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Online-Bibliothek mit Calibre und Linux einrichten

13.04.2015 | 13:01 Uhr |

Das Open-Source-Programm Calibre eignet sich nicht nur als Bibliothek auf dem eigenen Rechner. Es gibt eine Server-Komponente, die eine durchsuchbare Bibliothek über den Webserver von Calibre bereitstellt.

E-Books sind ein neues Phänomen, das sich zusammen mit günstigen Tablets mit gut lesbaren IPS-Bildschirmen und kontrastreichen Readern wie dem Amazon Kindle einen Markt erschlossen hat. Auch bibliophile Leserinnen und Leser erwärmen sich langsam für digitale Formate. Auch wenn literarische Werke natürlich am besten auf bedrucktem Papier aufgehoben sind und ein Tablet-Bildschirm nicht die Haptik eines gebundenen Buches ersetzen kann, gibt es viele interessante Neuerscheinungen junger Autoren nur noch als Epub-Buch. Auch technische Dokumentationen, Zeitschriften und IT-Fachbücher, die sowieso nie den Charme eines gedruckten Buches haben, sind gut in einem durchsuchbaren PDF oder Epub aufgehoben. Gerade bei Dokumentationen und Fachbüchern kommt schnell eine so umfangreiche digitale Bibliothek zusammen, dass sich der Einsatz eines speziellen Verwaltungsprogramms lohnt.

Die Empfehlung: Calibre

Das bekannteste freie Programm ist Calibre, das innerhalb des Jahres 2014 einen gewaltigen Satz von zu Version 1.2 zu 2.7 gemacht hat. Calibre ist in Python geschrieben und mit einer Qt-Oberfläche ausgestattet. Damit bauen Sie eine zentrale Bibliothek auf, in der Sie digitale Bücher in den Formaten Epub, PDF, Mobi, CHM, AZW3 für den Amazon Kindle und viele andere Textformate aufnehmen. Calibre erstellt ein neues Verzeichnis mit einer einheitlichen Ordnerstruktur und legt die Dateien als Kopie dort ab.

Der Haken einer lokalen Bibliothek ist aber, dass diese zunächst nur auf dem Rechner zur Verfügung steht, auf dem Calibre installiert ist. Und das entspricht heute oft nicht mehr den Nutzungsgewohnheiten in einem vernetzten Zuhause, in dem man auch mal vom Sofa aus mit dem Notebook oder Tablet ein digitales Buch aus der Bibliothek lesen möchte oder deren Bestand durchsuchen will. Aber genau das beherrscht Calibre auch, und es gibt sogar mehrere Wege, auf das Programm oder auch nur auf dessen Bibliotheken zuzugreifen.

E-Books in unterschiedlichen Formaten lesen

Vorbereitung: Calibre installieren

In Ubuntu 14.10 und seinen Varianten liegt Calibre in der Version 2.5 in den Standard-Paketquellen, und das ist eine Version von passabler Aktualität, auch wenn Calibre bereits bei Version 2.7 angekommen ist (Stand November 2014). In dieser Distribution können Sie Calibre über den Paketmanager in einem Terminal-Fenster mit

sudo apt-get calibre

installieren. Richtig abgestanden ist dagegen Calibre in Ubuntu 14.04, Debian 7, Fedora 20 und Open Suse 13.1. Bei diesen Distributionen ist es empfehlenswert, lieber ein aktuelleres Calibre von der Entwickler-Webseite zu holen und der Installationsanleitung zu folgen. Für Ubuntu 14.04 gibt es ein PPA, das als inoffizielles Repository eine neue Version von Calibre nachrüsten kann. Um das PPA zu nutzen, fügen Sie es mit dem Kommando

sudo add-apt-repository ppa:n-muench/calibre

hinzu und installieren dann über die beiden Befehle

sudo add-apt-repository ppa:n-muench/calibre sudo apt-get calibre

die neuere Version 2.0 von Calibre.

Die aktuellste Fassung von Calibre zu installieren ist jedoch auch nicht schwer, da diese als ausführbare Binary für alle Distributionen auf der Projekt-Webseite des indischen Programmierers samt Installationsanleitung bereitliegt.

Calibre per X11-Forwarding: Auf einem anderen Linux-PC im lokalen Netzwerk können Sie das Programm per Fernzugriff mit SSH auf den Bildschirm holen.
Vergrößern Calibre per X11-Forwarding: Auf einem anderen Linux-PC im lokalen Netzwerk können Sie das Programm per Fernzugriff mit SSH auf den Bildschirm holen.

