieben. Bei uns dauerte es rund vier Minuten, bis die rund 60 MByte große Datei aufgespielt war. Der Programmstart über den FiredTV-Launcher oder über „Einstellungen -> Anwendungen -> Alle installierten Apps verwalten -> Kodi -> App starten“ inklusive der Ersteinrichtung ist schnell vollzogen. Wer schon einmal mit XBMC auf dem PC gearbeitet hat, erkennt die Oberfläche gleich wieder und findet sich sofort zurecht.

Kodi (früher „XBMC“) ist nicht nur eine sehr leistungsfähige Mediacenter-Software mit vielen Möglichkeiten, sie läuft auf dem Amazon Fire TV auch ausgesprochen flott.
Vergrößern Kodi (früher „XBMC“) ist nicht nur eine sehr leistungsfähige Mediacenter-Software mit vielen Möglichkeiten, sie läuft auf dem Amazon Fire TV auch ausgesprochen flott.

Stellen Sie nun die Sprache der Oberfläche auf Deutsch um, indem Sie auf „System -> Settings -> Appearance > International -> Language: German“ klicken. Gehen Sie anschließend nochmals auf „Sprache & Region“ und ändern dort die Region auf „Deutschland“ und die Tastaturbelegung auf „German QWERTZ“. Die weiteren Möglichkeiten von Kodi bzw. XBMC sind nahezu unbegrenzt: Vom Facebook-Client über den TV-Empfang, das Streamen der Medieninhalte inklusive Zugriff auf Cloud-Speicher, Mediatheken-Apps, Spiegel TV und und und ... Einige grundlegende Schritte und Möglichkeiten von Kodi/XBMC erklärt ein PC-WELT Ratgeber , noch mehr Details gibt es im englischsprachigen Wiki .

Kodi läuft auf der Settopbox von Amazon richtig flott und die Steuerung macht auch deshalb Spaß, weil die Fernbedienung nicht wie üblich über Infrarot, sondern per Bluetooth funktioniert. Man muss sie also nicht in Richtung Fire TV richten, sondern kann sie beliebig halten. Einziger Wermutstropfen bleibt, dass Fire TV und damit hier auch Kodi keinen Zugriff auf USB-Massenträger erlaubt – doch auch dafür gibt es Abhilfe.

Rooten im Prinzip einfach, aber auf eigene Gefahr!

Alle bisher beschriebenen Möglichkeiten benötigen keinen „Root-Zugriff“, also keine erweiterten Zugriffsrechte. Ausgenommen ist nur der uneingeschränkte Zugriff auf den USB-Anschluss zum Streamen über eine externe Festplatte.

Das Rooten ist über die Towelroot-App , die SuperSU-App und den „Root“-Button in einem der PC-Tools adbFire oder Amazon Fire TV Utility App nicht schwierig, im ungünstigen Fall kann es die Settopbox aber unbrauchbar machen. Weder Amazon noch PC-WELT übernehmen für das Rooten deshalb irgendeine Gewährleistung!

Wie sich Fire TV übrigens wieder unrooten, also in den ursprünglichen Zustand zurücksetzen lässt, lesen Sie hier .

Das PC-Programm Amazon Fire TV Utility App hilft, Fire TV zu rooten. Damit lässt sich auch der USB-Anschluss der Box zum Streamen von einem USB-Datenträger nutzen.
Vergrößern Das PC-Programm Amazon Fire TV Utility App hilft, Fire TV zu rooten. Damit lässt sich auch der USB-Anschluss der Box zum Streamen von einem USB-Datenträger nutzen.
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