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Reinfall mit fünf Sternen

31.10.2012 | 09:19 Uhr |

Apps, Hotels und sogar Ärzte – es gibt kaum etwas, was sich im Internet nicht bewerten ließe. Doch kann man den Wertungen auch trauen? Wir zeigen, worauf Sie achten müssen.

Die Sommerferien sind vorbei und damit für viele Deutsche auch ihr Urlaub. Doch so mancher Tourist dürfte sich vor Ort die Augen gerieben haben, weil die Unterkunft nicht das gehalten hat, was Holidaycheck, Tripadvisor & Co. versprachen.

Solche individuellen Erfahrungen werden durch eine aktuelle Studie der Fachhochschule Worms gestützt: Das Team um Professor Roland Conrady hat dazu über 300 Hoteliers in Deutschland nach ihren Erfahrungen mit Online-Bewertungsportalen befragt und die Daten ausgewertet. Das Ergebnis ist ernüchternd, hatte doch fast jedes zweite Hotel mit gefälschten Beurteilungen zu kämpfen. „Es gibt keine absolute Fälschungssicherheit“, kommentiert Conrady die Ergebnisse. Nach Einschätzungen des Tourismusexperten sind 20 bis 30 Prozent der Rezensionen manipuliert, kommen also nicht von echten Gästen – sondern entweder direkt von der Konkurrenz oder von eigens beauftragten Schreiberlingen.

Wie einfach es ist, fingierte Bewertungen auf den Hotelportalen abzugeben, hat auch die Stiftung Warentest untersucht. Mit Ausnahme von  hotelkritiken.de ließen sich alle anderen Bewertungsportale täuschen und veröffentlichten sogar zumindest Teile von unsinnigen Rezensionen. Auch wir haben den Test gemacht und – unter unterschiedlichen Accounts – die gleichen Hotels mit „sehr gut“ und mit „mangelhaft“ bewertet. Alle Benotungen standen am nächsten Tag 1:1 und ohne Rückfrage online – ein Gegencheck, ob man tatsächlich Gast im Hotel war, findet nicht statt und ist sowohl praktisch als auch aus Gründen des Datenschutzes bei den reinen Bewertungsplattformen gar nicht möglich. Wie soll man die anonym gemachten Angaben auch überprüfen?

Seriöse Shops an Gütesiegel und WOT erkennen

Falsche Bewertungen nicht nur bei Hotelportalen

Nach Ansicht von Experten beschränken sich falsche Kritiken keineswegs auf die Reisebranche, sondern erstrecken sich auf alle Arten von Online-Bewertungsportalen. Der Grund liegt im System, denn es geht wie so oft auch hier ums Geld: Schneidet ein Hotel gut ab, kommen mehr Gäste. Genauso verhält es sich bei Produkten, Dienstleistungen, Händlern und so weiter: je besser die Bewertung, desto größer das Vertrauen.

Damit das System funktioniert, müssen also Bewertungen her, tunlichst natürlich gute. Anbieter und Hersteller brauchen zudem Rezensionen möglichst früh – genauso wie die Portale selbst. Fehlen nämlich dort Würdigungen, kommen keine Besucher auf die Seite und damit auch keine Werbeeinnahmen in die Kasse. Die Bewertungsmaschinerie muss also stets in Gang bleiben.

In der Praxis funktioniert das nur, wenn diejenigen, die die Besprechungen hinterlassen, irgendeinen Anreiz bekommen, dies zu tun. Zusammengefasst lässt sich dazu sagen: Solche Anreize existieren natürlich. Das System ist regelrecht ausgeklügelt und reicht von festen Beträgen pro Rezension über kleine Geschenke bis zu Prämien für die „besten“ Bewertungen. Gut im Sinne dieser Systematik heißt, dass andere Besucher eine Einschätzung als „hilfreich“ bewerten: Dann wird der Rezensent belohnt. Kriterium und stets Hintergedanke beim Verfassen ist also die Bewertung der Bewertung. Damit steht nicht mehr die Beurteilung des Produkts oder der Dienstleistung selbst im Vordergrund.

Die ersten Schritte zu einem besseren Online-Ruf

Unter den beurteilenden Personen existiert ein regelrechter Wettbewerb ums beste Ranking, gefördert durch die Unternehmen. So betreibt beispielsweise Amazon mit „Vine“ ganz offiziell einen Club für Produkttester , der das System mit Geschenken und Belohnung zum Inhalt hat. Gibt man zu viele schlechte Urteile ab, gibt es unter Umständen von den Herstellern keine Geschenke oder Muster mehr, die man besprechen kann.

Belohnungen für Rezensionen existieren bei praktisch allen Bewertungsportalen: Dooyoo vergütet mit „Meilen“, andere zahlen unmittelbar pro Bewertung.
Vergrößern Belohnungen für Rezensionen existieren bei praktisch allen Bewertungsportalen: Dooyoo vergütet mit „Meilen“, andere zahlen unmittelbar pro Bewertung.

Einer der „Top-Rezensenten“ bei Amazon, Thorsten Wiedau, hat nach rund zehn Jahren und fast 3500 Beurteilungen kürzlich aufgegeben – aus Gewissensgründen. „Ohne eine gute Position im Ranking hätte kein Verlag mehr mit mir gesprochen, ich hätte keine Rezensionsexemplare mehr bekommen. Aber ich wollte ja weiterlesen!“ erläutert er im Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“.

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