Server-Möglichkeit 1: X11-Forwarding

Ein altmodischer Weg, der aber zwischen zwei Linux-PCs im Netzwerk nicht zu verachten ist, nutzt die Netzwerkfähigkeit des X-Window-Systems, um die Bildschirmausgabe, Maus- und Tastatureingabe einer Anwendung auf einem anderen Linux-System anzuzeigen. Diese Art des Fernzugriffs nennt sich X11-Forwarding und funktioniert mit Calibre sehr ordentlich. Sie starten damit vom ersten Linux-PC Calibre auf einem zweien Linux-PC, sehen aber das Programmfenster auf dem ersten PC so, als würde es dort lokal laufen. An Voraussetzungen braucht dieser Weg nicht viel: Auf dem Linux-Rechner, der Calibre und dessen Bibliothek beherbergt, muss nur der Open-SSH-Server laufen, der X11-Forwarding standardmäßig unterstützt. Auf einer Distribution des Ubuntu-Zoos richten Sie den Open-SSH-Server kurzerhand mit dem Kommando

sudo apt-get install openssh-server

ein, der dann sofort ohne weitere Konfiguration mit seinen Voreinstellungen einsatzbereit ist. Auf dem anderen Linux-Rechner, der Calibre anzeigen soll, brauchen Sie dagegen nur den SSH-Client, der bei jeder Distribution vorinstalliert ist. Mit dem Befehl

ssh -XC [Benutzername]@[IP-Adresse]

melden Sie sich per SSH auf der Shell des Calibre-PCs an und aktivieren dabei mit den Parameter „-XC“ den Fernzugriff auf das X-Window-System. Nun starten Sie in der Shell Calibre einfach mit dem Aufruf calibre.

Die Besonderheiten: Der Vorzug vom Fernzugriff auf Calibre per X11-Forwarding ist der geringe Aufwand. Zudem wird über das Netzwerk das gewohnte Programmfenster von Calibre angezeigt, so dass alle Funktionen zur Verfügung stehen. Das Netzwerk/WLAN darf dabei nicht instabil sein, braucht aber auch keine Rennstrecke zu sein, und auch ein langsames WLAN reicht für X11-Fordwarding.

Geeignet ist dieser Weg natürlich nur von einem anderen Linux-PC aus, während andere Systeme und Tablets außen vor bleiben.

Eine andere Einschränkung ist, dass Calibre nur in einer Instanz laufen kann und daher der gleichzeitige Fernzugriff von mehreren PCs ausscheidet.

Den Calibre-Server mit Passwort versehen: Damit im lokalen Netzwerk nicht jeder auf die Bibliothek zugreifen kann, gibt es optional einen Log-in für einen oberflächlichen Schutz.
Vergrößern Den Calibre-Server mit Passwort versehen: Damit im lokalen Netzwerk nicht jeder auf die Bibliothek zugreifen kann, gibt es optional einen Log-in für einen oberflächlichen Schutz.

Server-Möglichkeit 2: Der Calibre-Server

Noch einfacher als X11-Forwarding macht der in Calibre eingebaute Webserver den simplen Lesezugriff auf die Bibliothek über einen Webbrowser. Dazu bringt das Programm eine sehr schlichte Weboberfläche mit, die zwar nur wenige Optionen ohne Änderungsmöglichkeiten an der Datenbank bietet, aber zum Durchstöbern völlig ausreicht. Dazu klicken Sie in der Menüleiste von Calibre einfach auf das Symbol „Verbindung/Teilen -> Inhalte-Server starten“. Jetzt können Sie in jedem Browser den Calibre-Server über die IP-Adresse des Linux-PCs im LAN über die Adresse

http://[IP-Adresse]:8080

erreichen und die Bibliothek nach Kategorien durchblättern oder mit der Volltextsuche durchforsten.

