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Mensch/Maschine-Interaktion: Roboter pflegen

05.09.2016 | 15:00 Uhr |

Im 21. Jahrhundert wird sich Pflege nicht nur um menschliche Bedürfnisse drehen, sondern auch um die Bedürfnisse der Technik.

Wer wird uns in Zukunft pflegen? Wenn man Politikern, Wissenschaftlern und Marktanalysten Glauben schenkt, werden es Maschinen sein, die uns im Alter unsere Windeln wechseln und Gesellschaft leisten.

Angesichts dieser Vision einer robotisierten Pflege wird die Frage, wer sich um ‚die Alten‘ kümmern darf, Gegenstand harscher Debatten um Entfremdung und um die Natur des Menschen. Die Frage danach, wen wir eigentlich in Zukunft pflegen müssen, bleibt dagegen aus. Dabei werden wir uns – sollten Roboter tatsächlich unsere Gesellschaft bevölkern – nicht nur um alte Menschen kümmern müssen, sondern auch um die Maschinen.

Anstatt jedoch eine anspruchsvolle Debatte über diese wichtige Zukunftsaufgabe zu führen, sprechen wir über Roboter, als wären wir Teil des Märchens von den Heinzelmännchen. In dieser berühmten Fabel kommen die Heinzelmännchen, kleine gutartige Hauselfen, in die Häuser der Kölner Stadtbevölkerung, um nachts deren Hausarbeit zu erledigen. Niemand hat sie je gesehen, nur das Ergebnis der nächtlichen Arbeit zeugt von ihrer Existenz.

Unsere Vorstellung von Robotern ist überraschend ähnlich. In wissenschaftspolitischen Strategiepapieren, in Industrie- und Universitätsbroschüren werden Roboter als hochgradig adaptive Maschinen angepriesen, die sich „an den Menschen anpassen und nicht umgekehrt.“ Wie die Bürger von Köln glauben wir, dass die Arbeit von Robotern unsichtbar ist, dass unser alltägliches Leben von ihnen unberührt bleiben wird. Solche Roboter existieren aber ebensowenig wie Heinzelmännchen. "Reale" Roboter sind keine selbstgenügsamen Hauselfen, sie sind vielmehr permanent auf "Pflege" angewiesen.

Als ich einmal einen emeritierten Professor aus der Robotik interviewte, lehrte mich dieser, in ganz anderer Art und Weise über Roboter nachzudenken: „Wenn wir Roboter bauen“, sagte er „bauen wir keine einzelnen Maschinen, sondern eine ganze Infrastruktur, um den Roboter zum Laufen zu bringen.“

Unser Bild von Robotern ist irreführend, weil Roboter spezifisch eingestellte Infrastrukturen benötigen, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Sobald sie das Labor verlassen und Einzug in unseren Alltag finden, wird unser Zuhause zu ihrem Zuhause. Roboter kommen nicht in der Nacht und verschwinden dann wieder, sie bleiben. Sie sind Infrastruktur. Gerade deshalb sollten wir uns noch sorgfältiger um die Präsenz von Robotern kümmern, nicht nur, weil diese uns pflegen würden, sondern auch, weil wir uns um sie kümmern müssen.

Ein besonders bemerkenswertes Beispiel dafür, wie man sich die Zukunft unter Robotern realistischer vorstellen kann, ist das Projekt „With Robots“ des Londoner Künstlers und Designers Diego Trujillo Pisanty . Er stellt sich Pflegeumwelten als roboterfreundliche Umgebungen vor, in denen alltägliche Gegenstände und Räume an den Roboter angepasst sind.

Ein Roboter tut sich schwer, weiche Strukturen wie eine Bettdecke zu greifen. Symbole zeigen ihm, wo er am besten anpacken kann
Vergrößern Ein Roboter tut sich schwer, weiche Strukturen wie eine Bettdecke zu greifen. Symbole zeigen ihm, wo er am besten anpacken kann
© Diego Trujillo Pisanty

So zeigen Symbole die Identität bestimmter Objekte wie Bettdecken an und kommunizieren dem Roboter so, wie und wo man diese greifen kann. Normalerweise ist dies aufgrund der weichen Textur und der chaotischen Struktur eine für Maschinen beinahe unmögliche Aufgabe. Andere Beispiele sind vorgeschnittenes Fleisch oder anderes vorgefertiges Essen, das dem Roboter bestimmte Arten von Arbeit abnimmt.

Vorgeschnittenes Fleisch erleichtert einem Roboter die Arbeit
Vergrößern Vorgeschnittenes Fleisch erleichtert einem Roboter die Arbeit
© Diego Trujillo Pisanty

Menschliche Habitate sind chaotische und lebensfeindliche Orte für Roboter. Solche Maßnahmen zeigen, dass und wie unsere Wohnumgebung verändert werden muss, um es auch zu einem Zuhause für Roboter zu machen. In anderen Worten: Es zeigt, dass die Präsenz und der Einsatz von Robotern "roboterfreundliche Pflege" voraussetzt.

Wir sind es gewohnt, die Geschichte von Pflege und Technologie nur aus unserer menschlichen Perspektive zu erzählen. Würden wir im Gegensatz dazu Trujillo Pisantys Spekulation folgen und unseren Fokus auch auf die Seite des Roboters verlegen, gewännen wir neue Einblicke darin, wie Technologie tatsächlich unser Leben verändern könnte.

Dies ist natürlich ein Experiment. Dieser Text soll nicht als Plädoyer gegen menschenfreundliche Pflege verstanden werden, gegen das Erzählen von Geschichten. Im Gegenteil, ich habe versucht, einen weiteren Mythos zu unserem Inventar hinzuzufügen: Einerseits erscheinen Roboter nicht als magisch mächtige Wesen, sondern vielmehr fragil und hilfsbedürftig. Andererseits ist ihr Tun keinesfalls unsichtbar, sondern wird wahrscheinlich unsere alltäglichen Lebenswelten tiefgreifend verändern.

Das Verständnis für eine wechselseitige Abhängigkeit von Robotern und Menschen, von Technik und Gesellschaft gibt uns die Möglichkeit, diese Beziehung zu gestalten. Letztendlich lautet die wichtigste Frage nicht, ob wir Roboter in der Pflege wollen, sondern wie Pflege mit Robotern aussehen soll. Dieser neue Mythos eröffnet die Möglichkeit, sich alternative Wege vorzustellen, wie wir mit unserer technologischen Existenz umgehen wollen. In einer Welt, in der unsere Gesellschaft so eng mit Technologien verflochten ist wie niemals zuvor, können wir uns nicht nur um uns selbst kümmern. Roboter pflegen – diese Vision involviert Mensch und Maschine gleichermaßen.

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