Die Besonderheiten: Einfacher geht es kaum, die Calibre-Bibliothek im lokalen Netzwerk mehreren Geräten und Nutzern verfügbar zu machen, zumal diese nur einen Webbrowser benötigen. Für Smartphones mit kleinem Bildschirm gibt es auch eine platzsparende Ansicht der Weboberfläche über den Link „Mobile“ rechts oben. Beim Öffnen eines Dokuments wird dieses heruntergeladen und im voreingestellten Reader für das jeweilige Format angezeigt. Ein großer Vorteil ist, dass der Calibre-Server ein eigenständiges Programm ist, das Sie mit

calibre-server

auch auf der Kommandozeile oder per Autostart-Eintrag der Desktop-Umgebung im Hintergrund ausführen können. Weiterhin können Sie den Webzugriff mit einem Passwort schützen. Die Option finden Sie unter „Einstellungen -> Versand -> Netzwerk-Server“. Beachten Sie, dass dieses Passwort per HTTP unverschlüsselt übertragen wird. Da der Zugriff auf die Datenbank nur lesend erfolgt, bleibt es weiterhin möglich, gleichzeitig die Calibre-Anwendung zu nutzen.

Calibre 2 OPDS: Eine Menge von Einstellungen ist nötig, um die Calibre-Datenbank nach HTML und in das Format OPDS zu exportieren. Die Originaldokumente werden als Kopie im Zielordner abgelegt.
Vergrößern Calibre 2 OPDS: Eine Menge von Einstellungen ist nötig, um die Calibre-Datenbank nach HTML und in das Format OPDS zu exportieren. Die Originaldokumente werden als Kopie im Zielordner abgelegt.

Server-Möglichkeit 3: Calibre nach HTML

Die beiden bisher genannten Methoden eignen sich für das lokale Netzwerk, nicht aber für die Publizierung der Calibre-Bibliothek auf dem eigenen Webserver im Internet, damit die Bücher auch von unterwegs aus zugänglich sind. Ein Programm dazu, das unabhängig von Calibre entwickelt wird, ist die Java-Anwendung Calibre 2 OPDS. Diese wird nur auf dem PC installiert, auf dem auch Calibre läuft. Es liest dort die Datenbank und erzeugt daraus eine statische HTML-Seite oder einen XML-Katalog im OPDS-Format in einem angegebenen Verzeichnis, zusammen mit den Originaldokumenten. Das ganze Verzeichnis brauchen Sie dann nur auf den Webserver ins gewünschte Verzeichnis kopieren, um die Bibliothek mit einem Index und den Dokumenten online zu bringen. Ein Wort der Warnung: Calibre 2 OPDS ist Bastelware und teilweise noch eine Baustelle. Es richtet sich an fortgeschrittene Anwender mit Lust am Experimentieren, obwohl es schon bei Versionsnummer 3.4 steht.

Die statischen Webseiten von Calibre 2 OPDS: Wer Geduld mitbringt, kann mit eigenen Templates das Aussehen des statischen Katalogs ändern oder per Frame auf einer Webseite einblenden.
Vergrößern Die statischen Webseiten von Calibre 2 OPDS: Wer Geduld mitbringt, kann mit eigenen Templates das Aussehen des statischen Katalogs ändern oder per Frame auf einer Webseite einblenden.

Als Java-Anwendung benötigt Calibre 2 OPDS eine Java-Runtime (JRE), die in vielen Distributionen nicht vorinstalliert ist. In Ubuntu & Co. ist dies mit dem Befehl

sudo apt-get install openjdk-7-jre

schnell erledigt. Calibre 2 OPDS laden Sie über einen der Links auf der Projektwebseite von Google Drive herunter, und zwar als ZIP-Archiv. Dieses Archiv entpacken Sie in einen beliebigen Ordner, etwa nach „~/Calibre2OPDS“. Mit dem Terminal gehen Sie in diesen Ordner und starten dort das grafische deutschsprachige Java-Programm mit

sh ./rungui.sh

In der grafischen Oberfläche klicken Sie dann erst ganz oben das Bild des dunkelgrauen Servers an und wählen das Datenbankverzeichnis von Calibre sowie das Zielverzeichnis aus, das Sie nach einem Klick auf „Erstelle Kataloge“ auf den Server kopieren können. Die HTML-Datei „index.html“ findet sich per Voreinstellungen im Unterverzeichnis „_catalog“.

Die Besonderheiten: Der Export einer Bibliothek mit Calibre 2 OPDS in statische Webseiten erscheint umständlich, hat aber den großen Vorteil, dass sich die Seiten einfach auf einen beliebigen Webserver kopieren lassen. Der muss dazu Server-seitig kein Scripting wie PHP unterstützen, und somit funktioniert das Verfahren auch mit billigstem Webspace. Der Nachteil ist, dass Sie die Bibliothek auf dem Webserver manuell oder per selbst geschriebenem Script manuell auf den neuesten Stand bringen müssen, indem Sie das aktualisierte Zielverzeichnis von Calibre 2 OPDS auf den Server kopieren. Trotzdem ist diese Lösung optimal, wenn Sie eine Online-Bibliothek brauchen, auf die man auch von außen zugreifen kann.

Der Katalog, den Calibre 2 OPDS erzeugt hat: Dieser HTML-Katalog besteht nur aus statischen Dateien, die sich samt Dokumenten auch auf einen simplen Webserver kopieren lassen.
Vergrößern Der Katalog, den Calibre 2 OPDS erzeugt hat: Dieser HTML-Katalog besteht nur aus statischen Dateien, die sich samt Dokumenten auch auf einen simplen Webserver kopieren lassen.

Die Absicherung des Calibre-Verzeichnisses mit Benutzernamen und Passwort erledigen Sie seitens des verwendeten Webservers. Achten Sie dabei darauf, dass diese Anmeldedaten nur als sicher gelten können, wenn der Webserver über HTTPS erreichbar ist, was die Einrichtung von SSL-Zertifikaten voraussetzt. Wobei für den Eigenbedarf aber selbst signierte Zertifikate völlig ausreichen.

Eine weitere Möglichkeit, die noch nicht ausgereift genug erscheint, um mit den hier vorgestellten Wegen konkurrieren zu können, nennt sich Cops und ist in PHP geschrieben.

Diese Scripts eignen sich ebenfalls für Webserver im Internet, die aber über PHP und einige der üblichen PHP-Bibliotheken wie GD und Sqlite3 verfügen müssen.

Cops erstellt aus der Calibre-Datenbank, die lokal als Kopie auf dem Server liegen muss, einen Katalog mit Weboberfläche.

Ein Demo läuft auf http://cops-demo.slucas.fr. Eine Dokumentation finden Sie im passenden Blog .

E-Books aus öffentlichen Bibliotheken ausleihen

OPDS Clients für Smartphones und Tablets

Hinter dem Kürzel OPDS steht das „Open Publication Distribution System“, das ein offenes Format für digitale Kataloge beschreibt. Das Format ist wie ein Atom-Feed aufgebaut, den Reader über das Netzwerk auswerten und anzeigen können. Die strukturierten Informationen lassen sich so leichter auswerten und weiterverarbeiten, als dies bei einer unstrukturierten HTML-Seite der Fall ist. Für Android und iOS gibt es Reader als kostenlose App, die mit OPDS umgehen können, um damit einen kategorisierten Katalog von Publikationen anzuzeigen. Die bekannteste Reader-App für Android ist der kostenlose Fbreader , und das Calibre-Plug-in dafür ist für OPDS-Feeds geeignet. Für Apple iOS ist die kostenlose App Marvin ein Reader, der mit OPDS im Standardformat zurechtkommt.

Zugriff auf einen OPDS-Feed per Android-App: Die bekannte App Fbreader bietet ein kostenloses Plug-in, das sich mit der Calibre-Bibliothek verbindet.
Vergrößern Zugriff auf einen OPDS-Feed per Android-App: Die bekannte App Fbreader bietet ein kostenloses Plug-in, das sich mit der Calibre-Bibliothek verbindet.

Hintergrund Das Epub-Format

Für den Austausch und den Ausdruck von Dokumenten hat sich schon vor Jahren das PDF-Format durchgesetzt, das ursprünglich Adobe als eigenen, proprietären Dateistandard entwickelt hat. Seit 2008 ist das Format eine ISO-Norm und ist zum offenen Standard avanciert. Adobe übergab mit der Standardisierung des Formats auch die Urheberrechte über die Spezifikationen zum Erstellen und Bearbeiten von PDF an die ISO-Vereinigung. PDF eignet sich für unveränderliche Dokumente, die auf jedem Gerät und im Ausdruck gleich aussehen sollen. Epub (kurz für „Electronic Publication“) ist dagegen ein neueres Format der Handelsorganisation IDPF, das andere Anforderungen erfüllt: Anstatt den Text und das Layout einer Seite überall gleich anzuzeigen, erlaubt Epub den dynamischem Umbruch der Text- und Layoutelemente, um die Ausgabe an verschiedene Bildschirmgrößen anzupassen. Technisch gesehen handelt es sich um ZIP-Archive mit der Endung Epub, die mehrere Einzeldateien zusammenfassen. Da Epub auf dem Weg ist, ein ISO-Standard zu werden, hat auch dieses Dateiformat freie Spezifikationen, für deren Nutzung keine Lizenzkosten anfallen.

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